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Full text of "Der Pitaval der Gegenwart : Almanach interessanter Straffälle"

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Der 


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Pitaval der Gegenwart. 

Almanaek 

interessanter Straffälle. 


Herausgegeben von 


l>r. K. Frank l)r. G. Boscher 

Professor in Tübingen. Polizeidirektor in Hamborg. 


Dr. H. Schmidt 

Reichsgerichtsrat in Leipzig. 


IT. Band. 



Tübingen 

Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 
1908. 



# 


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Alle Rechte Vorbehalten. 

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Inhaltsverzeichnis. 


Seite 


Das Haberfeldtreiben. Von Reichsgerichts rat Grimm in Leipzig 

1 

DerGatte als Totschläger. Von ev. Zuchthausgeistlichen A.Bertsch, 


Pfarrer in Ludwigsburg 

61 

Brandstiftungen einer Hysterischen. Von Staatsanwalt Oskar Held 


in München . 

7f> 

Müller Thomas lind seine Familie. Von Staatsanwalt Dr. Schneider 


in Mainz ... . . 

1 15 

Der Lustmiirder Dittrich. Von Staatsanwalt Breudler in Dresden 

166 

Fall Ziegler. Ein Diebstahl aus Aberglauben. Von Dr. Albert 


Hellwig in Berlin-Hermsdorf 


Anonyme Briefe. Von Amtsrichter Dr. Weidlich, Stuttgart- 


Cannstatt, 

??7 

Erregung von Aberglauben und Furcht als Mittel zur Verbrechens- 


verübung. Von Staatsanwalt Dr. Adolf Bechmann in München 266 


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Das Haberfeldtreiben. 

Von 

Reichsgerichtsrat Grimm in Leipzig. 

1896 und 1897 haben an dem Schwurgerichte München, 
den Landgerichten München II und Traunstein eine Reihe 
von Strafverhandlungen stattgefunden, die unter dem Namen 
„Habererprozesse“ bekannt wurden und größeres Aufsehen 
erregten. 

Nicht nur die Tagespresse berichtete eingehend über 
dieselben, sie waren auch Gegenstand einer zweitägigen 
Verhandlung in der Bayerischen Abgeordnetenkammer — 
vergl. Stenographische Berichte der Landtagssession 1897/8 
Band 9 Seite 825 ff. Damals hat ein Regierungskom- 
missar im wesentlichen die Ergebnisse der Prozesse auf 
Grund der Strafakten vorgetragen. In den Verhand- 
lungen kam allgemein die Ansicht zum Ausdruck, daß 
die Haberfeldtreiben, so wie sie in den Prozessen zu 
Tage getreten waren, nicht zu verteidigen seien, und 
daß die Verurteilungen zu Recht erfolgten, wenn auch 
mehrfach die Meinung geäußert wurde, die Strafen seien 
zu hoch gewesen. Namentlich waren die Abgeordneten, 
die entweder im Bayerischen Oberlande wohnten oder sich 
längere Zeit dort aufgehalten hatten, darüber einig, daß 
die bestehende Unsitte zu unterdrücken sei. Eine Ausnahme 
machte nur der Abgeordnete und Redakteur des r Bayerischen 
Vaterlandes“ Dr. Sigl. 

Mit Bekämpfung der alten Unsitte war schon lange 
begonnen worden. 

Der Pitaval der Gegenwart IV. 1 


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2 


Grimm. 


Von Seiten der staatlichen und kirchlichen Behörden 
hatte man jahrzehntelang vorher gemahnt und gestraft, 
leider vergebens. Im Herbste jeden Jahres um die Zeit 
der Treiben erließen die zuständigen Verwaltungsbehörden 
Mahnschreiben an die Gemeinden, die in den Gemeinde- 
versammlungen verlesen wurden, die Gendarmerieposten 
im Oberlande wurden vermehrt und verstärkt, und in 
einzelne Gemeinden, in deren Bezirk trotzdem getrieben 
wurde, Strafeinquartierung gelegt und zwar nicht nur in 
den letzten Jahrzehnten, sondern schon vor 1832, wie die 
angezogenen Verordnungen beweisen. Die katholische 
Kirche hatte nicht minder gegen die Haberfeldtreiben 
Stellung genommen; der Erzbischof von München-Freising 
hat nach vielen vorhergegangenen Mahnungen und Ver- 
warnungen unterm 8. November 1863 — es war dies die 
unmittelbare Folge eines Haberfeldtreibens bei Tegernsee, 
bei dem Gendarmen erschossen wurden, — einen in allen 
Kirchen der Erzdiözese öfters verlesenen Hirtenbrief erlassen 
und im Ordinariatserlasse vom 16. Februar 1866 den 
größeren Kirchenbann allen Anstiftern und Teilnehmern 
am Haberfeldtreiben angedroht und diesen größeren 
Kirchenbann im Hirtenbriefe vom 30. Oktober 1866 ver- 
hängt. In diesem Hirtenbriefe ist das Haberfeldtreiben ein 
Verbrechen genannt, »das, indem es nicht nur Zucht- und 
Ehrbarkeit verletze und Eigentum und Leben bedrohe, 
sondern auch im hartnäckigen Trotze gegen die von Gott 
gesetzte Obrigkeit sich auflehne und insbesondere der fort- 
während erneuten Mahnungen und Bitten des Oberhirten 
beharrlichen Ungehorsam entgegensetze, die Grundpfeiler 
der christlichen Gesellschaft anzugreifen sich erdreiste*. 

Ein weiterer erzbischöflicher Hirtenbrief vom 17. 
Oktober 1893 — anschließend an das Treiben bei Miesbach 
am 7./8. Oktober 1893 — nennt das Haberfeldtreiben eine 
Schmach des Bayerischen Oberlandes, die unter anderem 
Verleumdung, Jugendverführung und Meineid im Gefolge 


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Das Haberfeldtreiben. 


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habe, und wiederholt die Verhängung des größeren 
Kirchenbannes. 

Die gegebene Charakteristik ist berechtigt 

Der sog. Habererbezirk ist begrenzt südlich durch die 
Bayerische I^andesgrenze, östlich und westlich durch den 
Inn und die Isar, nördlich durch die Bahnlinie München — 
Grafing — Ebersberg — Wasserburg. Er soll sich früher weiter 
erstreckt haben, nördlich bis Erding, westlich bis Weilheim- 
Murnau, östlich bis an den Chiemsee. In den vierziger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts soll bei Schwaben — Amtsgericht 
Erding — getrieben und durch das energische Vorgehen der 
Gendarmeriemannschaft sollen 2 „Haberer“ festgenommen 
worden sein, die zu Gefängnisstrafen von je 4 Jahren ver- 
urteilt wurden. 

Der Habererbezirk gehört fast ausschließlich zum 
jetzigen Landgerichtsbezirke München II. Alljährlich liefen 
dort eine Reihe von Anzeigen über Haberfeldtreiben, Ein- 
schießen in menschliche Wohnungen zur Nachtzeit, Er- 
schießen von Tieren im Stalle, nächtliche Mißhandlungen 
von Personen usw. ein, deren Täter unverkennbar unter 
den Haberern zu suchen waren, die aber trotz der eifrigsten 
Nachforschungen unentdeekt blieben. Man hatte in den 
meisten Fällen begründeten Verdacht, wer die Täter waren, 
es fehlte aber die Möglichkeit, dieselben zu überführen, da 
sich keine Belastungs-, wohl aber Entlastungszeugen in 
reichlicher Menge fanden. So verliefen alle Untersuchungen 
und Strafverfahren bis 1894 resultatlos. 

Als im Frühjahre 1896 die Überführung einer großen 
Anzahl Teilnehmer am Haberfeldtreiben gelang, war die 
Folge, daß auch eine große Reihe grober Gewalttätigkeiten 
und Meineide nachgewiesen werden konnte. 

Die Abhandlung soll enthalten: 

1. zur Geschichte und Organisation des Habererbundes, 

2. Haberermeister und Vertrauensmänner, 

3. Schilderung zweier Haberfeldtreiben, 

i* 


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Grimm. 


4. Begleitumstände der Treiben, 

5. Strafen. 


1. Zur Geschickte u. Organisation des Habererbundes. 

Über die Entstehung und Geschichte des Habererbundes 
und der Treiben haben die Strafverhandlungen kein richtiges 
Ergebnis gehabt Das war ja auch nicht deren Zweck. 
Gelegentliche Befragungen der hervorragenderen Teilnehmer 
ergaben aber, daß unter ihnen auch keine Klarheit besteht. 
Die einen führen das Haberfeldtreiben auf Karl den Großen, 
die anderen auf die Femgerichte zurück. Namentlich 
Haberer aus dem Tegemseer Gebiete, von denen sich die 
Zuverlässigsten und Versessensten die „Totengarde des 
Femgerichtes der Haberer“ nannten, erachten das Habern 
als Fortsetzung der Femgerichte. 

Für die Jahre nach 1876 sind die Schilderungen, die 
beispielsweise in dem 1860 erschienenen Werke »Bavaria, 
Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern, Ober- 
und Niederbayem« (Band 1, Abt. I S. 420) enthalten sind 
und die die Haberer als „Sittenrichter“ preisen, unzutreffend. 
Zu den ersten Verhandlungen gegen Haberer 1894/5 
wurden als Sachverständige von Seite der Verteidigung 
Schriftsteller beigezogen, die über das Habbrfeldtreiben 
geschrieben hatten. Sie beriefen sich im wesentlichen auf 
das erwähnte Werk „Bavaria“ und »Schmeller, Volksbuch«. 
Alle kannten die Verordnung vom 17. April 1833, die das 
Halberfeldtreiben unter gewissen Voraussetzungen gestattete, 
die diese Verordnung widerrufende Kgl. Verordnung vom 
31. Juli 1834 war ihnen unbekannt Die gleiche Er- 
scheinung trat in den Landtagsverhandlungen 1897 zu Tage. 
Denselben Irrtum enthält eine Arbeit von Georg Queri 
»Das Ende des oberbayerischen Habererbundes«, erschienen 
anfangs 1907 in Velhagen und Klasing’s Monatsheften, in 
der leider noch viele weitere tatsächliche Unrichtigkeiten 


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Das Haberfeldtreiben. 


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enthalten sind. Nach den Landtagsverhandlungen von 1897 
sollte ein solcher Irrtum ausgeschlossen sein. Doch ist 
mit der Querischen Veröffentlichung anzunehmen, daß der 
Habererbund in der Miesbacher Gegend und zwar in der 
früheren Grafschaft Hohen waldeck entstanden ist. Wann, 
ist nicht festzustellen. Man hat auch die Ansicht vertreten, 
daß das Habern erst nach der Reformation, die in der 
Gegend von Miesbach unter dem Schutze der Grafen von 
Hohenwaldeck Anhänger hatte, entstanden sei. Es ist als 
sicher anzunehmen, daß ein Teil der Vaterlandsverteidiger 
in der Mordnacht von Sendling 1705 Haberer waren. 
Ihre Organisation machte das Aufgebot leicht ausführbar. 
Da aber auch die Niederbayern sich erhoben, ist jedenfalls 
die Annahme zurückzuweisen, daß die damals versuchte Be- 
freiung Bayerns vom Österreichischen Joche dem Haberer- 
bunde vorzugsweise zu gut zu rechnen sei. In früheren 
Zeiten sollen Geistliche Haberfeldmeister gewesen sein, so 
noch 1830. Daß zu jener Zeit die Haberer hohe Für- 
sprecher hatten, ergibt die kgl. Verordnung vom 17. April 
1833 (Döllinger, Bayerische Verordnungensammlungen, 
Band 13, S. 1424/5), daß aber der Schutz nicht anhielt, 
die Verordnung vom 31. Juli 1834. Des später erfolgten 
Einschreitens der Kirchenbehörden ist bereits gedacht Es 
hatte Wirkung, denn von 1866 — 1876 ist nicht getrieben 
worden, wenigstens ist keine Abschrift eines Haberfeld- 
treibens aus dieser Zeit den Gerichten bekannt geworden. 
Für die Unterbrechung spricht auch der Umstand, daß das 
Haberfeldtreiben vom 17. Dezember 1876 bei Hinterberg, 
Bez. A. Miesbach, mit den Worten beginnt: 

»Jatz paßts auf, wos enk jetzt sog, dös iß alles ganz 
gewiß: 

Zwölf Jahr ist jatz hä (her) daß Hoberfehi (Haberfeld) 
o komma (abkommen) iß. 

Heut iß da Kaisa Karl von Unterschberg Do mit seine 
Leut, 


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Grimm. 


Dä laßt enk durch sein Hobafehimoaschta Dr. Ratzinga ') 

song (sagen), was da oi (all) fürö Huanstingl geit.« 

In den verschiedenen Gerichtsakten des Landgerichtes 
München II liegen die Texte von folgenden Haberfeld- 
treiben bei: 

Hinterberg Bez. A. Miesbach 17. Dez. 1876. 

Ellbach Bez. A. Tölz 5./6. Jan. 1883. 

Moosach bei Kirchseon 3./4. Febr. 1883. 

Gießhof bei Miesbaeh 1. Nov. 1883. 

Dietramszell 30./31. Okt. 1886 (das erste im Druck er- 
schienene). 

Piesenkam 10./12. Okt. 1890. 

Schliersee 24./25. Okt. 1891. 

Egmating A. G. Aibling 24./25. Sept. 1892. 

Gotting A. G. Aibling 30./31. Okt. 1892. 

Tegernsee 12./13. Nov. 1892. 

Harthausen bei München 19./20. Nov. 1892. 

Valley 16./17. Sept. 1893. 

Miesbach 7./8. Okt. 1893. 

Erlach und Steingau Bez. A. München II 31. Okt 
1. Nov. 1894. 

Gaissach bei Tölz 9./10. Nov. 1894. 

Greiling Bez. A. Tölz 14./15. Sept. 1895. 

Aying Bez. A. München II 21./22. Sept. 1895. 

Sauerlach Bez. A. München II 26./27. Okt. 1895. 

Steinhöring Bez. A. Ebersberg in der gleichen Nacht 
Neben diesen befinden sich in den Gerichtsakten noch 
Texte zu beabsichtigten Treiben, so für ein solches bei Ober- 
warngau, Bez. A. Miesbach, Höhenkirchen, Bez. A. München 
und Glonn, Bez. A. Ebersberg. Sie wurden hauptsächlich 
bei den Haussuchungen beim Daxer in Wall, im Wendlan- 
wesen in Festenbach und in einem Bauernanwesen bei 
Glonn gefunden. Diese Texte bieten wohl die Möglichkeit 

1) Der bekannte Bayrische Landtagsabgeordnete Dr. Ratzinger 
hatte selbstverständlich mit den Haberem nichts zu tun. 


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Das Haberfeldtreiben. 


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eines abschließenden Urteils über den Inhalt und den Wert 
der Haberfeldtreiben. Daraus ergibt sich, daß jährlich 
etwa 5 Haberfeldtreiben vorzugsweise in den Monaten 
September, Oktober und November stattfanden, und zwar 
entweder in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, oder 
vor einem Feiertage. Nur so war die Teilnahme den 
Arbeitern und Dienstknechten möglich, die oft bis 4 Stunden 
von ihrem Wohnorte zum Treibplatze hatten, und ganze 
Nächte marschieren mußten. Es wurden nicht zu helle 
Nächte gewählt, und Voraussetzung war, daß der Treibplatz 
schneefrei, aber trocken war, um alle Spuren zu vermeiden. 

Unbestreitbar war die Wirkung der staatlichen und 
der kirchlichen Erlasse dahin, daß sich die besseren Ele- 
mente, namentlich die Bauernschaft, seit 1876 vom Haberfeld- 
treiben zurückzogen. 1 ) Die Haberer 1891 — 1895 waren 
nur zum Teil neugierige, unerfahrene, leichtsinnige Bauern- 
burschen, zum überwiegenden Teile aber Arbeiter aus den 
Fabriken und Taglöhner, darunter fast alle vorbestraften 
Elemente aus diesen Gegenden, namentlich auch solche, 
denen bereits getrieben war, die nun aus Schadenfreude 
und zur Sicherung gegen weitere Belästigungen mitgingen 
und, was besonders beachtenswert, Wilderer, die in München 
Unterschlupf hatten, und deren Hehler. 

Nach den Personalangaben in denUrteilen machten mit: 
a) Das Treiben in Sauerlach in der Nacht vom *26./27. 

Okt 95 

17 Bauern und Bauernsöhne, 

20 Dienstknechte, 

15 Arbeiter, 

1) Der Grund, warum die Kirehenstrafcn nicht nachhaltiger in 
dem gut katholischen Habererbezirko wirkten, soll darin gelegen 
haben, daß die Haberer zur Oster-Beichte nicht mehr zu den Welt- 
geistlichen, sondern zu Klostergeistlichen gingen. Diese sollen der 
bischöflichen Jurisdiktion nicht unterstehen und namentlich für die 
Absolution von Sünden Ausnahmsreehtc haben. Die Richtigkeit 
dieser von Haberem herrührenden Angaben mag dahin gestellt sein. 


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Grimm. 


dann 3 Personen, die notorisch vom Wildern lebten und 
deren Hehler ; davon 1 5 noch nicht vorbestraft, 40 teilweise 
erheblich vorbestraft 

b) Das Treiben von Miesbach in der Nacht vom 7./8. 

Oktober 1893. 

31 Bauern, Bauern- und Haussöhne, 

6 Handwerksmeister, 

10 Bauemkneehte, 

48 Fabrikarbeiter, Bergleute, Taglöhner, 
darunter 52 bisher wegen Verbrechen oder Vergehen nicht 
vorbestraft, 43 vorbestraft, endlich 30 verheiratet, 65 ledig 
und 58 unter 30 Jahren. 

Am Haberfeldtreiben in Sauerlach war der Bürger- 
meister von da beteiligt, in Miesbach trieb ein Gemeinde- 
diener mit. Daraus erklärt sich, wie schwer es den 
Behörden und der Gendarmerie gemacht wurde, Nach- 
forschungen nach den Beteiligten anzustellen. 

Die Ziffern ergeben unwiderleglich, daß an dem Treiben 
nicht der bessere Teil der Bevölkerung beteiligt war. 
Obwohl mehr als 500 Verurteilungen wegen Haberns er- 
folgten, hat kein einziger Haberer zu seiner Verteidigung 
vorgebracht, er habe Recht und Sitte schützen wollen. 
Außer dem engeren Kreise der Veranstalter der Treiben 
wußte niemand, wem und weswegen getrieben werde. 
Ob die Schmähungen einen Grund hatten, darum kümmerten 
sich auch die Veranstalter nicht.- 

Für die Jugend hatte die Teilnahme einen erklärlichen 
Reiz. Schon das Verbotene zog an, noch mehr das 
Heimliche, Romantische und gerade die bei dem Gebirgs- 
volke eingebürgerte Sitte, Theater zu spielen, und die hierfür 
vorhandene Befähigung, was die Schliereeer und Tegernseer 
Bauerntheater beweisen. Mit Behagen erzählten jugendliche 
Haberer, wie schön es doch war, vermummt mit falschen 
Bärten und mit Masken vor dem Gesicht, etwa als Berg- 
geist mit hohem breitrandigem sog. Stopselhute verkleidet. 


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Das Haberfeldtreiben. 


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mit einem Gewehre bewaffnet bei mondhellen Nächten 
einherzuziehen, sich in malerischen Gruppen an einer 
Berghalde zu lagern, erst flott zu zechen und dann zu 
„treiben“, geschützt durch ausgestellte verlässige Vorposten. 
Mit welch hämischer Freude beobachteten sie später, wie 
die Sicherheitsorgane sich vergeblich abmühten, die Täter 
zu erwischen, und nirgends sachgemäße Auskunft erhielten. 

Nach dem Treiben in Sauerlach ordnete das Bezirksamt 
vermehrte Sicherheitsnachtwachen in Sauerlach an. Der 
Bürgermeister, der das Treiben angestiftet und bezahlt hatte, 
gab Weisung, daß zuerst jene Personen Nachtwache halten 
müßten, die mitgetrieben hatten. Diese verweigerten aber 
den Dienst und das Bezirksamt, von dem Bürgermeister in 
seinen Berichten getäuscht und so von der irrigen Meinung 
ausgehend, daß die Angehörigen von Sauerlach nicht am 
Treiben beteiligt seien, erließ die Nachtwachen, die zugleich 
eine Strafe sein sollten. 

Die Verhandlungen haben ergeben, daß ohne emsige 
Mitwirkung der Bewohner des Ortes des Treibens letzteres 
unmöglich ist. Die Ortbewohner müssen die Treiber heran- 
bringen und sichern. Die Sicherungsaufgabe bestand darin, 
sie vor Überraschungen durch unbeteiligte Ortseinwohner 
oder sich im Dorfe aufhaltende Sicherheitsorgane zu behüten. 
Machte, wie beispielsweise in Sauerlach, der Bürgermeister 
selbst mit, dann war die Sache leicht Die Gendarmerie erhielt 
am Abend vor dem Treiben die Mitteilung, daß in einem l‘/z 
Stunde entfernten Dorfe verdächtige Personen aufgetaucht 
seien. Hierdurch getäuscht, eilte die Gendarmeriemannschaft 
dahin; inzwischen wurde in Sauerlach getrieben. In 
gleicher Nacht wurde in Steinhöring, Bez.-A. Ebersberg 
getrieben. Zwischen beiden Orten Sauerlach und Steinhöring, 
von jedem je 3 Stunden entfernt, liegt Glonn bei Grafing. 
Dorthin hatte der Bezirksamtmann von Ebersberg, dem 
durch behördliche Vertrauensmänner mitgeteilt war, es 
werde bei Glonn getrieben, seine gesamte Gendarmerie, 


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Grimm. 


12 Mann stark, zusammengezogen und sie im Gendarmerie- 
lokale verwahrt. Die Ilaberer hatten damit eine völlige 
Sicherheit für beide Treiben, namentlich für das von 
Steinhöring erreicht. Glonn war für die Haberer die 
örtliche Begrenzung ihrer Beteiligung, die westwärts 
wohnenden zogen nach Sauerlach, die ost- und nordwärts 
wohnenden nach Steinhöring. An beiden Orten, sowie auf 
dem Heimwege waren sie vor Überraschungen gesichert. 
Eine beliebte Art die Behörden zu täuschen bestand darin, 
daß Plakate mit Androhung eines Haberfeldtreibens entfernt 
vom eigentlichen Treiborte angeschlagen wurden, oder es 
wurde bei irgend einem Wirte in geheimnisvoller Weise, 
durch Briefe, unbekannte maskierte Personen Bier zur 
Lieferung an irgend eine Stelle zur Nachtzeit bestellt u. a. 

Die Ortseingesessenen hatten weiter dafür zu sorgen, 
daß die Sturmglocke nicht ertönte, was regelmäßig durch 
Verstopfen der Kirchentürenschlösser mit Sand und kleinen 
Sternchen erreicht wurde und endlich Telegraphendrähte 
abzuschneiden, damit nicht allzufrühe die Sache bekannt 
wurde. Letzteres ist beispielsweise sowohl bei Sauerlach 
als auch bei Steinhöring in der Treibnacht geschehen. Sie 
hatten auch den Treibplatz und den letzten Versammlungsort 
vor dem Treiben auszuwählen und das Bier zu liefern, 
denn ohne gesunden Trunk ging die Sache nicht ab. 

Das Heranbringen der Mannschaft war gleichfalls ihre 
Sache. Diese traf sich an 1—2, oft 3 Stunden vom 
Treiborte entfernten Plätzen, besonders Waldecken, einsamen 
Stadeln, Wegkreuzungen, alten Kapellen. Von da holte 
sie ein Ortsangehöriger ab und brachte sie zum letzten 
Versammlungsorte in der Nähe des eigentlichen Treibplatzes. 
Die Ortsangehörigen verliessen hier erst die Mannschaft und 
stellten sich dann auf den Straßen im Orte zur Beobachtung 
auf, sie verschafften sich einen Alibibeweis und besorgten 
jetzt noch die Sicherung der Mannschaft. Dies war umso 
nötiger, als sich bei den letzten Treiben eine Gepflogenheit 


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Das Haberfeldtreiben. 


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herausbildete, mit 6—10 Mann Musik voran durch einen Teil 
der Ortschaft zu ziehen, was beispielsweise bei Sauerlach, 
Aying, Steinhöring, Valley geschehen ist Es hatte deshalb 
auch die ortseingesessene Bevölkerung keinen Zweifel, wer 
getrieben hatte, d. h. von wem das Treiben veranstaltet 
worden war. So sagte am Tage nach dem Treiben in Sauerlach 
der dortige Beigeordnete zum Bürgermeister, daß das Treiben 
von ihm ausgegangen sei und daß er sich hüten möge, 
ihn, den Beigeordneten, durch Nachtwachen zu belästigen 
und weiter zu verleumden. 1 ) 

2. Ilaberermeister und Vertrauensmänner. 

Der geistige Leiter der Haberer von 1876 — 1894 war 
Hans Vogl, Besitzer des Daxerhofes in der Gd.Wall (Bezirks- 
amt Miesbach). Äußerlich eine stattliche Erscheinung, über 
mittelgroß, breit, eine echte Gebirglernatur, mit flottem 
Gemsbarte auf dem Hute, witzig, redegewandt, stolz auf 
seinen schönen Bauernhof, den er mit Recht einen „Edelhof“ 
nannnte, wie er sich auch auf seinen Visitenkarten als 
»Hans Vogl, Landwirt im Bayerischen Oberlande« be- 
zeichnete. Weit und breit war der „Daxer“ bekannt und 
weithin erstreckte sich sein unheilvoller Einfluß. Er ererbte 
seinen ansehnlichen Hof von seinem Vater und es mag 
zur Kennzeichnung, wessen man ihn für fähig hielt, er- 

1) Die neuere Literatur, die mit Vorliebe Erzählungen aus den 
Bayrischen Bergen bringt, trifft ein Teil der Schuld, daß die Haber- 
feldtreiben nicht längst verschwunden sind. Alle Erzählungen über 
die Haberfeldtreibeu enthalten Unwahrheiten und Übertreibungen. 
So ist unwahr, daß das Habcrcrgericht sich aus dem besten Teile 
der eingesessenen Bevölkerung zusammensetzt, daß jeder Vorwurf 
erst genau untersucht werde, daß dem Treiben eine Verwarnung 
vorausgehe, daß der Schuldige vor den Haberem erscheinen und die 
Vorhalte anhören müsse, daß die Teilnehmer verlesen werden u. a. m. 
Diese Erzählungen haben im Gebirge den Glauben unterhalten, das 
Habem sei ein guter alter Gebrauch und der handle unrecht, der da- 
wider ankämpfe. 


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Grimm. 


wähnt sein, daß man ihn verdächtigte, seinen Vater getötet 
zu haben. 

Treffend ist die Charakterzeichnung desselben in einem 
schöffengerichtlichen Urteile vom 3. Oktober 1894: „Die 
Bösartigkeit dieses allgemein gefürchteten und nun auch 
wohl verachteten Mannes, der so oft bestraft wurde und 
vielleicht noch viel öfter der Strafe entgangen ist“ usw. 

Auf seinem Bauernhöfe betrieb Hans Vogl von 1880 
ab eine Zeit lang eine Gastwirtschaft. Die Berechtigung 
hierzu wurde ihm aber aus sittenpolizeilichen Gründen 
entzogen. Das gab ihm Veranlassung zu den heftigsten 
Angriffen auf die Behörden, die voller Beleidigungen 
waren. Er trieb einen Handel mit Gummiwaren zu un- 
züchtigen Zwecken und Unterzeichnete sich dem kgl. Bezirks- 
amt Miesbach gegenüber als »Hans Vogl Candinashändler«. 
Die Beleidigungen trugen ihm harte Strafen ein, darunter 
eine sechsmonatige Gefängnisstrafe, die er in der Gefangenen- 
anstalt zu laufen verbüßte. Nur verbitterter kehrte er 
zurück. Zur Umgehung des Entzuges der Wirtschafts- 
konzession gründete er einen „Bierverein“ e. G. und 
sammelte die unreife Jugend um sich, die er durch grobe 
Zoten unterhielt, wobei manche Unsittlichkeiten verübt 
wurden, die hier nicht einmal angedeutet werden können. 1 ) 
Zu ihm zogen die ausübenden Haberermeister aus dem 
ganzen Gebiete und erhielten Verhaltungsmaßregeln. Die 
Texte zu den meisten Treiben wurden von ihm gefertigt 
und bis zu seiner Verhaftung alle auf seine Veranlassung 
in München gedruckt, als Druckort aber Zürich oder Bern 

1) Unter a. wurden in der Hauptverhandlung vor dem Schwur- 
gerichte folgende zu Schulkindern gemachte Äusserungen festgestellt: 
„Wie ist es, Ihr Buben, tut« mit Euren Schulkamaradinnen schon 
röllem, wenn Ihr von der Schule heimgeht? Wißt Ihr, was das 

ist? Da müßt Ihr Wenn Ihr gute Springer werden 

wollt, so müßt Ihr schon jetzt anfangen zu röllem.“ Zu Wall- 
fahrerinnen äußerte er: man möge ihm . . . haare von der Mutter 
Gottes mitbringen. 


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Das Haberfeldtreiben. 


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angegeben. Er trieb mit ihnen einen schwunghaften Handel. 
Die Teilnehmer am Treiben zahlten für das Exemplar 
20—30 Pf., dritte Personen 1 Mark und mehr. Als anfangs 
Mai 1896 in dem Daxerhofe eine gründliche Haussuchung 
vorgenommen wurde, fand man im Fehlboden seines zweiten 
Hauses Hunderte von Exemplaren der meisten vorerwähnten 
Haberfeldtreiben. Hans Vogl hat die Texte willkürlich 
geändert. Die gedruckten entsprachen denen, die bei den 
Treiben verlesen wurden, nicht vollständig. Die ganze 
Gegend wußte dies. Er war käuflich. So ist bekannt 
geworden, daß bei einem Treiben einem reichen, jung- 
verheirateten Manne ein Vorwurf aus seiner Junggesellenzeit 
gemacht wurde. Im Interesse der Ruhe seiner jungen 
Ehe wandte sich dieser Mann an den Daxer und zahlte, 
soviel bekannt wurde, 20 Mk. Der Text des Treibens 
erschien ohne den Vorwurf. Ein anderer Text enthielt 
Vorkommnisse, die sich erst nach dem Treiben ereigneten. 

Wo es nur irgend wie möglich war, suchte Hans Vogl 
die staatlichen und kirchlichen Behörden zu verhöhnen und 
zu verspotten. So auch die Personen, die ihm nicht zu- 
stimmten, oder gar seinem Tun entgegentraten. Groß war er 
in Erfindung von Spottnamen. Den Oberamtsrichter von 
Miesbach nannte er nur den „Oberknecht“. Von ihm 
rührt der Spruch her: „Wir im Oberlande haben immer 
die dümmsten Beamten.“ 

Der gewandte Mann verstand sich vorzüglich auf das 
Prozeßführen. Er drillte die Zeugen und half seinen 
Günstlingen zum Siege. Bei ihm liefen die Fäden der 
Haberer zusammen. Überall hatte er seine Vertrauensleute, 
selbst Frauen stellten sich in seinen Dienst; so die 
Besitzerin eines großen Gasthofes am Tegernsee, bei der 
die Gendarmerie verkehrte. Bei der schon erwähnten 
Haussuchung wurden Postkarten dieser Frau gefunden, die 
über die Dienstgänge der Gendarmerie und deren Tüchtigkeit 
Mitteilungen enthielten. Einige schlossen mit den Worten : 


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14 


Grimm. 


„Sonst auf Posten nichts neues!“ Als im Oktober 1893 
nach dem Miesbachcr Treiben der hierbei verwundete 
Haberer verhaftet wurde, wurde im Daxeranwesen der 
Verteidigungsplan geschmiedet, die Entlastungszeugen ge- 
worben und das Geld für den Verteidiger gesammelt. Die 
im Mai 1896 begonnenen Habereruntersuchungen hätten 
kaum das günstige Resultat gehabt, wenn nicht Hans Vogl 
seit Mitte September 1894 verhaftet gewesen wäre. Der 
grob-sinnlich veranlagte Hans Vogl verging sich wiederholt 
vor 1894 in einer nach § 176 Z. 1 und 2 und § 177 St 
G.B. strafbaren Weise an der Frau und der geistesschwachen 
Tochter seines Hofnachbarn. So groß war die Furcht vor 
ihm, daß der Hofnachbar keine Anzeige erstattete. Erst 
eine Zeitungsnotiz veranlaßte das Einschreiten der Behörde 
und seine Inhaftnahme. 

Diese Zeitungsnotiz war in einer Beilage zum Schlieraeh- 
Boten September 1894 und lautete: 

Der Vogel unterm Taunenbauin. 

Ein arabisches Märchen. 

Südlich vom Berg der Taube ‘) zieht 
Der „Vogel“ seine Kreise, 

Mit scharfem Aug er niedersieht 
Und senkt sich leise, leise. 

Denn unterm Tannengehölz erspäht 
Ein Hühnchen er, so junge, 

Raubgierig enger die Kreise er dreht, 

Vermindernd der Flügel Schwünge. 

Nicht ahnend Gefahr das Hühnchen läuft 
Vergnügt von Tann zu Tanne; 

Als würgend des Geiers Kralle greift 
Herab zum grünen Plane. 


1) Taubenberg, Aussichtsberg Büdlich von München, an dessen 
Südabhang der Daxerhof liegt. 


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Das Haberfeldtreiben. 


15 


Doch sorglich Küchleins Mutter wacht 
Eilt retten ihre Kleine, 

Dem Geier haut mit Zaubermacht 
Die „schönsten Watschen“ eine. ‘) 

Seitdem viel höher der .Vogel“ kreist 
Schaut wild herab zur Erde: 

„Ein alter Geier selten speist 
So Hfindl’ okn’ Beschwerde.“ 

Der auf die Verhaftung folgenden Einschießungen 
in Reitham und Hinterberg wird noch gedacht In 
der Untersuchung blieb nichts unversucht, die Frei- 
sprechung des Vogl herbeizuführen. Der Hofnachbar 
und seine Angehörigen wurden auf jede Weise einge- 
schüchtert Er fand für nötig, eiserne Fensterläden am 
Hause anzubringen, um sich vor Einschießen zu sichern. 2 ) 
Weder der Hofbesitzer noch seine erwachsenen Söhne 
konnten später unbelästigt in ein Gasthaus einkehren. Noch 
1897, als die Habereruntersuchungen längst im Gange 
waren, wurden die Söhne bei einem Feste in Miesbach 
gröblich mißhandelt, weil von dem Hofe aus der Anlaß 
zur Verurteilung des Vogl gegeben sei. Freiwillig erschien 
auf Ladung in der erwähnten Untersuchung niemand aus 
dem Nachbarhofe vor dem Untersuchungsrichter. Dieser 
mußte ins Haus kommen und erst unter dem Eideszwange 
wurden die Angaben gegen Hans Vogl gemacht. Gegen 
die verschüchterten Aussagen dieser Personen brachte Hans 
Vogl in der vor dem Schwurgerichte in München am 22. 
und 23. März 1 895 erfolgten Hauptverhandlung eine große 
Anzahl Entlastungszeugen vor. Die Anklage stand be- 
ll Die Mutter hatte dem „Vogl“ das Gesicht blutig zerkratzt 
2) Der Hof stand von der Verhaftung des Vogl ab unter be- 
sonderem polizeilichen Schutz. Von drei Gendarmeriestationen aus 
mußten öfters Nachtpatrouillen dahin gemacht werden. Klopften 
diese nun nachts an, so öffnete sich langsam und vorsichtig ein 
Fenster und unter Vorhalten eines Gewehres fragte der Hofbesitzer 
oder einer seiner Söhne, wer außen sei. 


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16 


Grimm. 


denklich, aber der gesunde Sinn der Geschworenen, die die 
Sachlage richtig erkannten, führte zur Bejahung der Schuld- 
fragen; danach wurde Hans Vogl wegen zwei Verbrechen 
aus § 176 Z 1 R.-St.-Gb. und drei Verbrechen wider die 
Sittlichkeit aus § 177 St-Gb. zu einer Zuchthausstrafe von 
sieben Jahren verurteilt. Aber Hans Vogl verzagte nicht. 
Er setzte sich brieflich mit seinem Bruder Franz in Ver- 
bindung. Der Inhalt der Briefe war scheinbar ganz 
harmlos, aber allmählich bildeten sich Deckbezeichnungen, 
z. B. Zwillingsgeburt für Haberfeldtreiben, Biergeist für 
Bürgermeister, Wassermann für einen Zeugen, Straßenarbeit 
für Einschießen, die gleiche Bedeutung hatte die Wendung: 
es soll ihnen keine Rosen bringen, Akkord-bestimmte Aussage, 
u. s. f., so daß zwischen beiden eine vollständige Ver- 
ständigung herbeigeführt war. Die Werbung von Zeugen 
wurde fortgesetzt, Wiederaufnahme des Verfahrens be- 
antragt und hierzu die Zeugen benannt. So stand die Sache, 
als im Mai 1896 die Haussuchung vorgenommen wurde. 

Dabei fiel auch die Korrespondenz in die Hände des 
Gerichtes und diese Korrespondenz, um deren Entzifferung 
sich der Vorstand des Bezirksamtes Miesbach die größten 
Verdienste erworben hat, bildete im wesentlichen die 
Grundlage zu den weiteren Untersuchungen, die namentlich 
auch gegen die beiden Vogl zu wiederholten Verurteilungen 
wegen Anstiftung und unternommener Verleitung zum 
Meineide, wegen Teilnahme am Haberfeldtreiben und an 
den verschiedenen Einschießen führte. Hans Vogl starb 
1903 im Zuchthause zu Bayreuth, ohne seit 1894 seinen 
„Edelhof“ nochmals gesehen zu haben. 

An den Haberfeldtreiben hatte sich Hans Vogl in den 
letzten Jahren vor 1894 nicht mehr persönlich beteiligt 
Er sorgte dafür, daß dies durch zuverlässige Zeugen fest- 
gestellt werden konnte. Wenn es ihm gerade paßte, weckte 
er in der Treibnacht Gendarmen oder Förster. Die Leitung 
der Treiben überließ er jüngeren Leuten. In seiner Nähe 


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Das Haberfeldtreiben. 


17 


hatte er einen Kreis von Personen, die sich die r Toten- 
garde des Femgerichts“ nannte, bereit auszuführen, was 
Hans Vogl wollte. Zu diesen gehörten vier Personen aus 
der Gegend von Gmund am Tegernsee, die alle langjährige 
Freiheitsstrafen erhielten. 

Von den treibenden Meistern waren in den zur öffent- 
lichen Verhandlung gekommenen Fällen zwei eingesessene 
Bauern, ein dritter ein Bauernsohn aus dem Haberergebiete, 
die übrigen waren ledige Dienstknechte oder Taglöhner, 
zumeist gar nicht im Gebirge geboren. Von ihnen starb 
der Ranhardtbauer Feicht vor Beginn der Untersuchungen 
und wurde nnter großer Beteiligung aus dem ganzen 
Haberergebiete in Gmund beerdigt, der zweite Bauer hat 
sich der Verurteilung durch Flucht entzogen und soll nach 
Zeitungsnachrichten in den Vereinigten Staaten Nord- 
amerikas, wohin er sich zu einem gleichfalls flüchtigen 
Haberergenossen begeben hatte, nach Tötung dieses Freun- 
des ein schimpfliches Ende gefunden haben. Die ausübenden 
Haberermeister hatten das Haberergebiet unter sich geteilt; 
der eine saß am Tegernsee, der andere am Jrschenberg, 
der dritte an der Mangfall, der vierte bei Glonn 
Bez. A. Ebersberg, der fünfte nördlich der Eisenbahn- 
linie München — Rosenheim. Mit Ausnahme des Treibens 
bei Valley, wo 3 Haberermeister beisammen waren, wurden 
die anderen Treiben von je einem Haberermeister geleitet. 
Sie taten dies aber nicht umsonst. Die Mühe mußte ent- 
lohnt werden. Die Taxe der letzten Treiben war zwischen 
10 und 100 Mark. Nur gegen Zahlung erschienen sie mit 
ihrer Mannschaft. 

Den Wohnsitzen der Haberermeister entsprechend war 
auch die Mannschaft verteilt. Jeder hatte solche nur aus 
den umliegenden Ortschaften seines Wohnsitzes. In jeder 
Ortschaft war ein Vertrauensmann, gewöhnlich ein lediger 
Bursche, aufgestellt. Dem sandte der Meister die Bot- 
schaft, wann und wo getrieben werde, und an welchem 

Der Pitaval der Gegenwart IV. 2 


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18 


Grimm. 


Orte er mit seiner Mannschaft von einem Ortseingesessenen 
des Treibortes, dem Weg und Steg bekannt war, abgeholt 
werde. Man marschierte zum Treiborte in militärischer 
Ordnung, nebenan ging der besonders gut bewaffnete Ver- 
trauensmann, der einladen durfte, wen und wie viele er 
wollte, meistens die ihm bekannten Burschen seiner Heimat- 
gemeinde. Die einzelnen Gruppen sammelten sich in der 
Nähe des vorher sorgsam ausgewählten Treibplatzes in 
einer Stein- oder Kiesgrube oder an einem sonst ver- 
steckten Platze. Um sicher zu sein, ob etwa entgegen- 
kommende Personen Teilnehmer oder Nichtteilnehmer 
waren, hatte man Erkennungsworte, wie z. B. „frisch auf“, 
„halt an“, „woher weht der Wind?“ „vom Tannenwald“, 
die der Meister für jedes Treiben besonders ausgab. Am 
Versammlungsorte hielt der Meister in der Regel eine An- 
rede, mahnte zur Verschwiegenheit und nahm der jungen 
Mannschaft den Eid ab. Dann wurden die Verlässigsten 
als Vorposten ausgesucht und unter Lärmen, Schreien und 
Schießen ein Teil der Ortschaft, bei der getrieben wurde, 
durchzogen und am Treibplatz mit dem Treiben selbst be- 
gonnen. Nach dem Treiben hatte der Orts -Vertrauens- 
mann die Aufgabe, seine Mannschaft wieder um sich zu 
versammeln und sie sicher heimzubringen. Zu dem Ende 
hatte jede Gruppe wieder ihr besonderes Erkennungs- 
wort. Nachdem das Treiben beendet und das Lied: „Was 
man aus Liebe tut“ auf einem oder mehreren Musik- 
instrumenten geblasen war, hörte man ein wildes Durch- 
einanderschreien einzelner Worte wie: „Europa, Asien, 

Achental, Oberland, Lodenmantel“ usw. Es waren dies 
die Erkennungsworte der einzelnen Gruppen, die von dem 
Vertrauensmann gerufen und solange wiederholt wurden, 
bis sich seine Mannschaft wieder um ihn versammelt 
hatte. 

Vor den einzelnen Treiben warben die Meister und 
Vertrauensmänner von Ort zu Ort. Diese geschäftige Tätig- 


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Das Haberfeldtreiben. 


19 


keit blieb den Ortseinwohnern und der Sicherheitsbehörde 
nicht unbekannt. So kam es, daß junge noch nicht 

18 jährige Bursche Kenntnis erhielten und mitzogen. 
Aber die Sicherheitsbehörden konnten nie den Ort und die 
Nacht des Treibens erfahren und glaubten sie einmal eine 
verlässige Nachricht zu haben, so waren sie getäuscht, 
wie dies bezüglich der Nacht der Treiben von Sauerlach 
und Steinhöring bereits gesagt wurde. Erst nach dem 
Miesbacher Treiben gelang es dem hochverdienten Be- 
zirksamtsvorstande in Miesbach, aus dem Wirrwar der 
Gerüchte die Wahrheit zu erkennen und er fand sich von 
da ab in seinem Bezirksamte regelmäßig früher am Treib- 
platze ein als die Haberer. In den Jahren 1894 und 
1895 fand deshalb im Bezirke Miesbach kein Treiben 
mehr statt, das Schaf tlacher wurde von dem Meister aus 
dem Mangfalltale (Amtsgericht Aibling) veranstaltet. 

Die Haberermeister waren sämtlich vorbestraft; mit 
einer Ausnahme konnte ihnen Beteiligung bei Einschießen 
nachgewiesen werden. Sie waren auf einander eifer- 
süchtig. Das größte Ansehen genossen die Meister aus 
dem Mangfalltale und der bei Glonn, das geringste der 
letzte aus der Gmünder Gegend, der die Stelle seit dem 
Ableben des Banbardtbauern inne hatte. Deshalb wurde 
zu den Treiben bei Greiling und Schaftlacb, die beide im 
Gmundener Bezirk lagen, der Meister aus dem Mangfall- 
tale bestellt. 

3. Schilderung zweier Haberfeldtrclben. 

Die Verhandlungen erstreckten sich auf folgende 
Haberfeldtreiben : 

1. Schliersee in der Nacht vom 24./25. Okt. 1891, 

2. Egmating in der Nacht vom 24./25. Sept. 1892, 

3. Valley in der Nacht vom 16./17. Sept. 1892, 

4. Finsterwall inderNacht vom 30.Sept. zum 1. Okt. 1893, 

2 * 


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20 


Grimm. 


5. Miesbach in der Nacht vom 7./8. Okt. 1893, 

6. Sachsenkamm in der Nacht vom 21./22. Okt. 1893, 

7. Gaissach in der Nacht vom 9./10. Nov. 1894, 

8. Greiling in der Nacht vom 14./15. Sept. 1895, 

9. Aying in der Nacht vom 21./22. Sept. 1895, 

10. Sauerlach in der Nacht vom 26-/27. Okt. 1895, 

11. Steinhöring in der gleichen Nacht, 

12. Schaftlach in der Nacht vom 14./15. Nov. 1895. 

Von keinem Treiben sind die sämtlichen Teilnehmer 

ermittelt worden. Es gehört ins Reich der Sage, daß die 
einzelnen Teilnehmer verlesen werden. Die Beteiligung 
hängt von der Tätigkeit der Vertrauensmänner ab. In 
ihrem Belieben lag die Auswahl. Daher kannte im ein- 
zelnen Falle keiner Zahl und Namen. Am zahlreichsten 
Bollen die Haberer bei Valley gewesen sein, etwa 200. Bei 
Miesbach waren es annähernd 140 — 150, von denen über 
100 ermittelt wurden, bei Steinhöring, Sauerlach, Aying 
ca. je 70, ermittelt wurden je 60. Die anderen Treiben 
waren minder besucht, so namentlich das Finsterwalder 
und das Sachsenkammer von nicht mehr als 35 Personen. 

I. Miesbacher Treiben. 

Die einzelnen Haberfeldtreiben spielten sich im wesent- 
lichen in ganz gleichen Rahmen ab, weshalb es genügend 
erscheint, zwei Haberfeldtreiben nach dem Ergebnisse der 
Verhandlungen darzustellen. 

Am 23- September 1893 nachts fand in Festenbach eine 
Zusammenkunft von 9 Personen unter Leitung des nunmehr 
verlebten Ranhardtbauern Feicht von da statt. Es waren 
dies hervorragendere Mitglieder der Haberer, darunter 
drei Fuhrknechte aus Baum, ein in Erding und dann der in 
Landau a. J. geborene Metzgerbursche X. P., der das 
Einschießen in Miesbach und Wiesfee leitete und noch bei 
anderen Gewaltakten beteiligt war. 

Wer eingeladen hat, war nicht festzustellen. 


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Das Haberfeldtreiben. 


21 


Während der Versammlung wurde Bier getrunken, 
das der Wendlbauer von da, Vorstand des Biervereins in 
Gmund, dessen Geliebte eine Wirtschaft in Finsterwall be- 
trieb, beigeschafft hatte. 

Die Verhandlungen nahmen einen keineswegs ruhigen 
Verlauf. Zwei Teilnehmer, darunter der Metzgerbursche P., 
traten mit der Absicht hervor, in der Nacht vom 30. Sept auf 
1. Okt. 1893 bei Finsterwall ein Haberfeldtreiben zu ver- 
anstalten. Das fand Widerspruch. Denn das für den 
7. Okt. 1893 in Aussicht genommene Haberfeldtreiben bei 
Miesbach sollte nach den Intentionen seiner Veranstalter 
zu einer großartigen Manifestation des Habererbundes 
gegenüber den auf Beseitigung des Haberfeldtreibens ge- 
richteten Bestrebungen der geistlichen und weltlichen Be- 
hörden gestaltet werden. Fand nun so kurze Zeit vorher 
ein größeres Haberfeldtreiben statt, so war zu befürchten, 
einerseits durch strengere Maßnahmen der Behörden be- 
hindert zu werden, andererseits durch die Übersättigung 
der Haberermannschaften bei der raschen Aufeinander- 
folge nicht die gehörige Teilnehmerzahl für Miesbach zu 
erhalten. 

Schließlich drangen aber die Zwei mit ihrem 
Anträge trotz des von der Mehrzahl entwickelten Wider- 
standes durch, und es ist für die Schroffheit, mit der damals 
die Meinungen aufeinanderplatzten, bezeichnend, daß der 
Banhardtbauer und der spätere Gmundner Meister, obwohl 
sie am Abende des Finsterwaller Treibens in Finsterwall 
waren, sich an diesem Treiben nicht beteiligten, auch 
mehrfach schon dagegen arbeiteten, während andererseits 
die zwei Gegner trotz ihrer Sympathie für das Haberfeld- 
treiben an sich dem Miesbacher Haberfeldtreiben fern 
blieben, einer sogar später versuchte, für eine unabhängige 
Konkurrenzunternehmung Anhänger zu werben und Bei- 
träge zu sammeln. 

Die starke Beteiligung der Fuhrknechte und Fabrik- 


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22 


Grimm. 


arbeiter aus Baum bei der Vorbesprechung und deren rege 
Tätigkeit bei Veranstaltung des Treibens läßt den Schluß 
zu, daß von da aus die Idee eines Treibens bei Miesbach 
ausgegangen ist. 

Die Festsetzung der bei dem Treiben zu verlesenden 
Verse erfolgte hauptsächlich durch Hans Vogl. 

Der zu Gerichtshanden gekommene Text enthält elf 
Strophen. Getrieben sollte werden dem Bezirksamtmann, 
dem Pfarrer, dem Oberamtsrichter, dem Amtstechniker, dem 
Buchdrucker, bei dem später eingeschossen wurde, den 
Bergwerksdirektoren, einem Gutsbesitzer, zwei Bauern und 
dem Polizeidiener. Mit einer harmlosen Ausnahme ent- 
behrten die gegen die betreffenden Personen erhobenen 
Vorwürfe jeder tatsächlichen Unterlage; das Treiben war 
planmäßig gegen die weltliche und geistliche Obrigkeit 
gerichtet, deren Träger getroffen und verleumdet werden 
sollten. 

Wer den Stoff zu den einzelnen Versen geliefert hat, 
war nicht festzustellen; aus den Umständen ist aber zu 
schließen, daß der Haupturheber Hans Vogl war. 

In der Zeit vom 23. Sept 1893 bis zum 7. Oktober 
1893 erfolgte das Aufgebot an diejenigen Personen, von 
denen man annahm, sie würden der Aufforderung Folge 
leisten, in der üblichen Weise durch die Vertrauensmänner 
von Ort zu Ort. Infolge der großen Ausdehnung der Ein- 
ladungen war es denn auch am 7. Okt, 1893 in Miesbach 
und Umgegend in weiten Kreisen bekannt, daß in der 
kommenden Nacht ein Haberfeldtreiben stattfinden werde. 

Deshalb wurde seitens des kgl. Bezirksamtes Miesbach 
eine größere Anzahl Gendarmen aus der Umgegend heimlich 
in Miesbach zusammengezogen. Auch seitens des Pfarr- 
amtes war in einer den Haberem nicht bekannt gewordenen 
Weise die Verstopfung der Schlüssellöcher der Kirche 
dadurch unwirksam gemacht worden, daß sich 4 verlässige 
Personen schon um 9 Uhr abend in die Kirche eingesperrt 


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Das Haberfeldtreiben. 


23 


hatten, wo sie dann wahrnahmen, daß im Verlaufe der 
Nacht immer noch in die Schlüssellöcher der Kirchentüren 
Sand und Steinchen nachgestopft wurden. 

Blieben diese Gegenmaßregeln den Haberern zunächst 
auch unbekannt, so nahmen sie doch auch aus gewohnter 
Vorsicht Anlaß, vor Beginn des Treibens förmliche 
Patrouillen in den Markt Miesbach zu beordern mit der 
Aufgabe, von etwaigen Wahrnehmungen Mitteilung zu dem 
als Hauptsammelplatz bestimmten Stoibstadel, Stunde 
südwestlich von Miesbach gelegen, zu bnngen. 

Dahin hatten die Fuhrknechte aus Baum das zum 
Treiben unumgänglich notwendige Bier gebracht, wobei 
mehrere Bauernsöhne, darunter der später angeschossene 
J. H., mitwirkten. 

Der Ranhardtbauer Feicht sammelte am Abend des 
7. Oktober 1893 die in der Umgegend von Festenbach 
wohnenden Teilnehmer bei einer Kapelle bei Festenbach, 
wohin der Wendlbauer das Bier aus der von seiner Ge- 
liebten in Finsterwall betriebenen Wirtschaft gebracht hatte. 

Zu diesen stießen Teilnehmer, die sich vorher bei 
Schaftlach gesammelt hatten. Die Versammelten, etwa 
40 Mann stark, zogen unter Leitung des Ranhardtbauern 
über den Gießhof zum Stoibstadl. Ihnen schlossen sich 
bei Gießhof die Teilnehmer aus Baum und Umgebung an. 

Die Teilnehmer aus der Tegemseer Gegend, etwa 20, 
sammelten sich bei dem Hacklziegelstadel bei Ostin, wo 
es Bier und Wein gab, und zogen über den Gießhof zum 
Stoibstadel. Die vom Norden kommenden waren zum 
Griesserholze nördlich von Miesbach bestellt, dort von 
Baumer Fubrknechten erwartet und von da zum Stoibstadel 
geleitet. Es waren wohl 60 — 80 Mann, aus der Irschen- 
berger Gegend, aus Valley, Pienzenau, aus dem Leitzach- 
und Mangfalltale, dem Stadelberge und Hintereben. Auch 
an diese Gruppen wurde an verschiedenen Orten Bier ver- 
schenkt. Direkt zum Hauptsammelplatze gingen die Teil- 


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24 


Grimm. 


nebmer aus der Schlierseer Gegend. Am Stoibatadel wurde 
an drei Stellen für die dort Versammelten Bier verzapft. 

Der Banhardtbauer hielt sodann eine Anrede an die 
Teilnehmer, in welcher er die Teilnehmer insbesondere auf- 
forderte, sich allen Weisungen zu fügen, zugleich aber mit 
den Worten vor Verrat warnte: „Der Nächste Beste dürfe 
den niederschießen, der etwas verrate.“ Zugleich nahm er 
der Versammlung einen Schwur ab, dessen Wortlaut nicht 
festgestellt werden konnte. 

Unterdessen kehrten auch die nach Miesbach zur 
Ausforschung entsendeten Patrouillen zurück. Eine der- 
selben meldete kurz vor dem Aufbruche zum Treibplatze, 
daß sich im Bezirksamtsgebäude in Miesbach 17 Gendarmen 
befanden. 

Darauf traten die Leiter des Treibens zu einer Beratung 
zusammen. Dann richtete der Banhardtbauer an die Ver- 
sammlung die Frage, ob bei der bestehenden Gefahr eines 
Zusammenstoßes mit der Gendarmerie das Treiben dennoch 
abgehalten werden solle. Keine Stimme wurde gegen die Ab- 
haltung laut. Der Banhardtbauer bestimmte nun Leute mit 
guten Gewehren als Vorposten und erteilte die Weisung, 
wo sie ihre Stellungen nehmen sollten. 

Dann erfolgte der Abmarsch zum Treibplatze in mili- 
tärischer Ordnung. 

Die Vorposten waren in der Weise aufgestellt, daß 
lediglich die Nord- und Ostseite des Treibplatzes gegen 
den Bahndamm Miesbach — Schliersee durch Posten ge- 
sichert waren, die Westseite hielt man mit Bücksicht auf 
die Steilheit der Hänge des Birkengrabens für genügend 
gesichert. Die übrigen Teilnehmer formierten sich zu 
einem nach rückwärts offenen Kreise, in dessen Mitte der 
Kanhardtbauer Feicht und der Vorleser Sch. sich auf- 
stellten. 

Auch während des Treibens trafen noch weitere Teil- 
nehmer ein. 


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Das Haberfeldtrciben. 


25 


Auf dem Treibplatze begann das Treiben in der üb- 
lichen Weise, indem unter großem Lärm und Geschrei 
und unter Abgabe zahlreicher Schüsse die für das Treiben 
bestimmten Verse „schweinischen Inhalts“ wie der Vor- 
leser in der öffentlichen Verhandlung sagte, verlesen 
wurden. Die von dem Vorleser zwischen den einzelnen 
Strophen gemachten Pausen wurden wie üblich durch 
Lärmen und Schreien ausgefüllt. Ein Teil der Haberer 
war bemüht, den Lärm noch dadurch zu verstärken, daß 
sie mit Stöcken und Prügeln auf die Wände einer auf 
dem Treibplatze stehenden Holzhütte derart einschlugen, 
daß diese Hütte nach dem Treiben erhebliche Beschädi- 
gungen aufwies. 

Die mit Gewehren und anderen Schußwaffen ver- 
sehenen Haberer feuerten zahlreiche Schüsse ab, anfäng- 
lich mehr in die Höhe, im weiteren Verlaufe immer mehr 
in der Richtung gegen die Gebäude des Marktes Mies- 
bach und gegen die unten an dem östlichen Hange des 
Treibplatzes sich sammelnden Zuschauer. 

Eine Kugel durchbohrte ein Remisendach und zer- 
trümmerte zwei Dachplatten, ein Zuschauer floh von dem 
Dache seines Hauses, von dem er dem Treiben zuschauen 
wollte, durch Schüsse gefährdet, ein anderer Zuschauer 
wurde von einem Vorposten angehalten und zog sich 
eilends zurück, als er und seine Begleiter Kugeln über sich 
wegpfeifen hörten. 

Zwischen den Gewehrschüssen fielen auch mehrere 
sogenannte Donnerschläge und wurden Feuerwerkskörper 
abgebrannt 

Schon gleich bei den ersten Donnerschlägen fingen 
die in der Pfarrkirche zu Miesbach Eingesperrten mit 
sämtlichen Glocken zu läuten an. 

Der kgl. Bezirksamtmann begab sich, sobald das 
Treiben begann und er sich über die Aufstellung der 
Haberer vergewissert hatte, an der Spitze der Gendarmerie 


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26 


Grimm. 


im Laufschritt über die Schlierach in den Birkengraben 
und wandte sich dann, nachdem er mit seinen Leuten ein 
Stück weit den Graben entlang gegangen war, links den 
steilen bewaldeten Hang gegen den Treibplatz, die sog. 
Baderwirtswiese, aufwärts. Sie hatten noch nicht das 
erste Drittel des Hanges überwunden, als von oben herab 
der Zuruf: „Zurück!“ erscholl. Der kgl. Bezirksamtmann 
hatte darauf kaum geantwortet: „Selbst zurück im Namen 
des Gesetzes!“, als sofort ein auf ihn gezielter scharfer 
Schuß krachte. Dieser Schuß gab das Signal zu einem 
förmlichen Gefechte. 

Der Ranhardtbauer hatte sofort mit dem Lesen der 
Verse aufhören lassen und die mit guten Waffen ver- 
sehenen Haberer zu sich gerufen, um durch die von ihnen 
abzugebenden Schüsse die Gendarmen am weiteren Vor- 
gehen zu verhindern 

Auf diese wurde beständig von oben herab gefeuert, 
und sie erwiderten das Feuer. Dabei gelang es ihnen, 
bis an den Rand des Plateaus des Treibplatzes vorzu- 
dringen. Bei diesem Vorgehen wurde ein Gendarm durch 
einen Schuß, der den Hodensack durchbohrte, so schwer 
verletzt, daß er nach mehrmonatiger Krankheit den 
Gendarmeriedienst verlassen mußte. Auch ein Haberer 
J. H. wurde hierbei durch einen Kugelschuß am linken 
Oberschenkel erheblich verwundet. 

Sobald der kgl. Bezirksamtmann den Rand des 
Plateaus erreicht hatte, stellte er das Gewehrfeuer der 
Gendarmerie ein. Acht bis zehn Personen, die ihm gegenüber- 
standen, forderte er auf, den Platz zu verlassen, worauf 
sich die Haberer schleunigst zurückzogen. 

An eine Verfolgung der Haberer war bei der Dunkel- 
heit der Nacht und der bergigen und bewaldeten Gegend 
nicht zu denken. 

Nach dem Treiben setzten die Gerichts- und Sicher- 
heitsbehörden scharf ein, um die Teilnehmer zu ermitteln. 


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Das Haberfeldtreiben. 


27 


War die ganze Veranstaltung doch erkennbar nur Ver- 
höhnung der Gesetze und Widerstand gegen dieselben. 
In dem verwundeten J. H. hatte man auch einen An- 
geschuldigten. Die hierdurch geschaffene Gefahr sahen 
die Haberer voraus. Als sie den auf Vorposten gestan- 
denen verwundeten J. H. zurücktrugen, fand eine Beratung 
statt, ob man ihn nicht erschießen und so die Entdeckung 
verhüten solle. Es gelang den besonneneren Teilnehmern 
aber, dies zu verhindern. Wochenlang war in der Folge 
der Untersuchungsrichter in der Miesbacher Gegend tätig. 
Das Resultat war — Freisprechung des J. H. Er ver- 
teidigte sich auf Anraten des Hans Vogl damit, daß er 
nur Zuschauer gewesen und von den Haberern ange- 
schossen sei. Dies bestätigten die von Hans Vogl be- 
stellten Entlastungszeugen, unter denen die Personen waren, 
die den verwundeten J. H. zurücktrugen, auf ihren Eid, 
sodaß das Gericht zu einer Freisprechung kam. 

Die Freude über dies Ergebnis der Verhandlung war 
grenzenlos. Als der freigesprochene J. H. am Bahnhofe 
in Miesbach ankam, standen viele Gebirgler zu seinem 
Empfange bereit. Freudenausrufe wurden laut, und er wurde 
feierlich in eine nahegelegene Wirtschaft gebracht, dort 
bewirtet und in einem geschmückten Wagen nach Hause 
geleitet. 

Der Rückschlag blieb nicht aus. Die Entlastungs- 
zeugen wurden später vom Schwurgerichte wegen Meineids 
verurteilt; auch J. H. ist trotz seiner Freisprechung der 
Strafe nicht entgangen. Er hat später ein Geständnis 
seiner Teilnahme am Treiben abgelegt, in glaubhafter 
Weise aber stets versichert, an der Abrichtung der Ent- 
lastungszeugen unbeteiligt zu sein. 

Grenzenlos war aber auch der Übermut des Hans 
Vogl. Der Bezirksamtmann von Miesbach harte alsbald 
nach dem Treiben für seine Verdienste eine Ordensauszeich- 
nung erhalten. Nun wurden vom Daxer kleine auf der Rück- 


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28 


Grimm. 


Seite gummierte Plakate 1 0 cm lang 5 cm breit gedruckt, und 
tausendfach in allen Orten des Bezirkes angeklebt. Der 
Inhalt dreier Plakate möge hier folgen: 

»1. Ergebnis aus dem Haberfeldtreiben von Mießkako 
vom 7. auf 8. Oktober 1893. 

Der Bezirksamtmann von Miesba is a tapfana, sebneidi- 
ga Mo 

Er tragt zweng an Schandarm sein B . . . Dö verdünnate 
Viera Medallio. 

2. Ergebnis aus dem Miesbacher Haberfeldtreiben. 
7./8. Okt. 1893. 

Zwischen Miesba und Schliersee gehts Hobafehitreiben o 

Da is am 8. Okt a Kugel midn Schandarm sein B . . . davo. 
und das dritte schandvollste : 

3. 17 Schandarm und 5 von da Grenz 
Haben 21 . . . und 22 . . .« 

Weniger interessierte sich der Daxer für das Ergebnis 
der gegen Th. M. gleichzeitig geführten Untersuchung 
wegen Teilnahme am Sachsenkammer Treiben. Es scheint 
daß dies kein von ihm genehmigtes war, es war von 
denselben Personen ins Werk gesetzt, die kurz vorher 
gegen den Willen der Habererleitung das Finsterwaller 
Treiben veranstaltet batten. Es sollte nach dem Verlaufe 
des Miesbacher Treibens den Behörden einen Beweis von 
der Lebenskraft und der Furchtlosigkeit der Haberer geben. 
Für Th. M. wurde auch nicht gesammelt und er erhielt, 
als er seine Strafe von l 1 /* Jahren erstanden hatte, auch 
keine Entschädigung. Soviel später bekannt wurde, wurde 
auch der Verteidiger nicht entlohnt Für Th. M. zeigte 
sich auch keine Teilnahme bei der Bevölkerung. Im 
Gegenteile, seine Verurteilung erfolgte auf Grund der Aus- 
sagen ortseingesessener Personen. Freilich bedurfte es 
aller Strenge, sie zu Aussagen zu bewegen. Bezeichnend 
sind die Umstände, unter denen der Hauptbelastungszeuge 
aussagte. Er hatte sich Mut angetrunken und als er nach 


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Das Haberfeldtreiben. 


29 


seiner Vernehmung veranlaßt wurde, sich niederzusetzen, 
nahm er nicht auf der Zeugenbank unmittelbar vor dem 
Zuschauerraum Platz, sondern auf einem für Sachverstän- 
dige reservierten Stuhle und erklärte auf Befragen: Ja, 
ich werde mir doch nicht das Messer in diesem Saale 
hineinrennen lassen.“ Als die großen Untersuchungen 1896 
begannen, hat er wiederholt mitgeteilt, daß er nur durch 
Gegendrohungen und fleißiges Bewachen seines Anwesens 
sich und dieses vor Gefahr geschützt habe. 

Th. M. wurde auf Grund des § 125 St Gb. zu einer 
Gefängnisstrafe von 1 •/* Jahren verurteilt, die Revision ver- 
worfen. Dieses Urteil bildete die rechtliche Grundlage der 
späteren. 

n. Sauerlacher Treiben. 

Ruhiger verlief das Sauerlacher Treiben, dessen Ur- 
heber der dortige Bürgermeister St. war. St. war ein sehr 
vermögender Mann, gelegentlich Güterhändler, Jäger, und 
stand mit dem Haberermeister Hans Vogl in reger Korre- 
spondenz, die später beschlagnahmt wurde. In den Brie- 
fen Unterzeichnete er sich als „Sozialdemokrat I. CI.“. 
Die Briefe sind voller Hohn und Spott gegen die staat- 
lichen und kirchlichen Behörden, und doch nur ein Ab- 
klatsch und Wiederholung der Sprüche des Meisters 
Hans Vogl. 

Zum Sauerlacher Treiben wurde folgender Tatbestand 
festgestellt: Bürgermeister St. traf nach dem Ayinger 

Treiben 21. /22. September 1895 beim Neuwirt in Sauer- 
lach mit einem Teilnehmer am Ayinger Treiben, einem 
ledigen Sägeknecht S., zusammen. Dabei äußerte er, er 
würde für ein Haberfeldtreiben in Sauerlach 50 Mk. be- 
zahlen und gab dem S. den Auftrag, sich mit dem 
Haberermeister B. K. in Verbindung zu setzen. Zugleich 
machte er die Personen namhaft, von denen er wollte, daß 
ihnen „getrieben“ werde. Bürgermeister St. zahlte 30 Mk. 
als Vorschuß, den Rest nach dem Treiben. 


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so 


Grimm. 


Am 13. Oktober 1895 fanden sich der Haberermeister 

B. K. mit einem Vertrauensmann, einem Holzknechte aus 
Egmating, mit den 2 Vertrauensmännern aus Sauerlach, 
dem erwähnten Sägeknechte S. und einem Dienstknechte 

C. Z. in einer Wirtschaft in Faistenhaar zusammen und 
trafen die Vereinbarung, daß am 2B./27. Oktober 1895 bei 
Sauerlach getrieben werden solle. Das war also das 
„Sittengericht“ und die „Sittenrichter“. 

Der Haberermeister B. K. bekam für seine Mühe — 
er hat die Sehmähverse gefertigt, Hans Vogl war schon 
in Strafhaft, erhielt aber von seinem Bruder Josef Vogl 
mitte Oktober 1895 Kenntnis von der „Zwillingsgeburt“ in 
Sauerlach, — 10 Mark versprochen und in der Kiesgrube 
bei Sauerlach ausbezahlt, die als allgemeiner Sammelplatz 
bestimmt wurde. Weiter wurden die Personen benannt, 
denen getrieben werden sollte und im allgemeinen der 
Stoff für die Sehmähverse angegeben, hierbei war haupt- 
sächlich die Anregung des St. maßgebend. Einzelne 
Schmähungen hat B. K. aus eigenem hinzugetan. 

Zugleich wurden auch die Rollen für die Ausführung 
verteilt. B. K. übernahm das Einsagen in der Gegend von 
Glonn, C. Z. in der Gegend von Pframmem, Säger S. in 
der Gegend von Sauerlach und Deisenhofen. C. Z. über- 
nahm das Heranführen der Mannschaft an die Kiesgrube, 
aus der Gegend von Pframmern und Faistenhaar, S. die 
Bier- und Wurstlieferungen und die Sicherung der Leute 
in und außerhalb Sauerlachs, wobei er die Unterstützung 
weiterer Dienstknechte und Taglöhner und des Neuwirtes 
von Sauerlach fand. Die weiteren Einladungen fanden 
durch die ortseingesessenen Vertrauensmänner statt. 

Am Abend des 26. Oktober 1895 sammelten sich die 
Teilnehmer zum größten Teile mit Gewehren bewaffnet 
und durch Bärte oder Gesichtsmasken unkenntlich gemacht 
in kleineren Gruppen in Altmünster, Oberpframmern, 
Harthausen und Siegertsbrunn, die sich bei Faistenhaar, 


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Das Haberfeldtreiben. 


31 


wo es erstmalig Bier gab, vereinigten und von da unter 
Leitung des C. Z. zur Kiesgrube zogen. Andere Gruppen 
hatten sich in Oberhachinging, Deisenhofen, Otterfing und 
Arget gesammelt, endlich waren die bekannten Wilderer 
aus München Jakob Gabler, Mathias Merold, Johann 
Kapser, Balthasar Bemrieder und Ludwig Angermeier 
entsprechend bewaffnet eingetroffen. Einige Burschen aus 
Holzkirchen konnten sich nicht zum Sammelplätze finden. 
Bei dem Aufmärsche wurde den Teilnehmem'am Treiben 
das Erkennungswort, soweit es ihnen nicht schon früher 
mündlich oder schriftlich mitgeteilt war, bekannt gegeben. 
Es lautete: „Buam, hauts zua!“ 

An dem Sammelplätze, einer Kiesgrube nordöstlich 
von Sauerlach, etwa 10 Minuten von da entfernt, wurden 
Würste und Bier verabreicht. Dann trat B. K. vor, hielt eine 
Ansprache und nahm den Anwesenden folgenden Schwur 
ab: „Ich schwöre, daß ich vom heutigen Haberfeldtreiben 
nichts aussage, niemand etwas davon sage, dem Verräter 
den Tod.“ Dabei hob ein Vertrauensmann ein Gewehr 
in die Höhe und drohte, daß derjenige erschossen werde, 
der etwas verrate. B. K. gab sodann bekannt, daß in der 
gleichen Nacht bei Steinhöring getrieben werde, nahm unter 
den Anwesenden für einen bei dem Treiben in Aying 
von Haberern durch einen Schuß verletzten, an dem Treiben 
selbst beteiligten Zimmermann von Balkham eine Sammlung 
vor, die 34 Mark ergab, und wählte sodann die Vorposten 
aus, welche die Weisung erhielten, auf allenfalls heran- 
kommende Gendarmerie scharf zu schießen. In Sauerlach 
waren damals 3 Gendarmen stationiert, zwei davon waren 
infolge „vertraulicher“ Mitteilungen auf einer nächtlichen 
Streife zwei Stunden westlich von Sauerlach, nur einer 
zu Hause, der solcher Menge gegenüber machtlos war. 
Davon war B. K. verständigt. 

Hierauf wurde der Haufen in Glieder von je 2 Mann 
geordnet und zog, die Vorposten voraus, durch einen Teil 


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32 


Grimm. 


der Ortschaft Sauerlaeh an den Treibplatz südöstlich davon 
bei der damaligen Zolk’schen Wirtschaft, wo sich das Treiben 
in der üblichen Weise ungestört abspielte. Anderen Tages 
fand man Kugelspuren am Dache der Zolk’schen Wirtschaft 
und in einer Eisenbahnschranke; der Telegraphendraht 
von München in das Wassergebiet war durchschnitten und 
die Schlösser zum Kirchenturme mit Sand verstopft. Der 
einzige in Sauerlach zurückgebliebene Gendarm wurde 
durch scharfe Schüsse bei einem Versuche, an den Treib- 
platz zu gelangen, zurückgescheucht. 

Verlesen wurden am Treibplatze von B. K. 12 Strophen 
mit vielen Schmähungen. Nur vier enthielten wahre Tat- 
sachen, die soweit der Inhalt eine strafbare Handlung 
anzeigte, bereits gerichtlich abgeurteilt waren und bis 
40 Jahre zurücklagen; alle übrigen erwiesen sich als 
unwahr. Gleich die erste verlesene Strophe ließ erkennen, 
wer das Treiben bezahlt hatte. Sie lautet, soweit sie mit- 
geteilt werden kann: 

Zum erstn müassma 1 gleich an Posthoita 2 seinö Schandate 
song 3 

Dö Dienstbote geit 4 ä nix zu fresse und recht dazu 
plong, 5 

A Fresse stellt ä hin, daß koa G Sau nöt hinschmöckt, 

Drum warn jahm 1 seinö Leut boid oisam voräckt 8 

Dazu ergab sich folgendes. Der Posthalter und Guts- 
besitzer war Reserveoffizier und Beigeordneter in Sauerlach. 
Er hatte ein strenges Regiment gegen seine zahlreichen 
Dienstboten, Blaumachen gab es nicht. Auch sonstigen 
Gewohnheiten, Halbfeiertagen usw. trat er entgegen. 
Dagegen zahlte er die höchsten Löhne und gab das beste 
Essen. Er nahm nie wieder einen von ihm entlassenen 
Dienstboten auf. Sein Ansehen war ein sehr großes. Er 

1 müssen wir, 2 Posthalter, 3 sagen, 4 gibt, 5 plagen, 6 keine, 
7 ihm, 8 bald allesamt verreckt. 


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Das Haberfeldtreiben. 


33 


ersetzte später den Bürgermeister St in seinem Amte und 
war wegen seines Ansehens dem letzteren verhaßt. Ihm 
und seinem Anhänge galt das Treiben. Ein ähnliches 
Ergebnis hatten die Nachforschungen nach der Richtigkeit 
der anderen Schmähungen. 

Das Treiben schloß mit dem Blasen des Liedes: 
„Was man aus Liebe tut“, worauf die Haberer nach den 
verschiedensten Richtungen abzogen, nachdem die Ver- 
trauensmänner ihre Ortsangehörigen um sich gesammelt 
hatten. Wie bei Miesbach, Steinhöring, Valley usw. war 
auch bei Sauerlach der Auswahl des Treibplatzes be- 
sondere Sorgfalt zugewendet, hinter dem Bahndamme die 
Front weiter geschützt durch eine Kiesgrube und im Rücken 
den nahen Wald, der im Falle der Gefahr den Rückzug 
sicherte. 

Da der Verlauf aller Treiben der gleiche ist, kann 
von Darstellung weiterer abgesehen werden. Nur mögen 
noch kurz Ursachen zu anderen Treiben erwähnt werden : 
so Ärger über einen Pfarrer, der sich weigerte, auf einem 
Filialdorfe an Feiertagen und Sonntagen Gottesdienst zu halten 
und auf diese Weise dem Wirte Gäste zu verschaffen (Veran- 
stalter: der Wirt); Ärger über einen Schwiegervater, der wieder 
heiratete, seinem Schwiegersöhne den Kredit kündigte und 
ihm nicht mehr Speisen und Trank umsonst gab (Veranstalter 
des Treibens: der Schwiegersohn); Ärger, daß ein Bauer vor 
dem Fenster seiner Tochter Eisenstäbe anbrachte und so 
das Einsteigen verhinderte (Veranstalter: der Liebhaber); 
Ärger, daß der Vater sich nicht zur Abgabe seines Gutes 
an den Sohn verstehen wollte (Veranstalter: der Sohn) 
und andere dergleichen Ursachen mehr, worüber* soweit 
Interesse besteht, die erwähnten Landtagsverhandlungen 
nachgelesen werden können. 

Zu allen Treiben zogen die meisten Teilnehmer ent- 
weder mit Gewehren und Revolvern, oder doch mit 
Knüppeln usw. bewaffnet; die Gewehre waren teilweise 

Der Pitaval der Gegenwart. IV. 3 


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34 


Grimm. 


alte Mauser- oder Werdergewehre, die die Bayerische 
Militärverwaltung vor jener Zeit billig verkauft hatte. Es 
wurde überall scharf geschossen, nicht nur gegen Gebäude 
und Personen, die zu nahe kamen, oder gegen anrückende 
Gendarmerie, wie bei Miesbach und Sauerlach, es war 
auch Gefahr für die Haberer selbst, wie denn auch bei 
Aying ein mittreibender Bursche von den Haberern selbst 
durch einen Schuß ganz erheblich verletzt wurde, wovon 
aber die Behörden erst im Laufe der Untersuchung Kenntnis 
erhielten. 

Man kann das Wesen und die Verwerflichkeit der Haber- 
feldtreiben nur dann ganz beurteilen, wenn man Haberer- 
verse und die Begleitumstände der einzelnen Treiben kennt 
und zur Würdigung heranzieht. Sind nun zwei Haber- 
feldtreiben in ihrem äußeren Verlaufe geschildert worden, 
so sollten auch von diesen zwei Haberfeldtreiben die Haberer- 
verse mitgeteilt werden. Aber alle Verse eignen sich nicht 
dazu, selbst wenn man sie mit Auslassungen veröffentlichen 
wollte. Es folgen aber 22 Strophen, zusammengestellt aus 
1 1 verschiedenen Treiben, deren Inhalt minder unflätiger 
Art ist, zur Beurteilung. Dabei ist zu bemerken, daß die 
Einleitung und die Schlußformel freie Zutaten des Hans 
Vogl sind und bei den Treiben nicht verlesen wurden. Die 
Namen der Teilnehmer sind fingiert, um der Sache einen 
heiteren Anstrich zu geben. Teilweise führten auch die 
Haberer unter sich besondere Namen, so nannte sich der 
Meister B. K. „Bismarck“. Zum Inhalte wird nochmals 
ausdrücklich hervorgehoben, daß er unwahre oder doch 
harmlose Geschichten in der übertriebensten, unflätigsten 
Weise darstellt. 

Vorleser und Haberfeldmeister waren nicht identisch, 
der Vorleser mußte eine kräftige Stimme haben, die in 
der Gegend des Treibens nicht bekannt war. Man konnte 
die verlesenen Verse weithin verstehen, so beim Treiben 
bei Valley in dem 1 km entfernten Orte Unterdarching. 


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Das Haberfeldtreibon. 


35 


Die Ordnung auf dem Treibplatze oblag aber dem Meister, 
er gebot Ruhe nach dem Auflärmen, Grewöi, und hielt strenge 
auf deren Einhaltung. Er gebot dem Vorleser das Weiterlesen. 

Einleitung. 

Im Auftrag des Kaisa Karl von ünterschberg müaßma 
heut vvieda Hobafehi treim 

Nachdem wem wieda Plakatn ausg’hängt, Do kos nacha 
no a Nieada ois extri oschreim . 1 
Da Pfara vo Siegertsbrun is a groaßa a foaschta, 

Dä macht jhns 2 heut an Habafehi-Mosta . 3 
Da Wirth vo Siegertsbrunn und vo Helfadorf da Götl, dö 
san heut bei jhns 2 als Stenographistn, 

Und da Drexla-Wirth vo Egmading und da jung Post- 
hoida 4 vo Glonn ois 5 patrolirende Velozipedistn. 

So Leut jatz halt’s no a kloani Geduid 8 den i muaß enk 
ojahand soage 7 

Und i denk, i wä woi 8 damit Nieada 8 “ om Schrika 
eijang . 8 

Mir san heut zwar söjwa nöt z’nein 10 
Und dathn fil liawa 11 a gans dahoambleim. 

Aba wen heut da Kaisa Karl sagt Leut machts Enk am 
Weg, 

Nacha müaßma glei auf und außi üwa Berg und Thoi 12 , 
üba Woßa und Steg, 

An Nieada 13 bewafnet ois 5 wia beira Schlacht, 

Und a so müaßma durchwandern de finstre Nacht. 

Bei da Nacht sieht ma a no nix, so koan Weg 
Und so müaßma glei durchi durchs Woßa und durchn 
Dreg . 14 

1 Da kann nachher ein jeder alles extra abschreiben, 2 uns, 
8 Haberfeldmeister, 4 Posthalter, 5 als, 6 Geduld, 7 ich muß euch 
allerhand sagen, 8 ich werde wohl, 8 a einen jeden, 9 einjagen, 
10 selber nicht zu neiden, 11 täten viel lieber, 12 Tal, 13 ein jeder, 
14 Dreck 

3* 


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36 


Grimm. 


D’Scbandarm hama a no zon scheicha 15 , not a moi öfentli 
derfma göh . 16 

Mir müaßn grad a so schleicha, den dö warn vosößn aufs 
fanga 17 , 

Aba do gema a bißl weida wök, das jhs gewiß ko 
koana derglanga 18 , 

Is da Fohi 19 das oana schiaßt, 

So hatsis scho geben, daß aufra Seitn s’Leben oana 
büast . 20 

Den a glois weni 21 anfanga s’schiaßn, dös wa bei weitn 
gnua. 

Und aufa paar Kugel, wan schnehi a paara drei drübn 
ader ewinge Rub . 22 

S’Zuchthaus hot a koa Barmherzigkeit mit jbns 2 Haba- 
fehitreiba, 

Dös fraß jhns 2 zam, das könat koan Faschtag wars Pfinsta 
oder Freita. 

I glab awa dasi mi do nöt betriag 23 

Weni sog so was is ma dönascht 24 no liaba ois 5 wia 
Kriag. 

Däfat ma 26 dön Schbötagl oisam öffentli beschreim, 

Na brauchatma Enk heut nöt s’ Habafehi treim. 

I woaß woi 27 , wä fil 28 Bier trinkt möcht mitunter an Wei 29 

Und a so is hoit an 30 Ebstand, da wa a diawei oan 
lieba an andam dö sei . 31 


15 scheuen, 16 nicht einmal öffentlich dürfen wir gehen. 
17 versessen aufs fangen, 18 aber von denen gehen wir als 
weit weg, daß uns gewiß kann keiner erlangen, 19 Fall, 20 es hat 
sich schon gegeben, daß auf einer Seite ’s Leben einer büßt (das 
ist richtig, bei Tegernsee 1862 wurden von Haberem 2 Gendarmen 
erschossen und auch in der Nähe von Rosenheim ereignete sich 
gleiches), 21 ein klein wenig, 22 wären schnell ein paar oder drei 
drüben in der ewigen Ruh, 23 ich glaub aber daß ich mich doch 
nicht betrüg, 24 mir demgeest, 25 dürfte man, 26 allesamt, 27 wohl, 
28 viel, 29 Wein, 30 halt im, 31 da war auch dieweil einem lieber 
einem andern seine. 


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Das Haberfeldtreiben. 


37 


Aba dös is a Dumheit, wen oan an andan dösei oiwei 31 
fil beßa gfoid 32 

Er hot ja an oana wia mit derandan dös oid 38 
Es is da Ehschtand a scho vaschiedn, 

Den da oane thuat mit da sein schtreidn, da anda thuat 
rafa, und wieda an andra is scho längst davo glaufa, 
Drum wars ma a fö heut a gar so liab 
Wen von heut o a Niada 13 dö sein wida hiiat 34 , 

Den an dem Qabafehitreim hab ia gar nöt fil Freud, 

Und dazua däfma mir 30 ja anöt sei ganz ohne Schneit. 
Und boi 36 gangi no liaba aufs Wildam, 

Ois 5 wia da mitn bei da Nacht so an Ehebröcha 
z’schildarn. 

Auf dös aufi machts jatz no a Niada 13 a bißl an Lerm 
Nachdem wärds glei a Niada 13 dös weitern hem.« 

Die Treiben begannen sofort mit der Vorlesung der 
Habererverse, nachdem auf dem Treibplatze Euhe einge- 
treten war. 

1. »Da isa ehebröcherischa Mo 

Weija 37 für sein Sohn s’ Kindamacha gar so guatko. 
Da gans schiächt Huarnstingl hätt asoscho dö sein w , 
Und do schleichtsi 39 a füam Sohn bei da Dirn a 
Kama 40 ein. 

Zwengan schtehin hätma ejahm ano ebas z’sagn 41 
A hot stad d’ Stanga Sogbäum 42 vom Forscht 
hoamgfahrn. 

Da Ehebröcha, da Spitzbua thuatsö ganz leicht, 

Weila koa Höll und koan Teufi nöt scheut« 

Meister: „Ja, iß dös wahr?“ 

Haberer: „Ja wahr iß!“ 

Meister: „Naeha treibts zua!“ 

32 gefällt, 33 an einer wie mit der anderen das alte, 34 hätte. 
35 dürfen wir, 36 bald, 37 weil er, 88 a so schon die seine, 
39 schleicht sich, 40 Kammer, 41 zwegen Stehlen hätten wir ihm 
auch noch etwas zu sagen, 42 Sägbäume. 


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38 


Grimm. 


Hier folgte ca. 5 Minuten langes Grewöi. 43 


2. »An , den Huarnstingl müaßen a no 

initnehma, 

Weija 37 z’ üba jeds Weibads 44 thuat kömma. 

Auf d’ und seine Diandl hot ersi scho oft 

aufi thraut, 

Und vo da , vo dera Betschwesta ham 


Knie scho oft üba ejahm 45 ausischaut 

Da Bettschwösta rooant bei ihr is nöt Sund, 

Weil ihr Dä oimai 4fi 20 Markl gibt und sie 

es für a neus Kreutzsetzenlassen hemimt. 

Da is a gans schlechta Mo, 

Er hotsa da vo a scho oft tho. 

Da Ehebröcha, da Saustier huart umanand dös isa 
Schand, 

Wäna 47 prämirt wä nacha kunt man braucha ois 5 « 
Beschälhengst an 48 Land.“ 

Meister: „Ja, iß dös wahr?“ 

Haberer: „Ja, wahr iß!“ 

Meister: „Nacha treibts zua!“ 

Hier folgte wieder ca. 5 Minuten langes Grewöi. 43 

3. »Da Pfara vo thuat ada 49 Kirch preden 50 

wia Nar 

Dawei 51 hota die größt Hur an Haus vo da ganzn 
Pfar 

SeiKöchin is z’ drauß oiwei 52 durchn Droad- 

kasten 53 an Pfara sei Bett umi grocha 

48 Auflännen der treibenden Haberer, wobei geschossen, ge- 
schrien und mit allen möglichen Werkzeugen, Kuhglocken usw. Lärm 
gemacht wurde, beim Treiben in Tegernsee hatten die Haberer die 
in der Schieüstätte befindlichen Böller herbeigeholt und gaben beim 
Auflärmen Böllerschüsse ab, 44 Weibsbild, 45 ihm, 46 allemal, 
47 wenn er, 48 auf dem, 49 in der, 50 predigen, öl derweil, 52 alle- 
weil, 53 Getreidekasten. 


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Das Haberfeldtreiben. 


39 


Na hat ihr da Pfara mit sein 

recht dastocha. 

Schwanga iß wom, da Pfara hot gmoant sie soit a 
Baumoastn osang 54 

Na is mitn Kind an Gartn außi und hats lewendi 
eigram. 35 

Dö Köchin is von Pfara von zwoamoi auf- 

gschwoin. 58 

Sö hat a da Kircha 1000 Gulda agsclitoin. 57 

An Pfara sei ... . is an drittn Ordn, dös is wahr 
Drum hata ihr er 500 Mark gschenkt zum Neujahr. 
An söllan Pfara wia da is, den soitma 38 as Zucht- 
haus bringa, 

Na kunta anstatt da Köchin an Scheißkiwi 39 springa.« 
Meister: „Ja, iß dös wahr?“ 

Haberer: „Ja, wahr iß!“ 

Meister: „Nacha treibts zua!“ 

Hierauf folgte wieder ca. 5 Minuten langes Grewöi. 
Diese Fragen und Antworten nebst dem darauffolgenden 
„Grewöi“ 43 wiederholten sich nach jedem Verse. 

4. »Da Schandarm . . . . vo möcht an jedn as 

Zuchthaus bringa 

Dawri 51 thuata oiwei- 52 Bäurina r, ° und Schujdiandl 61 
springa. 

Mit seina Ehrlichkeit werda nöt weit köma 
Mir kunta ja gar fil Schlechtigkeit hernema 
Dä darf auf kam sei Spina 

Sust kriagta no amoi 62 a warms Blei gon 63 trinka.« 

5. »Da hats mit seina Frau a nid ga 

guat, 

54 sie sollte den Baumeister, Oberknecht, angeben, 55 ein- 
graben, 56 zweimal aufgeschwollen, 57 weggestohlen, 58 sollten wir, 
59 Kübel, 60 Bäuerinnen, 61 Sclmldirndl, 62 noch einmal, 63 zum, 


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40 


Grimm. 


Weia 37 oiwai 52 a klons weni Ehebröcha thuad. 

Boi 36 dä Aoani 64 siebt, nacha kriagta an Gram, 

D’ Mägd, Zimmamadl und Köchina, ois 86 pakta zam 

Und wena oani hart kriagt thuadas chloriformirn 

Nacha konas mit sein viel leichta christiren.« 

6. Jatz kema üban , dä Saubund dä 

schlecht, 

Dä is akrat fürn Obafiscba zu an Fischfuada 66 recht. 

Wens mehra sölli 61 gab, wars für dö Arma und für 
Geschäftsleud schlecht, 

Wei dä Spitzbua dä brotzi von Jeda s’ Untafuata 
möcht. 

Ois 5 kapatalistischa Badlführa und Yolksdruka is a 
in ... . bekannt 

Und no mehra ois 6 da misrablste Denunziant. 

Zu dem Batzi 68 wöck z’ putzn 89 dama wünschn an 
Parisa Kavachol, 

Nacha kinas 70 z’ soagn, jatz iß uns wieda 

wohl.« 

7. »Jatzt sag ös dö , der Aktiengesellschafterei, 

Dö macht an Trank und a Plömbösiaderei, 

Dä oit Posthoita 71 da Lump hot an Lehrer 

s’ Wassa nöt vogund, 

Er hat gmoant ä hät zweni zu sein Schund. 

Seinö Buam dö kinan jatzt leicht protzn, 

Und dö arma Leut wenns a Maß Bier trinka hams 
a’n Trog scho drin ida Hosn. 

Döna Spitzbuam soit jahna 73 Gift ausglössn wem 

Und thatn merne Jahr ins Zuchthaus nei kern. 74 « 

64 bald der eine, 65 alles, 66 Oberfischer zum Fischfüttem, 67 
solche, 68 Batzi bayerisches Schimpfwort, 69 weg zu putzen, 70 
können sie, 71 der alte Posthalter, 72 haben sie den Drock, 78 ihr, 
74 gehören — die Verse 6 und 7 sind von den wenigen die sich 
nicht mit dem Geschlechtsleben befassen, 


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Das Habcrfeldtreiben. 


41 


8. »Jatzt erst steckt no oana 15 din a Privatier, 

Dös is da oit 76 ...... a rechta oita 76 Stier, 

Da hot glei gar bei da d’ Hebamin gemacht 

Und hot ihr sei D’ elendi dakratzt. 

D’ Nachgeburt hat jahm 77 dä Saukerl an sein 

oni zong 78 , 

Ar sagt, dös is guat für d’ Franzhosen, do werd ä 
gwiß nöt betrogen.« 

9. »Da saubertat Komadant vo , ko koa Unsitt- 

lichkeit dalein, 79 

Und äselm 80 is da größt Stier, brauchat jahhm 81 scho 


lang da wögzschnein. 

Dä Sauststier hat a scho oft grissn, 

Erst kürzli hot jahm 81 a Bettlwei 82 aufn 

aufi 

Mitn Dickkopfatn vo müaßmas a no 

probirn, 


Dä thuat mit sein’m sei Magd oiwei 52 

gristirn. 

Wenn dä Saustier und Ehebröcha sei nöt 

aufgeit, 

Nacha kirnt da Thierarzt vo , daß a jahm 81 


an wegschneit« 

10. »An vo därfn ma nöt vogössn, 83 


Dä thuat seine Knecht an vo hint eini 

mössn. 

Mitn Spinotan hot da Saukerl a Freud, 

Drum springt ä oiwei 52 hint aufi auf die manatn 
Leut. 84 

Mit dem wärd da Teufi in da Höll dina lacha, 

Dö wärd a großartigö Himmifahrt maeha.« 

75 noch einer, 76 alt, 77 ihren, 76 hingezogen, 7fl darleiten 
60 selbst, 61 ihm, 62 Bettelweib, 83 vergessen, 84 Männerleute. 


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42 


Grimm. 


11. »Jatzt kirnt a Bauer, 

Bei dem wätz a woita 85 saur, 

Dä hot mit sein’m da Dian 86 oiwei 52 an ... . 

eini g’schbim, 

Und wias sehwanga is gwen hota ihr s’Kind wöga 
trim, 

Dös is da .... vo .... da Hami 87 da geschwoin, 88 

Dem is gar nix z’sclilächt, sinst 89 häta an 

sei Gehid 90 nit gschtobin.* 01 

12. »Wenn grod da Foi 92 wa, daß man nach 

hikemma, 

Nacha müaß ma gon 93 erste an ... . und an . . . 
hemehma, 

Da ... . thuat nehman 94 sei Wei oiwei 02 

Und da dä hot scho ois 95 voliuart, dä ko vo 

lauta Nouth 96 nimma hausn. 

An därfma a nöt vogössn, 83 dä hat da 

Kellnerin .... ogmöße. 97 

Dä Saustier hot an Kopf wia Doin 98 

Und vo lauta .... und Huarn wirdn da Teufi boi 
hoin." 

Vo da . . . . und da . . . ., vo dö Saumenscha mengma 100 
gar nix mehr song, 

Dö 8oit 101 ma mit an Bischl Brennößl s’Loch recht 
daschlong. 102 

An Polizeidiena homa demnächst beim Hoiz- 

stehin dawischt, 103 

Aba d’ Famili bat uns dabarmt, sonst hätma jahm 
seine vostohina 104 Haxn wöckbritscbt» 


85 weiter, wenig, 86 der Dirne, 87 Hammel, 88 der geschwollene, 
89 sonst, 90 Geld, 91 gestohlen, 92 Fall, 93 zum, 94 nebenan, neben- 
bei, 95 alles, 96 Not, 97 angemessen, 98 Dohle, 99 bald holen, 
100 mögen wir, 101 den sollte man, 102 dersehlagen, 103 Holzstehlen 
derwischt, 104 verstohlene. 


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Das Haberfeldtreiben. 


43 


13. »Da oit 78 .... von is a grundsehlechta Mo, 

Dä glangt da ... . ihm a oiwei 52 o. 

Dö . . . . is sei Erziehungstochta, dös is gewiß nit 
dalong, 105 

Und ä hat ihr an samt dö Oar in 

einigschom. 106 

I muß enk heut song, 107 ös is zwar a Schand, 

Dös is da größt Huarnbock vom boaryschen Land.» 

14. »S* Ehebröcha ko da Kaisa Karl gar nit dalein, 108 

Drum muaßma heut a no auf obischrein. 109 

Da Wirth vo hat a schlechts Gwissn, 

Dem bigottischen Spitzbuam hat jetzt an Dian aufn .... 
aufigsch .... 

Dä Humbock hät gewiß ä schöns Wei, 

Jetzt hamsn z’ Münga gseng, 110 s’ Hosentürl offa, 
an in da Händ un fufzger im Mai.» 

15. »Jatzt wärma 111 iban köma 

Dä höt a 5 Mark hergehm fürn .... sei Lena, 

Und d’ höta a opackt dö Saustier dö 

gschwoin, 88 

Weilan gern höt einigschom sein Blaukopf atn 

Da und sei Oitö 112 dö duat 113 a da Teufi no 

hoin 114 

Dö ham an dös ganz Sachä ogscbtoin 115 

Z’ Fresse hams eam a nix göm ois 5 Erdöpfi 116 und 
a schlechts Kraut, 

Dö miaßma oan schicka dä eana 117 mit an Bischl 
Brennessl s’ Loch rächt dahaut » 

16. »Da mit sein sehlächtn Ol, 

Dä muaß a oihi 118 zum Teufi a d’ Höll, 

105 erlogen, 106 eingeschoben, 107 sagen, 108 leiden, 109 hin- 
abschreien, 110 gesehen, 111 werden wir, 112 alte, 113 die tut, 114 holen, 
115 abgestohlen, 116 Erdäpfel, Kartoffel, 117 der ihnen, 118 hinab. 


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44 


Grimm. 


Den tuats Kinda aufziaha gar nit recht frein, 

Drum tuat as seine Oitn 112 a so weka treim, 

Zwoa hams scho durchibutzt 119 und dös drit kirnt 
boid 120 dro, 

Is nit a sölas 121 a rächt schlächta Mo.» 

17. «Da dös is a a saubana Mo, 

Der hotn bei der oft aus und ei do. 

Dö Jung hota a oiwei 52 müaßn 

Aba jatz thuat äna oi 122 zwa scho grausn. 

Er hätt si a scho zwoimoi 123 aufghenkt, 

Wei äm dö Oit 76 koa Geld nimma schenkt.» 

18. »Mit a da . . . . müßma lacha, 

Wie a Pfarrabaumoasta 54 is gwen hot a müßn in 
Kindsvotan macha. 

Er hats glei auf amoi 124 weg zahlt, daß a schö do 
gstan is, 125 

S’ Kind is aba gstarm, 120 jatz hot a denkt is mas 
Geld wieda gwiß. 

Er hot glei an Advokatn gnorna und höt 's Geld 
wiedamögn, 

Do is äm oba da Fotz sauba bliem.» 

19. »Zum .... müaß ma a umi schrein, 

Zu dem köma amoi extri 127 zum Hoabafehitreim. 

Mit da Köchin soizi ä fei 128 in Obacht nehma, 

Und soit nit oiwei 129 mit jahm zum Huarn ins Hoiz 190 
außiköma. 

Dö Leut soiln nöt so schtehin, 131 schreit oiwei der 
Spitzbua dä gschwohin, 132 

119 durchgeputzt, getötet, 120 bald, 121 ein solcher, 122 ihnen 
alle zwei, 123 zweimal, 124 einmal, 125 daß er schön da gestanden 
ist, 126 gestorben, 127 einmal extra, 128 sollte er sich fei, 129 sollte 
nicht alleweil, 130 Holz, Waldung, 131 sollen nicht so stehlen, 182 ge- 
schwollene. 


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Das Haberfeldtreiben. 


45 


Dawei 183 hot ä selba in Hoiz 130 ) draußt die größten 
Barn gschtohin.» 134 

20. »Jatzt kirnt da .... vo .... bei dem hots a aller- 
hand Gwindn, 135 

Den Huarnstingl konma dö meist Zeit bei dö Dirna 
a da Kammer drin findn. 

Dös thnat aba an sakrisch vodrüaßn, 136 

Weila für den Saustier Vota hot macha müaßn. 

Amoi hatn ’s Wei 137 grad beira Dirn drin daron, 138 
aba da hota gschaut, 

Nacha hots dem Huarnstingl d’ Diera beim Loch außi 
ghaut.» 


21. »Da dös is a, a süaßa a ganza vo- 

druckta 139 

Ara 140 jedn Kellnerin schuidi 141 und an Huarnstingl 
an verruckta. 

Dä schlaft a oiwei 52 im , Wirtshaus drin bis Gäst 
furt ganga san, 

Nacha wachta auf und gibt da Kellnarin d’ Hand. 
Dö werat dan opurnpt 142 entweder um a Geld, 

Oder er hauts zam wenn sonst nixn fehlt. 

Es is zwa koa Wunda, wenna nit oiwei 52 bei seiner 
Oitn 143 mag bleim, 

Denn wenn Oana 144 die oschaut, kimmt oan ’s ... . 
vorm schpeim.« 145 

22. »Von oitn 143 , den Saustingl, hört man 

netti Broaeka, 

Dä thuat oiwei 52 d’ Schuimadl 146 in sein Zimma nei 
locka. 

133 derweil, 134 Bäume gestohlen, 135 Sachen, 186 verdrießen, 
137 einmal hat ihn das Weib, 138 erraten, erwischt, 139 em süßer, ganz 
verdaukter, 140 einer, 141 schuldig, 142 die wird dann angepumpt, 
143 Alten, 144 einer, 145 speien, 146 Schulmädol. 


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46 


Grimm. 


Nacha glangta mit seine düm Finga weia 147 schist 
nimma ko, 

Do Diandl um fünf Pfennig ’s oh.« 

Schluß . 148 

Es haben sich an dem heutigen Ilaberfeldtreiben 
außer den anfangs erwähnten Personen noch folgende 
Herren beteiligt und zwar: 

Da Burgermaschta N. N. von Tegernsee als Vorstand, 
Da Bezirksamtmann vo Rosenheim als Rath der Haberer 
im bayerischen Oberland, 

Dann der Oberamtsrichter von Wolfratshausen als 
Compagnie-Commandeur, 

Und da Graf N. N. kgl. Polizeirath vo Münga als 
Postenkontroleur, 

Da Doktor N. N. vo Münga als Gedichtsfabrikant, 

Und da Oberbräu vo Hoizkirchn als Bierlieferant, 

Dö soin 149 für ihra Müha alle zam leben mit einand. 
Vivat hoch!!! 

An Erzbischof vo Münga kinz ins 150 a no schö grüaßn, 
Er soll uns fei ja vo da Kirch nit auschlieaßn. 

Ehe wir diesen Platz verlassen, wollen wir noch 
unsem erlauchtesten Prinz-Regenten Luitpold von Bayern 
ein dreifach donnerndes Hoch ausbringen. Er soll leben: 
„Vivat hoch!!!“ 

Für heut is jetz gar, jetz göbts Önk in d’ Ruah, 

Denn schnehi müaßma wieda an Untaschberg zua. 


147 weil er sonst, 148 von Hans Vogel gemachter Zusatz; die 
Namen sind erdichtet, 149 sollen, 150 könnt ihr uns. 

Tatsächlich war der Schluß folgender: Nach Verlesung der letzten 
Strophe wurde das Lied geblasen „Was man aus Liebe tut.“ Dann 
riefen die Ortsvertrauensmänner ihre Ortsangehörigen zusammen und 
man zog in militärischer Ordnung wieder ab, wobei es öfters, z. B. 
nach dem Gaissacher Treiben noch auf Heimwege Bier gab. 


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Das Haberfeldtreiben. 


47 


4. Begleitumstände der Treiben. 

Der Kampf gegen die Treiben hatte seit Jahren im 
Bayerischen Oberlande aus der Bevölkerung heraus be- 
gonnen. Es gibt Gemeinden, aus denen niemand verurteilt 
wurde. Dort hatten Pfarrer und verständige Gemeinde- 
bürger vereinbart, an den Sonnabenden die Schlafstellen 
ihrer Haussöhne und Dienstknechte zu kontrollieren. Das 
erregte den ganz besonderen Zorn der Haberer. Nicht 
nur wurde bei einem der Pfarrer eingeschossen, so daß 
der Pfarrhof noch lange die Spuren dieser Gewalttat zeigte, 
sondern demselben, dem Lehrer und den besseren Bürgern 
war ein eigenes (rechtzeitig verhindertes) Treiben zugedacht, 
dessen Text mit den Worten beginnt: 

»Gon äschta ki mas (können wir es) von Pfarra von 
.... nima da lein (leiden) 

dö hama scho lang amoi gmoat, mi willma mit seiner 

extra ois Hobafehifreim« usw. 

Des wackeren Zeugen, der die erste Verurteilung eines 
Haberers ermöglichte, ist schon gedacht. Nicht minder 
verdienen hohe Achtung Männer von Gmund, Dürnbach, 
Aying, Oberpframmern, die die Bache nicht scheuten und 
bei der Wahrheit blieben und längst vor Beginn der Unter- 
suchungen offen ihre Mißbilligung ausgesprochen hatten 
trotz zu fürchtender Bache und eines nicht genügenden 
persönlichen Schutzes. Ein verheirateter Haberer war be- 
stimmt, bei einem Gegner der Haberer in Dürnbach 
einzuschießen. Mit scharf geladenem Gewehr zog er nachts 
vor das Haus, wurde aber in der Nähe desselben, ehe er 
schießen konnte, abgefaßt und ihm das Gewehr abgenommen. 
Eine strafbare Handlung lag nicht vor, mit der Ausführung 
derselben war noch nicht begonnen. Nun erlebte der 
Haberer die Freude, daß ihm das Gewehr mit der Munition 
von der Gendarmerie wieder in das Haus gebracht werden 
mußte. 


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48 


Grimm. 


Den Regungen der besseren Bevölkerung traten die 
Haberer mit roher Gewalt entgegen. Soweit das Haberer- 
gebiet reichte, ist Einschießen in Wohnungen und Stallungen 
vorgekommen, Wiesfee, Gmund, — an beiden Orten kamen 
Sprengstoffe in Anwendung — Hinterberg, Reitham, Ober- 
warngau, Miesbach, Westerham, die Andermühle bei Valley, 
Glonn, Kulbing, Egmating, Oberpframmern und Aying, 
in all diesen Orten trugen Gebäude die Spuren der Gewalt- 
tätigkeiten. Die Rotten beschossen die Gebäude minuten- 
lang und richteten hierbei vorzugsweise ihre Schüsse gegen 
die Schlafräume. Die Pächterin der Anderlmühle wurde 
infolge des ausgestandenen Schreckens irrsinnig, ihr Mann 
zum Krüppel geschossen. In Aying und Oberpframmern 
wurden Viehstücke in den Stallungen erschossen. In 
Glonn und Westerham traf das Einschießen die Gastlokale 
dort wohnhafter Bayerischer Landtagsabgeordneter, die durch 
Wort und Tat dem Habererunwesen und seinen Anhängern 
entgegen getreten waren. 

1896 und 1897 wurden über 60 Personen wegen 
Einsebießens ermittelt und bestraft, 50 davon wurden auch 
wegen Teilnahme am Haberfeldtreiben verurteilt. 

Auch hier möge die Darstellung einiger Einschießungen 
folgen und zwar zunächst das Miesbacher Einschießen, eine 
unmittelbare Folge des dortigen Haberfeldtreibens. 

a) Einschießen zu Miesbach. 

Der Buchdruckereibesitzer G. M. in Miesbach hatte 
am 10. Oktober 1893 in dem von ihm redigierten „Mies- 
bacher Anzeiger“ einen Artikel über das kurz vorher 
stattgehabte Haberfeldtreiben veröffentlicht und am Schlüsse 
des Artikels den ruhigen und verständigen Teil der 
Bauernschaft aufgefordert, seinen Einfluß dahin geltend zu 
machen, daß der veraltete unselige Brauch des Haberfeld- 
treibens aus der Miesbacher Gegend verschwinde. Ein 


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Das Haberfeldtreiben. 


49 


weiteres gegen die Haberfeldtreiben gerichtetes Gedicht 
erschien in der Nummer vom 19. Oktober 1893. 

Als Antwort darauf bekam M. anfangs November 1893 
einen mit falschem Namen Unterzeichneten Brief, in welchem 
sein Blatt als Waschzettel bezeichnet und er aufmerksam 
gemacht wurde, daß er, wenn einmal ein '/•* Pfd. schweres 
Paketchen mit weißer Wolle gefüllt ihm in die Hände 
oder in das Haus fallen sollte, nicht den Verdacht auf die 
Haberer fallen lassen möge. M. beantwortete diesen Brief 
in seinem Blatte in spöttischer Weise. Hiedurch zog er 
sich den Haß des damaligen Gmünder Meisters, des 
Ranhardtbauern Johann Feicht zu. 

Dieser bestellte zunächst Ende März oder Anfangs 
April 1894 10 — 12 Haberer an den Hacklziegelstadel 
in Ostin. Die Mehrzahl erschien; aber X. P., der die 
Expedition leiten sollte, blieb aus. Sie wurde deshalb verlegt. 

Für den 7. April 1894 wurden neuerdings von Feicht 
sieben Haberer ausgewählt und zum Schusterbauemkirchl 
bei Festenbach geladen. Sie erschienen teils bewaffnet, 
teils wurden sie an der bezeichneten Stelle, wo sie 
zunächst bewirtet wurden, mit Schußwaffen versehen. 
Die Leitung übernahm X. P. Sie zogen von da nach dem 
1 l /i Stunde entfernten Markte Miesbach, versteckten sich 
in der Nähe eines Kellers und stellten sich am 8. April 
1894 früh Vh Uhr nach Anleitung des X. P. vor dem 
mitten im Markte gelegenen Hause des M. auf, schossen 
je einen Schuß gegen das Haus ab, einer warf noch einige 
Steine gegen dasselbe, und liefen dann so schnell als 
möglich davon. 

Eine Kugel war durch den zum Schutze der Laden- 
fenster im Erdgeschosse angebrachten Holzladen gedrungen 
hatte die dahinter befindliche Scheibe des Ladenfensters 
zertrümmert, zwei Türen durchschlagen und prallte von 
einer Wand ab; zwei weitere Geschosse durchbohrten je 
ein Fenster eines im ersten Stockwerke befindlichen Zimmers 

Der Pitaral der Gegenwart. IV. 4 


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50 


Grimm. 


und drangen in die Wand und Decke des Zimmers, ein 
vierter Schuß endlich beschädigte die Mauer an der Giebel- 
seite des Hauses. 

b. Einschiessen in Reitham. 

Nach der Verhaftung des Haberermeisters Hans Vogl 
bildete sich das Gerücht, daß die Einleitung des Verfahrens 
auf eine Anzeige eines Wirtes von Reitham zurückzuführen 
sei. Der Wirt hatte einige Tage vorher vor einer 
Restauration mit einem Gendarmen gesprochen, während 
die Personen, an denen sich Hans Vogl nach §§ 176, 177 
St.-Gb. vergangen hatte, in der Wirtschaft anwesend waren. 

Der Anstifter zur Tat war Franz Vogl, der Bruder 
des Hans Vogl, der seit 1894 auch die Drucklegung der 
Habererveree veranlaßte. Er warb teils selbst, teils durch 
einen früheren Knecht des Hans Vogl die Teilnehmer. Er 
stachelte sie durch Spöttereien, wie: „hast halt keine 
Schneid“ dazu an. Am 24. September 1894 fanden sich 
denn auch zehn, nicht wesentlich vorbestrafte Personen, die 
aber größtenteils später der Teilnahme am Haberfeldtreiben 
überführt wurden, in einer Kiesgrube bei Bernloh ein. 
Dort gab es Bier und Brot, und war auch Franz Vogl 
anwesend, der sich aber nach Rücksprache mit einigen 
Teilnehmern in das Gasthaus Wall entfernte, um sich den 
Alibibeweis zu sichern. Franz Vogl gab auch dem 
früheren Knechte eine mit Pulver gefüllte Flasche mit 
Zündschnur mit, die aber nicht verwendet wurde. 

Die zehn zogen nach Reitham, umstellten das Haus und 
gaben dann gleichzeitig eine größere Anzahl von Schüssen ab. 

Über die Folgen konstatiert das Urteil des Kgl. Land- 
gerichtes München II am 24. Mai 1897 folgendes: 

In der Nacht vom 24. zum 25. Septbr. 1894 gegen 
12 Uhr wurden plötzlich die Bewohner der Wirtschaft in 
Reitham durch mehrere Schüße und großen Lärm aus dem 


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Das Haberfeldti'ciben. 


51 


Schlafe geschreckt. Sie hörten Fenster klirren und das 
Johlen und Schreien mehrerer vor dem Hause befindlicher 
Personen. Eine Frau rief noch während geschoßen wurde 
zum Fenster hinaus; aber die Burschen vor dem Hause 
kümmerten sich nicht darum. Es fielen auch nachher noch 
Schüsse auf der Nordseite des Hauses. Zugleich sah die 
Frau, wie vier bis fünf Personen der Ostseite des Hauses entlang 
gingen, und hörte, wie hier Fenster klirrten. Der Wirt war 
anfänglich vom Schrecken überwältigt Als er sich gefaßt 
hatte, ergriff er einen Revolver und schoß zum Fenster 
hinaus. Von den Tätern sah er nichts mehr. 

Als der Wirt am nächsten Morgen die Folgen der 
nächtlichen Tat besichtigte, stellte er folgende Be- 
schädigungen fest Von den Fenstern des Gast- und 
Herrnzimmers im Erdgeschoße waren 1 3 Scheiben, an jedem 
Fenster mindestens eine — zertrümmert; auch waren bei 
mehreren Fenstern die Querleisten durchschlagen. An zwei 
Küchenfenstern und einem Fenster der Fremdenstallung 
waren sechs Scheiben eingeschlagen, ebenso war ein Fenster 
der Remise auf der Westseite des Hauses zerschlagen 
worden. 

Durch die drei nach Norden gelegenen Fenster der 
sog. guten Stube im ersten Stockwerke — gerade über 
der Gaststube — und durch zwei nach Osten gehende 
Fenster dieser Stube, welche der Wirt wenige Monate 
vorher als Schlafzimmer benutzt hatte, war je ein Schrot- 
schuß gefeuert worden, wodurch 10 Fensterscheiben zerstört 
wurden. Vier von den Schüssen waren in die Zimmerdecke 
gegangen, die mit Schroten ganz bedeckt war. 

Ein fünfter Schuß mußte von einem erhöhten Standorte 
aus abgegeben sein, wahrscheinlich von einem Holzstoße 
aus, denn er war nicht in die Decke gedrungen, sondern 
hatte die gegenüberliegende unmittelbar zum Schlafzimmer 
der Wirtseheleute führende Türe getroffen. Wenn jemand 
in dem Augenblicke der Abgabe des Schusses aus dem 

4 * 


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52 


Grimm. 


Schlafzimmer heraus in die gute Stube getreten wäre, so 
hätte er getroffen werden können. 

Auch in das Schlafzimmer des Wirtsknechtes wurde 
geschossen. Eine Revolverkugel zertrümmerte das Fenster, 
und drang in die Zimmerdecke ein. 

Ebenso gingen in eine Dachkammer zwei Schrotschüsse. 

Der Schaden betrug mindestens 125 Mk. Die Gast- 
zimmer, die gute Stube, sowie die Fremdenstallung waren 
unbrauchbar geworden. 

Die Wirtin befand sich damals in gesegneten Um- 
ständen. Durch das Einschießen wurden sie so in Schrecken 
nnd Aufregung versetzt, daß sie ihrem Mann beständig 
quälte, er sollte doch sein Anwesen verkaufen und aus 
der Gegend fortziehen. Einige Tage nach dem Einschießen 
mußte sie sich zu Bette legen. Etwa vier bis sechs Wochen 
später machte sie eine Fehlgeburt und kränkelte fort, bis 
sie am 18. Januar 1895 starb. 

Wenn auch nicht nachgewiesen werden kann, daß ihr 
Tod mit dem erlittenen Schrecken in unmittelbarem Zu- 
sammenhang steht, so ist doch zweifellos, daß die Wirtin 
monatelang schwer unter der Furcht zu leiden hatte, die 
der Vorfall bei ihr erregt hatte. 

Bestrafung erfolgte aus §§ 305, 47, 49 St.-Gb. Zwei Teil- 
nehmer erhielten 1 '/* Jahr, vier je 1 Jahr, drei je 9 Monate, 
zwei je 6 Monate Gefängnis, wobei auch die Untersuchungs- 
haft angerechnet wurde. DerVogl'sche Knecht war flüchtig. 

c. Einschießen in Hinterberg. 

Am 3. Oktober 1894 fand vor dem Schöffengerichte 
Miesbach Hauptverhandlung gegen den in Untersuchungs- 
haft befindlichen Hans Vogl wegen Sachbeschädigung und 
Drohung statt. Der Hofnachbar Jakob Stumböck wurde 
als Zeuge vernommen. Die Verhandlung endete mit der 
Verurteilung des Vogl zu 6 Wochen Gefängnis. Als 
Vogl abgeführt wurde, rief er dem Stumböck noch im 


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Das Haberfeldtreiben. 


53 


Sitzungssaale in Gegenwart des Gerichts zu: „Das bringt 
dir auch keine Rosen.“ — 

In der Nacht vom 24. zum 25. Oktober 1894 zogen 
zehn Personen, darunter die „Totengarde“, mit Gewehren, 
Äxten und Prügeln versehen, an den Hof des Jakob 
Stumböck zum Gschwendtner in Hinterberg. Sie stellten 
sich rings um das Haus nnd schlugen auf ein gegebenes 
Zeichen von den 23 Fensterstöcken der im Erdgeschosse ge- 
legenen Räumlichkeiten, Wohnzimmer, 2 Nebenzimmer 
Küche und Stallung 120 Fensterscheiben ein, zertrümmer- 
ten mit einer Axt die Küchentüre derart, daß sie 
durch eine neue ersetzt werden mußte, hängten die Fenster- 
läden aus und zerhackten sie, feuerten endlich gegen die 
Fenster der im ersten Stockwerke gelegenen Schlafzimmer 
eine größere Anzahl scharfer Schüsse, von denen sechs in 
die Rückwand des Zimmer gingen. Das Haus war auf 
einige Zeit unbewohnbar gemacht Der Schaden betrug 
weit über 100 Mark. 

Als es nach dem Schießen ruhiger geworden war, 
kehrte Jakob Stumböck, der sich verborgen hatte, in 
sein Schlafzimmer zurück und hatte dort kaum Licht ge- 
macht, als ein letzter Schuß fiel, der ein Brett der Altane 
durchdringend, 50 cm unter dem erleuchteten Fenster in 
die Hauswand eindrang. 

Auch diese Sache leitete wie das Einschießen in 
Reitham Franz Vogl. Zur Ausführung waren zuerst 
Haberer aus der Gegend von Westerham bestimmt. Diese 
kamen nicht. Eine Woche später wandte er sich an die 
Haberer in Gmund und Festenbach. Zehn kamen zunächst 
beim Wendlbauem in Festenbach zusammen, der sie mit 
Bier bewirtete. Dann zogen sie zum Daxeranwesen. Die 
Frau des Hans Vogl bewirtete sie nochmals und von da 
zogen sie zu dem etwa V 2 Stunde entfernt gelegenen 
Gschwendtnerhof in Hinterberg, wo sie die bereits ge- 
schilderten Verwüstungen anrichteten. Franz Vogl zog, 


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54 


Grimm. 


wie auch in Reitham, nicht persönlich mit. Ei hatte nur 
die Auswahl der Personen getroffen und war in der Nacht 
vom 24./25. Oktober in München. 

d. Einschießen zu Pframmern. 

Für die Nacht vom 15./16. November 1895 war ein 
Haberfeldtreiben iu Glonn, Bez. A. Ebersberg, anberaumt. 
Alles war vorbereitet, die Gäste aus München, die be- 
kannten Wilderer, waren mit den Abendzügen nach Zorne- 
ding und Grafing gefahren, die Haberer aus den Gemein- 
den Pframmern, Harthausen und Umgegend hatten sich 
teils in einer Wirtschaft in Pframmern, teils in einem 
Stadel in Esterndorf gesammelt und zechten. Aber es 
war nicht gelungen die Gendarmeriemannschaft von Glonn 
zu täuschen; dieselbe patroullierte vielmehr gerade in der 
Anmarschrichtung der Haberer gegen Pframmern. Der Leiter 
gab die Signale zum Anmarsch der Haberer nicht, die 
Ortsführer blieben aus. Die in Esterndorf versammelte 
Mannschaft, 10 Personen, beschloß, durch Biergenuß auf- 
geregt, auf Anstiftung eines Teilnehmers bei einem 
Bauern in Oberpframmern einzuschießen, „damit man 
nicht umsonst ausgerückt sei“. Der Bauer hatte das 
fluchwürdige Verbrechen begangen, Zeuge einer Rauferei 
zu sein, an der der anstiftende Bursche beteiligt war, 
und hatte seine Wahrnehmungen wahrheitsgetreu ange- 
geben. Die mit Gewehren bewaffneten Haberer zogen vor 
das Haus und gaben wenigstens 60 Schüsse gegen dasselbe 
ab, zertrümmerten die Fenster und eine Kugel blieb gerade 
am Kopfende des Bettes der Bauemeheleute in der Wand 
stecken. Die Bedrohten hatten sich aus Furcht unter dem 
Bette versteckt. 

Damit war die Sache noch nicht beendet Am 
3. Dezember 1895 fand in München wegen der Rauferei 
die Hauptverhandlung statt. In der Nacht vorher wurde 
ein Ochse im Stalle des Bauern erschossen. 


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Das Ilaberfeidtreiben. 


55 


Die Überführung der Täter gelang, aber erst nach 
großer Mühe. Der Bauer hatte beim Aufblitzen der 
Schüsse einen der Teilnehmer erkannt und auch den Er- 
schießer seines Ochsen richtig bezeichnet. Als die Unter- 
suchung eröffnet wurde, stellten beide Angeschuldigte 
Entlastungszeugen, der erkannte Einschießer vom 15./16. 
November drei und seine Angehörigen; erstore bestätigten 
auf Eid, daß der Angeschuldigte zur Zeit des Einschießens 
in seinem 3 /i Stunde entfernten Elternhause war. Später 
ergab sich, daß einer von den Entlastungszeugen mit ein- 
geschossen hatte; und der Ochsentöter brachte als Ent- 
lastungszeugin die Tochter seines Dienstherrn, die just 
zu der Zeit des Einschießens den Dienstknecht in das eine 
Stunde entfernte Elternhaus eingelassen hatte. 

Die Entlastungszeugen standen später wegen Meineides 
vor dem Schwurgerichte in München und wurden verurteilt. 

e. Angriffe auf den Kgl. Förster in Wiessee. 

Standen die vorstehenden Gewalttaten in Miesbach, 
Reitham, Hinterberg und Oberpframmern in Verbindung 
mit dem Habererwesen selbst, so handelt es sich bei den 
jetzt zu schildernden um gemeine Racheakte eines hervor- 
ragenden Haberers gegen einen ihm mißliebigen Königl. 
Beamten. 

In der Nacht vom 17. zum 18. April 1895 wurde der 
Kgl. Förster in Wiessee bei Tegernsee durch ein Ge- 
räusch aus dem Schlafe geweckt, dadurch verursacht 
daß ein schwerer Gegenstand, der im Fluge eine Scheibe 
des geschlossenen Fensters des im Erdgeschosse gelegenen 
Schlafzimmers zertrümmert hatte, in das Zimmer geworfen 
wurde und mit großem Lärm auf dem Zimmerboden auffiel. 
H., der sofort vermutete, daß gegen ihn ein Attentat der in 
den letzten Jahren in der Gegend von Tegernsee üblich 
gewordenen Art (Reitham, Hinterberg) beabsichtigt sei 


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56 


Grimm. 


sprang rasch aus dem Bette und griff nach einem an der 
Wand hängenden geladenen Gewehr. 

In demselben Augenblicke hörte er, wie ein Gegen- 
stand außen auf dem geöffneten Fensterladen auf schlug, 
worauf sofort eine heftige Detonation erfolgte. 

Unmittelbar darauf fielen rasch hintereinander drei 
Schüsse, welche gegen ein Fenster des im ersten Stocke 
gelegenen Schlafzimmers des Försterstöchterchens gerichtet 
waren. 

Dann trat vollkommene Stille ein. 

In Folge des erlittenen hochgradigen Schreckens 
waren die Bewohner des Försterhauses derart in Angst 
versetzt daß sie weder Licht zu machen noch sich nieder- 
zulegen wagten, obwohl die Uhr erst 5 Minuten nach 
V 2 I Uhr zeigte. 

Bei Tagesanbruch ließ sich nun ersehen, daß der in 
das ebenerdige Schlafzimmer durch dessen Fenster ge- 
worfene Gegenstand eine Bierflasche war, welche mit 
Sprengpulver, Schroten, Nägeln und Schwefelbrocken ge- 
füllt und oben am Halse mit Baumwollwatte ver- 
schlossen war. 

In einem durch die Zertrümmerung der Fenster- 
scheibe bewirkten Sprunge im Glase hing eingeklemmt 
ein etwa 40 cm langes Stück einer Zündschnur, das an 
dem einen Ende auf eine Länge von zirka 20 cm ver- 
brannt war. 

Vor dem Hause fand sich unmittelbar unter dem 
Fenster, durch welches die Flasche geworfen worden war, 
am Boden ein schwarzer Brandfleck und an der Wand eine 
anscheinend vom Pulver geschwärzte Stelle, in der Nähe 
lagen Stückchen einer etwas angeschwärzten Baumwollwatte. 

Auf Nachsuchen entdeckte man etwa 26 m vom Hause 
entfernt ein Stück eines zersprungenen V 2 m langen 
Metallrohres, wie solche Rohre zu Wasserleitungen ver- 
wendet zu werden pflegen. 


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Das Haberfeldtreiben. 


57 


Nach den Spuren war dieses Metallrohr, das mit 
Pulver gefüllt war, gegen einen Fensterladen am Schlaf- 
zimmer der Försterseheleute geworfen worden, dort aber 
abgeprallt. Wäre es aber eine Handbreit weiter links ge- 
flogen, so wäre es genau in die im Schlafzimmer 
stehenden Betten der Försterseheleute, während diese 
schliefen, gefallen und dort explodiert. 

So war durch die drei Schüsse, die in die Fensterladen 
gingen, von denen zwei auch in die Zimmerdecken ein- 
drangen, kein erheblicher Schaden entstanden. 

Der Kgl. Förster H. hatte sofort gegen den Veran- 
stalter des Attentats X. P. Strafanzeige erstattet, die Vor- 
untersuchung war resultatlos; X. P. wurde im August 
1895 außer Verfolgung gesetzt. 

Während der Untersuchung glaubte X. P., daß es 
wesentlich zu seiner Entlastung dienen könnte, wenn 
neuerlich ein ähnliches Attentat gegen den Förster H. 
verübt werden würde und er bezüglich dieses Attentats 
ein einredefreies Alibi nachzuweisen vermöchte. 

Von diesen Erwägungen geleitet, kam er anfangs 
Juni 1895 wiederholt zu B., der sowohl in Miesbach, als 
beim ersten Attentat beteiligt war, und überredete ihn zur 
Vornahme eines neuen Attentates, wobei er ihm zwei in 
weiche Tonmasse eingeschlagene Dynamitpatronen über- 
gab. In den Ton waren Rehpfosten, Schrotkörner und 
Kupferzündhütchen eingeknetet und jeder der so gebil- 
deten Sprengkörper mit einem Hadern umwickelt, mit 
Stricken und einem Drahtstücke verschnürt und mit einer 
Zündschnur versehen. X. P. und B. gewannen einen 
weiteren Teilnehmer B., B. und B. fuhren am 8. Juni 1895 
in einem Kahne nachts über den Tegernsee. 

Vor dem Försterhause angelangt, warf der eine B. 
durch ein Fenster des zur ebenen Erde gelegenen Wohn- 
zimmers das eine der von P. erhaltenen Sprenggeschosse. 

Förster H. hatte schon seit einiger Zeit ein neuer- 


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58 


Grimm. 


liches Attentat befürchtet und verschiedene Sicherheits- 
maßregeln getroffen. Er wachte in fraglicher Nacht bis 
V 2 I Uhr mit seinem Sohne, ohne etwas verdächtiges zu 
bemerken. 

Ebenso hatten die Gendarmen von Tegernsee, die 
wiederholt ganze Nächte vor dem Försterhause wachten und 
dies auch in der Nacht vom 7./8. Juni 1895 taten, sich entfernt, 
da die Nacht vollkommen mondhell war und deshalb mit 
Rücksicht auf die vorgerückte Zeit die Gefahr eines Atten- 
tates beseitigt schien. 

Kaum hatte Förster H. das Klirren des zerbrochenen 
Fensters gehört, als er mit geladenem Gewehre von seinem 
Schlafzimmer in das anstoßende Wohnzimmer sprang und 
durch das Fenster dreimal ins Freie schoß, welchem Bei- 
spiele sein im ersten Stocke sich aufhaltender Sohn so- 
fort folgte. 

Während nun Förster H. noch am Fenster stand, ex- 
plodierte unmittelbar vor seinen Füßen der am Boden 
liegende durchs Fenster hereingeworfene Gegenstand, den 
er vorher nicht beachtet hatte. 

Die Detonation war ziemlich heftig, durch die Ex- 
plosion wurden Lehmteile an die Decke des Zimmers ge- 
schleudert; eine Beschädigung des Zimmers oder eine Ver- 
letzung des Försters erfolgte nicht, nur hatte die abge- 
brannte Zündschnur am Zimmerboden einige Brandflecken 
verursacht. 

Andern Tags fand sich im Zimmer der in einen Ha- 
dem eingewickelte Tonkuchen, der die nicht explodierte 
Dynamitpatrone enthielt. 

Vor dem Hause fand sich der zweite dem im Zimmer ge- 
fundenen völlig gleiche Lehmkuchen, an welchem sich noch 
die nicht angebrannte Zündschnur mit Sprengkapsel befand. 

Diesen zweiten Sprengkörper hatte der zweite B. zur 
Fundstelle gebracht und ihn dann, als er auf die Schüsse 
des Försters die Flucht ergriff, zurückgelassen. 


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Das Haberfeldtreiben. 


69 


Der in das Zimmer geschleuderte Sprengkörper ist 
nur in Folge eines Konstruktionsfehlers nicht in der be- 
absichtigten Weise explodiert. 

Bei Explosion in der gewollten Weise wäre der im 
Zimmer anwesende Förster H. den schwersten Gefahren 
für Leib und Leben ausgesetzt gewesen. 

X. P. hatte sich ein einredefreies Alibi in einem viel- 
besuchten Gasthause gesichert. 

Die Nachforschungen nach den Tätern blieben auch 
hier zunächst erfolglos. 

Erst im Dezember 1896 ergaben sich in den großen 
Habereruntersuch ungen hinreichende Verdachtsgründe gegen 
die Teilnehmer, und es wurde festgestellt, daß bei dem einen 
Attentate sechs Personen, beim andern zwei beteiligt waren, 
darunter nur eine, die nicht an dem Miesbacher Haber- 
feldtreiben teilgenommen hat, und drei, die schon an 
anderen Einschießen beteiligt waren. 

Die beiden Attentate waren Racheakte des X. P., eines 
gefürchteten Haberers, der sich als sog. Brandmetzger, ge- 
legentlich als Bergführer oder Zitherspieler seinen Erwerb 
verschaffte und im Verdachte des Wildems stand. Förster 
H. war mehrfach gegen das exzessive und herausfordernde 
Benehmen desselben aufgetreten, und war mit die Ver- 
anlassung, daß X. P. zur Arbeit in einer Wirtschaft in 
Wiessee nicht mehr zugezogen wurde. 

Um aber die Teilnehmer zu gewinnen, spiegelte er 
ihnen vor, die Leute von Wiessee und namentlich die in 
den Kgl. Staatswaldungen beschäftigten Holzarbeiter hätten 
Grund, sich über den Förster zu beschweren und seien 
deshalb an die Haberer mit der Bitte herangetreten, dem 
genannten Förster derart mitzuspielen, daß er sich in Wies- 
see nicht mehr halten könne. 

In der Tat hat ein Teil der Attentäter den Kgl. Förster 
nicht einmal vom Sehen gekannt. 

Durch Urteil des Schwurgerichtes München vom 


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60 


Grimm. 


26. Februar 1898 wurden X. P. und B. wegen je zwei 
Verbrechen wider das Sprengstoffgesetz vom 9. Juni 1884 
zu Zuchthausstrafen von 6 bezw. 5 Jahren, drei weitere 
Beteiligte wegen Vergehens der Sachbeschädigung zu 8 
und 6 Monaten Gefängnis verurteilt, und zwei Angeklagte 
freigesprochen. 

5. Strafen. 

Verurteilt wurden annähernd 400 Personen, da einzelne 
aber wiederholt beteiligt waren, ergaben sich etwa 560 Ver- 
urteilungen. 

Die Verurteilungen wegen der Haberfeldtreiben er- 
folgten auf Grund der §§ 125, Abs. 1 und 127, Abs. 1 
und 2 St.G.B. Letztere Stelle wurde in den Fällen an- 
gewendet, in welchen eine Gewalttätigkeit gegen Personen 
oder Sachen nicht erwiesen war, aber die unbefugte Bil- 
dung eines bewaffneten Haufens vorlag, erstere in den 
Fällen, in welchen wie bei den dargestellten Treiben bei 
Miesbach, Sauerlach, Steinhöring, Sachsenkam solche Ge- 
walttätigkeiten erwiesen waren. 

Diese Rechtsauffassung isf vom Reichsgerichte wieder- 
holt gebilligt worden. 

In den Landtagsverhandlungen 1897 wurde mehrfach 
der von den Verteidigern ausgehende Vorwurf vorgebracht, 
die Gerichte hätten sich gescheut, die Haberermeister, — 
denn nur diese konnten in Frage kommen — nach § 125, 
Abs. 2 St. Gb. als Rädelsführer zu erachten und sie vor 
die Schwurgerichte zu bringen. 

Nichts ist irriger als diese Meinung. Nach dem Er- 
gebnisse des Strafverfahrens würde der im Strafrechte nicht 
genau umgrenzte Begriff des „Rädelführers“, also hier einer 
bei dem Haberfeldtreiben beteiligten Person, welche bei 
dem ganzen Vorgänge, sei es perönlich, sei es durch 
Zwischenpersonen, sei es für die ganze Menschenmenge, 
sei es für einen Teil derselben, sei es physisch, sei es 
psychisch, die leitende Rolle spielte, nur gegen den 1894 


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Das Haberfeldtreiben. 


61 


verlebten Ranliardtbauern Feicht bei dem Miesbacber 
Treiben zutreffend gewesen sein. Der Begriff „Rädels- 
führer“ beim geschilderten Sauerlaeher Treiben konnte 
beispielsweise weder gegen den Bürgermeister St., noch 
gegen den Meister B. K., noch gegen einen anderen Teil- 
nehmer der Faistenharer Besprechung angewendet werden, 
ebensowenig gegen irgend einen anderen Teilnehmer am 
Treiben. In ähnlicher Weise lagen die Verhältnisse bei 
den übrigen Treiben. Auch war es nicht möglich, die 
Alternative des § 125 Abs. 2 St.G.B. anzuwenden, nach 
welcher dem Rädelsführer der Plünderer, Vernichter, Zer- 
störer von Sachen gleich stehen ; denn eine derartige Tätig- 
keit konnte in den abgeurteilten Fällen niemanden nach- 
gewiesen werden. Es ist aber auch die Annahme nicht 
berechtigt, daß die Geschworenen milder als die Gerichte 
gewesen wären. Die Geschworenen, die den Hans Vogl 
1895 wegen dreier Verbrechen der Notzucht begangen an 
derselben Frau 1888, 1891 und 1893 verurteilten, hätten 
auch die anderen Meister verurteilt, denn gerade die bäuer- 
liche Bevölkerung im Oberlande, aus der immer der eine 
oder andere unter den jeweiligen Geschworenen ist, war 
des ekelhaften Treibens längst müde. 

§ 125 Abs. 1 St.G.B. kam auch bei dem ersten Ein- 
schießen in Oberpframmern zur Anwendung. Hier bildete 
sich die einschießende Menge aus unbestimmt welchen und 
unbestimmt wievielen Personen, die bereit waren, zum 
Haberfeldtreiben nach Glonn zu ziehen. Der (inzwischen 
verstorbene) Hauptanstifter entzog sich der Aburteilung 
durch die Flucht in die Schweiz, die ihn später wegen 
Meineidanstiftung auslieferte, worauf er auch bestraft wurde ; 
diese Flucht schützte ihn dagegen vor Verurteilung nach 
§ 125 StG.B., da die Schweiz wegen Landfriedensbruchs nicht 
ausliefert und so eine Bestrafung nach der Auslieferung 
wegen des Grundsatzes der Spezialität und Art 4 des Deutsch- 
Schweizerischen Auslieferungsvertrages unmöglich war. 


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62 


Grimm. 


Die Bestrafung der Einschießer erfolgte nach §§ 303 
und 305 St G., und soweit Sprengstoffe in Frage kamen, 
nach dem Gesetze vom 9. Juni 1884. Auch hier hat sich 
der frühere Hans Vogl’sche Knecht, der in Reitham eine 
mit Pulver gefüllte Flasche bei sich hatte, der Strafe durch 
die Flucht entzogen. 

Eine Reihe von Personen hatten wegen verleumde- 
rischer Beleidigung gegen die Meister und Veranstalter der 
Treiben Strafanträge gestellt. Sie zogen aber die Anträge 
zurück, als die Meister und Veranstalter die Erklärung ab- 
gaben, nichts beweisen zu können, und keine Absicht zu 
verleumden und zu beleidigen gehabt zu haben. Die 
Meister kannten in der Regel die Personen gar nicht, denen 
die Schmähungen galten. 

Der Beteiligung der einzelnen entsprechend waren auch 
die Strafmaße. Auch hier kommt in erster Linie Hans 
Vogl. Die gegen ihn schließlich ausgesprochene Gesamt- 
strafe überstieg 15 Jahre Zuchthaus, auf die in Anwendung 
des § 79 St. G. erkannt wurde, da namentlich die Ver- 
leitungen zum Meineide hauptsächlich erst nach seiner im 
April 1895 erfolgten Verurteilung durch den erwähnten 
Briefwechsel unternommen wurden. An Strafhöhe folgte 
sein Bruder Franz Vogl, der als Gesamtstrafe etwa 
10 Jahre Zuchthaus zu erstehen hatte, an dritter Stelle 
X. P., geboren in Landau an der Isar, der Führer der 
„Totengarde“, wie er selbst sich benannte, der Veranstalter der 
Attentate in Wiessee, weiter beteiligt an dem Einschießen in 
Hinterberg und in Miesbach und an mehreren Haberfeldtreiben, 
mit 9 Jahren Zuchthaus. An vierter Stelle kommt B. K., 
der Bauernsohn von Altmünster, beteiligt beim Einschießen 
in Westerham, bei den Haberfeldtreiben Sauerlach, Aying, 
Harthausen u. a. und schließlich noch wegen Gefangenen- 
meuterei mit 8 Jahren Gefängnis bestraft. 

Dann kommen die Meineidigen, die Einschießer und die 
Mitglieder der „Garde“ aus der Gegend von Gmund, J. Sch., 


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Das Haberfeldtrcibcn. 


63 


I. R., M. G. n. s. w. mit Strafen von 4 — 6 Jahren Gefängnis. 
Keiner von diesen wurde später begnadigt. Anders geschah 
es bei den Minderbeteiligten, die bis 3 Jahre Gefängnis 
erhielten. Die Gerichte hatten Strafen von 14 Tagen bis 
3 Jahre, die höchsten wegen des Treiben bei Miesbach, 
ausgesprochen. Innerhalb dieses Rahmens wurden die 
Strafen unter Berücksichtigung aller Umstände, Vorstrafen, 
Art der Beteiligung, Bewaffnung, Stellung als Vertrauens- 
mann, Vorposten, einfacher Mitläufer zugemessen. Bei der 
überwiegenden Mehrzahl wurde die Strafe auf die Hälfte, 
bei manchen auf ein Drittel durch die Gnade des Prinz- 
regenten Luitpold von Bayern nach den Gutachten des da- 
maligen bayerischen Justizministers Freiherrn von Leonrod 
ermäßigt Gleiche Rücksicht trat bei Einziehung der nicht 
sehr erheblichen Kosten der Strafverfahren ein. Es wurde 
hier nicht, obwohl Gesamtverbindlichkeit ausgesprochen war 
ein wohlhabender als leistungsfähig herausgegriffen, sondern 
es fand eine Verteilung statt mit Nachschußverfahren, 
ähnlich wie bei in Konkurs befindlichen Genossenschaften. 

Immerhin hat das Habererunwesen mit seinen Gewalt- 
taten und später den vielen Verurteilungen Leid und 
Unheil über (las schöne bayerische Oberland gebracht. 
Möge der alte Brauch, der in seiner legendären Reinheit 
sich nicht erhalten hatte und nicht erhalten kann, auch 
nicht nötig ist, begraben sein! 

Leider scheint dieser Wunsch, mit dem auch der 
Regierungsvertreter 1897 seine Ausführungen schloß, sich 
nicht erfüllen zu sollen. Anfang Oktober 1906 hat nach 
Zeitungsnachrichten mitten im alten Haberergebiete bei 
Pienzenau wieder ein Haberfeldtreiben stattgefunden. Man 
nahm auch einige Verdächtige fest. Diese wurden aber 
alsbald wieder entlassen und wie 1893 mit Jubel empfangen. 

Soll sich wirklich die alte Unsitte nicht ausrotten 
lassen? Sollen die alten Zustände wieder aufleben? 


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Der Gatte als Totschläger. 

Von 

A. Bertseh, ev. Zuchthausgeistlichen in Ludwigsburg (Württemberg). 


Am 28. Juli 1904 erwachte vor Tagesgrauen (es war 
bald nach 2 Uhr) der Ortsvorsteher in H., einer ca. 1200 
Seelen zählenden Landgemeinde, infolge eines Jammer- 
gescbreis. Es war der Nachtwächter R., der seine Nach- 
barn weckte mit dem Klageruf: 

„Mein Weib, mein Weib! kommt nur! sie liegt in der 
Stube auf dem Boden in einer Lache Blut.“ 

An der Unglücksstätte angekommen, sah der Schult- 
heiß in der Wohnstube des Nachtwächters die Leiche der 
Frau, nur mit dem Hemd bekleidet, zwischen Bettlade und 
Kommode am Boden liegen, den Kopf in einer großen 
Blutlache. Der gleichzeitig b erbeigerufene Leichenschauer 
konstatierte die bereits vorhandene Leichenstarre ; der Tod 
mußte schon vor l'/ 2 — 2 Stunden eingetreten sein. Auf 
einer Bank daneben saßen im Hemd ruhig und teilnahms- 
los zwei Kinder, ein fünf- und ein zehnjähriges Mädchen, 
während in der Wiege das einjährige Kind schlief. Der 
Vater der Kinder saß stumpf vor sich hinbrütend auf der 
Bettladkante; sein Benehmen kam den Anwesenden „son- 
derbar und auffallend“ vor. 

Selbstmord war von vornherein durch die Sachlage 
sowohl, wie durch die Persönlichkeit der Getöteten aus- 
geschlossen. 

Der zunächst auftauchende Gedanke an einen Unglücks- 
fall — Unterleibsblutung oder Blutsturz — wurde bald 


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Der Gatte ab Tutschläger. 


65 


niedergeschlagen durch die von dein Leichenschauer und 
der Hebamme vorgenommene Untersuchung: sie entdeckten 
zuerst im Genick und später auf der Brust und im Bücken 
verschiedene Wunden, nicht weniger als 13, von denen 
nach Aussage des herbeigerufenen Arztes vier mit einem 
stumpfen, neun mit einem spitzschneidigen Instrument von 
außen her beigebracht worden sein mußten. 

Während der Ehemann R. bis dahin keinerlei Ver- 
mutung über die Todesursache ausgesprochen hatte, äußerte 
er sofort nach der Entdeckung der ersten Wunde: „Es 
fehlt mir auch Geld.“ Auf den Vorhalt des Ortsvorstehers, 
warum er das jetzt erst sage, erwiderte er: „Ja, habe ich 
das nicht schon gesagt?“ Ein Beutel mit ca. 13 Mk. 
„Farrengeld“ sollte aus der nebenstehenden Kommode ab- 
handen gekommen sein, in der es verwahrt gewesen und 
deren obere Schublade offen stand und augenscheinlich 
durcheinander gewühlt war. Gefragt, wann er den Schaden 
entdeckt habe, erzählte er, als er von seinem nächtlichen 
Kontrollgang , den er VH 2 Uhr angetreten habe, nach 
2 ‘/4 Stunden zurückgekehrt sei, habe er das Haus zwar 
verschlossen gefunden, wie er es verlassen habe, dagegen 
seien in der neben der Wohnstube liegenden Schlafkammer 
der Kinder Fenster und Läden offengestanden ; die Fenster 
seien schon vorher geöffnet gewesen, dagegen die Läden 
angelegt Auch sei ein Türchen am Hausgarten ausgehoben 
gewesen, durch welches der Täter von der Straße zum 
Kammerfenster seinen Weg genommen haben müsse. 

Also: Raubmord! 

Aber wer der Täter ? Auf die Frage des Schultheißen, 
ob er eine bestimmte Person im Verdacht habe, nannte R. zu- 
erst einen 19jährigen ledigen Arbeiter F., der „mehr Geld 
verbrauche, als er verdiene“ und hernach einen benach- 
barten verheirateten Bauern R — x, der ihn schon gefragt 
habe, „wo er denn sein Kuhgeld (Farrengeld) hintue.“ 


Der Pitavnl der Gegenwart. IV. 5 


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66 


Bartsch. 


Die Getötete war 37 Jahre alt, Mutter von fünf Kin- 
dern im Alter von 1 — 16 Jahren, stets gesund und arbeits- 
kräftig. Sie galt allgemein als eine sehr brave, fleißige 
und friedliche Frau. Ihr eigener Mann stellte ihr das 
Zeugnis aus, „in ganz H. sei keine zweite solche, so tüch- 
tig in Feld und Haushalt und in der Sparsamkeit, sie 
habe ihm nie Grund zu Vorwürfen gegeben, er hätte keine 
bessere finden können und sei um sein Weib um ihres 
Fleißes und Geschickes willen beneidet worden.“ 

Dem Nachtwächter R. stellte sein Ortsvorsteher das 
Zeugnis aus: „Ich kann nicht sagen, daß er zu den un- 
guten Leuten gehört; er ist kein Trinker, er ist solid und 
sparsam; über sein häusliches Zusammenleben kann ich 
nichts sagen; jedenfalls ist mir nicht bekannt worden, daß 
er mit seiner Frau nicht gut lebe.“ 

Ähnliche Angaben machten über den Charakter und 
das eheliche Leben des R. seine unmittelbaren Nachbarn. 
Sie wollten wohl früher heftige Auftritte des Mannes gegen 
seine Frau beobachtet haben, aber in letzter Zeit sei der- 
artiges unterblieben. Beide haben friedlich gehaust und 
Frau R. habe sogar rühmend hervorgehoben, wie viel 
besser ihr Mann jetzt sei, als früher. 

Dem gegenüber stand nun aber das entgegengesetzte 
Urteil der nächsten Anverwandten. Die Töchter sagten aus- 
nahmslos ungünstig über ihren Vater aus. Die 16jährige, 
damals in auswärtigem Dienst stehende Tochter gab an: 
„Meine Mutter hatte kein gutes Los; sie wurde oft miß- 
handelt, ich bin der Ansicht, daß niemand der Mörder ist 
als mein Vater.“ 

Die 14jährige Schwester gab die Erklärung ab: „Mein 
Vater hat die Mutter oft geschlagen, daß sie Blaumäler 
hatte; auch wir Kinder wurden oft arg geschlagen, meist 
mit einem Strick oder mit dem Fuß gestäubt; wir hatten 
große Angst vor ihm.“ 

Die 10jährige Tochter sagte aus: „Am letzten Abend 


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Der Gatte als Totschläger. 


67 


waren die Eltern friedlich beisammen; aber sonst hatten 
sie oft Streit und der Vater hat die Mutter auch ge- 
schlagen.“ 

Und nun gar die 5 jährige: „Ich hörte (sagte sie zur 
Kinderschwester) heute Nacht meine Mutter jammern und 
schreien, „er“ bat fest drauf geschlagen; mein Vater sagte 
mir, ich solle niemand etwas sagen.“ 

In der Richtung dieser schwer belastenden Anklagen 
lag auch die Erklärung des Bruders der Getöteten, der 
bald nach der Tat vom benachbarten Ort herbeigeeilt war: 
„R. hat seine Frau schlecht behandelt; dieser und niemand 
anders hat sie getötet; das glaubt mir der ganze Ort“ 

Wie waren nur so verschiedene Zeugnisse möglich? 

R. ist ein Meister in der Verstellung und Heuchelei, 
schlau und verschlagen, freundlich ins Gesicht, sein Spitz- 
name war „der Feine“, also — was man so nennt — ein 
„Gassenengel und ein Hausteufel.“ Nicht bloß die Kinder 
fürchteten seinen Jähzorn und seine Roheit, sondern die 
Mitbürger seine Heimtücke und seine Rachsucht. Sie 
haßten und verachteten ihn, weil er sie rücksichtslos über- 
vorteilte und bei Viehhändeln mit allerlei Ränken aus- 
beuten half. 

Vorbestraft war R. noch nicht, wohl aber einmal wegen 
Körperverletzung auf der Anklagebank gewesen. Er war 
mit einem seiner Landsleute im Wirtshaus handgemein 
geworden, weil dieser den R. gestichelt hatte, als hätte er 
vor fünf Jahren seine Scheune selber angezündet. 


Zwei Stunden nach dem Bekanntwerden der Schreckens- 
tat traf das Gericht ein und konstatierte eine ganze Anzahl 
von Verdachtsmomenten gegen R. 

Das angeblich gestohlene Geld wurde in der unteren 
Kommod8chublade zwischen Socken und blutigen Lappen 
versteckt aufgefunden. 

5 * 


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68 


Bertech. 


In einem am Tatort unweit der Leiche stehenden, mit 
einem Tuch bedeckten Körbchen, welches nach der harm- 
los hingeworfenen Äußerung des R. nur ein Vesper ent- 
halten sollte, fand sich eine Sichel und ein Wetzsteinkumpf, 
letzterer am Ende mit Blut bedeckt, erstere dagegen 
blutfrei. 

R. selber trug Blutspritzer (nicht etwa Blutflecken) an 
seinen Kleidern und Stiefeln und ein paar blutunterlaufene 
frische Krätzer auf der Stirne, über deren Herkunft er sich 
nur zweifelhaft ausweisen konnte. Jene, meinte er, könnten 
davon herrühren, daß er seine tote Frau in die Höhe ge- 
hoben hatte, um sie zu wecken, diese dagegen entweder 
von seinem jüngsten Kind, das er auf dem Arm getragen, 
oder vom Garbenladen. 

Endlich waren zwischen zwei Fingern der Getöteten 
kleine Stoffreste eingeklemmt, anscheinend von einer Loden- 
joppe, wie sie der Nachtwächter bei seinem Kontrollgang 
zu tragen pflegte. 

Alle diese Umstände veranlaßten die Verhaftung des 
Gatten der Getöteten am gleichen Tage. 

In der Voruntersuchung wurden keine weiteren Ver- 
dachtsmomente gegen R. beigebracht, dagegen wußte er 
verschiedene Momente zu seiner Entlastung beizubringen. 
Ein junger Bürger des Orts, auf den er sich berief, gab 
zu Protokoll, daß er in jener Mordnacht spät, nach 12 Uhr, 
von auswärts heimgekehrt und sich mit dem Nachtwächter 
längere Zeit auf der Dorfstraße unterhalten habe, ohne die 
geringste Spur von Gemütserregung an ihm wahrzunehmen. 

Gegen 1 Uhr, erklärte R., habe er einen Bauer ge- 
sehen, der mit der Laterne in den Stall ging, weil seine 
Kuh kalben wollte. Dies bestätigte sich. Mit den Alibi- 
beweisen harmonierten die Kontrolluhren, welche ausnahms- 
los eine pünktliche Behandlung in dieser Nacht aufwiesen. 

Das Gartentürchen war tatsächlich ausgehoben; ein 
Zaunstecken war losgerissen und mit Blut befleckt; im 


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Der Gatte als Totschläger. 


69 


Garten sah man unter dem Fenster menschliche Fußspuren 
und an der Hauswand unter dem Kammerfenster Be- 
schädigungen, die vom Einsteigen herrühren konnten, aller- 
dings beides offenbar älteren Datums. Schwerwiegend war 
für R. das gute Zeugnis des Ortsvorstehers, der mit ihm 
sonst nicht gerade gut stand, weil er ihn schon einige Mal 
dienstlich und außerdienstlich diszipliniert hatte, und das 
gnte Zeugnis der Nachbarn, die gesehen hatten, wie R. am 
letzten Tag noch ganz friedlich mit seinem Weib gearbeitet 
und abends ebenso friedlich mit ihr vor dem Haus Feier- 
abend gehalten hatte. 

Die gegenteiligen Aussagen konnten beeinflußt sein 
teils durch die Verachtung und den Haß, den R. sich als 
„Judenschmuser“ zugezogen, teils durch den auf dem Land 
eine große Rolle spielenden Neid darüber, daß der Nacht- 
wächter in 15 Jahren seines Hausens sein Vermögen von 
1200 Mk. auf 6000 Mk. gesteigert hatte. 

Endlich aber fehlte jeder Anhaltspunkt dafür, mit 
welchem Instrument die scharfen Schneid- und Stichwunden 
verursacht waren. Die im Haus Vorgefundenen Sicheln 
waren unverdächtig. Strengste Haussuchung, auch das 
Ablassen des Dorfweihers und das Ausfischen des benach- 
barten Brunnens verliefen resultatlos. 

Am 20. August erfolgte die Haftentlassung des R., 
„da die gegen den Angeschuldigten vorhandenen Verdachts- 
gründe nicht mehr als dringend angesehen werden konnten.“ 

Diese Verfügung war aber das Signal zu seiner Ver- 
urteilung durch die vox populi. Wie ein verhaltener Strom 
stürzte sich die Bevölkerung auf den „Gattenmörder“ und 
protestierte gegen die Untersuchung, die sich nunmehr 
auf andere Ortsangehörige zu erstrecken begann. 

Die einen — das war die Minderheit — sprachen es 
immer offener aus, R. habe seine Frau umgebracht, weil sie 
ihm als die einzige Mitwisserin der ihm zur Last gelegten 
Brandstiftung keine Ruhe gelassen habe. 


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70 


Bcrtsch. 


Andere — und das war die Mehrzahl — bezichtigten 
ihn des Totschlags im Affekt. 

Ein Mann, der schon mit 17 Jahren — das Folgende 
kam alles jetzt erst zur Anzeige — um einer ganz gering- 
fügigen Ursache willen einen Mitknecht mit einem Messer 
gestochen, 

ein Sohn, der seinen alten Vater an den Haaren herum- 
gezogen und geschlagen, 

ein Vater, der beim Ileuladen seine älteste Tochter 
mit der Gabel so sinnlos traktierte, daß Grenznachbarn durch 
ihr Dazwischentreten das Schlimmste verhüten mußten, und 
der sich zwischen der ersten und zweiten Verhaftung von 
seiner Tochter auf die Stirne Zusagen ließ: „hättest die 
Mutter nicht umgebracht, so hättest du noch eine Köchin“ — 
ein Gatte, der das eine Mal mit dem Beil auf seine 
Frau lossprang, ein andermal mit einer Haue einen Hieb 
gegen sie führte, dem sie im letzten Augenblick noch glück- 
lich ausweichen konnte, — 

sollte einem Menschen von solch unbändigem Jähzorn, 
gepaart mit einem satanischen Geiz, es nicht zuzutrauen 
sein, daß er gegen sein Weib einen gefährlichen Schlag 
führte, als er unter ihrem Kopfpolster einen Geldbeutel 
entdeckte, in welchem die arme von Furcht gepeinigte 
Frau pfennigweise die Mittel zusammensparte, um der Dote 
ihrer Kinder ein Geschenk auf Weihnachten machen zu 
können — zusammmensparte ohne sein Wissen und ohne 
seine Erlaubnis?! 

Und wenn er einem Erntearbeiter gegenüber, der neben 
R. und dessen Ehefrau am Tische saß und des Nacht- 
wächters Geriebenheit rühmte, mit der er in der Anklage 
wegen Körperverletzung sich aus der Schlinge gezogen 
hatte, wenn er diesem gegenüber die Äußerung tat: 

„Wenn ich heute Nacht die da (er wies dabei auf 
seine neben ihm sitzende Ehefrau hin) hinmachen würde, an 
mich würde niemand denken, das käme gar nicht herausj 


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Der Gatte als Totschläger. 


71 


ich bin Nachtwächter und da würde es niemand sehen; das 
wäre mir die geringste Sorge, wieder eine andere zu kriegen ; 
in vier Wochen wollte ich schon wieder eine haben“ — , 

ist es nicht naheliegend, daß die Manipulation mit der 
Gartentüre und den Fensterläden, die Verwundung mit dem 
Kumpf und der — nach einem raschen scharfen Schnitt 
leicht mit Wasser vom Blut zu reinigenden — Sichel, das 
Vorbringen mit dem gestohlenen Geldbeutel nur Mittel waren, 
den im Affekt begangenen Totschlag zu maskieren und 
einen Raubmord von dritter Seite zu markieren? „Hell 
muß man sein!“ war seine ständige Redensart. 

Was Wunder, wenn fortan die Bevölkerung dem 
„Gattenmörder“ scheu aus dem Wege ging! 

Und als gar ein Bekannter ihm ins Gesicht schleu- 
derte: „der ganze Ort hält dich für den Täter“, war er 
weit entfernt, eine Beleidigungsklage anzustrengen. Seine 
ganze Erwiderung war : „Ich muß nicht mehr lange unter 
diesem Druck leiden.“ 

Nun geschahen zwei Dinge, welche nicht anders ge- 
deutet werden können, denn als ein Hilferuf des bösen 
Gewissens und als ein Akt der Notwehr gegenüber der 
ihn verurteilenden allgemeinen Volksstimme. 

Bei Nacht schlichen sich Bürger an sein Haus und 
belauschten ihn durch die Fensterläden, wie er in der 
Stube auf- und abging und laut rief: 

„0, lieber Gott, komm doch und hilf dem R, daß er 
los wird von diesem Druck“ und wie er dann mehrere 
Gesangbuchlieder stürmisch betete. 

Damit stimmte auch das Zeugnis seiner Kinder: „Seit 
unser Vater entlassen ist, betet er oft laut bei Nacht aus 
der Bibel.“ 

Und das andere: viermal im Lauf von zwei Monaten 
begab sich R zu einem stundenweit entfernten Ehepaar H., 
welche „Tote zitieren“ könnten. Auf vorangegangenes Gebet 
redete jedesmal, wie er behauptete, seine verstorbene Ehe- 


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72 


Bcrtsch. 


frau aus der Frau H. heraus, die in einen Zustand der 
Ekstase verfiel, sich entfärbte und „ganz mit der Stimme 
der Getöteten auf alle Fragen antwortete.“ 

Zu dieser Spiritistenversammlung nahm er als Zeugen 
einige seiner nächsten Anverwandten mit, aber nicht gleich 
das erste Mal, sondern erst beim zweiten Besuch, nachdem 
offenbar der Verlauf, den die Unterredung mit der Abge- 
schiedenen nehmen sollte, schon dem Medium inspiriert 
worden war. Das Resultat der Totenbeschwörung war: 
„Mein Mann ist nicht der Täter, sondern ein anderer 
und dieser andere ist der Nachbar R— x.“ 

Die Begleiter aber meinten, als das medium georakelt 
hatte : „D e r (Frau H.) sollte man den Kopf recht verschlagen.“ 
Damit war die Tragödie auf das Gebiet der Komödie 
geraten. 

Am 2. März erfolgte die zweite Verhaftung des R. 
und am 7. April seine Verurteilung durch das Schwur- 
gericht zu der Zuchthausstrafe von 14 Jahren und zu 
10 Jahren Ehrverlust. 

Ein Gesuch um Begnadigung wurde abschlägig be- 
schieden. Obgleich seine Unschuld hoch und heilig be- 
teuernd, wünschte R. doch seine baldige Abführung an 
den Strafplatz. Von hier aus strengte er eine Wiederauf- 
nahme des Verfahrens an, aber ohne Erfolg. 

So verbüßt er denn gegenwärtig die ihm auferlegte 
Strafe, auf dem Protest gegen seine ungerechte Verurteilung 
verharrend. 

Aber das schuldbewußte Gewissen spricht aus seinem 
angstvollen Auge und seinem schreckhaften Wesen. Mit 
all seinem feinen, glatten Gebahren und seinen frommen 
Sprüchen vermag er darüber nicht wegzutäuschen. Durch 
zwei Ohnmachtsanfälle im Spazierhof ward er bald der 
ihn drückenden Einzelhaft entrückt; die stille Zelle raubte 
zusehends dem Schuldbeladenen Schlaf und Appetit in 
einer Weise, daß er längerer Spitalbehandlung bedurfte und 


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Der Gatte als Totschläger. 73 

seine Überweisung in die Irrenabteilung ernstlich erwogen 
wurde. 

Wenn der Staatsanwalt in seiner Rede von dem armen 
Opfer sagte, die Getötete habe offenbar die Hölle auf Erden 
gehabt, so daß es bei ihr galt, „lieber ein Ende mit 
Schrecken, als einen Schrecken ohne Ende“, so ist für den 
Verurteilten sicher seine Strafzeit schon bisher „ein Schrecken 
ohne Ende“ gewesen und wird es bleiben, bis er entweder 
sein Gewissen entlastet durch ein offenes Geständnis, oder 
aber — nur in ganz anderer Weise als seine Frau — „ein 
Ende nimmt mit Schrecken.“ 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 

Von 

Staatsanwalt Oskar Held in München. 


Am Sonntag, den 29. Oktober 1899, etwa 5 Minuten 
nach 5 Uhr nachmittags, brach in dem vierstöckigen, an 
der Sonnenstraße zu München gelegenen, dem Rechtsanwalt 
F. gehörigen Hause No. 24 ein Speicherbrand aus, welcher 
den mansardenartig gebauten Speicherraum samt den auf- 
gestapelten Vorräten zerstörte. Der Brand wurde 5 bis 
10 Minuten nach 5 Uhr von Passanten bemerkt. Nach An- 
sicht der Feuerwehr mußte der Brand im Speieherraum 
selbst ausgebrochen sein. 

& wurde festgestellt, daß die Mietparteien des Hauses 
an dem fraglichen Sonntag Nachmittag außerhalb des 
Hauses geweilt und daß nur mehrere Dienstboten sich im 
Hause befunden hatten. Weiter wurde bekannt, daß 
etwa eine Stunde vor dem vermutlichen Ausbruch des 
Brandes ein neu engagierter Hausmeister, der am 1. No- 
vember den Dienst antreten sollte, durch einen Bekannten, 
unter Assistenz eines im Hause befindlichen Dienstmädchens, 
Einrichtungsgegenstände in den für ihn künftig bestimmten 
Speicherabteil hatte schaffen lassen. Es ließ sich jedoch 
nach der Auffassung der Feuerwehr feststellen, daß in 
diesem Speicherabteil der Brand nicht entstanden sein 
konnte. Ebenso ließ sich feststellen, daß Schieferdecker, 
welche einige Tage vorher am Dachboden gearbeitet hatten, 
keine Lötfeuerung oder Licht benutzt hatten. 

Der Pitaval der Gegenwart. IV. 6 


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76 


Held. 


Die Entstehungsursacbe lag somit völlig im Dunkeln. 

Am 31. Oktober, also zwei Tage nach dem Brande, 
lief nun bei der Kgl. Polizeidirektion München eine auf 
einem ganzen Oktavbogen (sog. Kanzleibogen) geschriebene 
Zuschrift folgenden Inhalts ein: 

„Schreiber Dieses erachtet es als seine Pflicht, der 
hohen Polizeidirektion seine Beobachtungen in Haus 
No. 24 an der Sonnenstraße vor dem gestern ausge- 
brochenen Brande mitzuteilen. Etwa 1 /2 5 abends, am 
Tage des Brandes, sah er die Köchin des Herrn Dr. Sch., 
wohnhaft im 2. Stocke links genannten Hauses, nach 
dem Speicher gehen (welchen Weg diese übrigens alle 
Tage macht) ; auf fiel aber dem Schreiber der starke Pe- 
troleumgerucb, als er an dem Mädchen vorbeiging, auch 
sah aus dem Kleide de« Mädchens eine Kerze heraus 
und ein Paket mit Zündhölzern. Er verfolgte, vom Mäd- 
chen ungesehen, dieses. Es trug einen Korb mit Kleidern, 
von denen der Geruch wohl ausging. Das Mädchen ging 
die ganze Speicherreihe entlang, worauf der Schreiber 
sich nach unten begab; das Mädchen kam mit dem 
Korb wieder herunter, der Schreiber stand im Hausflur. 

Das Mädchen ging in die Wohnung seiner Herr- 
schaft Der Schreiber kam nach einigen Minuten noch- 
mals in das Haus und sah das Mädchen eilenden Schrittes 
die Treppe herunterkommen, vom Speicher, nichts als 
Schlüssel in der Hand, ging rasch wieder in die Woh- 
nung und verließ sofort diese wieder, nach dem Karls- 
platz gehend; alsbald brach das Feuer aus, worauf der 
Schreiber sich sofort an das auffallende Benehmen des 
Mädchens erinnerte und nun die Anzeige als seine Pflicht 
erachtet. Warum anonym ist der Grund, weil der 
Schreiber im Hause verkehren muß, vielleicht aber seinen 
Namen nennt, sollten seine Vermutungen zutreffend sein. 
Sofortiges Verhör wäre wohl angezeigt. Das Mädchen 
schien aufgeregt und verstört. 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


77 


Was den Schreiber in beinern Verdachte bestärkt, 
ist, daß er vor einiger Zeit hörte, daß der Besitzer des 
Hauses, Rechtsanwalt, F., das Mädchen beschimpfte und 
dieses sich dahin geäußert, daß F. ihr in der Seele ver- 
hasst sei, weil sie sich solche Beschimpfung durch einen 
Juden gefallen lassen müsse, und fügte bei, sie wäre im- 
stande, diesem Menschen etwas anzutun; vielleicht ist 
da ein Zusammenhang. Am Tage des Brandes trug das 
Mädchen blaues Waschkleid mit Cremespitzen und große 
helle Schürze mit roten Streifen und roten Verzierungen.“ 
Am folgenden Tage, 1. November, lief eine weitere 
Zuschrift folgenden Inhalts bei der Polizeidirektion ein: 
„Zu der gestern gemachten Mitteilung betreffend 
Verdacht der Brandstiftung gegen die Köchin des Dr. 
Sch., wohnhaft im 2. Stock des am 29. d. Mts. ange- 
brannten Hauses No. 24 an der Sonnenstraße, wird noch 
angefügt, was gestern vergessen wurde: daß die Köchin, 
als sie das erste Mal von dem Speicher kurz vor dem 
Brande herunter kam, 5 Flaschen, in denen noch kleine 
Reste von Petroleum waren, in die Schuttonnen im Hof- 
raume warf; die Flaschen müssen noch dorten liegen, 
weil die Schuttonnen noch nicht geleert und wohl morgen, 
am Feiertage, auch nicht geleert werden. 

Ferner hörte der Schreiber heute, daß genanntes 
Mädchen in 2 Läden (Schwanthaler Straße bei Schiller 
und Karlsplatz bei Jacobus) je 3 Liter Petroleum holte 
am Tage vor dem Brande, und am Brandtage selbst 
nochmals 3 Liter bei Jacobus am Karlsplatze, und doch 
wird Gas bei Dr. Sch. gebrannt“ 

Auf Grund dieser Zuschriften nahm der zuständige 
Polizeikommissär Erhebungen bei dem Hausbesitzer Rechts- 
anwalt F. vor. Derselbe konnte sich nur erinnern, daß er 
vor einer verhältnismäßig sehr langen Zeit, es mochten vier 
Monate dazwischen liegen, die Köchin des prakt Arztes 
Dr. Sch., Maria St., gegen Abend im Hausgang betroffen 

6 * 


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78 


Held. 


und ihr einen Vorhalt, als ob sie wohl auf einen Liebhaber 
warte, gemacht hatte, worauf sie in einer sehr schroffen 
Weise sich eine solche Unterstellung verbeten und bemerkt 
hatte, sie führe den Hund ihrer Dienstherrschaft ins Freie. 
Der Rechtsanwalt bemerkte hierbei, daß ihm nun allerdings 
auffalle, daß ihn die Maria St. seit diesem nach seiner 
Auffassung verhältnismäßig geringfügigen Vorfall nicht 
mehr gegrüßt habe, daß dieselbe ihre Kolleginnen im Hause 
sehr von oben herab behandle und keinen weiteren Ver- 
kehr mit ihnen pflege. 

Eine Suche nach Flaschen in den Kehrichttonnen er- 
gab ein negatives Resultat. 

Der Polizoikommissär nahm am gleichen Tage, 2. No- 
vember, umfangreiche Vernehmungen aller vermutlich am 
Sonntag Nachmittag im Hause befindlichen Personen, 
namentlich der Dienstboten, vor. Hierbei gab die ebenfalls 
vernommene Maria St., der natürlich von dem gegen sie 
bestehenden Verdacht nichts mitgeteilt wurde, an, sie sei 
am Sonntag Nachmittag, etwa 4 3 /4 Uhr, also etwa 20 Mi- 
nuten vor Ausbruch des Brandes, in Abwesenheit ihrer 
Dienstherrschaft auf den Speicher gegangen, um nachzu- 
sehen, ob ihre beiden Speicherabteilungen verschlossen seien 
und um zwei frischgewascbene Kleider zum trocknen auf- 
zuhängen. Sie habe die Kleider in einem offenen Korbe 
hinauf getragen, auffallenderweise aber die äußere Speicher- 
tür, welche zum allgemeinen Speichervorraum führt, un- 
verschlossen vorgefunden. Sie habe nun auch entdeckt, 
daß sie die Schlüssel zu ihren beiden Speicherabteilungen 
gar nicht bei sich habe, weshalb sie samt ihrem Korb un- 
verrichteter Dinge in die im zweiten Stock befindliche 
Wohnung ihrer Dienstherrschaft zurückgegangen sei. Sie 
habe sioh dann mit den Schlüsseln, jedoch ohne Korb und 
Kleider, ein zweites Mal auf den Speicher begeben und hier 
nur die äußere Speichertür abgeschlossen. 

Sie gab weiter an, daß im Hauswesen ihrer Dienst- 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


79 


herrschaft eine Lampe auf dem Vorplatz mit Petroleum 
gespeist werde, auch komme es hie und da vor, daß sie 
selbst in ihrer Kammer ein Petroleumlicht brenne. Sie fuhr 
fort: „Unser Petroleum beziehen wir zum Teil bei dem 
Kaufmann Schiller, zum Teil bei dem Kaufmann Jacobus. 
Am Sonntag Nachmittag 4 Uhr (also etwa eine Stunde vor 
dem Brande) holte ich in einer Blechkanne bei Jacobus 
3 Liter Petroleum auf Rechnung meiner Herrschaft, habe 
aber auch schon für meine eigene Rechnung zum Gebrauch 
in meinem Zimmer Petroleum gekauft. Letzteres tat ich, 
weil meine Dienstherrschaft nicht duldet, daß in meiner 
Kammer, wegen Feuersgefahr, Petroleum brenne. Als kurz 
nach 5 Uhr Feuerlärm ertönte, ging ich gerade mit dem 
Hund meiner Herrschaft am Karlsplatz spazieren. (Dies 
wäre also eine Entfernung von 100 — 150 Mtr. vom Hause.) 
Obwohl zwischen meiner Anwesenheit auf dem Speicher 
und dem Ausbruch des Brandes ein Zeitraum von nur 
15 — 20 Minuten liegt, muß ich doch konstatieren, daß ich 
oben weder von Rauch noch von Brandgeruch etwas 
wahmabm.“ 

Der Polizeikommissär nahm am 3. November Er- 
hebungen bei der Firma Jacobus vor und erfuhr dort, daß 
die Maria St. am Sonntag, Nachmittag gegen 4 Uhr, 3 Liter 
Petroleum tatsächlich geholt hatte. 

Die Ladnerin konnte sich erinnern, daß die Maria St. 
hierbei eine Kanne aus weißem Blech, ohne Schnabel 
oder Auslaufröhrchen, wie letzteres sonst meist der Fall 
ist, benützt hatte. Dagegen wurde durch Recherchen bei 
Kaufmann Schiller erhoben, daß Maria St. am Samstag 
Vormittag (also am Tage vor dem Brande) 3 Liter Petro- 
leum in einer goldbronzierten, mit einem sogenannten 
Schnabel versehenen Petroleumkanne geholt hatte. Die 
Kaufmannsfrau Schiller konnte sich auch noch erinnern, 
daß die Maria St. auch noch am Sonntag Nachmittag 
zwischen 2 und 3 Uhr bei ihr Petroleum hatte holen wollen, 


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80 


Held. 


Bolches jedoch nicht mehr erhalten konnte, weil ausver- 
kauft war. 

Auf Grund dieser Ergebnisse nahm am gleichen Abend 
der Polizeikommissär in der Richtung gegen die Maria St. 
in der Wohnung ihrer Dienstherrschaft weitere Erhebungen 
vor. Er fand auf dem Wohnungsgange vor der Küchen- 
tür an der ordnungsmäßigen Stelle eine halb gefüllte, 3 bis 
4 Liter fassende, gelb bronzierte Petroleumkanne mit 
Schnabel, zweifellos die zum Petroleumeinkauf bei Schiller 
benützte. Die Köchin Maria St., der gegenüber auch jetzt 
noch nichts von dem Verdachte verlautet wurde, ebenso 
wie die Arztesgattin Frau Sch. gaben an, daß eine zweite 
Kanne im Hauswesen nicht existiere. 

Auf Grund dieser Erhebungen war im wesentlichen 
der in den Denunziationsbriefen geschilderte Sachverhalt 
als richtig erwiesen. Es hatten sich nur bis dahin die fünf 
Flaschen nicht finden lassen. Es handelte sich nun natur- 
gemäß um die Ermittlung des anonymen Briefschreibers. 

Inzwischen lief ein neuer anonymer Brief am 4. No- 
vember bei der Kgl. Polizeidirektion ein, in welchem mit- 
geteilt wurde, daß die Köchin Maria St. ohne Wissen ihrer 
Dienstherrschaft den Dienst verlassen wolle, weil es ihr 
wegen des Brandes zu viel Arbeit sei. 

Diese dritte anonyme Zuschrift war auf einen mit 
Wasserlinien versehenen, kleinen Briefbogen geschrieben 
und befand sich in einem innen blau karrierten Kuvert, 
das im Verlauf der weiteren Erhebungen Anhaltspunkte 
für die Ermittlung des Briefschreibers geben sollte. 

Am 6. November wurde in der Haushaltung des Dr. 
Sch. vom Polizeikommissär nach der weißen Blechkanne 
ohne Erfolg gesucht. Die zwei Kleider, welche die St. im 
Korbe auf den Speicher und wieder zurückgetragen hatte, 
und mit denen nach dem Inhalte der zweiten anonymen 
Zuschrift die fünf Flaschen mit Petroleum zugedeckt ge- 
wesen waren, rochen nicht nach Petroleum. Die St. be- 


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Brandstiftungen einer Hysterischen, 


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stritt, jemals in einer weißblecbenen Kanne Petroleum bei 
Jacobus eingekauft zu haben. Weiter erklärte sie, am 
Samstag, also am Tag vor dem Brande, bei Schiller kein 
Petroleum geholt zu haben; weiter stellte sie es als unmög- 
lich hin, daß sie, ohne es wahrzunehmen, von dem ano* 
nymen Briefschreiber bei ihrem zweimaligen Gange zum 
Speicher habe beobachtet werden können, da der Hund 
ihrer Dienstherrschaft in ihrer Begleitung war und die 
Person daher gemeldet hätte. 

Die Dienstherrschaft der St., Dr. Sch. und seine Gattin, 
stellten dieser ein geradezu glänzendes Zeugnis aus; 
sie ginge keinem Vergnügen nach, unterhalte kein Liebes- 
verhältnis und genieße das unbeschränkteste Vertrauen der 
Herrschaft. In gleicher Weise wurde sie von den Kauf- 
leuten, bei denen sie die Einkäufe zu machen hatte, cha- 
rakterisiert, und auch Rechtsanwalt F. bezeichnete sie als 
ein Mädchen von tadellosem Rufe. 

Am 7. November, tags darauf, fanden sich Dr. Sch. 
und Gattin bei dem Referenten der Staatsanwaltschaft ein 
und gaben ihrer Empörung darüber Ausdruck, daß jemand 
ihre Köchin solch eines schweren Verbrechens hätte be- 
zichtigen können. Sie erklärten, jede Garantie zu über- 
nehmen, und erzählten unter anderem, ein wohlsituierter 
Beamter habe sich seit Jahren um die aus einer guten 
Familie stammende, über ihren Stand gebildete St. beworben, 
sie wolle jedoch mit Rücksicht auf ihre große Nervosität 
nicht heiraten. Hierbei stellte sich auch heraus, daß die 
St wirklich die Absicht gehabt hatte, zu ihren Eltern nach 
Hause zu reisen, daß also der Inhalt des dritten anonymen 
Briefes ebenfalls sich wieder bewahrheitete. 

Am 7. November kam zur Kgl. Polizeidirektion der 
vierte anonyme Brief, lautend wie folgt: 

„Nochmals die sichere Mitteilung, daß Schreiber der 
verschiedenen Briefe sich in letzten Tagen nochmals ge- 
nau erkundigt und erfahren, daß die Köchin des Dr. Sch., 


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82 


Held. 


Sonnenstraße 24, II, wie schon einmal versichert, am 
Samstag, dem 28. Oktober, vormittags etwa 10 Uhr, drei 
Liter Petroleum bei Schiller an der Schwanthalerstraße 
und 3 Liter am Karlsplatz bei Jacobus holte. Am Abend 
des 28. Oktober wollte sie nochmals 3 Liter holen bei 
Schiller an der Schwanthalerstraße, wo aber keines mehr 
vorrätig. Am Sonntag, dem 29. Oktober, etwa 4 Uhr 
nachmittags, holte sie 3 Liter bei Jacobus am Karlsplatz. 
Ferner ist der Schreiber sicher, daß das Mädchen am 
Sonntag, dem 29. v. Mts., in ihrem Korbe, als sie kurz 
vor dem Brande auf den Speicher ging, nicht nur Kleider 
trug, sondern die mit Petroleum gefüllten Flaschen (fünf 
Flaschen), die sie nach ihrem ersten Gang auf den 
Speicher in die Schuttonnen im Hofe warf, die eine hatte 
früher als Inhalt griechischen Wein, die andere Muskat, 
was die Etikette anzeigte, die andern enthielten ebenfalls 
ursprünglich feine W eine. Die Flaschen wurden am 
1. November früh mit den Schuttonnen von den Unrat- 
abfuhrleuten jedenfalls ausgeleert, denn der Schreiber 
sah gegen 10 Uhr am 1. November die Tonnen leer. 
Auch erinnert sich der Schreiber, daß das Mädchen, als 
es die Speicherreihe entlang ging, eine Flasche in der 
Hand trug, die sie zuvor aus ihrem Korbe nahm. Der 
Schreiber entfernte sich, als sich das Mädchen wieder 
von dem hinteren Speicher an der Schwanthalerstraße 
nach der Speichereingangtür wandte. Alle diese Angaben 
kann der Schreiber vor seinem Gewissen und Gott be- 
schwören, er hat auch keinen Grund, dem Mädchen zu 
schaden, er kennt es nicht näher, aber einen solchen 
Brand zu legen ist doch ein Verbrechen, und das Mäd- 
chen beging es sicher.“ 

Es wurden vergebliche Recherchen nach den leeren 
Flaschen unternommen. 

Am 9. November kam zur Kgl. Polizeidirektion der 
fünfte anonyme Brief, lautend: 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


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„Die Köchin des Dr. Sch., die absichtliche Brand- 
stifterin in No. 24 an der Sonnenstraße, wird froh sein, 
daß ihr, wie es scheint, bis jetzt noch nicht nachgeforscht 
worden, was sie mit den 9 Litern Petroleum angefangen, 
die sie am 28. und 29. Oktober gekauft, und wird sie 
nun später gefragt, so kann sie doch angeben, daß sie 
es für Beleuchtung verbraucht Diese Frage, wenn 
an sie sofort gestellt, führte sicher zur Entdeckung 
geschieht es aber noch einige Tage später, so geht sie 
sicher straflos aus, weil anderes ihr nicht bewiesen wer- 
den kann, sie dann einfach angibt: „Das Petroleum habe 
ich für Licht verbrannt“, was sie aber jetzt nicht sagen 
kann, denn der Schreiber hat sich genau erkundigt, daß 
bei Dr. Sch. nur eine kleine Lampe täglich gebrannt 
wird, sie also noch nicht 9 Liter verbrannt haben kann, 
und hätte sie die ganze Nacht mit dieser Lampe Petro- 
leum verbrannt. 

Dies ist das letzte Mal, daß der Beobachter einen 
Wink gibt, seinen Namen kann er nicht nennen, ehe das 
Mädchen nicht festgenommen wird; vielleicht probiert es 
nochmals wo anders Racheakt zu üben durch Brand- 
stiftung und wird dann erwischt, wenn es jetzt straf- 
los ausgeht, vielleicht rührt sich dann die hohe Polizei 
besser.“ 

Es wurden nun Schriftproben zahlreicher Personen er- 
holt, insbesondere von den Kaufleuten Schiller und Jacobus 
und ihren Angehörigen und Bediensteten, schließlich auch 
und hauptsächlich von Maria St. selbst Die Handschrift 
der St. zeigte gegenüber derjenigen des anonymen Brief- 
schreibers einen durchaus verschiedenen Charakter; doch 
glaubte der Referent der Staatsanwaltschaft, der zu diesem 
Zeitpunkt daran dachte, daß etwa gar die St selbst die Briefe 
geschrieben hätte, an einigen Buchstaben Ähnlichkeit zu 
finden, während die Polizeibeamten an eine Identität des 
Briefschreibers mit der Maria St. nicht dachten. Es wurden 


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84 


Held. 


umfangreiche Erhebungen nach der Herkunft des Papiers 
und der Kuverts gepflogen, zunächst ebenfalls ohne Er- 
gebnis. 

Am 14. November wurde auf Antrag der Staatsanwalt- 
schaft die Voruntersuchung gegen Maria St. wegen Ver- 
brechens der Brandstiftung eröffnet. 

Am gleichen Tage traf bei der Kgl. Polizeidirektion 
der sechste anonyme Brief ein, lautend wie folgt: 

„Der Beobachter der Brandstifterin in No. 24 der 
Sonnenstraße rührt sich nochmals, weil er gehört hat, 
daß das beschuldigte Mädchen behauptet, um 3 /*5 Uhr 
abends am 29. Oktober die Speicher seiner Herrschaft 
nicht betreten zu haben, auch die Speichertür, die äußere, 
offen gefunden zu haben angiebt, während die äußere 
Speichertür geschlossen war und von dem Mädchen auf- 
gesperrt und nach ihrem ersten und zweiten Gange auch 
wieder abgesperrt wurde. Ferner betrat das Mädchen 
zwei Speicher, nicht nur den Vorplatz. Der eine lag 
gegen die Schwanthalerstraße, der andere gleich rechts 
beim Eingang durch die eiserne Thür. Nachdem es 
sich in beiden Speichern zu schaffen gemacht, wobei es 
Flaschen in Händen hatte, ging es die Speicherreihe der 
Schwanthalerstraße entlang mit einer Flasche in der 
Hand. Noch wird bemerkt, daß das Mädchen nicht nasse 
Kleider, sondern trockene trug, wenngleich es jetzt sagt, 
es seien frisch gewaschene gewesen. Leider wird ihm 
wohl kaum beizukommen sein, weil alles für es ist“ 

Am 17. November folgte der siebente anonyme Brief, 
folgenden Inhalts: 

„Das der Beobachter der Brandstifterin in No. 24 
der Sonnenstraße diese besser beobachtet als die hohe 
Polizeidirektion, wird beweisen, daß er immer beobachtet, 
daß diese bei Jacobus ein- und ausgeht und immer mit 
Genannten verhandelt wegen des Brandes, hat diese wohl 
auch bestimmt, zu sagen, daß sie sich nicht mehr genau 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


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an die Petroleumholerei erinnern können. Auch hörte 
er, daß das Mädchen bei Jacobus sagte, daß es wahr 
sei, daß es am 28. und 29. Oktober je 3 Liter Petroleum 
holte und 3 Liter bei Schiller, es sich aber über deren 
Verbrauch leicht ausweisen und die Wahrheit nicht zu 
sagen brauche, auch wenn es damit Feuer gelegt hätte ; 
ohne Zeuge könne ihm nichts geschehen. 

Gestern Abend gegen V 28 Uhr war das Mädchen 
wieder bei Jacobus und sagte dort, daß es auf der Polizei 
gewesen sei und sich erkundigt habe, ob es München 
ohne Gefahr der Verhaftung verlassen dürfe, ihm aber 
zur Antwort geworden sei, daß seiner Entfernung nichts 
im Wege stünde. Ich bemerke noch ausdrücklich, daß 
es sagte, wenn es seine Adresse angeben müßte, fiele es 
ihm nicht ein, die richtige zu sagen, sonst würdem ihm 
anderwärts wieder Unannehmlichkeiten bereitet Seine 
Heimat würde es nennen, ginge aber ganz wo anders 
hiu. In der Heimat wird es schon der Schreiber gut 
anmelden, angeben, wie er es beim Brandstiften beob- 
achtet, vielleicht bemüht sich dann die dortige Polizei 
besser und entwickelt mehr Scharfsinn als die Münchener. 
Daß ein Mädchen so raffiniert sein soll, ist gar nicht mög- 
lich. Ich möchte nur wissen, wie es sich über den Ver- 
brauch der 9 Liter Petroleum ausgewiesen. Wenn der 
Schreiber recht gehört hat, wurde das Mädchen nur 
über den Verbrauch von 6 Litern befragt, warum nicht 
über 9 Liter? 

Die hohe Polizei läßt sich ganz famos anlügen; 
hinter dem Mädchen sucht man allerdings ein solches 
Verbrechen nicht Beobachtet das Mädchen nur 
gut, sonst gibt es zum Schluß noch einen 
Kellerbrand, denn dort macht es sich zur Zeit viel 
zu schaffen; äußerte es sich ja auch gestern Abend: 
wenn ich wüßte, daß es für mich schlimm ausginge, 
würde ich die ganze Hütte zuvor noch niederbrennen. 


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86 


Held. 


Erkundigt euch bei Jacobus, ob der Schreiber recht ge- 
hört. Auch fügte es bei: noch lieber würde ich es tun 
wenn der Jude, der F., nichts versichert hätte. Wenn 
dies alles ohne Wert ist, kann der hohen Polizei nichts 
mehr gesagt werden, braucht man sich hier nicht mehr 
zu bemühen, wendet sich darum in die Heimat 
des Mädchens, wenigstens wird dieses dort unmöglich 
gemacht; ich habe es ihr schon mitgeteilt. Dem Mäd- 
chen sieht man die Schuld schon an; während der 
letzten 14 Tage hat sich sein gesundes, frisches Aussehen 
verändert, des öfteren hörte man es laut weinen, zwei- 
mal wurde es vom Schreiber im Keller gehört, wie es 
weinte. Verfolgte Unschuld führt sich nicht so auf, be- 
sonders, wenn man alles auf seiner Seite hat, selbst die 
hohe Polizei, die einen Liebhaber hinter der Sache sucht; 
ein netter Liebhaber, nicht? 

Es ist ein unbescholtener Mensch, der leider durch 
die Umstände gezwungen ist, sich der Infamie des ano- 
nymen Briefschreibens zu bedienen, um das Mädchen, 
das, so wahr Gott im Himmel ist, den Brand gelegt hat, 
wenn möglich zu fangen. 

Das Mädchen sagte gestern noch, daß ihm schon 
Selbstmordgedanken gekommen seien, das wäre ein netter 
Abschluß, nicht? Wen träfe dann in den Augen der Leute 
die Schuld? Niemand anders als die Polizei; es wird 
dann heißen: entweder die Sachen ganz machen, oder 
nicht anfangen. 

Das Mädchen verdirbt durch ihr Hin- und Her- 
plaudern jede Untersuchung, unterrichtet auch den Brief- 
schreiber ganz famos, damit er nicht erwischt wird, 
ehe er sich selbst nennt, das Mädchen ist schlauer als 
wir alle! 

Der Schreiber bedauert nur, daß es ihm unmöglich 
ist, mit Rücksicht auf Dr. Sch. seinen Namen zu 
nennen!“ 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


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Der Polizeikommissär konstatierte, daß in diesem Briefe 
aufs genaueste der Inhalt der Unterredung, die er am 
16. November abends 5 Uhr mit der freiwillig in seinem 
Büreau erschienenen Maria St. gepflogen hatte, wieder- 
gegeben war. Er begab sich am 17. November in den 
Laden des Kaufmanns Jacobus, da er annahm, daß dort, 
sei es in der Person des Geschäftsinhabers Jacobus oder 
der Frau oder der Ladnerin, der anonyme Briefschreiber 
zu suchen sei. Ohne seinem Verdacht Ausdruck zu geben, 
bat er unter einem Vorwände Frau Jacobus um einen 
Bogen Briefpapier mit Kuvert, und siehe da ! er erhielt 
Briefpapier und Kuvert, wie solches beim dritten anonymen 
Brief verwandt worden war. Ohne weitere Handlungen 
in der Richtung gegen Jacobus oder seine Leute vorzu- 
nehmen, suchte er Maria St. auf, die auf Zurredestellung 
erklärte, der letzte Brief gebe tatsächlich genau den Inhalt 
ihrer Unterredung mit dem Kommissär wieder, sie habe 
aber mit niemandem als mit ihrer Dienstherrschaft und 
mit den Kaufmannseheleuten Jacobus sowie deren Ladnerin 
nach dem Besuch bei dem Kommissär gesprochen. Hier- 
nach mußten, da die Dienstherrschaft nach Lage der Sache 
nicht in Betracht kommen konnte, Jacobus oder seine Leute 
für den Briefschreiber gehalten werden. Der Polizei- 
kommissär suchte die Eheleute Jacobus nochmals auf, um 
einige unverfängliche Fragen über den angeblichen Ein- 
kauf des Petroleums mit der weißen Blechkanne an sie zu 
richten. Bei dieser Gelegenheit übergab ihm Frau Jacobus 
einen ihr am 16. November zugegangenen anonymen Brief 
folgenden Inhalts: 

„Frau Kaufmann Jacobus! 

Es ist doch Ihre Pflicht und Schuldigkeit, der Poli- 
zei anzuzeigen, daß die Köchin des Herrn Dr. Sch. 
am 28. und 29. Oktober je 3 Liter Petroleum holte. 
Wie verlautet, gaben Sie beim Verhör an, es nicht zu 
wissen. Das Mädchen leugnet es nicht, also sagen Sie 


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88 


Held. 


es sofort, sonst werden Sie vom Schreiber angeklagt, 
daß Sie eine Unwahrheit gesagt haben, um dem Mäd- 
chen nicht wehe zu tun; dieses hat den Brand gelegt, 
denn es wurde beobachtet“ 

Die vom Untersuchungsrichter vernommene St. bestritt 
die Brandlegung; sie gab zu, am Samstag (Tag vor dem 
Brande) nachmittags für ihren Privatgebrauch 3 Liter Pe- 
troleum bei Schiller gekauft zu haben, weiterhin räumte 
sie ein, daß sie schon am Samstag Vormittag bei Jacobus 
3 Liter Petroleum gekauft hatte. Mit diesem zuerst ge- 
holten Petroleum füllte sie angeblich die kleine Ganglampe, 
das übrige goß sie ebenso wie die zweite Quantität in alte 
Weinflaschen, um einen Vorrat für ungefähr drei Wochen 
zu haben. Am Samstag Abend suchte sie sodann nach 
ihrer Angabe bei Kaufmann Schiller weitere 3 Liter zu 
holen, bekam sie jedoch nicht, wie schon oben erwähnt, 
und kaufte nun für ihre Dienstherrschaft diese 3 Liter Pe- 
troleum am Sonntag Nachmittag bei Jacobus. 

Hiernach hatte sie also an den beiden Tagen zusammen 
9 Liter Petroleum eingekauft. Sie erklärte den Umstand, 
daß sie bisher nur immer von dem Einkauf von 6 Litern 
gesprochen hatte, damit, daß sie bisher nur immer über 
6 Liter gefragt worden sei. Richtig sei, daß sie zur Frau 
Jacobus selbst schon gesagt habe, sie habe sogar 9 Liter 
Petroleum geholt. Das Petroleum habe sie vom Samstag 
auf Sonntag auf dem Küchenbalkon verwahrt, am Sonntag 
aber den Inhalt der Flaschen in den Ausguß geschüttet, 
weil sie doch fürchtete, ihre Dienstherrin könne das Petro- 
leum sehen und ihr Unannehmlichkeiten machen. 

Es wurde nun auch bei Kaufmann Jacobus Tinte be- 
schlagnahmt. Der sachverständige Chemiker erklärte, daß 
diese und die vom anonymen Briefschreiber benützte Tinte 
ganz gleiche Anilin-Schreib- und Kopier-Tinte vorstelle. 

Kaufmann Jacobus wurde zur Erlangung einer wahr- 
heitsgemäßen Aussage als Zeuge eidlich, unter Beachtung 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


89 


des ihm zustehenden Rechtes, auf Fragen, durch deren Be- 
antwortung er sich selbst strafrechtliche Verfolgung hätte 
zuziehen können, die Auskunft zu verweigern, vernommen. 
Er bestritt mit Entschiedenheit, der anonyme Briefschreiber 
zu sein oder diesen zu kennen; er räumte aber ein, daß 
die St. in der Tat am 16. November abends in seinem Ge- 
schäfte gewesen war und von ihrem nachmittägigen Be- 
suche bei dem Polizeikommissär erzählt hatte. Nach An- 
gabe seiner Frau und seiner Ladnerin hätte die St. an 
diesem Abend auch geäußert, wenn die Sache für sie 
schlecht ausginge, würde sie die ganze Hütte niederbrennen 
und sich etwas antun. Die St. sei am Tage darauf, als 
der anonyme Brief an seine Frau gekommen sei, eine 
Viertelstunde später in seinen Laden gekommen, habe er- 
zählt, ihr sei ein anonymer Brief in die Wohnung geworfen 
worden, in welchem stehe, daß Frau Jacobus einen ano- 
nymen Brief bekommen habe. Man habe ihr den ano- 
nymen Brief der Frau Jacobus vorgezeigt, ohne ihn aber 
von ihr lesen zu lassen. Nach 3 Uhr sei die St. wieder- 
gekommen und habe um die Herausgabe des anonymen 
Briefes gebeten, weil ihr Dienstherr ihn der Polizei über- 
geben wolle. Die Herausgabe sei jedoch verweigert und 
der Brief dann dem Kommissär direkt übergeben worden. 

Er führe allerdings solche Briefumschläge, wie ein 
solcher bei dem vierten anonymen Briefe benützt worden 
sei ; er habe jedoch mit den anonymen Zuschriften ebenso- 
wenig zu tun, wie nach seiner festen Überzeugung seine 
Frau und seine Ladnerin. 

Auch Frau Jacobus und die Ladnerin bestritten die 
Urheberschaft an den Briefen. In der Tat wiesen auch 
ihre Schriftproben nicht die geringste Ähnlichkeit mit den 
anonymen Briefen auf. Der Ladnerin hatte die Maria St. 
einige Tage vorher mitgeteilt, daß auch ihrer Dienstherr- 
schaft sehr viel Sachen verbrannt seien, der Wert ginge 
über 5000 M. (Diese Angabe war auf das stärkste über- 


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90 


Held. 


trieben.) Ebenso hatte die Maria St der Ladnerin gegen- 
über bei einem Gespräch über die polizeilichen Erhebungen 
geäußert, es sei eine verdammte Geschichte, wenn nur der, 
der die Briefe schreibe, aufkäme, oder wenn nur derjenige, 
der etwas wisse, es der Polizei selbst mitteilen möchte. 
Die Ladnerin erzählte weiter, an dem Abend des 16. No- 
vember, an dem die Maria St. nach dem Besuch bei dem 
Polizeikommissär sich noch im Laden des Jacobus ein- 
gefunden hatte, habe diese die Äußerung fallen lassen: 
„Wenn sie mich wollen, sollen sie mich suchen!“ Dazu 
habe sie auffallend gelacht Dagegen erklärte die Ladnerin, 
daß andere in dem letzten anonymen Briefe enthaltene 
Mitteilungen über angebliche Äußerungen der Maria St. bei 
dem fraglichen Besuche nicht zutreffend seien. 

Während sich diese Vernehmungen abspielten, lief am 
24. November bei der Polizeidirektion München eine neue 
anonyme Zuschrift ein, folgenden Inhalts: 

„Gestern zwischen 6 und 7 Uhr abends machte das 
der Brandstiftung beschuldigte Mädchen von Sonnen- 
straße 24 wieder größeren Petroleumeinkauf; es wurde 
mehrmals, drei- bis viermal, mit der Petroleumkanne, 
von der Landwehrstraße kommend, gesehen.“ 

Am 28. November, morgens 8 Uhr, wurde der Unter- 
suchungsrichter in das Anwesen Haus No. 24 an der 
Sonnenstraße unter der Mitteilung gerufen, daß neuerdings 
ein Brand in dem Anwesen entstanden war. Er erfuhr 
an Ort und Stelle, daß der Brand im Kellerraum des 
praktischen Arztes Dr. Sch., also des Dienstherrn der Maria 
St., entstanden, aber sofort wieder gelöscht worden war. 
Maria St. wurde sofort festgenommen. Die erste Ver- 
fügung des Untersuchungsrichters war die Anordnung einer 
vorläufigen Untersuchung derselben durch den Oberarzt 
der Irrenanstalt. Die noch am gleichen Tage vernommene 
St. stellte die beiden Brandlegungen hartnäckig in Abrede. 
Sie war jedoch in dem letzten Falle, wie sich sofort heraus- 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


91 


stellte, von einem im Hanse beschäftigten Arbeiter be- 
obachtet worden, als sie an der zum Keller führenden Tür 
stand und spähend gegen den Hof zu sich umsah. An 
der Täterschaft konnte nach Lage der Sache ein Zweifel 
nicht mehr bestehen, da eine dritte Person nicht unbe- 
obachtet in den Keller und aus dem Keller hätte gelangen 
können. 

Die Erhebungen über den bisherigen Lebenslauf der 
Maria St. führten zunächst, bis zu dem weiter unten zu 
erwähnenden Brief ihrer Mutter, zu keinem schlüssigen Re- 
sultat Noch vor Eintreffen dieser Erhebungen äußerte 
sich jedoch der Oberarzt der Irrenanstalt dahin, daß das 
Verhalten der St. einen entschieden hysterischen Zug zeige. 
Das Motiv der Tat könne nach bisheriger Auffassung nur 
der Haß gegen den Hausbesitzer Rechtsanwalt F. sein. 
Dieser äußerst intensive Haß stehe jedoch mit der Ursache 
in keinem normalen Verhältnis. Er begutachtete die Ein- 
schaffung der Maria St. in die Irrenanstalt zu einer sechs- 
wöchigen Beobachtung. 

Maria St. war am 8. Dezember 1875 geboren und 
in einem kleinen württembergischen Orte als Tochter eines 
Straßenbaumeisters aufgewachsen. 

Bei dem praktischen Arzt Dr. Sch. stand sie seit 1. Mai 
1899 als Köchin in Stellung. Wie bereits oben erwähnt» 
galt sie diesem als Muster eines Dienstmädchens. Im Alter 
von 22 Jahren war sie als Dienstmädchen in Ludwigs- 
hafen bei einem Fabrikdirektor gewesen; sie galt dort als 
eine stille, ruhige Natur, die jedoch immer einen besonde- 
ren Stolz und Zurückhaltung gezeigt habe. Ihr Verhalten 
wurde als überaus lobenswert geschildert. Im Jahre vor- 
her war sie einen Monat in einer Dienststellung gewesen; 
ihre damalige Dienstherrin äußerte, sie habe sie nicht für 
ganz normal gehalten, so habe dieselbe, auch wenn sie 
nur einen anderen Rock anzog, die Schlüssellöcher ihrer 
Kammer verstopft, damit sie von niemandem hätte beob- 

Der Pitaval der Gegenwart. IV. 7 


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92 


Held. 


achtet werden können. Sie sei sehr solid gewesen, sehr 
viel in die Kirche gegangen und habe sich als sehr hoch- 
mütig gezeigt; aus dem Dienst sei sie entlassen worden, 
weil sie gegen die Kinder sehr roh gewesen sei und die- 
selben wegen jeder Kleinigkeit geschlagen habe. 

Ein Vetter der .Maria St., ein katholischer Geistlicher 
im Württembergischen, bei dem die St vierzehn Monate 
lang als Köchin tätig gewesen war, stellte ihr ebenfalls 
das Zeugnis der größten Pflichttreue und des muster- 
haftesten Verhaltens aus. Es sei ihm von einer früheren 
Dienstherrschaft mitgeteilt worden, die Maria St sei in ge- 
ringem Maße nervös. 

Im übrigen erklärte er es für unmöglich, daß seine 
Verwandte den Brand in beiden Fällen gelegt haben könne. 

Die Untersuchungen zur zweiten Brandlegung ergaben 
mit erdrückender Evidenz die Täterschaft der Maria St, 
doch suchten die Angehörigen, welche an die Unschuld 
derselben fest glaubten, immer noch die Untersuchungs- 
behörden von der Haltlosigkeit des Verdachtes zu über- 
zeugen. Die Angeschuldigte selbst schrieb aus dem Ge- 
fängnis am 10. Dezember einen Brief an ihre bisherige 
Dienstherrin, Frau Dr. Sch. In demselben kam folgender 
Passus vor: 

„Gestern wurde mir eröffnet, daß ich zur Beobach- 
tung in den nächsten Tagen der Irrenanstalt übergeben 
werde, zuvor aber die Aufstellung eines Rechtsanwaltes 
notwendig sei, bezw. wurde mir ein Rechtspraktikant 
Dr. Maier aufgestellt, wogegen ich aber ganz entschieden 
protestiere, nachdem, wie mir mein Vetter mitgeteilt, 
dem Herrn Untersuchungsrichter erklärt wurde, daß mir 
von meinen Angehörigen ein Rechtsbeistand bezahlt 
würde, mir darum auch die Wahl eines solchen zusteht. 
Daß es zu einer Schwurgerichtsverhandlung kommt, 
wurde mir früher nicht gesagt, es wurde darum auch 
kein Rechtsanwalt gewählt. 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


93 


Bitte Sie, verehrteste Frau Doktor, meinen Vetter 
sofort, wenn möglich telegraphisch, hierherzurufen. Bitte 
meinen Vetter, mich zu besuchen, ehe er sich zu einem 
Rechtsanwalt begiebt, weil ich Wichtiges zuvor mit ihm 
besprechen will. Sollte er nicht zu mir gelassen werden, 
so bitte ich, ihm mitzuteilen, daß ich absolnt keinen 
Juden als Beistand haben will.“ 

Am gleichen Tage richtete sie einen Brief an ihre 
Eltern, in welchem folgende Stelle vorkam: 

„ um Euch einiges von meiner schlimmen 

Lage zu berichten, Euch zu schonen bezw. ohne Mit- 
teilung zu lassen, würde doch wohl Eure Sorge ver- 
größern. Eine Schwurgerichtsverhandlung steht mir be- 
vor; Ende Januar oder März. In den nächsten Tagen 
soll ich der Irrenanstalt zur Beobachtung meines Geistes- 
zustandes übergeben werden, so wurde mir gestern er- 
öffnet; daß ich kein Narr bin, wird sich sofort finden. ‘‘ 

Dieser letzte Brief an die Eltern rief wohl die folgen- 
den Mitteilungen der Eltern hervor. Dieselben erklärten 
nämlich unter dem 16. Dezember vor ihrem heimischen 
Schultheißamt folgendes: 

„Unsere jetzt 24 Jahre alte Tochter Maria St. ist mit 
einem scharfen Verstände begabt und ist geistig sehr auf- 
geweckt. 

Sie hat in der Schule recht gut gelernt und hat immer 
Neigung zu ernster, den Geist stark in Anspruch nehmen- 
der Lektüre gezeigt. 

Irgendwelche Abnormitäten an ihrem Geisteszustände 
haben wir nie wahrgenommen. 

In ihrem Charakter äußerte sich stets ein strenger 
Rechtlichkeitssinn als Folge ihrer guten religiösen Er- 
ziehung. Was sie nach ihrer individuellen Überzeugung 
einmal als richtig erkannt hatte, suchte sie energisch durch- 
zuführen. Umgang mit Altersgenossinnen hat sie nie ge- 


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94 


Held. 


pflegt oder gesucht, ebenso vermied sie meistens den Be- 
such öffentlicher Unterhaltungen und Lustbarkeiten. 

Sie besitzt ein zartes, leicht empfängliches Gemüt, 
namentlich war ein reges Mitgefühl für fremdes Leid an 
ihr wahrnehmbar und war sie jederzeit bereit, ihren Neben- 
menschen im Notfälle helfend beizuspringen. Ihr ganzes 
Wesen war übrigens mehr zurückhaltend als offen. 

In ihrem Verhalten konnte sie mitunter etwas Starr- 
sinn an den Tag legen; sie war namentlich sehr beharr- 
lich in ihren Plänen, die sie gefaßt und als heilsam er- 
probt zu haben glaubte. 

Im übrigen aber gab ihr Verhalten uns und anderen 
keinen Anlaß zu Tadel. 

Bis jetzt sind uns Klagen über sie von dritter Seite 
nicht zugekommen. 

Vorgelesen, genehmigt, unterschrieben. 

gez.: A. St. 

Die Ehefrau Straßenmeister St. wünscht ihrerseits noch 
den Zusatz niederzuschreiben, daß ihre Tochter Maria, 
welche sieb in einem nervösen Zustande befinde, zur 
Schwermut hinneige, daß ihre Körperkräfte gering seien 
und ihr Gesundheitszustand schon im frühesten Alter zu 
allerlei Bedenken Veranlassung geboten habe.“ 

Am 28. Dezember wurde die Angeschuldigte zur Be- 
obachtung in die Irrenanstalt eingeschafft. Noch bevor 
am 7. Februar 1900 das Gutachten des Psychiaters er- 
stattet wurde, lief von der besorgten Mutter des Mäd- 
chens der folgende charakteristische Brief vom 31. Januar 
1900 ein: 

„Bei unserer Vernehmung hier glaubten wir wich- 
tige, aber für unsere Tochter Maria demütigende und für 
die ganze Familie traurige Umstände nicht angeben zu 
sollen, da wir überzeugt waren, daß Marias Unschuld 
auch ohnehin an den Tag käme. 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


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Wir halten Maria eines solch furchtbaren Ver- 
brechens nicht fähig, doch ist es uns jetzt, nachdem uns 
durch Maria die Mitteilung ihrer Verweisung an eine 
Irrenanstalt wurde, unmöglich, über den Geisteszustand 
Marias aus ihrer Kindheit und Jugendzeit zu schweigen. 

Ich war bei meiner Vernehmung fest entschlossen, 
dem Beamten alles mitzuteilen, aber das feste Vertrauen, 
daß Marias Unschuld in kürzester Zeit sich herausstelle 
und ich dann unnötigerweise Maria und die ganze Fa- 
milie bloßstelle, veranlaßte mich, zu schweigen. 

Maria hatte schon in der ersten Kindheit Anfälle, 
die ich nicht anders als mit dem Volksausdruck Gichter 
zu bezeichen weiß. Diese Krankheit soll, wie ich von 
meiner Mutter bei diesem Anlasse erfuhr, in der Familie 
meines Vaters unter den Kindern aufgetreten sein und 
Todesfälle herbeigeführt haben. Ich selbst soll in den 
ersten Kinderjahren diese Krankheit in leichtem Grade 
gehabt haben. Mit 14 Monaten hatte Maria eine Brust- 
und Rippenfellentzündung zu überstehen und, obwohl 
vom Arzte schon aufgegeben, überstand sie die Krank, 
heit, doch blieb ihr stets große Schwäche und Atemnot 
zurück, dem ich hauptsächlich zuschrieb, daß Maria 
häufig von den sog. Gichtern befallen wurde und noch 
im Jahre 1889, wobei sie über plötzliche Rückenschmerzen 
klagte, vorübergehend bewußtlos wurde. 

Dann verletzte sich Maria durch einen Fall vom 
Stuhl herab an der Kante eines eisernen Ofens schwer, 
so daß sie lange Zeit, selbst nachdem die Schürfungen 
an den Rückenwirbeln geheilt waren, noch über Schmer- 
zen im Rücken klagte. Bei diesem Fall erhielt sie auch 
eine mindestens 6 Zentimeter lange, tiefe Wunde unten 
am Hinterkopf, die ungern heilte und sich noch bemerk- 
bar machte, solange Maria noch bei uns zu Hause war, 
bis gegen 95, wo sich das Haar an der Narbe verklebte 
und sie sich öfters ganze Strähnen Haare an dieser 


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Held. 


Stelle ausschnitt, wenn sie nicht fremde Hilfe zum ordnen 
nehmen mochte. 

Diese Verletzung fällt in die Zeit von 1882 — 1883, 
genauer vermag ich es nicht anzugeben, ich rechne nach 
der Zeit, in der der Ofen in ein anderes Zimmer ver- 
setzt wurde, was ums Jahr 1883 geschah, und 1881 be- 
zogen wir diese WohnuDg. 

Dieser Verletzung schrieb ich später vielmals Marias 
krankhafte Aufgeregtheit und die Anfälle von Bewußt- 
losigkeit zu. Maria hatte großen Lerneifer und gute Be- 
gabung. Wir hofften, ihr durch gute Schulbildung eine 
bessere Lebensstellung schaffen zu können, und schickten 
sie von Frühjahr 1889 — 1891 in die höhere Töchter- 
schule, wo sie nach einem Jahre die Aufnahmeprüfung 
zur 3. Klasse machte. Sie lernte mit großem, fast krank- 
haftem Eifer ; der Tag genügte ihr nicht, Nächte hindurch 
las sie in ihren Schulbüchern, so daß wir dagegen ein- 
schreiten und schließlich strafen mußten. Als ich ihr 
das Licht entzog, verwendete sie jeden Kreuzer dazu, 
sich selbst Öl oder Licht anzuschaffen. 

Dies veranlaßte meinen Mann, sie aus der Schule zu 
nehmen, denn er behauptete, ihr aufgeregtes Wesen und 
der damit verbundene Eigensinn sei eine Folge ihres 
unsinnig betriebenen Lernens. Ich nahm sie dann ins 
Hauswesen, zu dem sie sich nicht bequemen wollte, um 
dann schließlich in eine wahre Putz- und Scheuerwut, 
wie es mein Mann oft nannte, auszuarten oder zu ver- 
fallen. Sie besuchte auch 3 /i Jahre die hiesige Frauen- 
arbeitsschule, wo sie trotz guten Willens nur wenig Ge- 
schick hatte, worüber sie sich oft selbst anklagte. 

Im Frühjahr 1893 schickten wir sie, um Kochen 
zu erlernen, nach Beuren im Donautal. Dort verfiel sie 
fast in Trübsinn; wir erhielten Nachrichten darüber und 
holten sie heim, wohin sie nur ungern folgte. In diese 
Zeit fällt eine Mitteilung des Benediktiner-Paters Johannes 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


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Blessing, jetzt in Maria-Laach am Rhein, dahingehend, 
ein Pater, der früher Maria gekannt, sei bei ihrem An- 
blick erschrocken und habe die Befürchtung ausge- 
sprochen, Maria werde in nicht zu ferner Zeit in eine 
Heilanstalt für Gemütskranke gebracht werden müssen. 

Damals hegten wir schon Verdacht, Maria tue sich 
selbst ein Leid an. Zu Beginn des Jahres 1894 wurde 
Maria immer unruhiger und suchte sich ohne unser 
Wissen durch die Zeitung eine Stelle als Dienstmädchen 
in Metz. Alles Bitten, alle Vorstellungen, daß sie ja 
besseres leisten und in einem Geschäft eine passendere 
und besser bezahlte Stelle haben könne, wenn sie durch- 
aus fort wolle, halfen nichts. Am 2. Februar 1894 trat 
sie den Dienst an, traf es aber sehr schlecht; schon vor 
ihr konnte in dieser Stellung kein Mädchen aushalten. 
Auf Verwenden von bekannten Persönlichkeiten kam sie 
in ein feines Haus zu Ingenieur U. nach L. Sie schrieb 
zufrieden, und die Herrschaft war ebenfalls zufrieden 
mit ihr. Plötzlich erhielten wir in den ersten Tagen des 
April die telegraphische Anfrage der Herrschaft, ob Maria 
heimgekommen sei. Briefe und Depeschen gingen hin 
und her, bis man uns telegraphierte, sie sei in Sigols- 
heim bei Kolmar, ich solle sie holen. Maria batte nach, 
ihrer Entfernung aus dem Hause eine Nacht in der 
Peterskirche zu Straßburg zugebracht, dann war sie nach 
Sigolsheim und hatte sich dort, völlig erschöpft, bei dem 
ihr bekannten, von hier gebürtigen Kapuziner -Pater 
Ambrosius Langenstein eingestellt, der sie sofort zu 
Schwestern in das Spital nach Kinzhcim verbrachte, uns 
aber benachrichtigte, sie abzuholen, weil er für ihren 
aufgeregten Zustand fürchtete. Damals fürchtete unser 
Stadtpfarrer, Geistlicher Rat H., wie ihre Herrschaft mit 
uns, sie habe sich ein Leid angetan. 

Ich brachte Maria in trostloser Stimmung heim. 
In diese Zeit fällt es, daß unser Stadtpfarrer, Geist- 


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Held. 


licher Rat H., wiederholt Bedenken über Marias 
geistige Gesundheit aussprach. Es kam öfter zu pein- 
lichen Auftritten in der Familie, und Maria kam außer 
sich, wenn sie mein Mann einen Narren nannte, denn nur 
in einem kranken Gehirn könne solcher Eigensinn und 
solche Wut gegen sich selbst entstehen. Maria verschmähte 
fast alle Speisen, sie aß stets ungenügend schon früher, 
und Fleischspeisen hatte sie manches Jahr schon nicht 
mehr genossen. All unser Bitten half nichts. Damals fiel 
ihre geistige Verfassung auch andern Personen auf, und 
nicht selten wurden uns Andeutungen gemacht. Dabei 
arbeitete Maria rastlos und über ihre Kräfte, so daß 
man nicht selten auch da Einhalt tun mußte. Als Maria 
im Jahre 1894 darauf bestand, in den Dienst zu gehen, 
sprachen wir mit unserm Arzt, Herrn Dr. W., jetzt in 
Schwäbisch -Gmünd. Dieser riet uns: lassen Sie sie 
ziehen, vielleicht wird’s besser; sie ist aber etwas hy- 
sterisch. 

Wir lebten in beständiger Angst um Maria. Im 
Jahr 1894 beging Maria einen Selbstmordversuch in unse- 
rer Wohnung. Ich hatte aus der Apotheke zum Töten der 
Ratten Gift bezogen und einen Rest in einer Schatulle 
in der meist versperrten Kommode aufbewahrt. Jeden- 
falls habe ich den Schlüssel einmal, wie öfter, zur Ent- 
nahme von etwas Notwendigem abgegeben und Maria hat 
das Gift entnommen. Marias Unwohlsein fiel mir auf, 
und bei Gelegenheit vermißte ich das Gift. Auf meinen 
Vorhalt gestand sie es ein. 

Sie war in der Zeit so schwermütig und unglück- 
lich, daß es uns Mitleid abnötigte. 

Im Jahre 1895 bestand sie darauf, wieder in Dienst 
zu gehen, und trotzdem ihr in Nürnberg eine ihren Fähig- 
keiten entsprechende, für sie passendere Stelle besorgt 
worden wäre, nahm sie wieder eine Stelle als Dienst- 
mädchen bei Pfarrer Sch. an. 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


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Dort war man mit ihr sehr zufrieden; überhaupt 
sind uns nie aus ihrer Dienstzeit Klagen zugegangen. 
Stets wurden ihre Treue, aufopfernder Fleiß und sittliches 
Betragen betont Von 1895 ab war Maria hie und da 
auf kurze Zeit zu Hause. 

Mit Marias Dienstherrschaften stand ich nicht in 
Verkehr und kann Uber die Zeit nach 1895 über Maria 
wenig sagen. Mit Liebe sorgte sie für ihre Geschwister 
und unterstützte sie kräftig von ihrem Lohn. Ich lebte 
in beständiger Angst um Maria und versuchte immer 
wieder, so auch ehe sie nach München ging, sie in 
unsere Familie zurückzubringen. Aber sie wollte arbeiten 
und zeigen, daß sie auf eigenen Füßen stehen könne. 

Eines muß ich noch erwähnen. Wenn die Rede auf 
ihre Krankheit in der Kindheit kam, konnte sie mir mit 
Weinen sagen: o Mama, warum hast du mich auch da- 
mals so gepflegt, warum hast du mich nicht lieber 
sterben lassen. Ihr Trübsinn und ihre Schwermut machten 
sie bedauernswürdig, umsomehr, da sie niemandem 
etwas zu Leide tat, sondern überall zu helfen bestrebt 
war; nur gegen sich selbst war sie hart. 

Ich erlaube mir, hier die Namen der Zeugen zu 
nennen, die mit Maria verkehrten, und bitte ebenso 
dringend als ganz ergebenst, wenn es nötig erscheint, sie 
an zugehöriger Stelle ganz gefälligst vernehmen lassen 

zu wollen Ich fürchte allerdings, daß ich den 

Persönlichkeiten bitteres Leid durch meine Heranziehung 
zufüge, aber ich vermag mir ja nicht anders zu raten ; 
bis jetzt hoffen wir täglich und stündlich, das entsetz- 
liche Dunkel werde sich lichten, und Marias Unschuld, 
an die wir fest und zuversichtlich glauben, werde sich 
heraussteilen.“ 

Am 7. Februar 1900 wurde von dem Oberarzt der 
Kreis-Irrenanstalt München ein abschließendes Gutachten 
erstattet, aus welchem folgendes hervorgehoben sein mag: 


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Held. 


„Die Anamnese ist auf die in den Akten enthaltenen 
Angaben angewiesen. 

Über Erblichkeit ist nichts zü eruieren; die Eltern 
leben und sind gesund; die Familie ist bigott; nach An- 
gabe der Patientin befinden sich drei von sieben Geschwistern 
im Kloster (zwei Brüder und eine Schwester); ein Bruder 
trägt sich mit der Absicht, ins Kloster zu gehen. 

Maria St. selbst war nach Angabe der Mutter stets 
körperlich schwächlich, ihr Gesundheitszustand gab schon 
in frühesten Jugendjahren zu vielerlei Bedenken Anlaß. 
Sie war geistig geweckt, lernte in der Schule leicht; Um- 
gang mit Altersgenossinnen hat sie nie gepflogen, vermied 
öffentliche Lustbarkeiten, war immer zurückhaltend; sie sei 
nervös und zu Schwermut geneigt, in ihrem Verhalten 
konnte sie mitunter etwas Starrsinn an den Tag legen. 

Pfarrer Sch., bei welchem sie diente, nennt sie gemüt- 
lich nicht vollkommen normal, sie mache einen „melancho- 
lisch-gedrückten Eindruck“. 

Pfarrer St. (Cousin der Maria St.) bestätigt, daß sie 
ein zurückgezogenes Leben geführt habe, zu Unbeständig- 
keit und Launenhaftigkeit geneigt und nervös leicht erreg- 
bar sei. 

Die zu Protokoll genommenen Angaben einer früheren 
Dienstherrschaft bestätigen, daß sie einen soliden zurück- 
gezogenen Lebenswandel geführt, viel in die Kirche ge- 
gangen sei und viel auf ihre Ehre gehalten habe; sie habe 
sich auf ihre Person sehr viel eingebildet und sei sehr 
hochmütig gewesen; aus dem Dienst sei sie entlassen 
worden, weil sie gegen die Kinder roh war, diese bei ge- 
ringfügigen Anlässen arg geschlagen habe. 

Die ehemalige Dienstherrschaft Bl. gibt an, daß die 
St. große Frömmigkeit gezeigt habe, alle 14 Tage bis vier 
Wochen zur Beichte und Kommunion gegangen und keinen 
Sonntag die Kirche versäumt habe; auffallend sei ihr 
großer Ehrgeiz gewesen. Rechtsanwalt F. „weiß vom 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


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Hörensagen, daß die andern Dienstmädchen in seinem 
Hause sich über das hochmütige Benehmen der St. be- 
klagten“. 

Status bei der Aufnahme. 28. XII 1899. 

St. wird vom Referenten auf der Abthlg. II an einem 
Fenster, abseits von den andern Kranken, das Gesicht in 
der Schürze verbergend, angetroffen; auf Anrede schreckt 
sie heftig zusammen, bricht in Weinen aus, verhüllt sofort 
wieder ihr Gesicht und gibt lange keine Antwort; schließ- 
lich fertigt sie unter einer unwilligen Körperbewegung den 
Arzt mit den gereizt und ungeduldig vorgebrachten Worten 
ab : „Ich bin in unzähligen Verhören genug gemartert worden, 
ich lasse mich jetzt nicht auch noch von einem Arzt maltrai- 
tieren und kujonieren, ich sage kein Wort mehr, als ich 
dem Richter angegeben habe;“ ist weiter zu keinem Wort 
mehr zu bewegen. 

St. ist eine sehr schmächtig gebaute und mangelhaft 
entwickelte Person; der Schädel ist klein, das Gesicht sehr 
schmal und abgehärmt; die Zähne sind unregelmäßig ge- 
stellt, defekt, die Pupillen sind stark erweitert, reagieren 
prompt auf Lichteinfall, die Gesichtsfarbe ist blaß. Einer 
weiteren körperlichen Untersuchung, Prüfung der Reflexe, 
Untersuchung der inneren Organe, ist sie, anscheinend aus 
übertriebener Schamhaftigkeit nicht zugänglich, protestiert 
entrüstet dagegen. 

29. XII Sie vermeidet es, den Referenten 

anzusehen, gibt mit niedergeschlagenen Augen und in 
widerwilligem indignierten Tone Auskunft. Sie leugnet 
entschieden die beiden Brände gelegt und die anonymen 
Briefe geschrieben zu haben ; sie „müßte ja tatsächlich ver- 
rückt sein, wenn sie das letztere getan hätte.“ Uber die 
Person des Briefschreibers will sie keine Vermutung haben; 
wahrscheinlich erscheine es ihr, daß Rechtsanwalt F., mit 
dem sie einmal ein Renkontre gehabt, bei welchem sie ihn 


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102 


Held. 


derb angelassen habe, diese Briefe habe schreiben lassen, 
von ihm gehe die ganze Hetze gegen sie aus.“ Der Brand sei 
jedenfalls durch Kurzschluß der elektrischen Leitung auf dem 
Speicher entstanden; in diesem Falle werde dem Geschädigten 
der Schaden nicht vergütet, er habe also ein Interesse daran, 
einen Brandstifter aufzutreiben ; daß die Wahl auf sie fiel, 
habe sie wohl seinem Haß gegen sie zu verdanken.“ Auf 
Vorhalt der hauptsächlichsten Tatsachen, auf welchen sich 
der Verdacht der Brandstiftung gegen sie stützt, schweigt 
sie, wendet sich trotzig ab : „man soll mich dann nur ein- 
sperren, mir ist es gleich, ich werde wissen, was ich zu 
tun habe!“ 

30 „fühlt aus dem Tone des Referenten 

Spott und Hohn heraus, repliziert oft in geringschätziger 
gereizter Weise. Der Ref. habe sie vor den anderen Kranken 
komprommitiert, weil er laut mit ihr über das ihr zur 
Last gelegte Verbrechen gesprochen habe; die anderen 
sähen sie jetzt darum an und machten beleidigende Be- 
merkungen über sie.“ 

Sie würde aber dem Ref. auch unter vier Augen keine 
Antwort mehr geben, jedem anderen eher, „weil sie nicht 
mag.“ 

10. I. Dem Referenten gegenüber immer gereizt und 
geladen, betrachtet ihn mit giftigen Blicken. Bricht mit 
wenigen Worten unwillig die Unterredung ab, immer mit 
der Äußerung: „Ich brauche keinen Spott!“ Verweigert 
darauf eigensinnig auf alle Fragen die Antwort, läuft 
zornig weg; hat Nachts sehr unruhig geschlafen. Die 
Nahrungsaufnahme ist zur Zeit zufriedenstellend. 

12. Äußerte einer anderen Kranken gegenüber, sie 
werde sich umbringen, wenn sie verurteilt werde, die 
Schande könne sie nicht ertragen; ihre Brüder müßten 
jedenfalls aus den Ordensgemeinschaften austreten, wenn 
sie als Brandstifterin gebrandmarkt würde 

21. Hat nachts sehr unruhig geschlafen, 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


103 


sich oft herumgeworfen; sieht blaß aus, ist gereizt, giftig 
abweisend, stampft mit dem Fuße, als Ref. mit Fragen 
in sie dringen will, läuft unwillig weg. 

29. Hat wenig gegessen und wenig ge- 
schlafen. Bleibt zu Bette, fühlt sich wohler, (die Diarrrhoen 
haben aufgehört); Pat. klagt über stechende Schmerzen in 
der rechten Ovarialgegend ; solche Schmerzen stellten sich 
nach ihrer Angabe immer ca 8 Tage nach einer Menstru- 
ation ein. Temperatur morgens 36,4 abends 36,5. Ist 
gegenwärtig auffallend mild gestimmt, läßt sich aber trotz- 
dem zu keinem Zugeständnisse herbei; verließ nachmittag 
das Bett. 

30. Jänner 1900. 

Beim Beginn einer längeren Unterredung heute ge- 
steht die St. auf Aufforderung, sich auszuspre- 
chen und zu erleichtern, sofort die beiden Brand- 
stiftungen unumwunden zu. ebenso die Abfas- 
sung derbei den Akten befindlichen anonymen 
Briefe. Sie erklärt jedoch, es sei nicht Rache gegen den 
Rechtsanwalt F. gewesen, sondern ein ganz anderes Motiv, 
das sie nicht nennen könne, sie hätte in jedem anderen 
Haus angezündet, selbst bei ihren Eltern. Auf Eindringen 
erklärt sie weiter : sie habe gewollt, daß die Sache schlimm 
für sie ausgehe. Sie habe den zweiten Brand im Keller 
gelegt in der Meinung, es könne vielleicht durch eine Gas- 
explosion ein größeres Unglück geben; sie habe gedacht, 
die Sache sollte recht unglücklich ausgehen, vielleicht 
Menschenleben kosten. Wenn jemand das Leben dabei 
verloren hätte, hätte ihr wohl die Person leid getan, der 
Effekt wäre ihr aber recht gewesen, mit dem jetzigen 
Effekt sei sie nicht zufrieden. Beim ersten Brande habe 
sie im Auge gehabt, daß vielleicht die Hausmeisters, die 
am Speicher wohnen sollten (damals allerdings noch nicht 
eingezogen waren, wie sie später erfuhr) umkommen sollten, 
auch habe sie gedacht, das Dienstmädchen der im vierten 


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104 


Held. 


Stock wohnenden Familie 0., das mit zwei kleinen Kindern 
zu Hause war, könnte dabei mit den Kindern, oder wenig- 
stens einem von diesen um kommen. 

Zögernd, aber doch mit aller Kälte und Ruhe macht 
sie diese Angaben, aber erst nach längerem Zureden ist sie 
zu weiterer Aussprache zu bewegen. 

Sie habe sich schon oft etwas antun wollen, trage 
sich seit Jahren mit Selbstmordgedanken, habe aber nie 
den Mut dazu gehabt. Darum habe sie angezündet, damit 
Menschen dabei zugrunde gingen und damit sie alsdann 
zum Tode verurteilt würde. 

Darum sei sie auch mit dem Effekte des ersten Brandes 
nicht zufrieden gewesen, sie habe aber den Verdacht durch 
anonyme Briefe auf sich gelenkt, damit nicht ein Un- 
schuldiger verdächtigt würde. Sie habe auch eine Zeit 
lang an Selbstanzeige gedacht, allein ihre Eltern hätten sie 
gereut Als sie mit Sicherheit erfahren, daß Brandstiftung 
mit Gefährdung von Menschenleben zu einem Todesurteil 
nicht genüge, habe sie noch einmal angezündet Ihre 
Großmutter, die noch in Nürnberg lebe, habe ein Testament 
zu ihren Gunsten gemacht und dieses Geld habe sie den 
etwaigen Hinterbliebenen beim Brande umgekommener 
Opfer zuwenden wollen. Der Gedanke, daß sie Menschen 
töte, hätte sie nicht abhalten können, das habe sie gewollt 
und seit Jahren geplant. 

An Selbstmord denke sie schon seit ihrem zwölften 
Jahre. Mit zwölf Jahren habe sie schon einmal Phosphor- 
zündholzköpfe hergerichtet, aber nur eine kleine Quantität 
genommen, es sei ihr nicht recht ernst gewesen, sie kam 
mit einer kleinen Magenverstauchung davon. Mit 16 Jahren 
habe sie sich wirklich umbringen wollen und ihrer Mutter 
ein Gläschen weggenommen, auf dem „Arsenik“ stand. 
Sie habe davon getrunken, sei auch bewußtlos geworden. 
Die Mutter, welche damals schon wußte, daß sie verstimmt 
und lebensüberdrüssig sei, habe gleich vermutet, daß sie 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


105 


etwas genommen habe, sie habe es aber nicht eingestanden. 
Erst später habe die Mutter das fast geleerte Gläschen in 
ihren Sachen gefunden und sei auf die Wahrheit ge- 
kommen. 

Mit 18 Jahren habe sie einen dritten Selbstmordver- 
such mit Phosphorzündhölzern gemacht, aber nicht energisch 
genug und sich nur den Magen verdorben. 

Den Grund dieses Lebensüberdrusses will sie lange 
nicht nennen, endlich beichtet sie weiter: 

Sie habe immer gemeint, sie komme doch nicht in 
den Himmel, werde verdammt und habe darum bald sterben 
wollen, da nach dem katholischen Glauben ein Unterschied 
in der Höllenstrafe besteht, die umso härter werde, je länger 
einer in Sünden gelebt habe. 

Auf solche Gedanken sei sie durch eine Mission ge- 
bracht worden, der sie im 12. Lebensjahre beiwohnte. 

Schon bei der ersten Beichte im Alter von 9 Jahren 
habe sie schwere Gewissensskrupel gehabt; sie habe trotz 
aller Mithilfe und allen Zuspruchs geglaubt, sie habe et- 
was vergessen, der Geistliche habe sie nicht richtig ver- 
standen, die Beichte sei nicht gültig gewesen. Sie habe 
darum immer wieder, oft dreimal an einem Tage dieselbe 
Beichte abgelegt, an der Richtigkeit der Absolution ge- 
zweifelt und immer stärkere Skrupel bekommen. Die 
Mission habe sie nun furchtbar aufgeregt und in ihr die 
Überzeugung erweckt, sie sei doch verloren und sterbe 
am besten recht bald; daher dann der erste Selbstmord- 
versuch. 

Den Eltern sei es nicht entgangen und sie hätten sie 
scharf überwacht, nachts eingeschlossen. 

In der Folgezeit habe sie nun Generalbeichte über 
Generalbeichte abgelegt, stets mit demselben Erfolg, sie 
seien alle unrichtig und ungiltig gewesen. 

Schließlich im 16. Jahre hätten ihr die Geistlichen 
die fortwährende Wiederholung der Generalbeichte (36 


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106 


Held. 


seien es schon gewesen) verboten und sie einfach aus dem 
Beichtstuhl fortgeschickt. Eine einfache Beichte habe sie 
nicht für gültig ansehen können und darum habe sie seit 
dem 16. Jahre nicht mehr gebeichtet, d. h. sie habe es 
noch mehrere Ostern probiert, eine Generalbeichte abzu- 
legen, sei aber abgewiesen und nur zur einfachen Beichte 
zugelassen worden, habe diese aber als doch nichts helfend 
unterlassen. 

Zweimal habe sie sich entschlossen einfach zu beich- 
ten, sei dann aber vor der Absolution davongelaufen, denn 
sie wäre doch unrichtig gewesen und hätte nichtB geholfen. 
Seit 3 Jahren habe sie keinen Versuch mehr gemacht, zu 
beichten. 

Sie sei protestantisch getauft, wenn auch katholisch 
erzogen. Die Mutter sei protestantisch und sie und ihre 
Geschwister seien in der protestantischen Schweiz geboren. 

Als nun vor 8 Jahren die eine Schwester ins Kloster 
ging, kam die protestantische Taufe auf und sie (die 
Schwester) mußte sich katholisch nachtaufen lassen. Das 
taten auch die andern Geschwister, sie selbst aber nicht, 
da sie fürchtete, es könne wieder nicht recht gemacht 
werden und abermals ein Sakrament bei ihr falsch ange- 
wendet werden. Dieser Umstand habe natürlich viel dazu 
beigetragen, daß sie meinte, sie sei nun doch einmal von der 
Kirche ausgestoßen, und daß sie auch nicht mehr zur Beichte 
ging. Sie habe gemeint und meine heute noch, ein Mord 
sei nicht so schlimm, würde in der Hölle nicht so gestraft, 
als wie 80 Jahre etwa in Sünden leben, 80 Jahre lang 
nicht beichten und kommunizieren. Sie spi von ihren 
früheren Beichtvätern oft gezankt worden, weil sie diesen 
nicht glaubte was sie sagten, und dieselben hätten ihr 
prophezeit, sie käme noch ins Irrenhaus oder verkomme 
noch in Sünde. 

Mit dem Gedanken, Brand zu legen, dabei jemand zu 
töten, um hingerichtet zu werden, habe sie sich schon 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


107 


seit 8 Jahren getragen, sie habe aber auch andere Mord- 
gedanken gehabt und zwar diese zuerst und dann ab- 
wechselnd mit Brandstiftungsabsichten. 

In ihrem 16. Jahre habe sie den Plan gefaßt, eine 
in ihrem Hause lebende alte Frau zu vergiften, sie habe 
gewartet, bis dieselbe sich wegen ihres körperlichen Leidens 
mit den Sterbesakramenten versehen ließ. Sie wollte die- 
selbe dann mit einem Phosphortrunk vergiften, fand aber 
nicht den Mut zur Ausführung; dann dachte sie das Haus 
in Brand zu stecken wenn die Alte allein zu Hause sei; 
„die hätte sich nicht retten können.“ Zufällig habe sie er- 
fahren, daß die Hausleute nicht versichert seien, und das 
habe sie abgehalten. 

Später habe sie in einigen Diensten gedacht, mit dem 
Gas etwas anzufangen und dadurch Menschen zu ersticken, 
diesen Plan aber wegen der schwierigen Ausführung wieder 
fallen lassen. Immer habe sie gedacht, sie wolle ein todes- 
würdiges Verbrechen begehen, weil sie den Mut zum Selbst- 
mord nicht finde. Sie habe nur den Mut zum Giftnehmen, 
„aber zu sonst nichts anderes“, und auch für die Selbst- 
vergiftung konnte sie zu keinem Entschlüsse kommen; 
habe auch immer gefürchtet, es könne vielleicht zum Tode 
nicht genügen und sie könnte wieder davonkommen. 

Ihre Mutter sei gewiß überzeugt, daß sie den Brand 
gestiftet, denn diese wüßte, wie es um sie stehe. Sie habe 
der Mutter selbst schon gesagt „sie fange noch was an, 
damit sie ins Zuchthaus komme“, dabei habe sie gedacht, 
das Leben im Zuchthaus würde sie doch nicht aushalten 
und dort würde sie schon den Mut zum Selbstmord finden. 
Selbstmord und Verbrechen sei gewiß nicht so schlimm 
als jahrelang immer mehr sündigen, nicht beichten, nicht 
kommunizieren. 

Seit 8 Jahren sei sie immer damit umgegangen, „um 
so weit zu kommen.“ 

Sie habe schon bei ihrem Vetter (bei dem sie 10 Mo- 

Der Pitaval der Gegenwart. IV. 8 


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108 


Held. 


nate Haushälterin war, einem Pfarrer) anziinden wollen, 
dort hatten neben nnd um die Pfarrersscheune herum in 
alten schlechten Häusern alte Leute gewohnt, so daß leicht 
eines hätte verbrennen können. Es habe sie nur der 
Vetter gereut. Sie habe aber auch geplant, den Vetter 
mit seinem eignen Revolver zu erschießen; er habe aber 
auf einmal, als ob er etwas gemerkt hätte, den Revolver 
weggeräumt. Eigentlich könne sie mit blanker Waffe nicht 
morden, sie habe nie daran gedacht, jemand zu erstechen, 
aber unzähligemal zu morden mit Gift, durch Brandstiftung. 

Ihrem Vetter, dem Pfarrer, habe sie ihre religiösen 
Gewissensskrupel geoffenbart, dieser aber habe sie nicht 
beseitigen können. Derselbe habe sie in München auf 
der Durchreise einmal in den Beichtstuhl gezwungen, sie 
sei hineingegangen, aber vor der Absolution wieder fort, 
d. h. sie habe eigentlich gar nicht gebeichtet Trotzdem 
habe sie ihn angelogen und gesagt, sie habe gebeichtet, 
und habe am anderen Tag sogar bei ihrem Vetter kom- 
muniziert, ohne Beichte und mit der Lüge auf dem Ge- 
wissen. Sie habe gemeint, es müsse ihr da etwas pas- 
sieren, wenn sie unwürdig kommuniziere, sie müsse tot 
Umfallen. Nachdem nichts passiert sei, habe sie erst recht 
Mordgedanken bekommen, um ihr sündiges Leben so 
wenigstens bald zu enden. 

Sie hätte den Vetter nicht angelogen, nicht unwürdig 
kommuniziert, wenn sie nicht guten Grund gehabt hätte. 
Ohne Beichte und Kommunion hätte sie nicht mehr in 
seinem Pfarrhaus bleiben können, das hatte er ihr bereits 
eröffnet und sie wollte dort bleiben, weil es dort nach den 
obengeschilderten Verhältnissen so leicht möglich war, 
etwas anzustellen, was Menschenleben kostete. 

Das Pfarrhaus mußte sie dann doch verlassen, weil 
sie nicht mehr zur Beichte ging. Sie ging gegen das 
Wissen und Wollen ihrer Eltern nach München und trat 
bei Dr. Scb. in den Dienst. 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


109 


Gerade in den letzten Monaten sei sie voller Wut ge- 
wesen, daß alles verfehlt gegangen und sie noch zu keinem 
Resultat gekommen sei und immer noch lebe. 8 Tage 
vor dem ersten Brand habe sie noch einmal den Ge- 
danken gehabt, es in 14 Tagen noch einmal mit einer 
Beichte zu probieren, diesen Plan aber als unnütz ver- 
worfen. Am Freitag habe sie dann den Plan gefaßt, an- 
zuzünden und zwar am Sonntag abends. Sie habe Pe- 
troleum gekauft, mit 2 Litern an drei verschiedenen Stellen 
getränkt und alle drei Punkte angezündet; als erstes Ob- 
jekt ein altes Sopha in der Speicherabteilung der „Trit- 
scheller“, das sie an einer zerrissenen Stelle mit Petroleum 
tränkte. Der Brand sei viel rascher ausgebrochen und 
entdeckt worden als sie wollte; darum sei auch nichts 
passiert. Sie habe gemeint, die Hausmeisters kommen 
nicht mehr heraus, die müssen ersticken. Diese hätten 
aber noch gar nicht in der Speicherwohnung gewohnt. 

Den zweiten Brand habe sie gelegt, als sie gehört 
hatte, daß nur dann Todesstrafe erfolgt, wenn Menschen- 
leben dabei zugrunde gehen. Sie habe den Keller ge- 
wählt, weil sie auf eine Gasexplosion hoffte. Sie machte 
im Keller ihrer Herrschaft ein Häufchen kleines Holz 
gleich neben den Holz- und Kohlenvorräten, tränkte es mit 
Petroleum und zündete an. Der Effekt sei leider nicht 
genügend gewesen. Sie sei unglücklich gewesen, ihren 
Zweck nicht erreicht zu haben. Sie habe im Gefängnis 
schon an Selbstmord gedacht und werde schon Gelegen: 
heit finden, wenn sie in die Angerfrohnfeste zurückkomme; 
hier habe sie keine Gelegenheit. Nach ihrer Verhaftung 
habe sie sich allerdings aufgeregt, weil sie ihren Zweck 
nicht erreicht habe, sie habe geleugnet, um wieder frei zu 
werden, und gleich beschlossen, dann gehe sie wieder in 
den Dienst und vergifte jemand, irgend jemand, es sei ihr 
gleich wen.“ 

Vorstehende Mitteilung über die Vorgeschichte ihrer 

8 * 


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110 


Held. 


Tat und die Tat selbst machte St. genau in der einge- 
baltenen Reihenfolge und mit den angegebenen, nach- 
stenographierten Worten. Sie läßt sich allerdings Stück 
für Stück zu den einzelnen Mitteilungen drängen, zeigt 
aber eisige Ruhe bei Enthüllung ihrer Mordgedanken und 
nur wenn sie von ihrer religiösen Verdammnis, ihrer jahre- 
langen Gewissenspein spricht, kommen manchmal Tränen. 

Allgemein anamnestisch äußerte sie folgendes: 

Es habe nie jemand sie gemocht und auch sie habe 
nie jemanden gemocht außer die Eltern. Sie habe sich 
immer isoliert, nie eine Freundin gehabt, auch in der 
Schule nicht. Die Leute hätten gesagt, sie hätte einen 
Sparren zuviel im Kopf. Bis zur ersten Beichte sei sie 
ganz ruhig gewesen, dann gingen die Skrupel an. Sie 
habe schon damals gern ins Kloster gehen wollen, aber 
immer die Skrupel gehabt, sie sei dazu nicht fromm genug, 
sie komme nicht ins Kloster, sie werde nicht selig. 

Seit jener Mission im zwölften Lebensjahre habe sie 
sich den Tod gewünscht; fortwährend während all der 
zwölf Jahre seither; sie habe alles mögliche getan, um 
krank zu werden, sei aber nie gefährlich krank geworden. 
Sie habe oft nachgedacht, ob in ihrer Familie etwas vor- 
gekommen sei, ob jemand nicht fromm gewesen sei, ob ein 
Fluch auf ihr laste; sie habe zeitweise gemeint, es sei 
vielleicht ein Fluch, weil ihre Eltern in konfessioneller 
Mischehe leben, sie glaube das aber nicht mehr, sie sei ge- 
wiß selbst an allem schuld, daß es so gekommen. 

Sie habe sich oft ausgemalt, wie es sei, hingerichtet 
zu werden; habe gerne Hinrichtungsberichte gelesen, um 
zu hören, wie es geht und ob es rasch geht; sie habe 
über Hinrichtungen im Konversationslexikon gelesen. Habe 
einmal in Stuttgart durch Vermittelung des ihr bekannten 
Gefängnispfarrers die Aufschlagung des Schaffots sehen 
dürfen. Sie sei in den letzten Jahren allerdings noch in 
die Kirche gegangen, aber nur zum Schein, gebetet habe 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


111 


sie nicht, nie zu Hause, denn sie habe gemeint, es sei ja 
doch umsonst, sie sei schon verstoßen und ausgeschlossen 
von der Kirche. 

Ihr könne niemand helfen, sie sei nicht geisteskrank, 
man solle sie ins Gefängnis zurücklassen, sie wolle ver- 
urteilt werden, dann werde sie den Mut schon finden, der 
ihr bisher gefehlt, vor dem Zuchthaus grause ihr. Nein 
— nein, kein Pfarrer könne ihr helfen, sie sei verstoßen 
für immer, sie könne nur daran denken, ihre Höllenqualen 
zu lindern. 

Körperlich will St außer zeitweiligen heftigen Kopf- 
schmerzen vollkommen gesund sein. Nervös? ja, das sei 
sie, aber durch das böse Gewissen! 

Mit 11 Jahren menstruiert, bis zum 16. Jahre regel- 
mäßig, immer viel Schmerzen, seit 16 Jahr dauert Men- 
struation oft 14 Tage und setzt nur auf kurze Zeit aus. 
Nie bleichsüchtig. 

Magenübel nur auf die Vergiftungsversuche; sonst nie. 

Alle übrigen körperlichen Störungen in Abrede gestellt 

Zwangsvorstellungen anderer Art werden in Abrede 
gestellt, nur in der Richtung habe sie auch noch Skrupel 
gehabt, daß sie bei jeder Arbeit meinte, sie habe ihre Pflicht 
nicht recht erfüllt, die Arbeit nicht rasch, nicht gründlich, 
nicht sauber genug gemacht; sie habe nie mit sich zu- 
frieden sein können. 

Die Frage, ob denn an ihren Skrupeln doch vielleicht 
irgend welche Verfehlungen besonderer Art schuld seien, 
verneinte St. wiederholt mit aller Bestimmtheit Nein — 
nur sie selbst sei an den Skrupeln schuld und weil sie 
niemandem geglaubt, sei sie soweit gekommen. 

31. I. Hat abends wenig gegessen, nachts schlecht 
geschlafen, weicht heute dem Referenten lachend aus; 
wurde abends nach einer Unterredung mit dem Referenten, 
in welcher ihr derselbe Vorhalt über die Abenteuerlichkeit 
und Unwahrscheinlichkeit des gestern von ihr angegebenen 


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112 


Held. 


Motivs gemacht hatte, sehr erregt, schimpfte, drohte nichts 
mehr zu essen, die Fenster hinauszuschlagen, sich umzu- 
bringen. 

3. II. Hat sehr mangelhaft geschlafen, 

gedroht, sie wolle den Referenten ins Gesicht schlagen, 
wenn er sie mit seinem „Spott“ nicht in Ruhe lasse. Ißt 
wieder. 

Hat körperlich abgenommen; das Gewicht sank vom 
22. I. — 29. I. von 50.50 K. auf 49.20. 

Hetzt zur Zeit die Kranken durch Lügen und Ver- 
leumdungen hintereinander; einer seit dem 16. I. auf der 
gleichen Abteilung befindlichen zur Beobachtung eingewie- 
senen Hysterica begegnet sie mit unversönlichen Hasse, hat 
wiederholt mit ernstlichen Gewalttaten gegen dieselbe ge- 
droht, weil diese sie „in gemeiner verlogener Weise bei 
den andern Kranken heruntersetzte.“ ....... 

Gutachten. 

Der Verdacht, daß es sich bei der pp. St. um eine 
hysterische Geistesstörung handelt, ist durch ihre eigenen 
Angaben, durch die Mitteilungen ihrer Mutter und durch 
die Beobachtungen in unserer Anstalt vollauf bestätigt 
worden. Erblich belastet hat sie schon von Jugend auf 
ein abnormes Verhalten gezeigt. In der Kindheit litt sie 
an Fraisen, war immer schwächlich, häufig krank. In der 
Schule lernte sie gut, verkehrte aber nie mit Altersgenos- 
sinnen. Schon mit der ersten Beichte begannen religiöse 
Skrupel, die sich mehrten nach einer Mission, der sie bei- 
wohnte. In der Folgezeit entwickelten sich Zwangsvor- 
stellungen, Grübelsucht, Selbstanklagen über ihr religiöses 
Leben, sie machte mehrere Selbstmordversuche, zeigte aus- 
gesprochene Hysterie und allgemein fürchtet man für ihren 
Verstand. Sie gewann zwar nach einigen größeren Auf- 
regungen die äußere Selbstbeherrschung wieder, diente 
sogar zur größten Zufriedenheit ihrer Dienstherrschaften, 


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Brandstiftungen einer Hysterischen. 


113 


die geistige Störung nahm in ihrem Innenleben aber immer 
mehr überhand. Während die einzelnen Dienstherrschaften 
nur bemerkten, daß sie hochmütig, ehrgeizig und reizbar 
war, mit niemandem verkehrte, traten schon in diesem 
Jahre fortwährend Mordgedanken neben der früheren Selbst- 
mordneigung auf. Die Grübelsucht und die Zwangsvor- 
stellungen hatten sich bereits zu fixen Wahnvorstellungen 
entwickelt und seit Jahren trug sie sich wohl zwangs- 
mäßig mit dem Gedanken, der unleidlichen Situation durch 
eine Gewalttat ein Ende zu machen. 

Die Mutter der Angeschuldigten hat die Angaben ihrer 
Tochter bezüglich der religiösen Skrupel, Zwangs- und 
Wahnvorstellungen, soweit sie ihr bekannt sein konnten, 
vollkommen bestätigt. Nach dem Geständnisse der Rub- 
rikatin können dieselben auch von ihrem Cousin, dem 
Pfarrer St in Irfersnorf, welcher sich in seinem Bericht 
— aus begreiflichen Gründen — nur sehr reserviert ge- 
äußert hat bestätigt werden. 

Die Angaben der St. bezüglich dieser Dinge erscheinen 
auch glaubwürdig sowohl durch die Art und Weise der 
Vorbringung als auch durch die ganze psychologische 
Entwicklung der krankhaften Symptome, die mit der Er- 
fahrung übereinstimmt Trotzdem mag dahingestellt bleiben, 
ob das von der St. angegebene Motiv der Brandstiftung 
vollkommen der Wahrheit entspricht. 

Ein derartiges Motiv ist bei einer Hysterischen wohl 
möglich, es mag aber auch die Sucht, durch ein Ver- 
brechen sich auszuzeichnen oder die Rache wegen der 
durch den Hausbesitzer erlittenen, vermeintlich schweren, 
für eine Hysterische überaus empfindlichen Kränkung 
beim Entschluß zur Tat als mitbestimmend oder ausschlag- 
gebend mitgewirkt haben. 

Jedenfalls aber handelt es sich um die Tat einer 
Geisteskranken, denn es hat, ganz abgesehen von den er- 
haltenen Berichten die Beobachtung in unserer Anstalt aus 


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114 


Held. 


dem oben ausführlich geschilderten Verhalten der Rubri- 
katin mit Sicherheit das Vorhandensein einer hysterischen 
Geistesstörung nachweisen können. 

Ich gebe daher mein Gutachten dahin ab, daß die 
Maria St. geisteskrank ist, seit Jahren an hysterischer 
Geistesstörung und religiösen Wahnvorstellungen leidet und 
bei Begehung der inkriminierten Brandstiftungen in einem 
Zustande krankhafter Störung der Geistestätigkeit sich be- 
fand, durch welchen ihre freie Willensbestimmung ausge- 
schlossen war. 

Da der Gemütszustand der Rubrikatin Selbstmord oder 
eine neuerliche andere Gewalttat befürchten läßt, muß ihrer 
Rückverbringung ins Untersuchungsgefängnis dringend 
widerraten werden. 

Wegen ihrer hochgradigen Gemeingefährlichkeit ist 
sie im Falle der Aufhebung des Haftbefehls der k. Poli- 
zei-Direktion zur weiteren Verwahrung gemäß Art 80 
P.StG.B. zu überweisen. 


Auf Grund dieses Gutachtens wurde Maria St. von 
der Anklage zweier Verbrechen der Brandstiftung außer 
Verfolgung gesetzt und ihre Haftentlassung angeordnet 
Von der Kreisirrenanstalt München weg wurde sie, 
ohne nochmal in das Untersuchungsgefängnis zu gelangen, 
sofort in die Irrenanstalt ihrer Heimat als gemeingefähr- 
liche Irre eingeschafft. 


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Müller Thomas and seine Familie. 

Von 

Staatsanwalt Dr. Schneider in Mainz. 


Müller Thomas und seine und seiner Angehörigen 
Taten haben schon wiederholt die Öffentlichkeit beschäftigt, 
doch trat bei der Erörterung des Falls stets die Rücksicht 
auf das öffentliche Wohl oder das Mitleid mit der Familie 
oder ihrem Schicksal in den Vordergrund. Die „Affäre“ 
vom juristischen oder vielmehr kriminalistisch-psychiatrischen 
Standpunkt zu betrachten, bietet aber ein mindestens ebenso 
großes Interesse, zumal es dem unbefangenen Beurteiler 
dann eher möglich sein wird, sich ein klares Bild von 
diesen Personen zu machen, die 1 l h Jahrzehnt lang für 
alle Behörden und friedliebenden Bürger ein Schrecken 
waren, die Gerichte vom Amtsgericht bis Reichsgericht, die 
Verwaltungsbehörden vom Bürgermeister biszurn Ministerium 
fortgesetzt beschäftigten, Eingaben an die gesetzgebenden 
Körperschaften, an den Landesfürsten und den Kaiser 
richteten, trotz aller Fehlschläge immer wieder von Neuem 
ihr vermeintliches Recht zu erkämpfen suchten, und sich 
dadurch finanziell nahezu ruinierten — schätzt doch der 
eipe Thomas seinen Schaden auf 20 000 M.: eine Angabe, 
die allerdings stark übertrieben sein dürfte. 

Der Fall Thomas bietet ein geradezu klassisches Beispiel 
für das induzierte Irresein: die Geisteskrankheit, hier der Que- 
rulantenwahn, einer Person, überträgt sich unter dem Einfluß 
einer besonderen Anlage, eigenartiger Milieuverhältnisse, der 


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116 


Schneider. 


sozialen Stellung und besonderer Umstände, wie hier der Pro- 
zeßangelegenheit, auf dritte, nahestehende Individuen. Die 
■Gutachten aller psychiatrischen Sachverständigen, die in der 
unglückseligen Affaire tätig waren, beschäftigen sich ein- 
gehend mit der Frage des induzierten Irreseins und kommen 
einmütig zu dem Schluß, daß diese Erkrankungsform die 
Ursache des „Falles Thomas“ ist. Leider können die hoch- 
interessanten Darlegungen ihres erheblichen Umfangs wegen 
nur auszugsweise und auch nur zum Teil im Kähmen der 
Arbeit verwertet werden. 

Den Ausgangspunkt der schier endlosen Kette von 
Straftaten, der schwersten zum Teil, die unser Strafgesetz- 
buch kennt, bildet ein Zivilprozeß: Wert des Streitgegen- 
standes 51 Mark 10 Pfennig. Müller Thomas besaß in der 
Gemarkung Nieder-Saulheim einen an einem Berghang be- 
findlichen Weinberg, der einen Gemeindeweg entlang zog. An 
diesen Weinberg stieß ebenfalls längs des Wegs ein anderer 
des Landwirts Brückner. Das Grundstück des Thomas lag 
höher, das des Brückner tiefer als der Weg. Grade der Punkt, 
in dem beide Grundstücke zusammenstießen, war der tiefste 
des Wegs. Um das Brückner’sche und die anderen weiter 
unten am Berg liegenden Felder vor dem Regenwasser zu 
schützen, das in der Furche zwischen dem Briickner’schen 
und Thomas’schen Feld seinen natürlichen Abfluß gehabt 
hätte, befand sich längs des ersteren ein Gemeindedamm, 
der noch zum Teil in den Thomas’schen Weinberg hinein- 
ragte, zum Teil auch auf dem Weg lag. Das Regen wasser 
pflegte sich an dem tiefsten Punkte des Wegs zu sammeln 
und, da es durch den Damm am Abfließen verhindert 
wurde, zu versickern. Dies konnte ohne Schaden geschehen, 
da der Weg sehr wenig benutzt wurde. Die erwähnte 
Ackerfurche lief direkt in ein weiter unten am Berge liegendes 
Feld eines gewissen Franz Thörle. 

Im Jahre 1889 war ein Sohn des erwähnten 
Brückner Zeuge in einer Strafsache gegen Thomas. Da 


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Müller Thomas und seine Familie. 


117 


er ungünstig für Thomas aussagte, trat zwischen beiden 
Familien eine Entfremdung ein, die auch darin ihren Aus- 
druck fand, daß Brückner sein Mehl nicht mehr bei Thomas 
mahlen ließ. Dies verdroß den alten Thomas. Aus Hache 
durchstach er den Damm gerade an der Furche, so daß das 
Regenwasser über das Brlickner’sche Gebiet abfloß und, was 
Thomas zunächst wohl nicht beabsichtigt hatte, sich in den 
Thörle’schen Weinberg ergoß. Thörle stellte den Thomas 
zur Rede; mehrfache Aufforderungen, den Durchstich zu 
beseitigen, ließ letzterer unbeachtet. Er wurde darauf von 
dem Flurschützen Raab angezeigt, erhielt im Feldrüge- 
verfahren einen Strafbefehl, gegen den er keinen Einspruch 
erhob, „was er, wenn er unschuldig gewesen wäre, seiner 
ganzen Natur nach nicht unterlassen hätte“ 1 . (Urteil I. Inst.) 
Der geschädigte Thörle hackte den Durchstich öfters wieder 
zu, Thomas öffnete ihn stets von neuem. Am 26. und 
28. Juni 1891 gingen nun schwere Regengüsse über die 
Gemarkung Nieder-Saulheim nieder, durch den erwähnten 
Durchstich strömten starke Wassermassen und richteten 
in dem Thörle’schen Weinberg erheblichen Schaden an, 
schwemmten Grund und Dung hinweg, legten Rebenwurzeln 
bloß und rissen tiefe Gräben. 

Nun erhob Thörle gegen Thomas Klage auf Schaden- 
ersatz, die er später noch auf Wiederherstellung des früheren 
Zustandes au dem Dammdurchstich erweiterte. Am 25. Sep- 
tember 1891 fand der erste Termin statt. Thomas erschien 
selbst, er bestritt den Durchstich gemacht zu haben. Nach 
Einnahme des Augenscheins und Vernehmung verschiedener 
Zeugen erging Urteil am 28. Oktober 1891: Thomas wurde 
verurteilt, den früheren Zustand an dem Dammdurchstich 
wiederherzustellen, 51 M. 10 Pf. Schadensersatz zu bezahlen 
und die Kosten zu tragen. 

Das Urteil führte aus, selbst wenn nicht nachgewiesen 
sei, daß Thomas den Damm durchstochen habe, müsse er 
die Schließung des Durchstichs dulden, da Thörle das Recht 


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118 


Schneider. 


auf Gestattung dieser ihm vorteilhaften und den Beklagten 
nicht schädigenden Anlage ersessen habe; da aber die 
Täterschaft des Thomas bewiesen sei, so habe er auch 
Schadensersatz zu leisten. 

Gegen dieses Urteil legte Thomas Berufung ein. Viel- 
leicht hätte sich der Prozeß nur zu einem gewöhnlichen 
Bauernprozeß ausgewachsen, der mit dem erforderlichen 
Aufgebot von Zeugen, unter Durchlaufung aller Instanzen, 
mit zäher Hartnäckigkeit, mit Meineidsanzeigen gegen nicht 
genehm aussagende Zeugen oder die das Gegenteil be- 
schwörende Gegenpartei geführt worden wäre, vielleicht 
wäre es gelungen, nach einem tüchtigen finanziellen Ader- 
laß die ja sicher damals schon geistig nicht ganz intakte 
Familie Thomas im Zaume zu halten und größere Exzesse 
zu vermeiden, wenn nicht durch die Rückkehr einer Tochter 
aus Amerika, die damals schon geisteskrank war, Wahn- 
ideen in die Familie eingepflanzt worden wären. Diese 
Tochter Anna war Ende der achtziger Jahre nach Amerika 
ausgewandert und hatte sich dort mit einem Verwandten, 
einem gewissen Philipp Huber, verheiratet. Die kinderlose 
Ehe war zunächst eine glückliche, Ende 1892 erkrankte 
Frau Huber, sie mußte sich einer Operation unterziehen 
und begab sich anfangs 1893 nach Deutschland zu ihrer 
Erholung. Bei ihrer Rückkehr in das Elternhaus äußerte 
sie bereits Wahnideen: ihr Mann stelle ihr nach, habe sie 
vergiften wollen, er wolle sie los sein. Nun erschien plötzlich 
unangemeldet am 26. August 1893 ihr Ehemann in der 
elterlichen Mühle. Er machte ihr heftige Vorwürfe, daß 
sie ihm nicht ein einziges Mal nach Amerika geschrieben 
und daß sie ihn sr. Zt. bei Eingehung der Ehe über ihr 
Vorleben getäuscht habe. Es kam zu einem heftigen 
Disput, schließlich riß der Ehemann einen Revolver her- 
aus, die Angehörigen, Vater, Bruder Philipp und Schwester 
Elise sprangen herbei. Noch bevor diese zugegriffen, 
krachte ein Schuß, den Huber auf seine Ehefrau abgegeben, 


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Müller Thomas und seine Familie. 


119 


der aber sein Ziel nicht erreichte, sondern in die Wand 
ging. Die Angehörigen entrissen Huber den Revolver und 
warfen den Täter zur Mühle hinaus. Huber hielt sich nur 
noch kurz in Deutschland auf und kehrte dann wieder nach 
Amerika zurück. 

Dieses Vorkommnis mußte natürlich die Anna Huber 
in ihren Wahnideen über die Mordgedanken ihres Ehe- 
mannes und bei ihren Angehörigen den Glauben an die 
Wahrheit der Angaben ihrer Tochter und Schwester be- 
stärken. — 

Auf der idyllisch bei dem Orte Nieder-Saulheim in 
Rheinhessen gelegenen Mühle lebte damals außer den 
Eltern Franz Thomas, damals 70 Jahre alt, und dessen 
4 Jahre jüngeren Frau Barbara geb. Huber, sein Sohn 
Philipp, 36 Jahre alt, ledig, die Anna Huber, geb. 
Thomas, 34 Jahre alt, und eine ledige Schwester Elise, 
38 Jahre alt. Ein verheirateter Sohn, Melchior, wohnte im 
Ort Nieder-Saulheim und eine weitere Tochter, das älteste 
Kind, war schon lange an einen Beamten verheiratet. 
Thomas, der in die Mühle hineingeheiratet hatte, hatte 
sich schon eigentlich etwas vom Geschäft zurückgezogen 
und seinem Sohn Philipp die Geschäfte übertragen, die in 
einer nicht unbedeutenden Landwirtschaft und einer ein- 
träglichen Müllerei bestanden. Die Familie Thomas galt 
als kerngesund, neigte aber zu Widerspenstigkeiten, besonders 
der Sohn Philipp galt als brutaler, gewalttätiger Mensch. 
Geisteskrankheiten waren in der Familie niemals vor- 
gekommen, nur soll die Mutter manchmal infolge der Miß- 
handlungen durch ihren Mann und Söhne geistig verwirrt 
gewesen sein. Erbliche Belastung war nur auf der 
mütterlichen Seite nachweisbar: Der Vater der Frau 

Thomas soll dem Trunk ergeben gewesen sein. Die 
Familie Thomas lebte sehr zurückgezogen auf der Mühle, 
sie unterhielt keinen Verkehr mit den Ortseinwohnern von 
Nieder-Saulheim. Die Söhne waren zwar Soldaten gewesen, 


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120 


Schneider. 


waren aber nie in die Welt hinausgekommen, sondern 
hatten sich sofort nach der Dienstzeit wieder in die elterliche 
Mühle zurückbegeben. Sie gingen fast nicht ins Wirtshaus, 
besuchten aber die Kirche ziemlich regelmäßig. Die Söhne 
haben alle erst in späten Jahren geheiratet, ihre Heirats- 
pläne waren manchmal der Anlaß zu Zwistigkeiten in der 
Familie. Auch die letzte Tochter Elise hat sich erst spät 
verehelicht. Nach dem allgemeinen Urteil boten die Thomas 
das Bild von eigensinnigen, rechthaberischen, zu Brutalitäten 
neigenden Bauern, die nur sich und ihren Geldbeutel 
kan uten, denen tiefere Gefühle abgingen und denen es 
nicht darauf ankam, um sich und ihr „Recht“ durch- 
zusetzen, auch einmal „Gewalt vor Recht“ gehen zu 
lassen. 

Aus diesem Milieu entstanden, kehrt nun die Anna 
Huber wieder in denselben Kreis zurück. Ihre Wahn- 
ideen passen sich der neuen Umgebung an, und sie 
beeinflußt ihre Angehörigen, besonders ihren tatkräftigen 
Bruder Philipp, der es natürlich nicht verschmerzen kann, 
daß der Prozeß für die Familie in erster Instanz verloren 
gegangen ist. Sie beschäftigt sich, Zeit dazu hat sie ja, 
mit großem Eifer mit dem Prozeß des Vaters, der nun im 
wesentlichen von ihr und ihrem Bruder Philipp geführt 
wird — der Prozeßbevollmächtige der Partei Thomas hat 
z. B. nie den Franz Thomas, sondern nur den Philipp 
Thomas kennen gelernt — sie sucht, überzeugt von ihrem 
und ihres Vaters „Rechte“, nach Zeugen, die in dem 
Prozeß für sie günstig aussagen könnten und scheut auch 
nicht davor zurück, Zeugen zur falschen Aussage verleiten 
zu wollen. In dem sich in der Berufungsinstanz 4 Jahre 
hinschleppenden Prozeß werden Zeugen auf Zeugen benannt 
und vernommen, es gelingt aber nicht, das vermeintliche 
Recht zu beweisen, auch in zweiter Instanz wird der 
Prozeß im wesentlichen verloren, nur der Schadenersatz- 
anspruch wird als verjährt abgewiesen, den größten Teil 


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Müller Thomas und seine Familie. 


121 


der Kosten hat Thomas zu tragen. Das Urteil in dem 
Prozeß, in dem Thomas dreimal seinen Vertreter gewechselt 
hatte, da ihm die Rechtsanwälte die Sache nicht „ordentlich“ 
betrieben, erging am 19. Dezember 1895. 

Schon anfangs 1893 hatte Thomas senior eine Mein- 
eidsanzeige gegen die Zeugen Brückner, seinen Nebenlieger, 
und den Flurschützen Raab, die für ihn am ungünstig- 
sten ausgesagt hatten, bei der Staatsanwaltschaft erstattet. 
Das Verfahren war eingestellt worden. Thomas hatte darauf- 
hin ein „Rechtshülfegesueh“ an das Ministerium der Justiz 
gerichtet, das ebenfalls abschlägig beschieden worden war. 

Es ist charakteristisch für den Fall Thomas und 
wurde oben schon hervorgehoben, daß die Beteiligten stets 
den ganzen Instanzenzug, ob zulässig oder nicht, erschöpften, 
sich in jedem Falle zum mindesten an das Ministerium 
wandten, daß sie trotz aller ablehnenden Bescheide nicht 
nachließen, sondern in derselben Sache ihre Beschwerden 
mit krankhafter Hartnäckigkeit, meist sogar mit denselben 
Worten wiederholten, so daß den beteiligten Behörden eine 
große Last durch die fortwährenden Berichte erwuchs, die 
zusammengenommen nach hunderten zählen dürften. Die 
Schreibwnt und Schreiblust der Mitglieder der Familie 
Thomas geht ins Ungemessene: gedruckt würden ihre 
Eingaben etc. einen stattlichen Band ausraachen. An den 
geeigneten Stellen wird der Wortlaut mitgeteilt werden. 

Die Meineidsanzeige von 1893 wurde wiederholt kurz 
nach Beendigung des Prozesses, anfangs 1896, und zwar 
mittels einer Anzeige an das Justizministerium. Die Anzeige 
wurde als jeder Begründung entbehrend zurückgewiesen. 
Nun ließ Thomas am 8. November 1896 eine neue 
Anzeige durch einen Rechtskonsulenten in Nieder-Saul- 
heim machen, des gleichen Inhalts wie die früheren, 
als Angezeigter erscheint aber noch sein Prozeßgegner 
Thörle (der gar keinen Eid geleistet hatte !) Diese Anzeige 
hatte das gleiche Schicksal wie die früheren. 


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122 


Schneider. 


Gegen den ablehnenden Bescheid verfolgte Thomas 
Beschwerde an den Generalstaatsanwalt, gegen dessen 
zurückweisende Verfügung Beschwerde an den Landes- 
fürsten, die ebensowenig Erfolg hatte. Da sie nach ihrer 
Ansicht bei den Behörden kein Recht bekamen, so verschaffte 
sich Philipp Thomas aber selbst sein „Recht“. Sowohl 
im Jahre 1894 als auch 1896 nach den ablehnenden 
Bescheiden der Staatsanwaltschaft etc. ließ sich Philipp 
Thomas hinreißen, den Feldschützen Raab und den Bürger- 
meister Brückner, auf die er einen besonderen Haß geworfen 
hatte, bei Dritten, auch in einer Wahlversammlung — 
1894 fand Bürgermeisterwahl in Nieder-Saulheim statt — 
wiederholt auf das schwerste zu beschimpfen, indem er 
sie öffentlich des Meineids, der Urkundenfälschung etc. 
bezichtigte, was ihm laut Urteil des Schöffengerichts Nieder- 
Olm insgesamt eine Geldstrafe von 185 Mark eintrug. Die 
erste Sache aus 1894 war bis zur Erledigung des Zivil- 
prozesses ausgesetzt gewesen. Ein Gnadengesuch wurde 
abgeschlagen. Strafe und Kosten wurden bezahlt. 

Nun sollten die Kosten des Zivilprozesses beglichen 
werden. Dagegen sträubten sich die Angehörigen der 
Familie Thomas ganz entschieden, da ihnen Unrecht 
geschehen sei, und nun beginnen die ersten offensichtlichen 
Anzeichen des unheilvollen Einflusses der Anna Huber, 
dem der Philipp Thomas in stärkerem Maße, der Franz 
Thomas zunächst weniger unterlegen war. Am 3. November 
1896 batte der Gerichtsvollzieher im Auftrag Thörles für 
dessen Kostenrechnung bei Thomas eine Kuh gepfändet. 
Als der Beamte am 24. November das Tier z.ur Versteigerung 
abholen wollte, traten ihm Franz Thomas und Anna Huber 
entgegen, griffen ihn an und hinderten ihn am Fortbringen 
des Pfandobjekts. Anna Huber beschimpfte ihn und seine 
Begleiter als Lumpen und Meineidige u. a. m. 

Bei ihrer richterlichen Vernehmung verweigerten beide 
Beschuldigte jede Auskunft, unterschrieben aber wenigstens 


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Müller Thomas und seine Familie. 


123 


ihre Erklärung. In erster Instanz am Schöffengericht 
Nieder-Olm wurden beide zu Freiheitsstrafen verurteilt; 
Anna Huber erhielt „wegen ihres fortwährend frechen 
unverschämten Benehmens“ eine Ordnungsstrafe von drei 
Tagen Haft, die sofort verbüßt wurde; beide Angeklagte 
legten Berufung ein, in der Berufungsinstanz wurde auf erheb- 
liche Geldstrafen erkannt — zusammen 110 Mark — die 
die Verurteilten ohne Widerrede bezahlten. 

Das Urteil war am 29. April 1897 ergangen. 

Unterdessen war aber auch Philipp Thomas mit dem 
Strafgesetz in Konflikt geraten. 

Des Thomas Prozeßbevollmächtigter hatte ihm im März 
1896 eine Kostenrechnung zugehen lassen. Die Antwort 
war folgender Brief: 

Nieder-Saulheim den 1. 4. 96. 

Herrn Dr. 

Danke bestens für die von Ihnen erhaltene Rechnung. 
Die Proceßangelegenheit ist an Großhl. Ministerium und 
direkt bei seiner Kl. Hoheit Ernst Ludwig V. Angezeicht. 
Wegen falscher Gerichtsverhandlung und Meineid Re- 
speckdif Uhrkundfälschung Diese Sachen werden nicht 
bezahlt sondern bestraft. 

Franz Thomas 
Philipp Thomas. 

Im Oktober 1896 erhielt der Rechtanwalt die Gerichts- 
kostenrechnungen, die er seiner Partei zugehen ließ. Hierauf 
erhielt er folgendes Schreiben: 

Nieder-Saulheim, den 25. 10. 96. 

Herr Dr. 

Wie können Sie sich erlauben noch einmal solche 
Rechnungen anzunemen und uns zuzuschicken als 
Zentrumsmann. Indem Sie wie ich zum erstenmale bei 
Ihnen gewesen bin haben Sie zu mir gesacht Sie gäben 
sich nicht dafür her den Leuten das Geld aus der Tasche 

Der Pitaval der Gegeuwart. IV. 9 


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124 


Schneider. 


zu stehlen und däten nur das Rechte vertreten. In dem 
ich es Ihnen ja schon früher geschrieben habe und nun 
wollen Sie es auch noch einmal Deutsch gesagt haben 
Uhrkundenfälschung bezahlen wir nicht. Sie wollen in 
den Reichstag gewählt sein, das können sie in den 
Versammlungen zum Vortrag bringen 

Achtungsvoll 
Ph. Thomas. 

Dieser Zuschrift folgte, ohne daß der Beleidigte irgend 
etwas unternommen hätte, folgender Brief: 

„Nieder-Saulheim 30. 10. 96. 

Herr Dr. 

Teile Ihnen hier kurz mit die von mir am 25ten 
d. M. gemachte Mitteilung gebe ich von Morgen den 
31ten d. M. noch acht Tage Zeit zur Abfindung wo 
nicht erfolgt Weiteres. 

Achtungsvoll 
Ph. Thomas.“ 

Nunmehr legte der Rechtsanwalt diese Zuschriften der 
Staatsanwaltschaft Mainz vor zur Entscheidung, ob nicht 
wegen Beleidigung und Erpressungsversuchs gegen den 
Verfasser der Schmähbriefe vorzugehen sei. Das Verfahren 
wurde eingeleitet. Bei der richterlichen Vernehmung bestritt 
Franz Thomas die Urheberschaft, Philipp Thomas ver- 
weigerte jede Auskunft, da die Sache bei der Oberstaats- 
anwaltschaft in Darmstadt anhängig sei und bei einer 
zweiten Vernehmung ebenfalls, da die Sache noch am 
Ministerium anhängig sei, und er noch keine Antwort 
habe. 

Die Ermittlungen ergaben, daß unzweifelhaft Philipp 
Thomas der Urheber der drei Briefe war. Es wurde 
daraufhin Anklage wegen Erpressungsversuchs gegen ihn 
erhoben und dieserhalb auch das Hauptverfahren eröffnet. 
Termin sollte am 7. April anstehen. Am 27. März 1897 


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Müller Thomas und seine Familie. 


125 


lief folgendes Schreiben (eingeschriebener Brief) bei der 
Staatsanwaltschaft Mainz ein: 

An Großh. Staatsanwaltschaft Mainz. 

Ich mache die Großherzogliche Staatsanwaltschaft 
aufmerksam von der Anzeige vom 15. März 1897 von 
meiner Schwester Anna Huber geb. Thomas von Nieder- 
Saulheim nach § 158 St.P.O. 

Mir wurde die Mitteilung gemacht des Beschlusses 
der Strafkammer des Großhl. Landgerichts Mainz vom 
15. Februar 1897. 

Da ich mich keine, und auch keinem anderen 
keinen rechtswiedrigen, Vermögensvorteil zu verschaffen 
vermochte. Die keinen Anfang und auch keine Aus- 
führung des Vergehens der Erpressung nicht enthalten. 

Ich mache an Großhl. Staatsanwaltschaft Anzeige, 
daß B’ranz Thörle 1 und dessen Sohn Wendel Thörle III 
aus Nieder-Saulheim in dieser Proceßangelegenheit einen 
rechtswiedrigen Vermögensvorteil geschaffen hat, die 
den Anfang und auch die Ausführung der Erpressung 
endhalten und gemacht hat §. 253 St.G.B. 

Herr Dr. S. hat sich in der Prozeßangelegenheit 
von Thörle - Thomas im § 356 St. G. B. schuldig 
gemacht. 

Die an mich gerichtete Verhandlung den 7. April 
gehe ich auf keine Umstände nicht ein § 344, § 345 
St.G.B. 

Indem ich mich garnicht genötigt fühle, mich in 
meinem Geschäfte stören zu lassen, ich lehne diese 
Verhandlung ab. 

Nach Gesetz 

Nieder-Saulheim, 25. März 1897 

Ph. Thomas.“ 

Verfaßt und geschrieben war diese Eingabe von der 
Anna Huber. 

9 * 


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126 


Schneider. 


Trotz Verwarnung und Hinweis auf die Folgen seines 
Ausbleibens kam Thomas am 7. April nicht, sondern 
„flüchtete in die Öffentlichkeit“. Wie dies geschah, darauf 
wird später noch eingegangen werden. 

Auch an die Staatsanwaltschaft Mainz richtete er 
noch Eingaben, von denen folgende vom 22. April — 
die ebenfalls die Huber geschrieben hat — noch inter- 
essant ist : 

„An Großhl. Staatsanwaltschaft Mainz. 

Durch den Beschluß von Großhl. Staatsanwaltschaft 
vom 19. März t Ladung zur Hauptverhandlung) habe 
ich bereits der Großhl. Staatsanwaltschaft, durch zwei 
Anzeige am 25. März und 3te April (vergl. unten) nebst 
den betreffenden Paragrafen in Kenntniß. Deß ungeachtet 
erlaubt sich, Großh. Staatsanwaltschaft einen zweiten 
Beschluß, vom 14. April an mich ergehen zu lassen. 
(Ladung zum zweiten Termin vom 3. Mai.) 

Den ich nach Deutsches Reich Gesetz unter keinen 
Umständen eingehe. 

Indem ich kein Versuch gemacht habe Erpressung 
auszuüben. In dem betreffenden Briefe ist ausdrücklich 
bemerkt, durch die von mir gemachte Mitteilung 25. d. M. 
die Mitteilung ist folgende, daß wir keine Urkunden- 
fälschung begehen. 

Der zweite Beschluß vom 14. April gehe ich so 
wenig nach Deutschem Reichsgesetz ein als wie der 
erste. 

Indem ich der Großh. Staatsanwaltschaft vom 25. März 
1897 Anzeige gemacht habe, daß nicht ich, sondern Franz 
Thörle I und dessen Sohn Wendel Thörle III Erpressung 
ausgeübt haben. 

Noch zu bemerken 1. daß ich eher nichts eingehe 
als bis die mehrfach gemachten Anzeige nach §. 164 
St.G.B. wegen falscher Anschuldigung erledigt ist. 


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Müller Thomas und seine Familie. 


127 


2. Wegen Mißbrauch der Amtsgewalt nach § 339 

St.G.B. 

3. nach § 344, § 345 St.G.B. wegen Unschuldiger Ver- 
urteilung. 

4. nach § 346 St.G.B. wegen Vergehen im Amte 

5. nach § 257 St.G.B. wegen Begünstigung, 

Der Großh. Staatsanwaltschaft 
Indem die Großh. Staatsanwaltschaft doch Juristen 
sind und noch nicht einmal verstehen wollen was in der 
Klageschrift, und Urteilen enthalten sind. 
Nieder-Saulheim 22. April 1897 

Pb. Thomas.“ 

Natürlich war im Termin vom 7. April 1897 Vor- 
führungsbefehl ergangen, der zum Termin vom 3. Mai 1897 
vollstreckt wurde. Thomas wurde in der Hauptverhandlung 
vom 3. Mai 1897 zu 3 Wochen Gefängnis wegen Erpressungs- 
versuchs verurteilt; ein Antrag auf Erlaß eines Haftbefehls 
wurde abgelehnt. 

Wie nicht anders zu erwarten, stellte sich Thomas 
nicht auf Ladung zur Strafverbüßung, er brachte die 
Ladung der Frau des Polizeidieners zurück mit dem 
Bemerken, die sei schon vor 3 Tagen ausgestellt, die 
nehme er nicht an. 

Er wurde daraufhin am 25. Mai verhaftet, ins Haft- 
lokal Nieder-Olm gebracht und verbüßte dort bis 15. Juni 
1897 seine Strafe. 

Inzwischen war, wie erwähnt, die Öffentlichkeit auf eine 
mehr als merkwürdige Weise mit der Affäre Thomas befaßt 
worden. 

Am 4. April 1897 wurden an verschiedenen Stellen 
in Mainz an Plakatsäulen, in Nieder-Saulheim, Nieder-Olm, 
Kastei, Koßheim, Stadecken und einer Reihe anderer bei 
Mainz bezw. Nieder-Saulheim belegener Orte morgens 
Pasquille folgenden Inhalts angeheftet gefunden, die zum 


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128 


Schneider. 


großen Teil entfernt und der Staatsanwaltschaft Mainz zur 
«'eiteren Veranlassung vorgelegt wurden: 

„Zur Aufklärung dem Publikum nach § 346 St.G.B. 
enthalten. 

An Großh. Staatsanwaltschaft in 

Mainz ! 

Durch die von Großh. Staatsanwaltschaft am 
9. November 1896 erhielt mein Vater die Rückandwort, 
daß neue Tatsachen und Beweismittel nicht angegeben 
worden seien. 

Im Jahre 1891 gingen Wolkenbruch artige Regen, 
in der Gemarkung Nieder-Saulheim nieder, worauf sich 
ein gewisser Wendel Thörle III Landwirth veranlaßt 
fühlte eine falsche Klageschrift an Großh. Amtsgericht 
Nieder- Olm zu erheben. 

Nieder-Olm 9. Juli 1891. 
Durch die Wolkenbruchartige Regen sei seines 
Vaters Weinberg beschädigt worden, wofür Thörle 
60 Mark Entschädigung verlangte. Weiter berif er 
sich darauf, mein Vater Franz Thomas sei vor drei 
Jahren wegen Gemeinde Damm bestraft worden, 
und der Damm habe den Zweck, das vom Berge 
kommende Regenwasser aufzuhalten und ins Thal zu 
leiden. 

gez. Wendel Thörle III 
Proceß Bevollmächtigter 

Der bestimmte Termin wurde Freitag den 25. Sep- 
tember 1891. zur mündlichen Verhandlung bestimmt. 
Auf dies hin trug mein Vater dem Amtsrichter vor, 
daß die Angabe von Thörle falsch sei, sich die Sache 
in Augenschein nehme, worauf der Amtsrichter einging. 
Am Tage der Ortsbesichtigung sachte der Amtsrichter 
wo eigendlich das Wasser hinlaufen soll, da er 
sehe, daß der Weinberg des Klägers eine Vertiefung 


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Müller Thomas und seine Familie. 


129 


bilde. Darauf erwiederte der anwesende Kläger 
wenn da keine Abhülfe geschaffen würde, müsse 
er sich einen Graben durch seinen Weinberg machen. 
Daraufhin nahm der Amtsrichter des anwesenden Feld- 
schützens Strik und sachte anzunehmen. 60—65 cm. 
auf Thomas’sche Eigentum, weiter fragte er um Zeugen 
Angabe, und bemerkte, daß bis Sonntag noch Zeugen 
nachgeladen werden könnten. 

Wo wir auch zugestellt bekamen Joh. Raab Feld- 
schützen und Wilhelm Brückner als weitere Zeugen. 

Am 21. Oktober wurde die Sache abermals ver- 
handelt und die beiden genannten Zeugen standen auf 
und sagten aus, der der Damm habe den Zweck das vom 
Berge kommende Regenwasser abzuhalten und im Ge- 
meinde-Wege almählig zu versikem. 

Wie kommen diese beiden genannten Zeugen dazu, 
solche Aussage zu machen, da der Kläger doch behauptet, 
in der Klageschrift, dort sei ein Gemeinde-Damm, der 
den Zweck habe das Regenwasser ins Thal zu leiden. 
In dem sie den Kläger doch vollständig widersprechen. 
Da kein Gemeinde Damm sich dorten befindet, nahm 
der Amtsrichter an, als hätte mein Vater ein Protogoll 
im Jahre 1889 wegen seinem Eigentum erhalten. Da 
der Kläger doch behauptet in der Klageschrift im Jahre 
1888 ein Protogoll wegen Gemeinde Damm erhalten zu 
haben. Indem der Kläger Vater Franz Thörle I den 
Zeugen Wilhelm Brückner Anstößer von Thomassche 
Weinberg veranlaßte ein Protogoll zu machen. Er Franz 
Thörle wolle gesehen haben wie mein Vater Franz 
Thomas den Wilhelm Brückner 15 cm. dessen Damm 
weggehauen hätte was vollständig aus der Luft gegriffen 
war, da der Brücknersche Damm heute noch unmittelbar 
bis an die Grenze des Thomasschen Weinberg sich 
befindet Und mein Vater im Jahre 1889 ungerechter 
Weise ein falsch Protogoll bezahlte. Indem Landrath 


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130 


Schneider. 


Pf. bei der Ortsbesichtigung und Augenschein Nähme, 
ausdrücklich erklärte, es würde Bezug genommen 
auf das Protogoll, Großh. Amtsgericht Nieder-Olm und 
der Brücknersche Damm geht noch unmittelbar bis an 
die Grenze des Tbomassche Weinberg und das Wasser 
sein nathürlichen Lauf dorthin habe. Wie konnte auf 
dies Augenscheinsprotogoll noch weitere Verhandlung 
noch stattfinden und Zeugenverhör vorgenomraen werden, 
da doch aus dem ganzen Inhalt zu ziehen ist. 

t. daß Wendel Thörle falsche Angabe gemacht hat 

2. daß Amtsrichter X. Urkundenfälschung gemacht hat 

3. daß Feldschütz Raab Wilhelm Brückner u eonsort 
sogar der Großh. Bürgermeister Brückner von 
Nieder-Saulheim haben diese falsche Angabe und 
Urkundenfälschung beschworen haben diese Herren 
Ausnahme Gesetze, daß denen nichts geschehen 
darf § 

Sind diese befreit davon §. Werden diese in Schutz 
genommen § 

Nieder Saulheim 15. März 1897. 

für richtige Abschrift Anna Huber 

Ph. Thomas geb. Thomas“ 

Ein komisches Gemisch von Auszügen aus amtlichen 
Schriftstücken, mißverstandenen Aussagen und eigenen 
widersinnigen Ansichten ! 

Wie festgestellt wurde, hatte Philipp Thomas die 
Schmähschrift auch in einer Versammlung eines Konsum- 
vereins vorgelesen und Unterschriften zu sammeln gesucht, 
er hatte aber keine erhalten. 

Plakate ähnlichen Inhalts wurden in den folgenden 
Tagen, insbesondere am 11., 19. und 29. April, eine ganze 
Reihe angeschlagen, darunter eines mit nachstehendem 
Wortlaut: 

„Oh Ihr traurige Nieder Saulheimer die Ihr Euch 


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Müller Thomas und seine Familie. 


131 


von einem Meineidigen Bürgermeister und Meineidigen 
Feldschützen müsset rechiren lassen. 

Anna Huber 
Ph. Thomas 

Der Vorladung zur verantwortlichen Vernehmung in 
dem wegen Beleidigung eingeleiteten Verfahren vor das 
zuständige Amtsgericht Nieder-Olm leisteten beide, Philipp 
und Anna Thomas, wie vorauszusehen, keine Folge, sondern 
„lehnten sie ab, da sie nach § 177 St.P.O. nicht die ge- 
setzlichen Vorschriften bezeichne“. 

Die Antwort auf die Vorführung des Philipp Thomas 
zum Termin vom 3. Mai 1897 vor die Strafkammer Mainz 
waren neue Pamphlete vom 6. und 13. Mai. In dem 
letzteren hieß es: 

„Zur Mitteilung dem Publikum! 

Unschuldig verurteilt. 

Ihr Bürger Niedersaulheimer man soll es nicht 
glauben, noch länger mitansehen zu können, einem 
Unschuldigen Menschen seine Ehre so zu ruiniren, solche 
Schurkenstreige, auszuüben da ganz Gesetzwiedrig Aus- 
übungen, wird mit Zuchthaus bestraft. 

Darum auf Ihr Bürger, nur nicht mehr länger 
mitansehen, da eine solche Ortsobrigkeit, die des Mein- 
eids beschuldigt ist, desgleichen von einem solchen 
Feldschützen kann und darf ihres Amtes nicht länger 
walten. 

Nieder Saulheim 13. Mai 1897 

Ph. Thomas.“ 

Am 15. Mai 1897 wurden die beiden Beschuldigten 
dem Amtsgericht zur Vernehmung vorgeführt, da wegen 
ihres Nichterscheinens im ersten Termin Vorführungsbefehl 
ergangen war; Ph. Thomas gab zu, daß die Unterschrift 
„Ph. Thomas“ auf den Plakaten von ihm herrühre und 
behauptete, was darin stehe, sei richtig. 


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132 


Schneider. 


Die Huber erklärte auf Vorzeigen der Plakate: Es ist 
geschrieben und unterschrieben, alles was darin steht ist 
richtig und wahr. 

Beide Beschuldigten verweigerten die Unterschrift. 

Da die Beteiligten, die Beamten und deren Vorgesetzte 
Dienstbehörden, Strafantrag wegen Beleidigung gestellt 
hatten, wurde zunächst am 18. Mai 1897 gegen Philipp 
Thomas und seine Schwester Anklage wegen Beleidigung 
erhoben. 

Alle Plakate waren von der Anna Huber geschrieben 
und von ihr und ihrem Bruder, zum Teil auch von 
letzterem allein, wie dies oben ersichtlich, unterschrieben. 
Wer für die Verteilung in den verschiedenen Orten gesorgt, 
war nicht zu ermitteln. Daß die Familie Thomas allein 
die Plakate angeklebt hätte, ist bei der räumlichen 
Entfernung der Orte der Verbreitung der Schmähschriften 
ausgeschlossen. 

Den Schluß der ersten drei Serien der Plakate bildete 
folgende am 18. Mai in Nieder-Saulheim angeschlagene 
Schmähschrift: 

„Zur Benagrichtigung. 

Ihr Nieder Saulheimer geht beschämt nach Hause, 
der Nürnberger Trichter ist unterwegs, kommt mit 
nächstem an, dann bekommt ihr es richtig Eingetrichtert, 
daß ihr ein Meineidigen Bürgermeister und ein Mein- 
eidigen Feldschützen habt, denn so was hat man in ganz 
Deutschland nicht mehr. 

Nieder Saulheim 18. Mai 1897. 

Anna Huber 

geb. Thomas 
Ph. Thomas.“ 

In der Nacht vom 26./27. Mai wurden abermals, als 
Antwort auf die Verhaftung des Ph. Thomas, zahlreiche 
Plakate in Mainz, Koßheim und anderen Orten angeheftet, 


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Müller Thomas und seine Familie. 


133 


die ebenfalls von der Anna Huber geschrieben und mit 
ihrem und des Ph. Thomas Namen unterschrieben waren. 

Bei dem Antrag auf verantwortliche Vernehmung der 
Täter wegen der in den Schriftstücken enthaltenen Be- 
leidigungen zahlreicher Beamter stellte die Großhl. Staats- 
anwaltschaft zugleich das Ersuchen an das Amtsgericht 
Nieder-Olm die Huber, die Schreiberin und Urheberin der 
Schmähschriften wegen Kollusionsgefahr zu verhaften und 
beide Beschuldigte durch den zuständigen Kreisarzt auf 
ihren Geisteszustand untersuchen zu lassen. Das Amts- 
gericht entsprach dem Ersuchen. Die Verhaftung der Huber 
erfolgte unter großen Schwierigkeiten, die Gefangene legte 
sich auf die Erde und war zum Fortgehen nicht zu be- 
wegen. Sie mußte per Wagen in das Haftlokal verbracht 
werden. Bei der Vernehmung verweigerte sie jede Aus- 
kunft und die Unterschrift. Philipp Thomas, der gerade 
seine Strafe wegen Erpressungsversuchs im Haftlokal Nieder- 
Olm verbüßte, erklärte, von nichts zu wissen, auch er ver- 
weigerte die Unterzeichnung des Protokolls. 

Am 5. Juni wurde erneut Anklage wegen Beleidigung 
erhoben. Die Strafkammer eröffnete zwar unterm 18. Juni 
1897 auf die beiden Anklagen hin das Hauptverfahren, 
hatte aber am 12. Juni die Freilassung der Huber verfügt. 
Da auch inzwischen die Strafzeit des Phil. Thomas ab- 
gelaufen war, konnte der Sachverständige kein abschließen- 
des Urteil abgeben. Er teilte aber am 23. Juni mit, daß 
beide Angeklagte wahrscheinlich geisteskrank seien, und 
es sich bei ihnen um einen Fall von induziertem Irresein 
handele, dessen Urheberin die Ehefrau Huber sei. Sein 
Gutachten vom 1. Juli 1897 begründet diese Auffassung 
eingehender. Er weist darauf hin, daß die von beiden 
Beschuldigten geäußerten Wahnideen, gegen sie könne 
überhaupt kein Verfahren anhängig gemacht werden, keine 
Verhandlung stattfinden, sie brauchten keine Kosten zu 
bezahlen etc., ehe nicht über ihre Meineidsanzeige vom 


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134 


Schneider. 


15. März entschieden sei, wohl bei beiden gleich seien, 
daß sie beide trotz aller Vorstellungen unbelehrbar seien, 
daß bei der Ehefrau Huber, die mit Paragraphen nur 
gerade so um sich werfe, aber alles mit größerem Affekt 
und größerer Originalität geäußert werde. Er beantragte 
zunächst Unterbringung der Ehefrau Huber, der Urheberin 
der Schmähschriften, in eine Irrenanstalt gemäß § 81 
St.P.O. 

So lange die beiden Geschwister inhaftiert gewesen, 
war alles still, kaum war die Frau Huber entlassen, als 
wieder vier Plakate von ihr erschienen. Sie bekam aber 
Reue, erschien bei dem Amtsrichter in Nieder-Olm, bat knie- 
fällig um Verzeihung und gelobte Besserung. Doch hielt 
diese nicht lange vor. 

In der Nacht vom 26./27. Juni 1897 erschienen in 
Mainz, Kastei, Koßheim, Nieder-Saulheim und Stadecken 
wieder zahlreiche Pamphlete von der Hand der Geschwister 
Thomas. 

Das Großhl. Amtsgericht Nieder-Olm wurde erneut 
um Vernehmung der beiden Beschuldigten wegen Beleidi- 
gung ersucht. Natürlich erschienen beide Beschuldigte 
nicht, so daß Vorführungsbefehl erging. Es gelang aber 
nicht, der Beschuldigten habhaft zu werden, da sie sich, 
wie ermittelt wurde, in Fruchtäckern in der Gemarkung 
Nieder-Saulheim versteckten. 

Am Morgen des 15. Juli glückte es, die zu Verhaftenden 
zu stellen. Die drei Gendarmen der Sektion Wörstadt 
und der Polizeidiener von Nieder-Saulheim erschienen in 
der Mühle, um die Vorführungsbefehle in Vollzug zu setzen. 
Der Vater Thomas trat ihnen entgegen und forderte sie 
zum Verlassen der Hofraite auf. Seine Aufforderung unter- 
stützte sein Sohn Philipp, der aus der Mühle heraussah. 
Als der Wachtmeister erklärte, vom Großhl. Amtsgericht 
Nieder-Olm mit Festnahme der zwei Beschuldigten beauf- 
tragt zu sein und vor Erledigung seines Auftrags den 


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Müller Thomas und seine Familie. 


135 


Platz nicht zu räumen, rief ihm Phil. Thomas zu: „Ich 
werds Euch weisen.“ Unmittelbar darauf erschien er an 
einem Fenster im Obergeschoß und gab einen scharfen 
Schuß auf die Beamten ab, der den Wachtmeister streifte. 
Während nun die Beamten nachsahen, ob ihr Vorgesetzter 
verletzt sei, gab Thomas aus einem anderen Fenster 
einen zweiten Schuß ab, der den Wachtmeister in die 
Brust traf und den Polizeidiener an Arm und Bein 
verletzte. 

Der Beschuldigte hatte, wie später festgestellt wurde, 
aus einer doppelläufigen Jagdflinte mit Schrotpatronen 
geschossen. Die Beamten zogen sich mit ihrem lebens- 
gefährlich verletzten Wachtmeister zurück, bewachten aber 
die Mühle, um ein Entrinnen des Täters zu verhindern 
und setzten die Staatsanwaltschaft telegraphisch in Kenntnis. 
Alsbald erschien auch ein Staatsanwalt mit mehreren 
Gendarmen, drang in die Mühle ein und verhaftete Philipp 
Thomas und seine Schwester, die sofort dem Amtsgericht 
Nieder-Olm zugeführt wurden. 

Bei der Vernehmung über die Beschuldigung der 
Beleidigung durch das letzte Pamphlet gaben beide Be- 
schuldigte die Täterschaft zu, behaupteten aber, der Inhalt 
der Plakate sei wahr; die Unterschrift des Protokolls 
wurde verweigert. 

Über die Mordtat gehört, erklärte Thomas vor dem 
Amtsgericht, es sei richtig, daß er geschossen habe, er 
habe nicht die Absicht gehabt, die Gendarmen zu erschießen, 
er habe sie nur aus dem Hause haben wollen, es habe 
Niemand etwas in seinem Gebiete zu tuen, er müsse 
wissen, warum er vor Gericht geladen werde. Thomas 
wurde noch am gleichen Tage ins Provinzialarresthaus 
Mainz abgeführt, seine Schwester entlassen. 

Verfolgen wir nun zunächst deren Schicksal weiter. 

Dem Antrag der Sachverständigen entsprechend wurde 
zunächst die Unterbringung und Beobachtung der Huber 


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136 


Schneider. 


gemäß § 81 St.P.O. bei der Strafkammer beantragt, in- 
zwischen am 24. Juli auch wegen der letzten am 26/27. Juni 
verübten Beleidigung Anklage erhoben. Unterm 7. August 
1897 wurde die Unterbringung der Huber in eine Irren- 
anstalt durch Gerichtsbeschluß angeordnet. Die Ausführung 
dieses Beschlusses machte aber wieder unendliche Schwierig- 
keiten. Das Großhl. Amtsgericht Nieder-Olm versuchte 
vergeblich, die Huber auf gütlichem Wege zur Reise in die 
psychiatrische Klinik nach Gießen zu veranlassen. Briefe 
ließ die Huber zurückgehen, die Vermittlung des Geistlichen 
scheiterte, er wurde schroff abgewiesen. Die Bemühungen 
des Bruders Melchior, eines, wie das Amtsgericht schreibt, 
ruhigen und besonnenen Mannes, fruchteten nichts. Es 
mußte deshalb zur Gewalt geschritten werden. Zwei in 
Zivil erscheinende Gendarmen fanden das Haus verschlossen, 
sie wurden bedroht und mußten sich unverrichteter Dinge 
zurückziehen. Erst einem verstärkten Gendarmeriekommando 
gelang es, die Huber teils in Güte, teils mit Gewalt fortzu- 
bringen. Unterwegs machte sie an verschiedenen Eisenbahn- 
stationen die erregtesten Szenen, sie legte sich auf den Boden, 
rührte sich nicht von der Stelle und mußte von den Beamten 
getragen bezw. gefahren werden. Natürlich beschäftigte 
sich die Presse mit der Angelegenheit, auch 32 Einwohner 
von Nieder-Saulheim versuchten, „Licht in die Sache zu 
schaffen“, da die Huber „so klar bei Verstand sei, wie 
jeder der Unterzeichneten“. Bereits einige Zeit vor Ablauf 
der Beobachtungszeit teilte die Direktion der Klinik mit, 
daß die Huber an einem vorgeschrittenem Stadium der 
Paranoia leide, daß ihre Detention in einer Anstalt zunächst 
aber nicht nötig erscheine, für Abholung sei zu sorgen. 
Die Abholung erwies sich aber als unausführbar. Die 
Huber selbst weigerte sich wegzugehen, sie riß, sowie man 
sie anzukleiden versuchte, sich alle Kleider vom Leib. 
Der Vater erklärte, wer sie hingebracht habe, solle sie 
auch wieder holen, das gehe ihn nichts an. In der Tat 


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Müller Thomas und seine Familie. 


137 


erübrigte sich auch ihre Wegführung, da nach Gutachten 
der Sachverständigen die Huber als gemeingefährlich geistes- 
krank angesehen werden mußte. 

Aus dem Gutachten seien folgende Sätze hervor- 
gehoben : 

„Somit ist anzunehmen, daß Frau Huber schon im 
Jahre 1893 bei der Rückkehr nach Deutschland im 
Beginn der jetzt ausgeprägten Geistesstörung gestanden 
hat und daß ihre Verfolgungsideen schon bei dem Ver- 
halten gegen den Ehemann eine bestimmte Rolle gespielt 
haben. Im Hause der Eltern beginnt alsbald nun die Um- 
wandlung der Wahnideen unter Anpassung an die neue 
Umgebung und zugleich wahrscheinlich die Beeinflussung 
der Angehörigen durch den Verfolgungswahn der Anna 
Huber.“ 

In der Klinik paßten sich ihre Wahnideen sofort 
auch der neuen Umgebung an, wie die zahlreichen Be- 
schwerden und Zuschriften (einmal 16 an einem Tag) be- 
wiesen. 

Die Frage der Unzurechnungsfähigkeit im Sinne des 
§51 St.G.B. wurde daher von den Sachverständigen un- 
bedingt bejaht. 

Bei der Frage der Gemeingefährlichkeit wurde zwar 
erwogen, daß die Entziehung der Frau aus dem häuslichen 
Wirkungskreise einen Schaden für die Familie bedeute, 
daß die Erkenntnis und das Bekanntwerden ihres Geistes- 
zustandes für die angegriffenen Personen wohl das Gefühl 
des Beleidigtsein aufheben, daß aber andererseits an- 
zunehmen sei, daß die Huber, bei der sich in der letzten 
Zeit mächtige Erregungszustände gezeigt hatten, in denen 
sie Gewalttätigkeiten gegen Personen und Sachen beging, 
in der Freiheit ihren Federkrieg fortsetzen und wohl auch 
sich zu Gewalttätigkeiten im Falle eines Konflikts mit 
Beamten hinreißen lassen würde. Vor allem aber sei zu 
befürchten der verhängnisvolle Einfluß der Frau auf ihre 


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138 


Schneider. 


Umgebung durch Induktion der Verfolgungsideen. Frau 
Huber sei die wesentliche Triebkraft für die Handlungen 
ihres Vaters und Bruders gewesen. 

Dieses Gutachten veranlaßte die Behörde, die dauernde 
Unterbringung der Huber anzuorden. Da ihres Zustandes 
wegen eine andere Verbringung nicht möglich war, 
wurde sie mit durch Pflegeschwestem in leichter Narkose 
in die Irrenanstalt Hofheim im Dezember 1897 übergeführt. 
Durch Beschluß Großhl. Amtsgerichts Nieder-Olm vom 
14. Februar 1898 wurde die Huber entmündigt. Gegen 
ihre Verbringung in die Anstalt führte der Vater Franz 
Thomas „Beschwerde“ bei der Staatsanwaltschaft, Kreis- 
amt und Ministerium „auf Grund der §.§. 234, 239 St.G.B.“, 
die alle abschlägig beschieden wurden. In der Anstalt 
bekam die Huber zunächst noch starke Erregungsanfälle, 
verhielt sich dann aber ganz ruhig und gesittet (dissimulirte). 
Auf dringenden Wunsch ihres Vaters und auf einen Bericht 
der Bürgermeisterei Nieder-Saulheim hin wurde sie am 
1. Juni 1898 aus der Anstalt nach Haus entlassen. Von 
dort entwich sie am 29. Dezember 1898, in der Absicht 
nach Amerika zu reisen, wurde aber in Frankfurt a. M. 
als geistesgestört auf dem Bahnhof aufgegriffen und in 
die Irrenanstalt verbracht. Ein von dem Ortsarmenverband 
Frankfurt a. M. gegen den Ortsarmenverband Nieder- 
Saulheim angestrengter Prozeß wegen Übernahme der 
p. Huber wurde zu Ungunsten des ersteren entschieden. 
Die Huber wurde nun in die Irrenanstalt Weilmünster 
überführt. Sie ist jetzt gänzlich schwachsinnig und ver- 
blödet, dabei sehr unruhig und erregt und wird meist im 
Dauerbad gehalten. Das Schicksal ihrer Vormundschaft ist 
unten noch zu erörtern. 

Die Untersuchung der Huber hatte natürlich auch 
wertvolles Material zur Beurteilung ihres wegen Mord- 
versuchs in Untersuchungshaft befindlichen Bruders Thomas 
ergeben. In der gegen ihn eröffneten Voruntersuchung 


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Müller Thomas und seine Familie. 


139 


wurde er wiederholt eingehend vernommen. Das Alpha 
und Omega seiner Angaben blieb: er habe nicht Unrecht 
getan, er habe sich gegen einen rechtswidrigen Angriff 
verteidigt, die Gendarmen hätten bei ihm nichts zu tun 
gehabt, er habe ja den Gendarmen zwei Tage vor der 
Tat den Postschein gezeigt, daß die Sache beim Ministerium 
angezeigt sei, bevor nicht seine Prozeßangelegenheit bezw. 
Anzeige vom 15. März entschieden sei, könne gegen ihn 
nichts gemacht werden. Auf seiner Ladung habe nicht 
gestanden, warum er geladen sei, er w r olle nur sein Recht. 

Trotz der eingehenden Belehrungen blieb er dabei, er 
er habe kein Unrecht getan, seine Anzeige müsse erst 
erledigt werden. Unterschriften gab er aber prinzipiell 
nicht ab. 

Der Großhl. Kreisarzt in Mainz hielt in seinem Gut- 
achten vom 20. Oktober 1897 den Beschuldigten für geistes- 
gestört ; die Direktion der psychiatrischen Klinik in Gießen 
hielt es nach Einsicht der Akten für wahrscheinlich, daß 
Thomas unter § 51 St.G.B. falle, doch wurde eine Beob- 
achtung in einer Irrenanstalt empfohlen. Diese wurde an- 
geordnet und Thomas am 6. Dezember 1897 nach Gießen 
übergeführt. Am 18. Februar 1898 erstattete der Sach- 
verständige sein Gutachten in folgendem Sinne: 

1. Thomas zeigte in der Klinik, abgesehen von einer 
Anzahl abnormer Ideen über sein vermeintliches Recht, 
über seinen Zustand von Notwehr bei Begehung der 
Handlung und über Anfeindungen und Hintergehungen 
von Seiten des Gerichts kein sonstiges Symptom von 
Geisteskrankheit. Insbesondere ist es unwahrscheinlich, 
daß er im Beginn einer fortschreitenden und allmählich 
zu geistiger Schwäche führenden Geisteskrankheit steht, 
welche bei der Schwester klar erwiesen ist (Paronoia). 

2. Diese Ideen sind unter Ausschluß derjenigen 
Krankheiten, welche sonst solche Zustände bedingen (an- 
geborener Schwachsinn, epileptischer Blödsinn), als 

Der Pitevel der Gegenwert IV. 10 


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140 


Schneider. 


wesentlich auf Induktion von Seiten der geisteskranken 
Schwester bei einer vorhandenen Familienanlage und 
begünstigenden äußeren Umständen (Prozeßangelegenheit) 
zurückzuführen. 

3. Es ist wahrscheinlich, daß Thomas infolge 
der langanhaltenden und intensiven Beeinflussung durch 
die geisteskranke Schwester sich zur Zeit der Begehung 
der Handlung in einem Zustand krankhafter Störung der 
Geistestätigkeit befunden hat, durch welche seine freie 
Willensbestimmung ausgeschlossen war.“ 

Der Fall war wichtig genug und hatte die Öffentlichkeit 
in einem Maße beschäftigt, daß eine Entscheidung durch 
das Schwurgericht geboten erschien, besonders auch, da 
sich die Gutachter widersprachen. Anklage wurde am 
28. Februar 1898 erhoben. Am 10. März fand die Haupt- 
verhandlung statt. 

In derselben näherte sich der Gießener Psychiater jetzt 
mehr dem Gutachten der Mainzer Sachverständigen, die 
Thomas für geisteskrank erklärten. Offenbar dieserhalb 
und trotzdem fast alle vernommenen Zeugen aus Nieder- 
Saulheim den Beschuldigten für geistig gesund erklärt 
hatten, wurde Thomas vom Schwurgericht freigesprochen. 
Der Staatsanwalt hatte die Entscheidung in das Ermessen 
der Geschworenen gestellt. Ausschreitungen nach der Ver- 
handlung, die zu befürchten gewesen, kamen weder in 
Mainz noch in Nieder-Saulheim vor. 

Die wegen Beleidigung eingeleiteten Strafverfahren 
gegen Phil. Thomas und seine Schwester wurden nunmehr 
durch Beschluß der Strafkammer eingestellt, da die Be- 
schuldigten zum mindesten nach Verübung der Tat in 
Geisteskrankheit verfallen waren. 

Auf Anordnung der Vorgesetzten Behörde wurde auch 
gegen Phil. Thomas Antrag auf Entmündigung gestellt. 
Dieser Antrag wurde vom Amtsgericht Nieder-Olm zurück- 
gewiesen, da wohl Thomas strafrechtlich nach § 51 StG.B. 


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Müller Thomas und seine Familie. 


141 


nicht verantwortlich sei, aber Art. 489 C. c. auf ihn nicht 
zutreffe; denn nach den erhobenen Gutachten sei er zur 
Besorgung seiner Vermögensangelegenheiten wohl imstande. 
Die von der Staatsanwaltschaft eingelegte sofortige Be- 
schwerde wurde verworfen. 

Während der Beobachtungszeit in Gießen hatte Phil. 
Thomas erklärt, „er sei jetzt klug geworden, er werde 
nichts mehr machen“. Daß er nicht Wort halten würde, 
nach der Art seiner Erkrankung ja auch nicht Wort halten 
konnte, war vorauszusehen. Dies geschah denn auch. Er 
beschimpfte bei jeder Gelegenheit die Mitglieder der 
gegnerischen Prozeßpartei und die Zeugen, die im Zivil- 
prozeß zu seinen Ungunsten ausgesagt hatten auf das 
gemeinste mit: Schuft, Meineidige, Urkundenfälscher etc., 
ja er wußte jetzt sogar seinen Bruder Melchior, den „gut- 
mütigen, ruhigen und besonnenen Mann“, in den Strudel 
der Konflikte hereinzuziehen. 

Die Folge war, daß auch dieser sich in gröblichen 
Beleidigungen der Gegner erging und sich auch hinreißen 
ließ, den Bürgermeister Brückner zu beschimpfen. 

Da der besonders belästigte und beleidigte Wendel 
Thörle III, der Sohn des Prozeßgegners, der seinen Vater 
im Prozeß vertreten hatte, und der Großhl. Bürgermeister 
Strafantrag stellten, wurde erneut ein Strafverfahren und 
zwar gegen die Brüder Philipp und Melchior Thomas 
anfangs 1899 wegen Beleidigung cingeleitet. 

Zur Vernehmung vor Großhl. Amtsgericht Nieder-Olm 
erschienen beide nicht, Melchior sandte aber folgendes 
Schreiben : 

„Durch die Mir am 13. März zugestellten Ladung 
setze ich Sie nach §. 357 St.G.B. in Kenntniß, daß 
wenn ein Amtsvorgesetzter, welcher seine Untergebenen 
zu einer strafbaren Handlung im Amte vorsätzlich ver- 
eitet 

io* 


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142 


Schneider. 


Außer dem setze ich Sie noch in Kenntniß, daß 
der Großhl. Bürgermeister wegen Meineid innerhalb 
drei Monaten, desgleichen Wendel Thörle III wegen 
Öffentlicher Urkundenfälschung angeglagt sind, um 
sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen. Sie aber 
von der Staatsanwaltschaft nach § 346, 357 St.G.B. 
Begünstigung gemacht bekommen um ihre Verbrechen 
zu sichern “ 

Er bezeichnet das Vorgehen als reinste Büberei, be- 
mängelt die Ladung, die nicht § 177 St.P.O. entspreche 
und erklärt schließlich, daß er nicht komme. 

„Da könnten Sie mir jeden Tag eine Ladung 
schicken, und ich jeden Tag nach Nieder-Olm laufen 
könne Das wöhre mir sauber. 

Melchior Thomas. 1- 

Er wurde zwangsweise vorgeführt, gab die Beschuldi- 
gung zu, erklärte aber, die Auslegung erst vor Gericht 
machen zu wollen. 

Bevor der Vorführungsbefehl gegen Philipp Thomas 
in Kraft gesetzt wurde, erschien er freiwillig. Er gab die 
Beschuldigung zu, behauptete aber, er sei sehr aufgeregt 
gewesen, da der von ihm beleidigte Thörle in einem 
Zivilprozeß unrichtige Angaben gemacht und ihn auch 
gereizt habe. 

Das zur Erstattung eines Gutachtens über den Geistes- 
zustand der Beschuldigten aufgeforderte Kreisgesundheits- 
amt Oppenheim erklärte Melchior für normal, bezüglich 
Philipp Thomas kam es zum Schluß, daß sich sein 
Befinden gegen den im seinerzeitigen Gutachten der 
psychiatrischen Klinik geschilderten Zustand nicht geändert 
habe. 

Ara 9. Juli 1899 wurde Anklage gegen beide wegen 
Beleidigung des Wendel Thörle und des Bürgermeisters 
Brückner erhoben. Das Schöffengericht sprach sie in der 
Sitzung vom 24. Oktober 1899 frei, da sie beide geistes- 


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Müller Thomas und seine Familie. 


143 


krank seien. Der Amtsanwalt legte gegen das Urteil 
Berufung ein. 

In der ersten Sitzung der Berufungsinstanz, Straf- 
kammer I in Mainz erschienen beide nicht, weshalb Vor- 
Haftbefehl gegen sie erging. Bevor man zu dessen 
Vollstreckung schritt, versuchte man die beiden Thomas 
auf gütlichem Wege zum Erscheinen zu bringen. Ihre 
Schwäger und Schwestern versuchten vergeblich, auf sie 
einzuwirken; sie erklärten, nur der Gewalt zu weichen 
und von ihren Schußwaffen Gebrauch zu machen, sobald 
sich ein Gendarm in ihrer Mühle sehen lasse. 

Man mußte deshalb versuchen, mit List der Verfolgten 
habhaft zu werden; eine Festnahme war nur auf freiem 
Felde, auf dem Weg zur Kirche oder bei der Feldarbeit 
möglich. 

Am 6. April gelang es dem Wörrstadter Gendarmerie- 
Wachtmeister, den Philipp Thomas bei der Feldarbeit zu 
überraschen und zu verhaften. Er legte gegen den Haft- 
befehl Beschwerde ein, die aber vom Oberlandesgericht 
verworfen wurde. 

In der neuen Hauptverhandlung, zu der die Fest- 
nahme des Melchior Thomas noch nicht gelungen war, 
ordnete das Gericht die erneute Begutachtung des Philipp 
Thomas gemäß des § 81 St.P.O. an. Die von Thomas 
bezw. seinem Verteidiger eingelegte sofortige Beschwerde 
wurde verworfen und Thomas in die Landesirrenanstalt 
Hofheim übergeführt. Erwähnt sei nur, daß Ph. Thomas 
in seiner Beschwerdeschrift dem Gießener Sachverständigen 
Meineid, seinem Anwalt Einverständnis mit der Gegen- 
partei vorwirft und das Verfahren als ungesetzlich be- 
zeichnet. 

Der Gutachter der Landesirrenanstalt kam bald zu 
dem bestimmten Resultat, daß Ph. Thomas geisteskrank 
sei. Das Großh. Kreisamt Oppenheim ordnete sodann an, 
daß Thomas wegen seiner Geisteskrankheit in der Irren- 


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144 


Schneider. 


anstalt zu verbleiben habe. Über sein weiteres Schicksal 
wird weiter unten zu sprechen sein. 

Inzwischen gaben sich die Gendarmen in Wörrstadt 
die größte Mühe, den Melchior Thomas zu fassen. Ihre 
Anstrengungen wurden aber, abgesehen von den schon 
erwähnten Umständen, dadurch wesentlich erschwert, daß 
Melchior Thomas seine Wohnung in Nieder - Saulheim 
verlassen hatte und in die Mühle geflüchtet war, und daß 
wiederholt gute Freunde die Familie Thomas warnten, 
sie sollten ihre Behausung nicht verlassen, die Gendarmen 
seien da. 1 ) 

Am 5. August 1900 wäre beinahe die Festnahme des 
Thomas gelungen. Er befand sich auf dem Feld beim 
Fruchtmachen. Als die Gendarmen in die Nähe kamen, 
war er gerade im Begriffe heimzufahren. Kaum ward er 
derselben ansichtig, als er seinen Wagen bestieg und 
versuchte, in scharfem Tempo vorbeizufahren. Der eine 
Gendarm hielt jedoch sein Pferd an und erklärte ihm 
wiederholt die Verhaftung. Thomas peitschte aber auf 
das Tier los, so daß es durchzugehen drohte, der Beamte 
hielt es fest, da er hoffte, daß die anderen Gendarmen in 
der Zwischenzeit herankommen und Thomas festnehmen 
würden. Als diese nicht kamen, gab der Gendarm einen 
Schreckschuß ab, Thomas peitschte erneut aufs Pferd und 
während der Beamte am Pferde hing, sprang er vom 
Wagen, entfloh und konnte trotz sofortiger Verfolgung 
nicht gefaßt werden. Endlich am 11. September 1900 
gelang die Festnahme. Die Wörrstadter Gendarmen über- 
raschten Melchior Thomas und seinen Vater im Felde. 
Als man Miene machte, den Melchior Thomas zu fassen, 
schlug er sofort einen sechsläufigen Revolver an, flüchtete 
aber, als der Wachtmeister einen Schuß auf ihn abgab. 

1) Es schwebte diescrhalb auch ein Verfahren bei der Staats- 
anwaltschaft Mainz wegen Begünstigung, das aber mit Einstellung 
endigte. 


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Müller Thomas und seine Familie. 


145 


Im Laufen drehte er sich noch wiederholt um und legte 
auf den Beamten an. Als man ihn eingekreist hatte, blieb 
er schußfertig stehen, sein Vater eilte mit erhobener Hacke 
zur Hülfe herbei. Der Aufforderung die Waffe nieder- 
zu legen, leistete er keine Folge, besonders da sein Vater 
fortwährend an ihm hetzte. 

Man versuchte nun, ihn abermals in Güte zum Mit- 
gehen zu bewegen. Nach langem Zögern und namentlich 
da die erbetene Gendarmerieverstärkung von Nieder-Olm 
bald einzutreffen drohte, gab Melchior Thomas nach und 
ließ sich nach Mainz abführen. 

Bei seinen Vernehmungen über die am 5. August und 
11. September begangenen Straftaten (Widerstand) bestritt 
er, sich strafbar gemacht zu haben und gab eine ganz 
vernünftige, allerdings von der Wahrheit erheblich ab- 
weichende Darstellung, sein Vater verweigerte jede Auskunft, 
beide, wie auch stets früher, ihre Unterschriften. 

Die Anklage vom 11. Oktober 1900 lautete gegen 
Melchior Thomas auf Widerstand, begangen am 5. August 
1900 und außerdem gegen Melchior und Franz Thomas auf 
Vergehen gegen § 1 14 St.G.B. begangen am 11. Septbr. 1900. 

Charakteristisch ist die Erklärung des Franz Thomas 
auf die Anklageschrift, aus der folgender Passus hier ein- 
gefügt sei. 

„ Da Wendel Thörle III, sowie der Bürger- 

meister Brückner von Nieder - Saulheim bei unserer 
königlichen Hoheit, Ministerium und bei der Staats- 
anwaltschaft Mainz wegen Urkundenfälschung und Mein- 
eid angezeigt sind. Da aber Thörle seine Klageschrift 
vom 9. Juli 1891 als Wahrheit bezeichnet und als 
Beweis anführt daß in der Gemarkung Nieder-Saulheim 
Gewanne zu höllen sich neben dem Thomas’ sehen Wein- 
berg ein Gemeinde-Damm hinzieht, der den Zweck hat, 
das vom Berge kommende Wasser aufzufangen und ins 
Thal zu leiten u 


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146 


Schneider. 


In der Hauptverhandlung vom 27. Oktober 1900, in 
der auch gegen Melchior Thomas in der Berufungsinstanz 
wegen Beleidigung verhandelt wurde, wurden beide An- 
geklagte verurteilt. Das Gericht nahm zwar auch bezüglich 
des Vorfalls vom 11. September an, daß nur Vergehen 
gegen § 113 vorliege, erkannte aber mit Rücksicht auf die 
Gemeingefährlichkeit der Angeklagten gegen Melchior 
Thomas auf eine Gesamtstrafe von 1 Jahr 8 Monaten, 
gegen Franz Thomas auf 5 Monate Gefängnis. 

Die Frage der Zurechnungsfähigkeit bezügl. Melchior 
Thomas wurde nach den Ausführungen der Sachverständigen 
bejaht, bei Franz Thomas ein Zweifel daran gar nicht 
erhoben. 

Melchior Thomas legte zwar zunächst Revision ein, 
nahm sie aber alsbald wieder zurück. Er wurde zur 
Verbüßung seiner Strafe nach der Zellenstrafanstalt Butz- 
bach übergeführt, wo er sich ruhig, geordnet und fleißig 
benahm. 

Aus dem schriftlichen Gutachten bezüglich Melchior 
Thomas, das der Sachverständige vor dem Termin erstattet 
hatte, sind folgende Ausführungen bemerkenswert, um so 
mehr, als sie von dem Anstaltsarzt in Butzbach bezweifelt, 
ihre Bestätigung durch ein Gutachten der psychiatrischen 
Klinik in Gießen fanden: „Er ist der Belehrung zugängig 

Als ich ihm sagte, die ganze Sache ist die richtige 

Bauerngeschichte, stimmte er lebhaft zu: allweil sagen 
Sie das rechte Wort, Herr Doktor, so ist es. Man 
vergleiche damit die Ausdrücke der Huber und des Ph. 
Thomas 

Nachdem er die Erfahrung gemacht hat, daß er 
schließlich doch den kürzeren zieht und daß er und seine 
Familie erheblichen materiellen Schaden davon haben, ist 

ihm alles, was er getan, leid er gibt auch 

bezüglich des dem Bürgermeister gemachten Vorwurfs 
des Meineids zu: im Zorn redet man manches 


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Müller Thomas und seine Familie. 


147 


Also kein fortwährend erweitertes System von un- 
begründeten Vorstellungen, dagegen Einsicht in die Zweck- 
widrigkeit und Strafbarkeit seiner Handlungen, der feste 
Vorsatz, sich in solche Dinge nicht mehr zu mischen 
und Vater und Bruder treiben zu lassen, was sie wollen. 

Ich fasse mein Gutachten dahin zusammen, daß 
Melchior Thomas nicht geisteskrank ist oder war, daß der 
geistig beschränkte Mensch die Beleidigungen unter dem 
Eindruck selbst beleidigt worden zu sein, begangen hat 
und daß er zu dem Widerstand gegen die Staatsgewalt 
wesentlich unter dem Einfluß seines Bruders und seines 
Vaters gekommen ist.“ 

Mit großen Schwierigkeiten war die Festnahme des 
Franz Thomas, der sich natürlich nicht zur Strafverbüßung 
stellte, verbunden. Erst am 21. Juni 1901 gelang es, ihn 
in der Nähe seiner Mühle zu überrumpeln und ihn in die 
Strafhaft nach Mainz zu überführen. 

Alsbald nach seiner Inhaftierung äußerte sich der 
Anstaltsarzt dahin, daß Franz Thomas zweifellos geistes- 
krank und nach Internierung der Huber und des Philipp 
Thomas die Triebfeder aller Konflikte gewesen sei und 
seinen Sohn Melchior in die unglückliche Affäre herein- 
gezogen habe. Etwas später berichtet er: „In geistiger 
Beziehung stellt Franz Thomas das völlige Spiegelbild 
seines Sohnes Philipp dar. Seitdem die Thomas’schen 
Prozesse spielen, fiel er durch seine Hartnäckigkeit und 
Dickköpfigkeit auf, man vermißte bei ihm jeden Versuch, 
mäßigend auf seine Kinder einzuwirken 

Die Frage der Zurechnungsfähigkeit des alten Thomas 
ist gerichtlicherseits noch nicht angeregt worden, dem Unter- 
zeichneten drängt sie sich zum ersten Male auf, als ihm 
gelegentlich im Gespräch Thomas eine einfache Zeugen- 
vorladung als wichtige Urkunde und Beweismittel dafür 
angab, daß das berüchtigte Streitobjekt kein Gemeinde- 
damm sei. Das völlig wertlose Aktenstück gab er um 


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Schneider. 


alles in der Welt nicht aus der Hand „dann könnten sie 
überhaupt nichts mehr wollen .... 

Die Urteilslosigkeit, die völlige Unbelehrbarkeit und 
die Verknüpfung jeder Person, die ihren Rechtsstandpunkt 
nicht teilt, in das Netz ihrer verkehrten Rechtsbegriffe, 
bilden den Grundzug der Krankheitserscheinung bei Franz 
Thomas genau ebenso wie bei Philipp Thomas. Und da 
Franz Thomas unter der Herrschaft dieser krankhaften 
und unkorrigierbaren Vorstellungen die Straftat begangen 
hat, so ist hierfür die freie Willensbestimmung bei ihm 
ebenso ausgeschlossen, wie bei seinem Sohne Philipp.“ 

Auf Grund dieses Gutachtens, und da er körperlich 
in der Haft zusehends hinschwand, wurde Franz Thomas 
am 10. August 1901 unter der Bedingung fünfjährigen 
Wohlverhaltens begnadigt. 

Wie oben schon angedeutet, hatte sich während der 
Strafverbüßung ein Dissens zwischen dem Mainzer Kreis- 
arzt und dem Butzbacher Anstaltsarzt insofern ergeben, als 
letzterer den Melchior Thomas für hochgradig schwach- 
sinnig und unzurechnungsfähig erklärt hatte. Deshalb wurde 
im Einverständnis mit Großh. Ministerium Thomas noch- 
mals in der psychiatrischen Klinik eingehend beobachtet, 
das Gutachten kommt zu dem Schlüsse: 

„1. Thomas zeigt eine gewisse geistige Beschränktheit 
und leichte Beeinflußbarkeit. 

2. Durch die genannten Eigenschaften werden unter 
Berücksichtigung aller Verhältnisse die jetzt noch bestehen- 
den Rechtsideen bei ihm genügend erklärt. 

3. Thomas ist auf Grund der klinischen Unter- 
suchung und Beobachtung nicht als geisteskrank zu 
erachten.“ 

Unterm 16. April wurde er unter dergleichen Bedingung 
wie sein Vater begnadigt. Er begab sich aber unglück- 
seligerweise nicht zu seiner Familie, sondern in die väterliche 
Mühle. Welch' unheilvollen, verwirrenden Einfluß der Alte 


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Müller Thomas uud seine Familie. 


149 


auf den Sohn ausübte, beweist ein Schreiben an den Gerichts- 
vollzieher, der mit Beitreibung der Kosten aus den letzten 
Strafprozessen beauftragt war. 

„ Auf die Mitteilung vom 17. Juli vordere 

ich Sie zum zweiten mahl schriftlich auf nach §. 164 
St.G.B. gehender Titel als Beamter, daß gegen das Urteil 
vom 27. Oktober 1900 Anzeige gemacht ist wegen 
Urkundenfälschung valsche Anschuldigung und Meineid 
da uns das fervahren eingestellt worden ob diese Anzeigen 

falsch sind oder nicht nach §. 191 St.G.B “ 

Deutlich ist hier schon der Einfluß der hirnverbrannten 
Ideen des Alten zu spüren. Melchior spielt dabei auf eine 
Anzeige an, die er während der Untersuchungshaft gegen 
Thörle und Genossen gemacht hatte, die aber zurück - 
gewiesen worden war. 

Die Kostenbeitreibung verursachte auch unendliche 
Schreibereien und Scherereien, da der Vollziehungsbeamte 
wohl Schonen des Thomas pfändete, bei der Versteigerung 
aber niemals Gebote abgegeben wurden, da niemand mit 
dem gefürchteten Thomas etwas zu tun haben wollte. 

In diesen Akt des Dramas fällt auch die Verhandlung 
der Sache in der zweiten hessischen Kammer. 

An diese war folgendes Schriftstück abgesandt worden : 
„Vorstellung des Franz Thomas und dessen Sohn 
zu Nieder-Saulheim betreffend Rechtsverweigerung. 

An die 

hohe zweite Kammer der Stände des Groß- 
herzogtums. 

Endesunterzeichneter ersucht der zweiten hessischen 
Ständekammer wegen Rechtsverweigerung folgendes zu 
unterbreiten : 

Im Jahre 1891 erhielt ich von Wendel Thörle III. 
Nieder-Saulheim eine Anklageschrift, worin Thörle ein 
Erpressungsversuch, Urkundenfälschung machte, um sich 


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150 


Schneider. 


ein Vermögensvorteil zu verschaffen. Am Amtsgericht 
Nieder-Olm wurde ich gegen alles Aufbieten gewaltsam 
in diese Ungerechtigkeit verurteilt und noch als ein 
Akt der Bosheit, ein Racheakt dergestalt, alsdann ging 
ich an das Landgericht Mainz, wozu ich vier Rechts- 
anwälte brauchte, welche sämtlich im Einverständnis 
mit der Partei handelten. Schon während des Prozesses 
erhob ich Anzeige bei der Staatsanwaltschaft und am 

Großhl. Ministerium, wurde aber abgewiesen 

Überdies erhob ich sofort bei Großhl. Ministerium zum 
zweiten Mal Anzeige, wo aber nichts geschah, auch keine 
Antwort erhielt. Auf das hin warf mein Sohn dem 
Betreffenden Meineid vor, man stellte ihn ans Schöffen- 
gericht verurteilte ihn zu 200 Mark Geldstrafe nebst den 
Kosten, worauf Herr Rechtsanwalt Dr. • . . die Kosten- 
rechnung zusandte. Wo mein Sohn ihn mittelst Briefe 
die Spitzbüberei vorwarf, was geschah, er erhob Anzeige 
an der Staatsanwaltschaft, als hätte mein Sohn Erpressungs- 
versuch gemacht, worauf er die Staatsanwaltschaft in 

Kenntnis setzte, daß Herr Dr im Einverständnis 

mit der Gegenpartei gehandelt habe, man holte ihn mit 
3 Gendarmen, brachte ihn an die Strafkammer nach 
Mainz, wo er ohne ein Wort zu vertheidigen mit drei 
Wochen Gefängnis verurteilt wurde. Dann hat mein 
Sohn nebst meiner Tochter durch Plakaten die Spitz- 
büberei veröffentlicht, dann ging es aber los mit Verhaften 
und Vorführen 

Auf dies hin erhielt mein Sohn und Tochter von 
der Staatsanwaltschaft Anklageschriften als hätten sie 
durch Plakaten Beamtenbeleidigung gemacht. Mein Sohn 
hat sich aber dieser falschen Anklage widersetzt und 
darauf gesessen. Da kam aber die Staatsanwaltschaft 
mit unwiderstehlicher Gewalt, schlossen mein Sohn und 

Tochter, führten sie vor nach Nieder-Olm 

Nun folgt eine verworrene Darstellung der Festnahme 


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Müller Thomas und seine Familie. 


151 


und Verbringung der Anna Huber in die Irrenanstalt, 
ihre Entlassung und weiteren Schicksale. Zum Schluß hieß 
es dann: 

Einer unschuldigen Frauensperson, welcher nicht 
das geringste nachzuweisen ist, so matem, das ist ein 
trauriges Dasein in Hessen und was gedenkt Großhl. 
hessisohe Regierung weiter zu tuen, um mir in dieser 
Sache, die ich als Wahrheit weiter beweisen kann, zu 
meinem Rechte zu verhelfen. 

Ich bitte hochgeehrte zweite hessische Ständekammer 
oben erwähnte Sache genau zu prüfen und Großhl. 
Regierung unterbreiten zu wollen. 

Nieder-Saulheim, den 7. Februar 1900 
Hochachtend 

Franz Thomas, Philipp Thomas Sohn.“ 

Zur Besprechung gelangte die Vorstellung in der 
Sitzung der zweiten Kammer vom 20. Dezember 1900. 

Die Beschwerde wurde dem Antrag des 3. Ausschusses 
entsprechend, der schriftlich in der Sache Bericht erstattet 
hatte, für erledigt erklärt. 

Für den Müller Thomas ergriff eigentlich nur der 
Abgeordnete des Wahlkreises, zu dem Nieder-Saulheim 
gehört, das Wort und empfahl, den Fall Thomas in 
schonender Weise aus der Welt zu schaffen. Geschehe 
das nicht, so werde der letzte Akt des Dramas noch nicht 
gespielt sein, der werde Mord und Selbstmord heißen. Aus 
den Bemerkungen anderer Abgeordneten ergab sich, daß 
sich die Angehörigen der Familie Thomas, auch die Anna 
Huber, an sie gewandt hatten (also schon vor 1898), um 
sie zum Eingreifen in die Prozesse zu bewegen, was aber 
von ihnen abgelehnt worden war. Im Anschluß hieran 
sei bemerkt, daß später von verschiedenen Mitgliedern der 
Familie Thomas noch wiederholt Eingaben an die zweite 
Kammer gerichtet wurden, auch Se. Königliche Hoheit der 


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152 


Schneider. 


Großherzog erhielt Zuschriften, denen aber mit Rücksicht 
auf den Geisteszustand der Antragsteller keine Folge gegeben 
wurde. — Hierher gehören besonders die Eingaben des 
Melchior Thomas vom 20. November 1902, des Philipp 
Thomas vom 4. Oktober 1903, die von Beleidigungen 
geradezu wimmelt, und des Melchior Thomas vom 
25. Oktober 1903 an die zweite Ständekaramer betr. Rechts- 
verweigerung. 

Nachdem Philipp Thomas dauernd in der Irrenanstalt 
interniert worden, wiederholte die Staatsanwaltschaft am 
19. September 1900 ihren im Jahre 1898 abgelehnten 
Antrag auf Entmündigung desselben. Diesem Antrag wurde 
auf Grund des ausführlichen Gutachtens des Oberarztes im 
Philippshospital durch Beschluß des Amtsgerichts Nieder- 
Olm vom 3. Januar 1901 entsprochen. 

Gegen diesen Beschluß erhob Philipp Thomas „nach 
§ 664 Abs. 2, 668 Abs. 1 C P.O.“ Klage. Das Gericht 
bestellte ihm einen Anwalt, Thomas wurde nochmals von 
verschiedenen Kapazitäten der Psychiatrie untersucht, die 
aber einstimmig zu dem Schluß kamen, daß Thomas ein 
typisch Querulantenwahnsinniger sei und im Sinne des 
§ 6 B.G.B. wegen Geistesschwäche außer Stande sei, seine 
Angelegenheiten zu besorgen. Es ist unmöglich hier die 
gesamten Gutachten vorzutragen, interessant ist aber das 
Verhalten des Thomas bei seiner Vernehmung. Er begegnete 
dem anwesenden Richter und den Sachverständigen mit 
größtem Mißtrauen und erklärte: Medizinische Sach- 

verständige dürfen nicht zugezogen werden, hier kommen 
nur Richter in Frage, außerdem muß es mir 14 Tage 
vorher zugestellt werden, damit ich meine Beweismittel in 
Händen habe. Trotz seines WiderstrebenB gelang doch eine 
Unterhaltung, die den Sachverständigen genügendes Material 
für ihr Gutachten bot. 

Unter diesen Umständen wurde natürlich die Klage 
durch Urteil vom 2. März 1904 abgewiesen. 


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Müller Thomas und seine Familie. 


153 


Dagegen reichte Thomas bei der Staatsanwaltschaft 
nnd beim Landgericht eine „Revision“ ein, die nicht weniger 
als 24 eng beschriebene große Bogenseiten umfaßt und 
nochmals die ganze Geschichte seines „Rechtes“ enthält, 
und in „Tatbestand" und „Gründe“ zerfällt. Eine weitere 
Folge wurde dieser Eingabe nicht gegeben. 

Eine wahre Leidensgeschichte für den betreffenden 
Richter war die Vormundschaft über die Anna Huber und 
den Philipp Thomas. 

Nach der Entmündigung der ersteren war der nach 
französischem Recht erforderliche Familienrat, der aus den 
nächsten Angehörigen bestehen mußte, auf Ersuchen des 
Amtsrichters wiederholt zusammengetreten, er hatte sich 
aber stets geweigert, einen Vormund zu wählen, so daß 
die Huber zunächst ohne Vormund blieb. Da sie kein 
Vermögen besaß, entstand dadurch kein weiterer Schaden. 
Nach Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches wurden 
die Bemühungen des Richters, einen Vormund zu gewinnen, 
wieder aufgenommen, jedoch anfänglich vergeblich. 

Es würde zu weit führen, alle Phasen des Verfahrens im 
einzelnen anzuführen, als Charakteristikum sei nur erwähnt, 
daß die umfangreichen Vormundschaftsakten (Phil. Thomas 
hat schon zwei Bände) fast ausschließlich bestehen aus Vor- 
schlägen des Ortsgerichts von Vormündern, Weigerungen 
der Ausgewählten, Strafandrohungen, Straffestsetzungen, Be- 
schwerden, weiteren Beschwerden, Beschlüssen über Un- 
zulässigkeit oder Grundlosigkeit der Beschwerden, Kosten- 
rechnungen etc. Der materielle Inhalt ist äußerst gering. 
Im einzelnen ist folgendes zu bemerken: 

Bezüglich der Anna Hub er wurden folgende Personen 
zur Vormundschaft herangezogen: 

1 . Der Schwager, der schon genannte Beamte. Er 
erhielt nicht die erforderliche Erlaubnis seiner Vorgesetzten 
Behörde. 


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154 


Schneider. 


2. Der Schwager Adam Schlösser in Sörgenloch, der 
die Elise Thomas geheiratet hatte. 

Auf seine Weigerung erhielt er Ordnungsstrafen von 
50, 100 und 300 Mark. 

3. Karl Thomas in Nieder-Saulheim. 

Er weigerte sich und erhielt Ordnungsstrafen von 50, 
100 und 300 Mark. 

4. Peter Thomas in Vendersheim. 

Auch er weigerte sich und erhielt Ordnungsstrafen von 
100, 300 und 300 Mark. 

5. Der Bruder Melchior Thomas. 

Er weigerte sich und erhielt Ordnungsstrafen von 100 
und 150 Mark. 

6. Der Landwirt Melchior Thomas in Vendersheim. 

Er weigerte sich ebenfalls. 

Schließlich wurde, da kein anderer Ausweg blieb, ein 
Bechtspraktikant in Nieder-Olm am 22. Juli 1904 zum 
Vormund bestellt. 

Ähnlich war der Verlauf der Sache bei Philipp 
Thomas: 

Als Vormünder waren ausersehen: 

1. Seine Ehefrau (Philipp Thomas hat während der 
Prozesse geheiratet). 

Sie weigerte sich, hat übrigens auch Ehescheidungs- 
klage eingereicht. 

2. Melchior Metzler in Vendersheim. 

Er weigerte sich, seine Weigerung wurde als berechtigt 
anerkannt. 

3. Melchior Thomas, der Bruder. 

Auf seine Weigerung hin wurden Strafen von 20, 50 
und 100 Mark ausgesprochen. 

4. Adam Schlösser III, der Schwager. 


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Müller Thomas und seine Familie. 


155 


Auf seine Weigerung wurde er mit 150 Mark bestraft, 
eine weitere Strafe von 200 Mark angedroht. 

Die ausgesprochenen Strafen wurden fast alle anstands- 
los bezahlt. Melchior Thomas und Schlösser schickten die 
Zuschriften des Amtsgerichts einfach zurück, versehen 
mit völlig mißverstandenen Zitierungen von Paragraphen 
der C.P.O. Der Inhalt ihrer Erklärungen war meist der, daß 
sie keinen Antrag auf Entmündigung der Angehörigen 
gestellt hätten, und bevor ihnen nicht der Antragsteller 
mitgeteilt sei, sie auch nichts annehmen könnten (obschon 
ihnen dutzendmal die erforderliche Aufklärung gegeben 
worden war). 

Da auch hier kein anderer Ausweg blieb, wurde eben- 
falls der genannte Rechtspraktikant zum Vormund bestellt. 
Diese Bestellung war umso nötiger, als dem Philipp Thomas 
eine Klage wegen seiner Verpflegungskosten im Philipps- 
hospital drohte. 

Unterdessen hatte aber Melchior Thomas einen neuen 
Konflikt mit dem Strafgesetz bekommen. 

Am 30. September 1903 hatte der Nieder-Olmer Gerichts- 
vollzieher zwecks Beitreibung einer in der Vormundschafts- 
sache erkannten Ordnungsstrafe bei dem Melchior Thomas 
eine Creszenzenpfändung vorgenommen. Thomas sandte 
die Abschrift des Protokolls mit folgender Aufschrift auf 
der Rückseite zurück: 

„Gegen die Pfändung vom 30. September 1903. im 
Auftrag des Amtsgerichts Nieder-Olm erhebe ich Einspruch 
aus dem Grunde, weil ich Ihnen mitgeteilt habe auf den 
4. 8. 1903 So wie auch dem Amtsgericht Nieder-Olm 
auf den 8. 8. 1903. 

Ich fortere Sie auf als Beamter nach § 253 § 255 
und nach § 257 St.G.B. weil ich der Staatsanwaltschaft 
Mainz Anzeige gemacht habe wegen Urkundenfälschung 
Falscheanschuldigung und Meineid nach § 164 und nach 
§ 191 St.G.B. 

Der Pitaval der Gegenwart. IV. 11 


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156 


Schneider. 


Ich verbitte mir alle weitere Erpressungsversuche 
und trohungen nach § 656 C P.O. 

Der ich nicht bin 

Hochachtungsvoll Melchior Thomas.“ 

In einem Schreiben vom 23. Oktober 1903 warf er 
dem Gerichtsvollzieher vor: „er habe ihm das Rind (das 
er gepfändet hatte!) gestohlen und belochen und fordert 
ihn nochmals nach § 253, 255, 257 St.G.B.“ auf. 

Man sieht genau dieselbe Ausdrucksweise, dieselben 
Zitate wie bei Phil. Thomas! 

Man dachte zunächst daran, um weitere Verwicklungen 
zu vermeiden, die Sache durch Einstellung nach Zurück- 
nahme des Strafantrags zu erledigen, man hielt es aber 
schließlich doch für zweckentsprechend, zumal auch da- 
durch Handhaben für seine Behandlung, insbesondere 
Strafsachen gegeben wurden , Melchior Thomas noch- 
mals auf seinen Geisteszustand begutachten zu lassen. 

Aus dem Gutachten des Kreisgesundheitsamts Mainz, 
das auf Grund der neuerlichen Entwickelung der Sache 
erstattet wurde, sei folgendes hervorgehoben: 

Die Familie Thomas bildet ein ausgezeichnetes Bei- 
spiel für das sogenannte induzierte Irresein. Den indu- 
zierenden Faktor bildet die Ehefrau Huber, die höchst- 
wahrscheinlich geisteskrank aus Amerika zurückkam und 
jedenfalls längere Zeit, bevor die Familie Thomas die 
Öffentlichkeit beschäftigte, an chronischer Verrücktheit er- 
krankt war. Sie bemächtigte sich der Führung des be- 
kannten Prozesses .... 

Daß die Familie Thomas von ihrem Recht überzeugt 
ist, ist für den Kenner bäuerlichen Charakters ebenso selbst- 
verständlich, als der Umstand, daß das Recht bis in die 
letzten Instanzen verfolgt wird. Das Krankhafte liegt darin, 
daß für das Unterliegen im Prozeß ein ganzer Ratten- 
könig von Vorstellungen bei der Familie Thomas Platz 


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Müller Thomas und seine Familie. 


157 


greift. Die Wahnsysteme der Verfolgung überträgt die 
Geisteskranke Huber auf den Prozeß: 

Das sonnenklare Recht trug nur deshalb nicht den 
Sieg davon, weil nicht bloß die Prozeßgegner, sondern 
auch die Richter und Anwälte sich der schlimmsten Ver- 
brechen, des Meineids, der Urkundenfälschung, der Er- 
pressung, Freiheitberaubung etc. schuldig machten. Es 
liegt hier das Wahnsystem einer chronisch Verrückten klar 
zu Tag . . . .“ 

Es wird nun ausgeführt, daß zuerst Philipp, dann 
Franz und jetzt auch Melchior Thomas in diesen Ideen- 
kreis verstrickt worden ist. 

„Mit Bezug auf diesen Vorstellungskreis muß Melchior 
Thomas als induziert „geisteskrank angesehen werden 1 - 
daß er sich einer Beamtenbeleidigung schuldig macht, da- 
für fehlt ihm jede Einsicht; seine Willensbestimmung 
innerhalb dieses Ideenkreises ist gebunden durch die un- 
korrigierbaren falschen Vorstellungen von seinem Recht 
Die Beamtenbeleidigung ist der unmittelbare Einfluß der 
induzierten Vorstellung.“ Das Verfahren wurde daraufhin 
wegen Geisteskrankheit des Beschuldigten eingestellt. 

Das Gutachten fand insbesondere eine Stütze in den 
zahllosen Eingaben des Franz und Melchior Thomas, zu 
denen neuerdings auch der Schwager Schlösser trat, in 
den Vormundschaftsakten, die fast alle denselben oder doch 
ähnlichen Inhalt haben. Bemerkt sei dazu, daß die Ein- 
gaben Schlossers zum Teil von Thomas geschrieben oder 
mindestens doch von ihm abgefaßt scheinen. 

Als Probe sei eine Eingabe Schlossers hier eingefügt: 
Sörgenloch, den 22. März 1904. 

Ich fordere Großhl. Amtsgericht Nieder-Olm wieder- 
holt auf die Beschwerde vom 16. März 1904 auf An- 
ordnung von Großhl. Amtsgericht Nieder - Olm vom 
17. März 1904. 

11 * 


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158 


Schneider. 


Gründe: 

Mit dem Bemerken nach § 656 O.PO. mit Zustimmung 
des Antragssteilere kann das Gericht anordnen der ich 
nicht bin Indem es dem Landgericht Mainz Civil- 
kammer III festgestellt wurde, daß wir kein Antragsteller 
sind. Ich verbitte mir alle weiteren Erpressungsvereuche 
und Drohung nach § 253 St.G.B. 

Hochachtend ! 

Adam Schlösser III.“ 

Melchior Thomas schreibt am 8. 8. 1903: 

, Und nur von Ruchloß und Gewissen- 

lose Menschen, am Kreisamt Oppenheim eine Falsche An- 
trag gestehlt, Anna und Philipp Thomas suchen Geistes- 
krank und Gemeindegefährlich Trotzdem vordere 

ich Sie auf nach § 253, 255, 257 St.G.B. und nach § 556 
C.P.O 

Ich vortere sie auf als Beamter nach § 340, 

341, 344, 345 St.G.B. 

Ich verbitte mir alle weiteren Erpressungsversuche, 
da wier der Staatsanwaltschaft Mainz Anzeige gemacht 
haben wegen Urkundenfälschung, valsche Anschuldigung 

und Meineid nach § 164 und nach § 191 St.G.B “ 

Auch an die Staatsanwaltschaft in Mainz richteten 
Thomas und Schlösser Anzeigen wegen Beleidigung, Amts- 
verbrechens und forderten sie nach §§ 253 ff. auf, eine Folge 
wurde den Zuschriften nicht gegeben. 

Auf die obenerwähnte Klage der Provinzialdirektion 
Starkenburg wegen Erstattung der Kosten der Verpflegung in 
der Irrenanstalt wurde Philipp Thomas dem Klageantrag 
gemäß verurteilt. Da der alte Thomas am 30. Juni 1898 
sein gesamtes liegendes Vermögen an die Kinder verteilt 
hatte, wobei Phil. Thomas den größten Teil, besonders die 
Mühle erhalten hatte, wurde Einschreibung genommen und 
trotz verschiedener Beschwerden und Eingaben des Philipp, 


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Möller Thomas lind seine Familie. 


159 


Franz, Melchior Thomas und des Schlösser das Zwangs- 
versteigerungsverfahren betrieben. 

Bei der Versteigerung vom 7. Dezember 1904 wurden 
nur auf drei von 1 5 ausgebotenen Parzellen Gebote abgegeben, 
bezgl. zweier Grundstücke fand am 28. Februar 1905 eine 
Nachgebotsversteigerung statt. Die abgegebenen Gebote, 
zu denen auch der Zuschlag erfolgte, blieben hinter 
der Schätzung zurück. Niemand wollte mit den An- 
gehörigen der Familie Thomas etwas zu tun haben. Hatten 
doch in der Vormundschaftsangelegenheit die Leute lieber 
hohe Strafen bezahlt, als sich in die Gefahr begeben, den 
Zorn der Thomas zu reizen. 

Es braucht wohl nicht noch besonders bemerkt zu werden 
daß in allen diesen Angelegenheiten Dutzende von Berichten 
an Vorgesetzte Behörden infolge der Beschwerden der An- 
gehörigen der Familie Thomas nötig wurden. 

Die Erwerber der drei Thomas’schen Grundstücke 
sollten ihres Besitzes nicht froh werden. Da die Zwangs- 
versteigerung natürlich von Franz Thomas und Cons. nicht 
anerkannt wurde, betrachteten sie sich immer noch als 
Eigentümer. 

Am 3. April 1905 wollte der Landwirt Bruner nach 
einem der gesteigerten Äcker gehen, wohin er Mist gebracht 
hatte. Als er hin kam, breiteten Franz und Melchior 
Thomas den Mist aus, als ob er ihr Eigentum wäre und 
erklärten, sie wollten Hafer säen. Daselbe passierte den 
beiden anderen Steigerern Kröhle und Thörle. 

Bruner ließ sich den Eingriff in sein Eigentums- 
recht nicht gefallen und setzte Kartoffeln in das Feld, 
am 24. Juni 1905 waren sie sämtlich ausgepflügt. 

Am 12. Juli 1905 w T ollte Thörle sein Korn, das ihm 
die beiden Thomas abgeschnitten hatten, wenigstens ein- 
fahren. Während er auflud, erschienen Franz und Melchior 
Thomas, griffen ihn an, Melchior Thomas stach ihm mit 
einer Heugabel in die Seite. Das gleiche Geschick hatte 


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160 


Schneider. 


Kröhle, dessen Gerste am 21. Juli von den beiden Thomas 
unter Zuhilfenahme dritter Personen abgeemtet und ein- 
getan wurde. Im November 1905 endlich wurde dem 
Thörle das Korn, das er in den ersteigerten Acker eingesäet 
hatte, von den Thomas umgepflügt, das gleiche erlebte der 
Landwirt Bruner noch mit seinem Acker am 18. April 
1906. 

In dem von der Staatsanwaltschaft Mainz wegen Sach- 
beschädigung eingeleiteten Verfahren, das sich hauptsächlich 
gegen die Teilnehmer richtete und ein Bild über den Geistes- 
zustand des Melchior Thomas geben sollte, dessen Geistes- 
krankheit noch nicht völlig einwandfrei festgestellt schien, 
wurde auf Antrag des Sachverständigen die Verbringung 
des Melchior Thomas nach § 81 St.P.O. in eine Irren- 
anstalt angeordnet. 

Nach vielen Mühen — das Verfahren war im Juli 
bezw. Oktober 1905 eingeleitet worden — , gelang am 
23. Januar 1906 die Festnahme des Melchior Thomas, 
der alsbald die Überführung in die Gießener Klinik folgte. 1 ) 

Das ausführliche Gutachten vom 13. März 1906 kam 
zu dem Schlüsse, daß Melchior Thomas jetzt geisteskrank 
geworden sei, seine Internierung sei nicht nötig, wenn 
der alte Thomas dauernd in einer Irrenanstalt verwahrt 
werde. 

Das Verhalten des Melchior Thomas trage alle Merk- 
male der als querulierende Form der Paronoia den Irren- 
ärzten wohlbekannte Geistesstörung, im Jahre 1901 sei 
Thomas nicht geisteskrank gewesen, jetzt aber unter dem 
Einfluß des geisteskranken Vaters selbst geisteskrank ge- 
worden. Melchior Thomas wurde aus der Klinik entlassen, 

1) Hier ist einzuschalten, daß Melchior Thomas im Mai 1905 
auch an den Kaiser ein Gesuch um Wiederaufhebung der Ent- 
mündigung seines Bruders gerichtet hatte, das aber durch die Kgl. 
Preuß. Gesandtschaft Darmstadt unter Hinweis auf die gesetzlichen 
Vorschriften der C P.O. zurückgewiesen wurde. 


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Müller Thomas und seine Familie. 


161 


sämtliche Angeschuldigte wurden außer Verfolgung gesetzt 
(Beschluß vom 18. 7. 1906.) Aufgabe der Verwaltungs- 
behörde war es nun, um weitere. Exzesse zu vermeiden, 
die Internierung des gemeingefährlichen Franz Thomas 
herbeizuführen. 

Seit April 1906 bemühte sich nun die Gendarmerie, 
des Franz Thomas habhaft zu werden, indem sie ihn 
auf dem Felde zu überraschen suchte. Alles war aber 
vergebens. Nunmehr sollte am 8. Juni unter Aufgebot zahl- 
reicher Gendarmerie Thomas unter allen Umständen aus 
der Mühle gebracht und verhaftet werden. Man versuchte 
die Türen der Mühle zu erbrechen; gerade gelang es dem 
Wachtmeister R. aus Bodenheim eine Füllung einzustoßen, 
als ein Schuß krachte und der Beamte tot zurücksank. 
Thomas hatte ihn mittels eines Schrotschusses getötet. 
Unter dem Eindruck dieses Ereignisses wurde an 
diesem Tage von weiterem Vorgehen Abstand genommen. 
Am nächsten Tag — 9. Juni — verließ zuerst Frau 
Thomas die Mühle, um Vieh zu füttern. Durch Schreck- 
schüsse eingeschüchtert, wagte sie nicht mehr, die Mühle 
zu betreten, bald darauf kam auch der alte Thomas her- 
aus, durch seinen 1 1 jährigen Enkel aufgefordert, und ließ 
sich willenlos festnehmen und in die Irrenanstalt verbringen; 
den gleichen Weg nahm der Melchior Thomas, der sich 
in der Nähe der Mühle aufgehalten und seinen Vater durch 
Zeichen von den Maßnahmen der Gendarmerie in Kenntnis 
gesetzt hatte. Die Besichtigung der Mühle ergab, daß 
Thomas sich durch Sprießen am Balken, Vorlegen von 
Pflügen, Eggen etc. vor die Türen in der Mühle vollständig 
verbarrikadiert gehabt batte. 

Das Gutachten des Oberarztes der Irrenanstalt Heppen- 
heim vom 30. Januar 1907 bezw. 2. Februar 1907 spricht 
sich dahin aus, daß beide, Franz und Melchior Thomas, 
geisteskrank sind und an ausgesprochenem Querulanten- 
wahnsinn leiden. Das Amtsgericht Nieder-Olm sprach 


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162 


Schneider. 


daraufhin durch Beschlüsse vom 22. Februar 1907 die 
Entmündigung beider aus. Ihre bewiesene Gemeingefähr- 
lichkeit rechtfertigte ihre dauernde Internierung: 

Die im Laufe des Jahres 1906 angeordnete vorläufige 
Vormundschaft 1 ) wurde in eine definitive umgewandelt. 
Vormund des Melchior Thomas ist seine Ehefrau, des Franz 
Thomas ein Rechtspraktikant in Nieder-Oim. 

Kurz vor Ostern 1907 entwich aber Melchior 
aus der Anstalt, in der man ihn mit Gartenarbeit be- 
schäftigt hatte, und kehrte zu seiner Familie zurück. 
Da der Einfluß seines Vaters gebrochen ist, er auch 
mehr passiv sich verhalten hatte, wohl infolge seiner 
geringen Intelligenz, ist von ihm wohl weniger zu befürchten. 
Er soll in Freiheit bleiben, um seine Familie erhalten 
zu können; nur wenn er sich wieder zu Widerspenstigkeiten 
gegen Beamte hinreißen lassen sollte, soll seine erneute 
Internierung erfolgen. 

Doch ist sein Schwager Schlösser zu der alten Mutter 
auf die Mühle gezogen, dessen Verhalten in den Vor- 
mundschaftsangelegenheiten auch schon bedenklich die 
Einflüsse der Querulanten erkennen ließ; auch die Mutter 
hat schon einmal eine von den gleichen Wahnideen 
erfüllte Eingabe, wie sie ihr Ehemann und ihre geistes- 
kranken Kinder äußern, an die Irrenanstalts - Direktion 
gerichtet. 

Ob da der letzte Akt dieses Dramas schon gespielt 
ist? Ob die Gemeinde Nieder-Saulheim und ihr schwer- 
geprüfter Bürgermeister jetzt zur Ruhe kommen werden? 
Wer kann es sagen? 

1) Eine solche schien damals geboten, da die Landwirte Bruner 
u. Kons., denen die Thomas die Früchte verdorben oder eingeheimst 
hatten, Entschädigungsklagen anhängig machten. 


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Der Lnstmörder Dittrich. 

Von 

Staatsanwalt Brendler in Dresden. 

Im Jahre 1905 wohnte in einer Villa der malerisch 
am Fuße des Papststeins in der Sächsischen Schweiz ge- 
legenen vielbesuchten Sommerfrische Gohrisch die Eentiere 
Alma gesch. Opitz, eine stattliche Dame von etwa 40 Jahren, 
die sich mit der Verwaltung ihres Vermögens beschäftigte 
und fast allwöchentlich nach Dresden reiste, um ihre Grund- 
stücke zu beaufsichtigen und die sonst notwendig werdenden, 
mit der Vermögensverwaltung zusammenhängenden Ge- 
schäfte zu besorgen. Am 17. Oktober 1905 verließ sie 
ihre Wohnung gegen i /*l Uhr nachmittags, um sich nach 
dem eine gute halbe Stunde von Gohrisch entfernten Bahn- 
hofe von Königstein zu begeben und (mit dem 1 Uhr 
4 Minuten abgehenden Personenzuge nach Dresden zu 
fahren. Sie war beim Fortgehen mit einem schwarzen 
Rocke, roter Bluse mit goldenen Knöpfen, schwarzem 
Strohhute und neuen eleganten Schnürstiefeln bekleidet, 
hatte über dem Arme ein schwarzes Jakett mit schwarz 
und weißem Futter und führte eine mittelgroße, schwarze 
Ledertasche bei sich, die außer einer schwarzen Taille, 
etwas Frühstücksbrot und einer Anzahl Zigaretten, einen 
Hundertmarkschein, ein Zweimarkstück und mehrere Nickel- 
mtinzen enthielt. Außerdem trug sie einen ziemlich langen, 
wertvollen schwarzen Spitzenschal, eine goldene Uhr, einen 
goldenen Ring mit einem Brillanten und goldene Ohrringe. 

Der Pitaval der Gegenwart IV. 12 


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164 


Brendler. 


Ein Sträußchen Gartenblumen und einige Kiefemzweige 
hielt sie in der Hand. 

Sie ist nicht auf dem Bahnhofe in Königstein au- 
gekommen, sondern unterwegs ermordet worden. 

Es fiel zunächst ihren Verwandten in Dresden, bei 
denen sie regelmäßig Dienstags vorzusprechen pflegte , 
nicht sonderlich auf, daß sie gerade am 17. Oktober — 
das war eben ein Dienstag — nicht bei ihnen erschien; 
sie mutmaßten, daß sie aus irgend einem Grunde ihren 
Besuch verschoben habe. Als aber mehrere Tage ver- 
gingen, ohne daß eine Nachricht von ihr einging, er- 
kundigten sie sich in Gohrisch und erfuhren hier, daß Frau 
Opitz bereits am 17. Oktober nach Dresden abgereist und 
seitdem noch nicht wieder zurückgekehrt sei. Man hatte 
angenommen , sie sei länger in Dresden zurückgehalten 
worden, als ursprünglich beabsichtigt war, und hatte des- 
halb ihrem Fernbleiben keine Bedeutung beigelegt. Nun- 
mehr mußte man aber befürchten, daß ihr ein Unglück 
widerfahren sei, und es wurden sofort Nachforschungen 
nach ihrem Verbleibe angestellt, die zuerst erfolglos waren, 
bis man sich entschloß, den Wald auf beiden Seiten der 
Gohrisch-Königsteiner Landstraße absuchen zu lassen. Am 
22. Oktober nachmittags gegen 5 Uhr wurde in einem 
Dickicht, etwa zwei Minuten von der Straße und vier Mi- 
nuten von dem an der Straße liegenden Restaurant Louisen- 
hof entfernt, der Leichnam der Frau Opitz aufgefunden. Er 
lag lang ausgestreckt da und war bekleidet mit Hemd, 
Korsett, zwei Unterröcken und weißen Beinkleidern. Ein 
Bein war nackt, das andere mit einem Strumpfe bekleidet. 
Die Arme waren entblößt, der linke lag dicht am Ober- 
körper, der rechte ruhte leicht gekrümmt auf dem Leibe; 
sie wiesen weder Kratz- noch sonstige Wunden auf, die 
auf einen Kampf hätten schließen lassen. Der Kopf war 
etwas nach der Seite gewendet, der Gesichtsausdruck fried- 
lich und ohne Spuren eines schmerzhaften Todeskampfes. 


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Der Lustmörder Dittrieh. 


165 


Der obere Unterrock war aufgeschlagen und bedeckte 
das Korsett und einen Teil der Arme. Taille, Oberrock, 
Hut, Schuhe, ein Strumpf und sämtliche Wertsachen, wie 
auch der Schal und die Tasche fehlten und waren auch 
in der Umgebung nicht aufzufinden. Dagegen lagen etwa 
acht Schritte von dem Fundorte entfernt die Kiefernzweige, 
die Frau Opitz heim Verlassen ihrer Wohnung in der 
Hand getragen hatte. Das Blumensträußchen war schon 
am 17. Oktober auf der Landstraße in der Nähe einer 
am Wegrande stehenden Bank von einer Frau aus Gohrisch 
aufgefunden worden, ohne daß damals diesem Funde ein 
Gewicht beigemessen worden wäre. 

Blutspuren waren weder am Fundorte, noch in dessen 
Umgebung zu sehen, Wunden wies der Körper nicht auf; 
nur am Halse zeigte sich ein etwa 10 bis 15 cm langer 
Strangulationsstreifen. 

Von der Landstraße, die in ziemlich steiler Böschung 
nach dem Walde abfällt, führte eine etwa 40 cm breite 
Spur nach dem Fundorte, auf der das Gras niedergedrückt, 
das Erdreich zum Teil aufgeschürft und der Boden, so- 
weit er unter den Fichten mit Nadelstreu bedeckt war, 
wie gekehrt erschien; offenbar war der Körper der Frau 
Opitz von der Landstraße nach dem Fichtendickicht ge- 
schleppt worden und hatte diese Spur hinterlassen. Das 
bewies auch ein dreizinkiger Fraueneinsteck kämm, der 
auf der Schleppspur lag und der Frisur der Toten ent- 
glitten war. 

Die Sektion der Leiche ergab Blutunterlaufungen im 
Gehirn und Anfüllung der Kehlkopfhöhle und der Luftröhre 
mit größeren Mengen Speisebrei, und das Gutachten der Ob- 
duzenten lautete: Der Tod der Frau Opitz ist eingetreten 
durch Erstickung infolge von Verstopfung der Luftröhre 
und ihrer Verzweigungen durch Aspiration von Magen- 
inhalt. Die Annahme daß vor dem Tode der Frau von 
dritter Hand Angriffe auf ihr Leben stattgehabt haben, ist 

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166 


Brendler. 


nach dem Leichenbefunde nicht ausgeschlossen. Nament- 
lich ist anzunehmen, daß schwere Schläge mit einem harten, 
stumpfen Gegenstände gegen ihren Kopf geführt worden 
sind und daß manuelle Angriffe an ihrem Halse und Würg- 
versuche stattgefunden haben. 

Außerdem aber ergab die mikroskopische Untersuchung 
eines dem Scheidenkanal der Leiche entnommenen Tropfens 
Schleim das Vorhandensein zahlloser, wohlerhaltener mensch- 
licher Samenfäden und stellte damit außer Zweifel, daß 
an der Frau Opitz kurz vor oder nach ihrem Tode der 
Geschlechtsakt vollzogen worden war. 

Nach diesem Befunde leuchtete es ohne Weiteres ein, 
daß die Tote das Opfer eines Mörders, und zwar eines 
Lustmörders geworden war. Es war anzunehmen, daß der 
Täter die Opitz auf der Landstraße getroffen, sie an- 
gehalten, gewürgt, ins Waldesdickicht geschleppt und sie 
dort gebraucht hatte. Der Tod war entweder infolge des 
Würgens und der Schläge vor oder während des Bei- 
schlafs eingetreten, oder die aus der Speiseröhre auf- 
steigenden Speisereste hatten gleich nach dem Geschlechts- 
akte die Erstickung des durch die Behandlung bewußtlos 
gewordenen Opfers herbeigeführt. Dann hatte der Täter 
die Leiche beraubt und war geflohen. 

Aber wohin hatte er sich gewandt? Wer konnte in 
Frage kommen? 

Eine Frau aus Königstein, die am 17. Oktober vor- 
mittags kurz vor 12 Uhr von Gohrisch nach Königstein 
gegangen war, hatte am Straßenrande auf einer Bank 
einen Mann sitzen sehen, der auf sie einen furchterweckenden 
Eindruck gemacht hatte. Er war etwa 35 Jahre, über- 
mittelgroß, hatte dunkles Haar, dunklen Schnurrbart, un- 
rasiertes Gesicht und war mit langem schwarzen Kock 
und Mütze oder eingedrücktem Hute bekleidet gewesen. 

Das konnte möglicherweise der Täter gewesen sein. 
Anscheinend denselben Menschen hatte gegen 1 Uhr 


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Der Lu stm örder Dittrich. 


167 


ein Gohrischer Gutsbesitzer gesehen. Er batte um Essen 
gebettelt und war ihm besonders wegen seiner stechenden 
Augen im Gedächtnis geblieben. 

Beide, die Frau aus Königstein und der Gutsbesitzer 
hatten in der Hand des Unbekannten einen derben Spazier- 
stock bemerkt, womit er recht gut der Opitz mehrere 
wuchtige Schläge auf den Kopf beigebracht haben konnte. 

Dieser Unbekannte wurde alsbald in der Person des 
Karusselldrehers Paul Richard Händler ermittelt und fest- 
genommen. 

Die Erörterungen ergaben, daß Händler, ein herunter- 
gekommener, arbeitsscheuer Bummler, sich schon seit Sep- 
tember 1905 in der Umgegend von Königstein umhertrieb, 
vom Bettel lebte und teils im Freien, teils in Scheunen 
oder Ställen nächtigte. Er führte in der Regel einen starken 
Stock bei sich und hatte sich besonders dadurch verdächtig 
gemacht, daß er am 20. Oktober in der Wohnung eines 
Invaliden in Königstein, mit dem er verkehrte, zu dessen 
Sohne, der den Stock besichtigen wollte, gesagt hatte: 
„Du, den Stock greifst Du mir nicht an, das ist mein 
Glücksstock. Mit diesem Stocke gebe ich einer Person eins 
auf den Kopf, dann ist sie weg und steht nicht wieder 
auf. Ist sie noch nicht ganz weg, so mache ich einen 
Kniff mit der Hand, dann ist's alle!“ Dabei hatte er eine 
bezeichnende Bewegung nach dem Halse gemacht. 

Das war doch gerade, als hätte der Mörder der Frau 
Opitz gesprochen, denn anders konnte es bei ihrer Tötung 
nicht zugegangen sein: erst ein Schlag auf den Kopf, 
und weil sie davon noch nicht ganz weg war, der „Kniff u 
mit der Hand um den Hals! Das entsprach genau dem 
Obduktionsbefunde, wie er in dem Gutachten der Sach- 
verständigen nach der Sektion niedergelegt war. 

Dazu kam, daß Händler schon wiederholt Uhren und 
Kleider versetzt hatte und daraus kein Hehl machte j 
und daß er mit einem Messer renommierte, mit dem er 


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168 


Brendler. 


jeden, der sich ihm widersetzen würde, erstechen wollte. 
Bei seiner gerichtlichen Vernehmung bestritt er, die Opitz 
ermordet zu haben. Er habe bis zum 15. Oktober in 
Rathewalde bei einem Karussellbesitzer gearbeitet, und sei 
am 16. Oktober früh über Königstein, wo er den er- 
wähnten Invaliden besucht habe, nach Schandau gewandert, 
um seine in Hinterhermsdorf wohnende Tante aufzusuchen. 
Zwischen Schandau und Hinterhermsdorf habe er im 
Freien genächtigt, sei dann am 17. Oktober früh nach 
Hinterhermsdorf gegangen, habe aber freilich seine Tante 
nicht besucht, sondern sich nach Böhmen gewendet. In 
einem böhmischen Orte, dessen Name ihm entfallen sei, 
habe er die Nacht vom 17. zum 18. Oktober zugebracht 
und sei dann über Rosendorf nach Tetschen gewandert, 
um sich dort Arbeit zu suchen. Er habe aber keine ge- 
funden und sei deshalb am 19. Oktober wieder nach 
Sachsen zurückgekehrt. Einen Stock führe er schon seit 
3 bis 4 Wochen nicht mehr. • 

Er habe, so erzählte er weiter, im Jahre 1904 von 
seiner Mutter 300 Mark erhalten, die nebst einer Geige in 
einer Höhle des Bärensteins versteckt seien. 

In dieser Höhle, die unter seiner Führung aufgesucht 
und genau untersucht wurde, fand sich aber nichts als 
eine alte Hacke und zwei alte Kopfkissen. Händler stellte 
nunmehr die Ansicht auf, das Geld sei ihm gestohlen 
worden. 

War dies alles in hohem Grade verdächtig, so er- 
klärten doch die beiden oben erwähnten Personen, die 
den unheimlichen Menschen um die Zeit, wo der Mord 
begangen wurde, in Gohrisch und auf der Landstraße ge- 
sehen hatten, auf das bestimmteste, Händler sei mit diesem 
Manne nicht identisch. Seine Angaben darüber, wo er sich 
am 17. und 18. Oktober aufgebalten haben wollte, ließen 
sich nicht widerlegen, wurden vielmehr durch die polizei- 
lichen Recherchen zum Teil bestätigt. 


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Der Lustmörder Dittricb. 


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Dazu kam, daß Händler, als er am 28. Oktober 1905 
aufgegriffen wurde, völlig mittellos war. Wäre er der 
Täter gewesen, so würde er sicher von den 100 Mark, 
die er der Opitz geraubt hatte, noch etwas gehabt haben. 

Endlich wurde noch Folgendes ermittelt. Am 15. Ok- 
tober 1 905 batte die Kellnerin in dem Gasthause zur Senn- 
hütte in Gohrisch zu Angehör der Gäste erzählt, daß sie 
Dienstag, den 17. Oktober mit dem Ein-Uhr-Zuge nach 
Dresden abreisen werde und ihre in Gohrisch gemachten 
Ersparnisse mitnehme. Dieses Gespräch hatte ein Fremder 
im Havelock, der als Gast anwesend war, mit angehört. 
Es bestand große Wahrscheinlichkeit, daß dieser Fremde 
den Entschluß gefaßt hatte, die Kellnerin zu berauben und 
die Opitz, die mit Tasche und Blumenstrauß des Weges kam, 
für die Kellnerin gehalten und überfallen hatte. 

Dieser Fremde war aber, das stand fest, mit Händler 
nicht identisch. 

Aus diesen Gründen wurde das Verfahren gegen 
Händler eingestellt. 

Obwohl Polizei und Gendarmerie ihre Nachforschungen 
auf das eifrigste fortsetzten, und obwohl durch die Aus- 
setzung einer Belohnung von 1000 Mark für die Er- 
mittelung des Täters das Interesse des Publikums an der 
dunklen Affaire beständig wach erhalten wurde, gelang 
es doch nicht, den Mörder ausfindig zu machen. Zwar 
lenkte sich noch einigemal der Verdacht auf eine be- 
stimmte Persönlichkeit — sogar der berüchtigte Berliner 
Baubmörder Hennig kam in Frage — und wiederholt 
schien es, als ob der Mörder gefunden werden sollte, aber 
immer wieder erwies sich die Annahme als unbegründet 
und die Spur, die so sicher auf den Täter hinzuweisen 
schien, als trügerisch. 


Im April 1906 ging bei der Polizeidirektion in Dresden 
eine Anzeige über einen größeren Einbruchsdiebstahl ein, 


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Brcndler. 


der in der Wohnung eines Kunstmalers ausgeführt worden 
war. Bei den Erörterungen wurde ermittelt, daß der mehr- 
fach vorbestrafte Lederarbeiter Max Otto Aloisius 
Dittrich eine Kiste, die zwei seit dem Diebstahle vermißte 
Anzüge enthielt, nach Berlin an den Schneidermeister 
Sauter, Sebastianstraße 2, hatte absenden wollen und sie 
zu diesem Zwecke nach dem Wettiner Bahnhofe in Dresden 
geschafft hatte. Sie war aber nicht befördert worden, weil 
Dittrich die Fracht nicht zahlen konnte. Da Dittrich bis 
dahin bei seiner Schwester, der Arbeitersehefrau Damaschke 
in Dresden, gewohnt hatte, so wurde diese veranlaßt, die 
Kiste vom Bahnhofe abzuholen. Dabei erzählte sie dem 
mit den Ermittelungen beauftragten Kriminalbeamten 
Folgendes: 

Etwa Ende Oktober 1905 habe sie bei ihrer Schwester, 
der Arbeitersehefrau Bau geb. Dittrich einen auffallend langen 
und breiten schwarzen Spitzenschal bemerkt, und da sie 
damals in den Zeitungen gelesen habe, daß bei dem an 
der Frau Opitz in Gohrisch verübten Morde u. a. ein 
solcher Schal geraubt worden sei, so habe sie zu ihrer 
Schwester gesagt, daß ihr Bruder Max, von dem die Bau 
den Schal geschenkt erhalten hatte, vielleicht gar mit dem 
Baubmorde in Verbindung zu bringen sei. Ihre Schwester 
habe dem Bruder bei seinem Nachhausekommen davon 
Mitteilung gemacht, worauf er sehr ungehalten geworden 
sei und den Schal mit [den Worten: „Wenn ihr mir so 
etwas zutraut, brauche ich Euch ja nichts mehr mit- 
zubringen,“ in den Ofen gesteckt und verbrannt habe. 

Zu der Zeit, wo der Mord verübt worden sei, sei ihr 
Bruder Max drei Tage lang von Dresden abwesend ge- 
wesen. Als er zurückgekommen sei, habe er ein Paar fast 
neue Damenschnürstiefel, einen schwarzen Kostümrock 
und den Schal sowie einen Karton und eine Handtasche voll 
Frauensachen mitgebracht und der Kau geschenkt. 

Die Bau mußte das bestätigen und fügte hinzu, der 


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Der Lustmörder Dittrieh. 


171 


Karton habe eine rote und eine schwarze Bluse und ein 
schwarzes, anscheinend mit Seide gefüttertes Damenjakett 
enthalten. Außerdem habe ihr Bruder damals eine goldene 
Damenuhr und einen goldenen Damenring mit kleinem 
Steinchen besessen. Er habe erzählt, diese Sachen hätte 
ihm sein Freund „Kurt Walter“ gegeben, der sie ur- 
sprünglich seiner Geliebten hätte schenken wollen, dann 
aber diese Absicht aufgegeben hätte. 

Der schwarze Rock sei, als er ihn nach Hause ge- 
bracht habe, stark beschmutzt und mit Fichtennadeln be- 
hängen gewesen. 

Dem erörternden Beamten war es selbstverständlich 
sofort klar, daß Dittrieh der lange gesuchte Mörder der 
Opitz war, zumal da er sich erinnerte, daß Dittrieh, den 
er persönlich kannte, im Jahre 1905 einen grauen Have- 
lock getragen hatte, wie er von der Kellnerin in der Senn- 
hütte zu Gohrisch bei dem Fremden, der am 15. Oktober 
1905 ihre Bemerkung über ihre bevorstehende Abreise mit 
angehört hatte, wahrgenommen worden war. 

Es wurde sofort auf Dittrieh gefahndet und besonders 
die Polizei zu Berlin telegraphisch ersucht, ihn festzunehmen, 
falls er sich, wie zu erwarten war, bei dem Schneider- 
meister Sauter, an den er die gestohlenen Anzüge hatte 
abschicken wollen, einfinden sollte. 

Diese Erwartung traf denn auch zu. Dittrieh hatte kein 
Geld, um nach Berlin zu fahren, stahl deshalb am 25. April 
in Dresden aus dem Erdgeschosse der Dreikönigsschule, 
wo die Schüler ihre Räder aufbewahren, ein Fahrrad, und 
fuhr auf demselben nach Berlin, wo er am 28. April ver- 
haftet und, weil er dem Berliner Polizeipräsidium bereits 
als gemeingefährlicher Geisteskranker bekannt war, in die 
Irrenanstalt Herzberge eingeliefert wurde. 

Von da wurde er am 30. April 1906 an die Polizei- 
direktion Dresden ausgeliefert und von dieser am 2. Mai 
dem Dresdner Amtsgerichte zugeführt, nachdem er zuvor 


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Brendler. 


an Polizeistellc sich zu folgendem Geständnisse herbei- 
gelassen hatte: 

„Ich gebe zu, die Frau Opitz ermordet und beraubt 
zu haben. Ich fuhr gleich nach der Tat mit der Eisen- 
bahn nach Dresden. Die geraubten Sachen schenkte ich 
zum Teil meiner Schwester, der Kau, und zwar ein Paar 
Schuhe, einen schwarzen Rock, einen seidenen Schal. Den 
Ring und die Ohrringe habe ich einige Tage später bei 
dem Händler G. auf der Ziegelstraße verkauft. Die Bluse, 
die Ledertasche, den Hut, Taschentücher, Handschuh und 
verschiedene Kleinigkeiten habe ich noch an demselben 
Abende in der Nähe der Karolabrücke in die Elbe ge- 
geworfen. Die geraubte Uhr schenkte ich noch an dem- 
selben oder am nächsten Tage einem Freudenmädchen auf 
der Gerbergasse, bei dem ich zum Zwecke des Geschlechts- 
verkehrs war. Das Portemonnaie der Frau Opitz, das 
nebst Inhalt in der Ledertasche steckte, habe ich gleich- 
falls in die Elbe geworfen, nachdem ich das Geld heraus- 
genommen hatte. 

Ich gebe weiter zu, etwa im Jahre 1899 in Riesa und 
zwar zu der Zeit, als ich drei Tage lang aus dem hiesigen 
Irren- und Siechenhause entwichen war, um die Mittags- 
zeit unweit der Artilleriekaserne in einem Getreidefelde ein 
6 bis 8 Jahre altes Mädchen ermordet zu haben. Es waren 
zwei Mädchen, die dort auf einer Wiese Blumen suchten. Eines 
derselben lockte ich an mich, nahm unzüchtige Handlungen 
an ihm vor und ermordete es dann durch Erdrosseln.“ 

Die mündlichen Geständnisse erläuterte und ergänzte 
Dittrich durch ein längeres Schriftstück, das er im Polizei- 
gewahrsam verfaßte und das wegen des Einblickes, den 
es in sein Innenleben gestattet, hier vollständig wieder- 
gegeben werden soll. Da es auch einen Teil der Unter- 
lagen für das unten wiederzugebende ärztliche Gutachten 
über Dittrichs Geisteszustand bildet, so erscheint dieses 
schriftliche Geständnis für das Verständnis seines Geistes- 


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Der Lustmörder Dittrlch. 


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und Seelenzustandes besonders wichtig. Es lautet wörtlich 
und unter genauer Wiedergabe der Dittrichschen Ortho- 
graphie und Interpunktion: 

Dresden, den 1. Mai 1906. 

Meine Geständnisse! 

I. 

Es war im Frühjahr des Jahres 1899, etwa im Mai 
als ich aus der Städt. Irren-Anstalt zu Dresden-Löbtauer- 
straße entwich. 

Kurze Zeit nach Ostern hatte man mich dahin ver- 
bracht und sollte ich wegen Geistesgestörtheit aut längere 
Zeit darin verweilen. Damals war ich wirklich krank, 
daß merkte ich am deutlichsten selbst. Denn mein ganzes 
Denken und Trachten gipfelte in Ideen der Unzucht. Täg- 
lich und stündlich stand ich am Fenster und beobachtete 
das Spiel der zu jener Anstalt gehörenden kleinen Mädchen. 
Mit wahrer Gier sehnte ich mich danach mit den Mädchen 
spielen, d. h. Unsittlichkeiten treiben zu können. Und 
darum flüchtete ich aus jenem Hause. Abends wagte ich 
die Flucht und wandte mich dann sogleich nach Riesa. 
Meines Glaubens nach war es Montags, als ich in dieser 
Stadt umherirrend, nach einer Wiese gelangte, welche an 
der Seite eines mäßigen Hügels ansteigend, sich ganz in 
der Nähe der dortigen Kasernen, und zwar wenn ich mich 
nicht irre an der Rückseite eines Kirchhofes befand. Am 
Fuße des Hügels, bez. der Wiese, stand soweit mir er- 
innerlich ein Karosse!, sowie einige Schaubuden. Auf der 
Wiese bemerkte ich einige, Blumenpflückende kleinere 
Mädchen. Ich entsinne mich daß sich eines dieser Mädchen, 
welches sich etwas abseits der Anderen befand, immer in 
Stellungen gefiel, durch welche mir der Anblick ihres 
Geschlechts gewährt wurde. Dabei lachte mich die Kleine 
immerzu an. Jetzt freilich weis und glaube ich, daß dies 
Ihrerseits ohne Absicht geschah. Doch in meinem da- 


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BrendJer. 


maligen Zustande dachte ich das Gegenteil und da meine 
Gier nach sochen Dingen sich richtete wandte ich mich 
ohne Zögern zu ihr. 

Durch welcherlei Versprechungen oder Angaben ich 
die Kleine bewog, mir zu folgen, weis ich jetzt nicht mehr. 
Genug, wir gingen in ein nahes Getreidefeld und dort, 
das weis ich noch bestimmt, fiel ich ich ganz plötzlich und 
voller Gier über die Kleine her. Wie es dann weiter 
kam und warum und wodurch ich das Kind zum Tode 
brachte, weis ich mir nicht genau zu entsinnen. Nur 
glaube ich mich zu entsinnen, daß sich die Kleine wehrte 
und dabei schrie. Aus diesem Grunde werde ich wohl 
in meiner Raserei so unmenschlich mit dem Kinde um- 
gegangen sein. Nach Verübung der Tat kehrte ich nach 
Dresden zurück, wo ich am folgenden Tage mich im 
Stadt Irren-Hause meldete. Allhier erfuhr ich nun aus den 
Zeitungen, wie übel ich mit dem Mädchen verfahren war 
und daß ich ihr sogar Gras und Erde in den Mund ge- 
stopft hatte. — Jetzt läßt es mir keine Ruhe mehr und 
gestehe ich die Tat der Wahrheit gemäß. 

Max, Otto Dittrich. 

Dresden, den 1. Mai 1906. 

II. 

Geständnis zum Falle Grasnick, Berlin-Eichwalde. 

Am 14./1. oder 2. 1900 wurde ich aus der Irren- An- 
stalt Waldheim entlassen. 

Im März desselben Jahres, bis dahin hatte ich in 
Adlershof bei Berlin gearbeitet, wurde ich durch den 
dortigen Ortsvorstand , von da und aus der Umgebung 
ausgewiesen. War ich bis dahin so ziemlich ruhig ge- 
wesen, so stieß dieses Ereignis meine ganze Fassung und 
und äußere Sicherheit um. Umsonst versuchte ich mich 
noch zu halten. All’ mein Bemühen um Genehmigung 
des weiteren Aufenthaltes in Adlershof oder Berlin war 


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Der Lustmörder Dittrich. 


175 


erfolglos. Endlich, da ich mich immer noch nicht entfernte, 
wurde ich polizeilich verfolgt. Nun mußte ich weichen. 

Hungernd und obdachlos irrte ich in Berlin und in 
der Ümgebung umher, dabei steigerte sich meine Erregung 
immer mehr. — So kam ich dann auch in die Nähe 
Eichwald’s. An welchem Tage und zu welcher Zeit dies 
war, weis ich nicht mehr. Damals stand das Eichwald 
von heute noch nicht. Vielmehr dehnten sich in der Ge- 
gend der Bahnstrecke in der Richtung nach Beuthen, große 
Strecken mit Gebüsch und Gestrüpp. Darin irrte ich um- 
her. Von hier aus sah ich plötzlich einige Schritte ent- 
fernt von mir, eine Frau, welche einen Handwagen führte. 

Was sich auf diesem Wagen befand, weis ich nicht 
mehr. Nur soviel weis ich mich zu erinnern, daß ich 
meiner plötzlich erwachten Leidenschaft nachgebend, mich 
ihr schnell näherte und sie zum Beischlafe aufforderte. Nach 
anfänglichem Sträuben willigte sie ein und bog mit dem 
Wagen in einen Seitenpfad, des oben erwähnten, auch 
längs der Chaussee hinlaufenden Gehölzes ein. — 

An einem passenden Platze hielt sie selbst an und 
bot mir Kaffe und Brod zum Essen, wobei sie ein Messer 
aus der Tasche nahm und damit das Brod zu schneiden 
begann. Als sie damit fertig war, hob sie ihre Röcke 
etwas hoch und setzte sich so auf den Boden, daß ich 
ihre, mit den Strümpfen bekleidete Beine bis über die Knie 
zu sehen bekam. Hatte ich bis dahin in gieriger Er- 
wartung zitternd, mit geöffneter Hose und entblößtem 
Gliede dagestanden, so fuhr ich jetzt hastig mit den 
Händen unter die Kleider um sie vollends zu entblößen 
und den Beischlaf. Ich hätte mich dabei wahrscheinlich 
beruhigt, denn bis dahin wußte ich noch, was ich wollte. 
Da geschah etwas Unerwartetes. Sobald die Frau sah daß 
ich ernstlich mit ihr beginnen wollte und die Kleider hob, 
stieß sie mit dem Taschenmesser, welches sie noch immer 
in Händen hielt, nach mir und schlitzte mir vorn an der 


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Brendler. 


Brust das Jakett auf. Jetzt verlor ich die Überlegung und 
mit Gewalt den Beischlaf erzwingend wollend, begann ich mit 
ihr zu ringen. Ich entsinne mich noch, daß mir die Frau 
nach dem Gliede trachtete und ich ihr das Messer entwand. 

Wie es dann weiter ging kann ich nicht genau sagen, 
nur erschrack ich furchtbar, als ich plötzlich Blut fließen 
sah. Alsdann wurde ich gewahr, daß ich selbst kaum 
Atem holen konnte, weil die Frau mit beiden Händen an 
meinem Halse hing. Ich machte mich los und am Boden 
ein Geldtaschen gewahrend raffte ich dieses auf und ent- 
floh durch das Dickicht. Nicht weit davon fiel ich nieder 
und da muß ich eine ganze Zeit gelegen haben, denn als 
ich erwachte war es Nacht. Ich habe mich dann irgendwo 
gereinigt und da ich Geld im Portemonnaie fand, bin ich 
von der nächsten Station aus nach Berlin gefahren. Wie- 
viel es Geld war, weis ich nicht mehr. Zum Beischlaf 
ist es hier nicht gekommen. 

Der Wahrheit gemäß niedergeschrieben von 

Max, Otto Dittrich ! 

Dresden, den 1. Mai 1906. 

III. 

Zum Falle Berlin-Nähe-Eichwald! Herbst 1905. 

Es war, wie oben angedeutet im Herbst vorigen Jahres 
als ich mich wiederum in Berlin aufhielt. Erst glückte 
es mir mit der Arbeit, bis es bekannt wurde, daß ich erst 
kurz zuvor aus dem Irren-Hause entlassen worden war. 
Da war es freilich sofort wieder alle und jede weitere Be- 
mühung war fruchtlos. Durch meine vergeblichen Ver- 
suche kam es wieder so weit, daß ich ziel- und zwecklos 
in Berlin herumwanderte. Dabei hatte ich nichts zu essen 
und wurde von Woche zu Woche mehr Miete schuldig. 
So wurde ich denn immer erregter und bin ich einmal 
soweit, dann ist es zu Ende mit mir. — So kam ich denn 
wiederum in der Nähe von Eichwald ohne ein besonderes 


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Der Lustmörder Dittrich. 


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Ziel zu verfolgen. — Da sah ich wiederum eine Frau 
allein im Walde gehen. Sie trug einen Tragkorb und kam 
gerade auf mich zu. Zur Zeit hatte ich kurz zuvor 
spielende Mädchen, beobachtet und mich geschlechtlich 
stark gereizt und aufgeregt. Ohne mich darum weiter zu 
besinnen, stürzte ich auf die Frau los, zuvor hatte ich 
mein Glied entblößt, und als sie ihre Einwilligung zum 
Beischlafe verweigerte, habe ich sie gefaßt und zu Boden 
geworfen. Dabei entfiel dem Korbe ein Tischmesser mit 
schwarzem Holzgriff, welches die Frau ergriff, wahrschein- 
lich um sich damit zu verteidigen. In diesem Falle weis 
ich wenig mehr zu sagen, was weiter geschah. Ich merkte 
auch nicht eher daß ich aus einer tiefen Ilandwunde 
blutete als bis ich mich erhob und da ebenfalls erkannte 
daß ich einen neuen Mord begangen hatte. Ich hatte der 
Frau im Handgemenge den Hals durchschnitten. Als ich 
dies klar erkannte lief ich eilends davon. Erst als ich eine 
Strecke weit gelaufen war, wurde ich gewahr daß ich 
das blutige Messer noch trug und an der Hand selbst 
stark blutete. An einem nahen Bache habe ich alsdann 
das Blut etwas gestillt und mich gewaschen. Das Messer 
habe ich irgendwo hin geschleudert, wohin, weis ich nicht 
mehr. Nach einigen Tagen wurde mir infolge des Blut- 
verlustes und der gehabten Aufregung so unwohl daß ich 
auf der Straße umfiel und nach einer Unfallstation ge- 
bracht wurde, wo ich richtig verbunden wurde. Die Narbe 
der Wunde trage ich an der rechten Hand und dieselbe 
schmerzt mich noch heute. 

Der Wahrheit gemäß unterzeichnet dieß 

Max, Otto Dittrich. 

Dresden, den 1. Mai 1906. 

IV. 

Die Fälle im Jahre 1900, in Österreich betreffend! 

Im Frühjahr 1900 wurde ich abermals von Leitmeritz- 


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Brendler. 


Böhmen aus, per Schub nach Bodenbach und von da nach 
Dresden gebracht. Die hiesige Polizeibehörde internierte 
mich, da es sich bei mir, um abermalige, erneute Sittlichkeits- 
delikte handelte, wiederum in dem Stadt Irren-Siechenhaus. 

Nach kurzer Zeit gelang es mir von da zu entweichen 
und wandte ich mich sofort nach Böhmen-Österreich. Ich 
schlug dabei die Richtung Dresden, Bodenbach, Prag, 
Iglau, Brünn, Wien, Graz, Laibach, Triest, Fiume und 
wiederum Triest ein. — 

Schon der Umstand, daß man mich in Leitmeritz ohne 
weitere Untersuchung wieder nach Dresden zurücksandte 
spricht dafür, in welchem Zustande ich mich damals be- 
fand. Der Aufenthalt im Irren-Hause hatte darin nichts ge- 
bessert, mein Ideen- und Gedankengang war vielmehr 
schlimmer geworden. Mit Aufbietung meiner ganzen geistigen 
Kräfte, war mir die Flucht geglückt und nun eilte ich, 
gierig nach Mädchen und Frauenzimmern ausschauend und 
ohne mich weiter in Dresden aufzuhalten über die Grenze. 
Besondere Begierde und Reiz erweckten damals junge 
Mädchen in kurzen Kleidern und schwangere, besonders 
hochschwangere Mädchen und Frauen in mir. So eilte 
ich denn die Straßen Böhmens dahin, überall suchend und 
spähend, ob ich nicht eine einzelne Frau oder Mädchen 
antreffen und zu meinen Zwecken gebrauchen könne. Ich 
betone von vorn herein, daß es auch dazumal niemals meine 
Absicht war den betreffenden Personen, zugleich bei Be- 
friedigung meiner Lust auch das Leben zu nehmen. Nein, 
es sind dann meist noch andere Umstände und Sachen 
dazu gekommen, welche es veranlaßten, daß ich zum Mörder 
wurde. Noch mehr Fälle als die unten angeführten, könnte 
ich mit aufzählen, wo ich ebenfalls stark erregt und ge- 
schlechtlich gereizt, alleinkomraende Mädchen und Frauen 
zur Duldung des Beischlafes zwang, wobei es meist gar 
nicht dazu kam, da mich im Augenblicke der höchsten 
Erregung meist die Kraft verließ und ich dann ermüdet 


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Der Lustmörder Dittrich. 


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und matt neben meinen Opfern hinsank. Kleine, also 
Schulmädchen bewog ich durch Geschenke, oder zwang sie 
durch Drohungen zur Duldung und zum Mitmachen von 
unzüchtigen Handlungen, an denen ich mich mehr ergötzte 
als am Beischlafe mit Erwachsenen. An Geld fehlte es 
mir damals nicht, da ich als Katholick mir solches von der 
Geistlichkeit leicht zu beschaffen wußte. Bei solchen Fällen 
habe ich nie daran gedacht, die Betreffenden an ihrem 
Leben zu schädigen, sondern ich habe mich danach durch 
schnelle Entfernung vom Tatorte gesichert. Hierbei will 
ich noch erwähnen, daß das selbstische Hingeben der so- 
genannten Freimädchen mich niemals reizen konnte. 

Was mich reizte, war Gewalt ; das heißt damals, jetzt 
freilich kann ich nicht begreifen, warum ich früher so 
schrecklich gehaust habe und bin ich in Erinnerung da- 
ran, in der Letztzeit viel mit Selbstmordgedanken umge- 
gangen. Lange Zeit trug ich einen Brief bei mir, in wel- 
chem ich alle diese Geständnisse bereits niedergeschrieben 
hatte. Diesen wollte ich meiner Schwester übergeben und 
mich dann erschießen. Zu diesem Zwecke führte ich meist 
einen geladenen Revolver bei mir, der mir im Dezember 
1906 von der hiesigen Crimminal abgenommen wurde. 
Doch nun will ich zu den einzelnen Fällen übergehen. 
Darüber bemerke ich noch. — Es ist mir nicht mehr alles 
so genau erinnerlich, da es ja schon lange her ist, ich'bin 
aber bereit, jede Aussage, deren ich mich noch immer ent- 
sinnen werde, zu machen; zumal wenn man mir den Ver- 
lauf der einzelnen Fälle, an der Hand amtlicher Aufzeich- 
nungen, Vorhalten würde. 

Der erste dieser Fälle liegt, soweit meine Erinnerung 
reicht, örtlicberseits hinter Prag und zwar war es dem An- 
scheine nach eine Handels oder Botenfrau, welche ich des 
Abends auf einsamer Landstraße, in der Nähe einer Station 
traf. Diese Frau ging auf meine Aufforderung auch mit 
in den Wald, aber dort zog sie ein kleines Messer, 

Der Pitaval der Gegenwart IV. 13 


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Brendler. 


woher, weis ich nicht und begann damit auf mich los- 
zustechen. 

Ob ich ihr dann das Messer entwunden habe und es 
gegen sie anwandte, oder ob ich sie auf eine andere Art 
tötete ist mir jetzt nicht mehr bewußt. Nur das weis ich 
noch, das in dem Tragkorbe, welchen sie bei sich führte, 
außer Eßwaren, auch Geld war, was ich alles an mich 
nahm. Wie viel es war, kann ich nicht mehr sagen. 

Der zweite Fall ist mir nur noch in seiner Ausführung 
etwas erinnerlich. — Ich begegnete damals einer Frau, welche 
einen Tragkorb trug. Auf meine Aufforderung zum Beischlaf 
schlug sie unter lautem Schreien mit einem Stocke, welchen 
sie trug, auf mich ein. War ich schon erst in Aufregung, so 
nahm mir dies vollends alle Besinnung und ich stürzte mich 
auf sie los. — Ich will hier hinzufügen, daß bei derartigen 
Anlässen, d. h. sobald ich auf einsamen Wege mit einer 
Frau zusammentraf und diese schon von weitem erblickte, 
mich große Aufregung ergriff. Der Schlag meines Herzens 
wurde dann so stark, daß ich kaum atmen konnte, wobei 
ich dann nicht imstande war etwas klar zu überdenken. 
Dieser Zustand verbunden mit starkem, augenblicklichen 
Schweiß und brennender Hitze dauerte dann gewöhnlich 
eine ganze Weile und erreichte seinen Höhepunkt bei Aus- 
übung der Tat. Besonders schlimm, bis zur momentanen 
Sinnlosigkeit wurde dieser Zustand, wenn mir irgend- 
welcher Widerstand entgegengesetzt wurde. So war es 
auch hier. 

Wie ich schon mitteilte, schlug die Frau mit einem 
Stocke auf mich los und ich stürzte mich dann auf sie. 
Wie es weiter kam, das weis ich nicht mehr. Als ich 
wieder zu rechtem Verständnis gelangte lag ich unweit 
eines kleinen Baches und war ziemlich voll frischen Blutes, 
ebenso hörte ich in der Nähe Leute sprechen und rufen. 
Da mir die Erinnerung kam, so erhob ich mich und reinigte 
mich in dem nahen Wasser, worauf ich dann meinen Weg 


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Der Lustmörder Dittrich. 


181 


fortsetzte. Am nächsten oder zweiten Tage traf ich mit 
einem Handwerksburschen zusammen, welcher mir erzählte, 
er sei dabei gewesen, als sie eine Frau mit durchschnit- 
tenem Halse gefunden hätten. Neben ihr habe ein kleines 
Schwein gelegen, nebst einem Tragkorb. Ich vermutete 
damals gleich, daß es mein Opfer gewesen war. 

Der dritte Fall geschah in der Nähe Wiens," wo ich 
des Abends eine ältere Frau überfiel und auch tötete. Wie 
und auf welche Weise dies geschah, weis ich nicht mehr 
zu sagen. Auch nicht welchen Datum es war. 

Der vierte Fall passierte auf einem Berge, wo ich in 
einem einsamen Hause eine einzelne Frau, welche ich vor- 
her auf dem Felde beobachtet hatte, überfiel und soviel 
ich mich entsinne auch tötete, das Wie ist mir auch hier 
entfallen. 

Der fünfte und letzte Fall ist der von Rudolfswert, 
welcher mir zu damaliger Zeit vorgehalten wurde. Auch 
dies bin ich gewesen. Doch hier weis ich mich auf nichts 
mehr zu besinnen. Vielleicht entsinne ich mich noch auf 
Verschiedenes, wenn mir die Sache vorgehalten wird. 

Der Wahrheit gemäß geschrieben. 

Max, Otto Dittrich. 


N. B. Im Anschluß an diese Schrift wage ich es 
mich bittend an die Güte des Herrn Regierungsrates und 
weiterer Vorgestellter zu wenden. 

Da ich weiß daß auf den Fall Graßnick eine Beloh- 
nung zur Ermittelung des Täters ausgesetzt ist und ich doch 
alles selbst gestehe, so bitte ich herzliebst von diesem Gelde, 
einen Teil der Frau Thiele, Altwarenhändlerin, Stärkengasse 1 ) 

1) Der Thiele hatte er im April 1906 vorgespicgelt, er sei 
Witwer und wolle sie heiraten, hatte mit ihr acht Tage lang ein 
Verhältnis der allerintimsten Art unterhalten und sie schließlich um 
einen größeren Posten Wäsche betrogen. 

13* 


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Brendler. 


zuwenden zu wollen, da selbige sehr arm ist und von mir 
schwer geschädigt wurde. 

Herzlichst bittend unterzeichnet 
Max, Otto Dittricb ! 

Aufgefordert, eingehendere Angaben über die Ermor- 
dung der Frau Opitz zu machen, erklärte Dittrich an 
Polizeistelle noch: 

„Ich besinne mich, daß ich damals tagelang zweck- und 
ziellos umhergelaufen bin. Der Grund meiner Aufregung 
war der, daß ich keine Arbeit hatte und meine Schwester, 
die verehel. Kau, bei der ich damals wohnte, mir deshalb 
Vorwürfe machte und mich drängte, Geld für Wohnung 
und Beköstigung zu schaffen. Wo ich damals in den drei 
Tagen, die ich von Dresden fortgewesen sein soll, überall 
gewesen bin, kann ich nicht sagen. Um den Anschein zu 
erwecken, als wollte ich auf Reisen geben, nahm ich einen 
selbstgefertigten Pappkoffer mit, worin ich einige Kleidungs- 
und Wäschestücke verpackt batte. Ich besinne mich, daß 
ich bei dem Umherirren nach Königstein gekommen bin. 
Es ist das am 2. Tage gewesen. Gegen die Mittagszeit 
bin ich am Bahnhofe Königstein vorüber die Straße, 
die an der Elbe hinaus aufwärts führt, 'gegangen. Daß 
man auf dieser Straße nach Gohrisch gelangt, wußte ich 
nicht. Ich besinne mich aber, daß die Straße durch den 
Wald anstieg und auf der rechten Seite — in der Rich- 
tung von Königstein nach Gohrisch — durch ein Geländer 
von eisernen Stangen geschützt war. An der Straße be- 
findet sich eine Steinbank. Auf dieser habe ich eine 
Zeitlang geruht, da ich müde war. Dann bin ich weiter 
gegangen. Weiter aufwärts befindet sich links, abseits vom 
Wege, noch eine Bank. Der Wald steigt auf dieser Seite 
an und die Bank liegt etwas höher als die Straße. Auf 
dieser Bank habe ich auch gesessen. Hier habe ich 


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Der Lustmörder Dittrich. 


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meinen Revolver geladen. Ich wollte mich erschießen. In 
dieser Absicht war ich von Hause fortgegangen. 

Die Bank habe ich dann wieder verlassen und bin 
auf die Fahrstraße hinuntergestiegen. Wie ich wieder auf 
die Fahrstraße kam, sah ich ich die Frau Opitz wenige 
Schritte von mir entfernt auf der Straße abwärts kommen. 
Ich habe mich sofort auf sie gestürzt, ohne mich vorher 
zu bedenken, ob Leute in der Nähe waren oder nicht. Ich 
würde es auch getan haben, wenn Leute in der Nähe ge- 
wesen wären. Wie ich dazu gekommen bin, weiß ich 
selbst nicht Es kommt immer bei mir so plötzlich. Ich 

kann mich dann nicht halten. Die Absicht, die Opitz zu 

berauben, hatte ich nicht, Ich war lediglich geschlechtlich 
erregt. Die Opitz hat sich stark gewehrt. Sie hat mir 
den Kragen, die Kravatte und das Hemd dabei zerrissen. 

Mir ist auch so, als habe sie geschrieen. Wie es dann 

weiter gekommen ist kann ich nicht mehr sagen. Soweit 
ich mich besinne, sind wir zusammen die Böschung hinunter- 
gefallen. Auf welche Weise ich die Opitz getötet habe, 
ist mir nicht] erinnerlich. Geschossen habe ich nicht 
nach ihr; einen Stock habe ich auch nicht bei mir ge- 
tragen. Ich besinne mich noch, daß ich unten vom Walde 
aus Leute auf der Straße Vorbeigehen sah. Ob ich die 
Opitz lebend oder bereits als Leiche fort in den Wald ge- 
schafft habe, kann ich nicht sagen. Mir fehlt hierüber voll- 
ständig die Erinnerung. Geschlechtlich gebraucht 
habe ich sie nicht. Das kann ich gar nicht. Denn 
wenn es zur Ausführung des Aktes kommen soll, bin ich 
zu entkräftet, um den Geschlechtsakt auszuführen. Das 
ist mir immer so gegangen. 

Ich bin nach der Tat direkt nach Königstein hinunter- 
gegangen und hatte Mühe, den 1 Uhr-Zug noch zu er- 
reichen. Ich bin am 15. Oktober, dem Sonntage vor dem 
Morde, in keinem Dorfe in der Nähe von Königstein ge- 
wesen, kann deshalb auch nicht mit dem Unbekannten 


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Brendler. 


identisch sein, der am Sonntag in der Sennhütte in Goh- 
risch die Bemerkung der Kellnerin über ihre demnäehstige 
Abreise mit angehört hat.“ 

Auf Vorhalten seiner schriftlichen Geständnisse hat 
Dittrich dann erklärt: 

„Ich bekenne mich zu diesen Geständnissen und halte 
alles aufrecht, was ich angegeben habe. Meine Angaben 
entsprechen allenthalben der Wahrheit“ 

Zu Anlage III, den Mord in der Nähe Eichwalds im 
Herbste 1905 betr., bemerkte er: 

„Dieser Mord ist von mir in der Nähe der Stelle be- 
gangen worden, wo ich im Jahre 1900 die Frau ermordet 
hatte. Nur lag der Tatort vom Jahre 1900 links, der- 
jenige vom Jahre 1905 rechts der Eisenbahn in der Rich- 
tung von Berlin her.“ 

Bei seiner am 3. Mai 1900 vor dem Amtsgerichte 
Dresden erfolgten Vernehmung erklärte er wörtlich: 

„Ich bekenne mich schuldig, seit dem Jahre 1S99 bis 
zum Oktober 1905 ein Kind und neun erwachsene weib- 
liche Personen getötet zu haben, während ich mich in 
hoher geschlechtlicher Erregung befand und meinen Ge- 
schlechtstrieb durch den geschlechtlichen Verkehr zu be- 
friedigen suchte. In solchen Zuständen bin ich meines 
freien Willens nicht mächtig. Meine vor der Polizeibehörde 
abgelegten Geständnisse entsprechen der Wahrheit. Ich 
habe gesagt, was ich von den einzelnen Vorfällen noch 
wußte. 

Die Reihenfolge, in der ich die 10 Menschen getötet 
habe, ist folgende: 

1899 ein Kind in Riesa, 

1900 bei Berlin eine Frau, 

vom Sommer bis zum Oktober desselben Jahres in 
Österreich sechs Frauenspersonen, 

1905 wieder bei Berlin eine Frau und 

am 17. Oktober 1905 die Opitz.“ 


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Der Lustmörder Dittrich, 


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Bezüglich des Mordes an der Opitz hob er besonders 
hervor, daß er zwar zugeben müsse, daß ihr Tod infolge 
seiner Gewalttätigkeit, namentlich des Würgens am Halse 
eingetreten sein könne, aber bestreite, diesen Erfolg be- 
absichtigt zu haben. Er habe auch nicht an die Möglich- 
keit gedacht, daß die Frau durch seine Gewaltanwendung 
getötet werden könnte, obgleich er jetzt wohl wisse, daß 
er auf gleiche oder ähnliche Weise schon andere Frauens- 
personen ums Leben gebracht habe. 

Am 4. Mai wiederholte er seine Geständnisse vor dem 
Staatsanwalte, fügte erklärend hinzu, er habe seine Schand- 
taten unter dem Einflüsse von Zwangsideen begangen, und 
sprach die Hoffnung aus, er werde nicht zum Tode, son- 
dern nur zu Zuchthausstrafe verurteilt werden, um seine 
Verbrechen sühnen zu können. 

Am 9. Mai richtete er aus dem Gefängnisse ein 
Schreiben an den Ersten Staatsanwalt, worin er ausführt, 
er habe seine letzten Straftaten, den Einbruchsdiebstahl bei 
dem Maler und den Diebstahl des Fahrrades in der Drei- 
königsschule, nur begangen in der Absicht, „endlich ein- 
mal zur Aburteilung zu kommen, und somit mit Sicherheit 
dem Irrenhause zu entgehen, da er der ganzen Zeremonie 
des Gesund-Erklärens nicht traute.“ Er fährt fort : „Zudem 
wollte ich einige Zeit verschwinden, um womöglich den 
Fall Opitz, der mir keine Ruhe mehr ließ, in etwas zu 
sühnen. — Dies soll mir nun anscheinend wieder nicht 
gelingen, denn abermals zweifelt man an meiner geistigen 
Urteilsfähigkeit. — Herzlichst bitte ich darum, Ew. Hoch- 
wohlgeboren wollen nicht an mir zweifeln, mich nicht 
wieder geistig prüfen lassen, sondern dafür sorgen, daß ich 
zur Aburteilung gelangen möchte. Hätten Ew. Hoch- 
wohlgeboren nur geringe Ahnung davon, wie es in solchen 
Häusern zugeht, was ich während meiner öfteren Inter- 
nierung in Waldheim und im Siechenhaus mit ansehen 
und durchmachen mußte Sie würden mein Grausen davor, 


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Brendler. 


in völlig geistiger Gesundheit wiederum im Irrenhause 
untergebracht zu werden, völlig erklärlich finden. Lieber 
das Schlimmste, ja sogar den Tod, als wie diese Zukunft.“ 

Zum Verständnisse dieses Schreibens ist es erforder- 
lich, daß wir einen Blick auf Dittrichs Vergangenheit 
werfen. 

Er ist am 12. September 1872 in Dresden geboren. 
Sein Vater litt an Delirium tremens, seine Mutter an mul- 
tipler Gehirn- und Rückenmarkssklerose. Eine seiner 
Schwestern war früher Prostituierte, die andere hat in der 
Jugend Krämpfe gehabt, ist später auf Abwege geraten 
und in einem katholischen Rettungshause untergebracht 
gewesen. Er selbst fand nach dem frühen Tode seiner 
Eltern in einem Dresdner Waisenhause Aufnahme. Hier 
war 'er vielen Versuchungen von Seiten anderer nichts- 
nutziger Knaben ausgesetzt, infolge seiner Naschhaftigkeit 
führte er schon damals kleinere Diebstähle aus. Durch 
einen Mitschüler ließ er sich zur Masturbation, ja sogar 
zur Sodomie und zur Bestialität (Gebrauch einer Ziege) 
verleiten. Nach der Schulzeit lernte er ein halbes Jahr 
als Lithograph, blieb aber nicht bei diesem Berufe, sondern 
arbeitete in Maschinenfabriken oder trieb Straßenhandel 
mit Obst und Südfrüchten. 1887 wurde er zum ersten 
Male wegen mehrerer Diebstähle zu zwei Wochen Gefängnis 
verurteilt; es folgte im Jahre 1889 eine sechsmonatige Ge- 
fängnisstrafe wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen an 
einem zehnjährigen Mädchen, weiter nach einigen gering- 
fügigen Verurteilungen wegen unbefugten Ausspielens und 
wegen Betteins, 1 892 eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten 
wegen Diebstahls und Unterschlagung und in demselben 
Jahre eine weitere Gefängnisstrafe von drei Monaten und 
zwei Tagen wegen Unterschlagung und Vergehens nach 
§ 286 StGBs. Endlich wurde er im Jahre 1893 wegen 
schweren im wiederholten Rückfalle verübten Diebstahls in 
fünf Fällen zu 5 Jahren 6 Monaten Zuchthaus, lOjäh- 


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Der Lustmörder Dittrich. 


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rigem Ehrverlust und Zulässigkeit der Polizeiaufsicht ver- 
urteilt. Diese Strafe verbüßte er bis zum 25. Oktober 1898 
im Zuchthause zu Waldheim. Während der letzten beiden 
Jahre seiner Strafhaft klagte er über Schwindelanfälle, 
schien gleichzeitig Gesichtserschemungen und Verfolgungs- 
ideen zu haben und spielte sich als Erfinder eines lenk- 
baren Luftschiffs auf. 

Fünf Tage nach seiner Entlassung aus dem Zucht- 
hause, am 1. November 1898, versuchte Dittrich in Dres- 
den eine schwangere Frau, die er auf der Straße getroffen 
und der er in geschlechtlicher Erregung bis in ihre Woh- 
nung in Löbtau gefolgt war, zu notzüchtigen. Er faßte 
sie mit beiden Händen, warf sie zu Boden, würgte sie, 
versetzte ihr mehrere Schläge mit der Faust auf den Kopf, 
vermochte aber nicht, das beabsichtigte Verbrechen zu 
vollenden, denn es gelang der Frau, sich von dem Un- 
holde zu befreien, ans Fenster zu eilen und nach Hilfe 
zu rufen. Dittrich ergriff die Flucht, wurde aber auf der 
Straße eingeholt und festgenommen. Er suchte seine Tat 
damit zu entschuldigen, daß er schon seit Jahren Onanist 
sei und an geschlechtlichen Anfällen leide, während deren 
er mehr einem Stück Vieh gleiche und alle Vernunft und 
Selbstbeherrschung verliere. Dann steige ihm das Blut zu 
Kopfe und er wisse nicht, was er tue. Er wurde ange- 
klagt, in der Hauptverhandlung vor dem Dresdener Schwur- 
gerichte am 10. Februar 1899 aber nicht verurteilt, sondern 
zur Beobachtung seines Geisteszustandes der Irrenanstalt 
Waldheim überwiesen, wo er vom 18. Februar bis 30. März 
1899 verblieb. Hier trat bei ihm ein vollständiges Wahn- 
system mit Größen- und Verfolgungsideen zutage. Er ent- 
warf Zeichnungen von außerordentlich komplizierten Appa- 
raten, war trotz seiner mangelhaften Kenntnisse in Physik 
und Chemie, die nicht über die Anfangsgründe hinaus- 
ragten, von deren Vortrefflichkeit und Ausführbarkeit über- 
zeugt, wollte seine Erfindung dem heiligen Vater zur Ver- 


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Brendler. 


fdgung stellen und fürchtete, um die Früchte seiner Arbeit 
von ihm feindseligen, geheimnisvollen Mächten gebracht zu 
werden. Das Gutachten des Irrenarztes ging dahin, daß 
er an einer Geisteskrankheit, die offenbar schon seit Jahren 
bestehe, leide und somit zur Zeit der strafbaren Handlung 
sich in einem Zustande geistiger Unfreiheit befunden habe. 
Auf Grund dieses Gutachtens wurde das Verfahren ein- 
gestellt und Dittrich am 15. April 1899 dem Dresdner 
Irren- und Siechenhause überwiesen, aus dem er am 
23. Mai 1899 entwich, um am 25. desselben Monats frei- 
willig zurückzukehren. In diese Zeit fällt der Lustmord 
an dem sechsjährigen Schulmädchen Schönherr in Riesa, 
dessen Dittrich sich in seinen schriftlichen Geständnissen 
schuldig bekennt. Auch in der Dresdner Irrenanstalt hing 
er' an seinem Erfindungsruhme unerschütterlich fest und 
wurde schließlich wegen der Schwierigkeit seiner Ver- 
pflegung am 10. Juli 1899 in die Irrenanstalt Waldheim 
versetzt. Hier schien er von seinen falschen Vorstellungen 
frei zu sein und wurde daher, da er Krankheitseinsicht 
zeigte und sich gut führte, am 15. Januar 1900 unter Aus- 
händigung einer Geldunterstützung entlassen. Er handelte 
nun einige Zeit in Dresden auf der Straße und in Gast- 
wirtschaften mit Südfrüchten und war weiterhin in Fabriken 
in Dresden und Berlin tätig. In diese Zeit fällt die Er- 
mordung der Graßnick in der Umgebung von Berlin, zu 
vergl. seine schriftlichen Geständnisse unter Nr. II. 

Anfang April wurde er ruhelos und begab sich auf 
die Wanderung nach Österreich. 

Am 17. April 1900 hielt er in der Nähe von Petrovitz 
in Böhmen ein etwa 16 Jahre altes Mädchen an und for- 
derte es unter Bedrohung mit einem Küchenmesser zum 
Beischlaf auf; als das Mädchen sich weigerte, warf er es 
zu Boden, würgte es, verstopfte ihm mit einem Tuche den 
Mund, band ihm die Hände auf dem Rücken zusammen, 
hob ihm die Röcke auf und versuchte dreimal binterein- 


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Der Lustmördor Dittrich. 


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ander den Geschlechtsakt auszuüben. Nachdem er aber 
erkannt hatte, daß er infolge eingetretener physischer Un- 
fähigkeit seinen Plan nicht ausführen könne, teilte er dies 
dem Mädchen mit, entknebelte und entfesselte es, reinigte es 
sogar und entfernte sich schließlich, nachdem er es gebeten 
hatte, über den Vorfall zu schweigen. Als er bald darauf 
verhaftet wurde, gab er an, daß er unter dem Einflüsse 
eines triebartigen Zwanges gebandelt habe, dem er, ohne 
nachzudenken und zu überlegen, sofort nachgeben müsse. 
Einige Nächte nach der Tat war er ängstlich erregt, sprach 
viel von seinen Plänen und Erfindungen und wurde bei 
Widerspruch ausfällig und heftig. Das K. K. Kreisgericht 
zu Leitmeritz stellte, nachdem die Gerichtsärzte Dittrich 
für unzurechnungsfähig erklärt hatten, das Verfahren ein. 
Da er gleichzeitig als gefährlich bezeichnet wurde, so 
wurde er am 13. Mai 1900 abermals dem Dresdner Irren- 
und Siechenhause zugeführt. Dort wollte er sich seiner 
Tat nicht erinnern können und erst zur Besinnung ge- 
kommen sein, als er merkte, daß das von ihm geknebelte 
Mädchen zu ersticken drohte. Von seinen Erfindungen 
behauptete er vollkommen abgekommen zu sein. Am 
13. Juni 1900 entwich er mittels der Anstaltsschlüssel, die 
er einem Wärter nachts unter dem Kopfkissen hervor- 
gezogen hatte. 

Lange Zeit hörte man nichts von ihm, bis am 22. Sep- 
tember 1900 die Dresdner Polizeidirektion von Triest aus 
benachrichtigt wurde, daß Dittrich sich dort wegen Dieb- 
stahls und unter dem Verdachte des vollendeten Mordes 
an mehreren Frauenspersonen in der Umgebung von Prag, 
Wien, Rudolfswerth und Fiume in Untersuchungshaft be- 
finde. Zu einer Aburteilung kam es auch in diesen Fällen 
nicht, weil Dittrich nach dem Gutachten der dortigen Ge- 
richtsärzte an Zwangsideen, an sexueller Perversion und 
an primärer Verrücktheit litt. 

Als er am 29. Oktober 1900 wiederum dem Dresdner 


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Brendler. 


Irren- und Siechenhause überwiesen wurde, verhielt er sich 
zunächst gegen Unterhaltungen ablehnend, wurde aber dann 
zugänglich und erzählte auf Vorhalt, daß er in Österreich 
ein Sittlich keits verbrechen an einem 11jährigen Kinde be- 
gangen habe; er sei, als das Kind sich bückte, durch den 
Anblick seiner Geschlechtsteile in solche Aufregung ge- 
raten, daß er jede Herrschaft über sich verloren, das Kind 
geknebelt und gefesselt und zu notzüchtigen versucht habe. 
Bevor er dazu gekommen sei, habe ihn die Aufregung 
verlassen und er sei seiner Wege gegangen. 

Dagegen bestritt er auf das Bestimmteste, jemanden 
getötet zu haben; wenn ihm aus seiner Erinnerung eine 
Spanne Zeit von 3 Tagen, während deren er sich in einem 
schlafähnlichen Zustande befunden haben müsse, völlig 
geschwunden sei, so glaube er doch auf keinen Fall in 
dieser Zeit einen Mord verübt zu haben. In der Anstalt 
beschäftigte er sich wieder mit Plänen für ein Untersee- 
boot, dessen Konstruktion ihm seiner Meinung nach ge- 
glückt war ; auch wollte er seine Kräfte in den Dienst des 
Papstes und der katholischen Kirche stellen, die überall 
verfolgt und unterdrückt würde. Er wurde am 15. Dezem- 
ber 1900 als unheilbar (!) geisteskrank nach der Irren- 
anstalt Waldheim abgeschoben. 

In der hier am 7. Februar 1901 abgehaltenen Entmün- 
digungsverhandlung schilderte Dittricb, daß er in Momenten 
geschlechtlicher Erregung völlig die Besinnung und die Herr- 
schaft über sich verliere, so daß er nicht mehr wisse, was 
er tue, gab weiter an, er leide an Schwindelanfällen und 
sei in Österreich einmal drei Tage lang bewußtlos gewesen, 
und brachte endlich noch zum Ausdrucke, daß er seine 
Erfinderideen, weil ihm die nötigen Vorkenntnisse fehlten, 
aufgegeben habe. Das Entmündigungsgutachten bezeichnet 
ihn als einen degenerierten Menschen, der unfähig sei» 
seine Angelegenheiten zu besorgen. 

In der Irrenanstalt Waldheim hat Dittrich am 24. März 


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Der Lustmörder Dittrich. 


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und am 7. Juni 1901 leichte Ohnmachtsanfälle gehabt, die 
aber von ärztlicher Seite nicht beobachtet worden sind. 

Er berichtete in vielen Schriftstücken sehr ausführlich 
über seine Vergangenheit, schwor „bei seinem heiligen 
Glauben“, der ihm andernfalls die Teilnahme am Sakra- 
ment des Altars verbieten würde, er habe keinen Mord 
begangen, suchte sich immer ins beste Licht zu setzen, 
war voll guter Vorsätze, beschäftigte sich gern und fleißig 
und zeigte sich frei von Erfinderideen, fühlte sich aber ge- 
legentlich von den Wärtern benachteiligt und erschien dann 
gereizt und verstimmt. Da er allmählich Krankheitseinsicht 
entwickelte, sich andauernd gut führte und seine Lage 
annähernd richtig beurteilte, so wurde beim Rate zu 
Dresden, seiner Heimatbehörde, angefragt, ob er vielleicht 
den Entmündigten, dessen Verbringung in Familienpflege 
in Rücksicht auf eine gewisse Reizbarkeit, Haltlosigkeit 
und Neigung zu verkehrten Handlungen sexueller Natur 
ausgeschlossen erschien, in einer Arbeits- oder ähnlichen 
Anstalt versorgen könne. 

Dittrich wurde daraufhin am 19. Juni 1905 in die 
städtische Arbeitsanstalt zu Dresden überführt, von wo aus 
er jedoch nach guter Führung auf Befürwortung seines 
Vormundes schon am 15. August 1905 beurlaubt wurde, 
indem ihm zugleich auf seine Bitte zur Beschaffung von 
Handwerkszeug und Kleidungsstücken eine Unterstützung 
von 50 Mk. bewilligt wurde! 

Von sexuellen Verkehrtheiten wolle er frei sein, lobt 
er sich doch, daß er nicht aufgeregt wurde, als ihm eine 
Aufseherin um die Brust Maß nahm ; im ärztlichen Gut- 
achten wird er als verständig, aber nicht Herr seiner selbst 
und als charakterschwach bezeichnet! 

In Dresden gab er (die Arbeit bald auf, ging nach 
Berlin und schrieb von dort Bettelbriefe an den katholischen 
Pfarrer in Hubertusburg, worin er mitteilt, daß er sich 
beim Brotschneiden die Flechse des kleinen rechten Fingers 


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Brendler. 


durchschnitten habe. Das war um die Zeit der Ermor- 
dung der Frau Scburm bei Berlin, vergl. Nr. III der Ge- 
ständnisse. 

Am 9. Oktober 1905 ist Dittrich wieder in Dresden 
und bewirbt sich, indem er sich auf seine Kenntnisse, seine 
Belesenheit in kriminalistischen Werken, seine reichen Er- 
fahrung in den Irrenanstalten, wo er die Ärzte vermöge 
seines Geschickes vor unliebsamen Kollisionen mit den Be- 
hörden bewahrt hätte, beruft, um eine Stellung bei der 
Kriminalpolizei ! 

Am 17. Oktober beging er dann das Verbrechen an 
der Opitz, brach Mitte November in der Stätte, wo er seine 
Kindheit verbracht, dem katholischen Waisenhause in Dres- 
den ein, beging eine Anzahl Fahrrad- und Kleiderdiebstähle, 
wurde am 21. Dezember 1905 festgenommen und am 
30. Dezember der Dresdner Heil- und Pflegeanstalt zu- 
gefiihrt. Am 1. Februar 1906 entwich er daraus unter 
Benützung selbstgefertigter Werkzeuge, nachdem er zuvor 
seine geistige Gesundheit hervorgehoben hatte, verübte am 
5. desselben Monats einen Fabrraddiebstahl in Dresden, 
wurde am 13. in Berlin aufgegriffen und vom 20. Februar 
bis 7. März in der Irrenanstalt Herzberge verpflegt Dort 
bot er mehrfache Zeichen geistiger Schwäche dar. Vom 
8. März bis 9. April war er wieder in der Dresdner Heil- 
•und Pflegeanstalt, aus welcher er, da er sich fleißig und 
ruhig zeigte, sich gut führte und einsichtig erschien, unter 
Gewährung einer Unterstützung entlassen wurde! Wie man 
hätte voraussehen können, hielt er wiederum bei keiner 
Arbeit aus, beging den oben erwähnten Einbruchsdiebstahl 
bei dem Maler, fuhr mit dem gestohlenen Fahrrade nach 
Berlin, wo er dann am 28. April verhaftet und nach kurzem 
Aufenthalte in der Irrenanstalt Herzberge am 30. April 
nach Dresden überführt wurde. 

Bei seiner Entlassung aus der Dresdner Heil- und 
Pflegeanstalt am 9. April 1906 hatte die Verwaltung dieser 


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Der Lustmörder Dittrich. 


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Anstalt auf der dabei zu erteilenden Formularentscheidung 
die Erklärung abgegeben, „Dittrich werde geheilt entlassen“. 
Dadurch war Dittrich zu der irrigen Meinung gekommen, 
seine Entmündigung wegen Geisteskrankheit sei aufgehoben. 
Auf diese irrige Anschauung ist die in seinem Schreiben 
an den Ersten Staatsanwalt gebrauchte Wendung von der 
„Zeremonie des Gesund - Erklärens , der er nicht traute“, 
zurückzuführen. Er wünschte durch ein Urteil des ordent- 
lichen Gerichts für geistig gesund erklärt zu werden, um 
der Gefahr zu entgehen, wieder in einer sächsischen Irren- 
anstalt untergebracht zu werden; wenigstens suchte er in 
dem Leser seines Schreibens den Glauben zu erwecken, 
als sei es ihm lediglich darum zu tun gewesen. 

Bald nachdem er dieses Schreiben an den Ersten 
Staatsanwalt gerichtet hatte, empfing er den Besuch seines 
Beichtvaters, der auf seinen ausdrücklichen Wunsch ber- 
beigeeilt war, und widerrief diesem gegenüber den größten 
Teil seiner Geständnisse, beauftragte ihn auch, den Ersten 
Staatsanwalt von diesem Widerrufe in Kenntnis zu setzen. 

Am 17. Mai erklärte er bei einer Vernehmung vor 
dem Ersten Staatsanwalt: 

„Solche Visionen, wie ich sie in der Strafanstalt zu 
Waldheim während der letzten Zeit gehabt habe, sind mir 
später nie mehr zugestoßen. 

Meine Erfindungen habe ich nur noch in der ersten 
Zeit meines Aufenthalts in der Irrenstation zu Waldheim 
betrieben. Jetzt sehe ich ein, daß mir zu solchen Erfin- 
dungen alle technische Vorbildung abgeht. 

Die starke Aufregung bei geschlechtlicher Reizung 
hat bei mir Vorgelegen im Löbtauer Falle 1899 und im 
Leitmeritzer (Petrovitzer) Falle 1899. 

Sonst gebe ich heute nur noch zu den Gohrischer 
Fall. Hier habe ich aber nach der Tat eingesehen, daß 
ich schrecklich gehandelt habe. 


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194 


Brendler. 


Alle meine sonstigen Geständnisse, mit Ausnahme des 
Falles Opitz, sind unwahr. Ich habe sie nur gemacht, 
um nicht in das Irrenhaus zu kommen. Während meiner 
Strafzeit im Jahre 1893 habe ich einmal ein falsches Ge- 
ständnis abgelegt, um auf dem Transport zur Hauptver- 
handlung fliehen zu können. 

Wenn ich auf meinen geistigen Zustand in einer Irren- 
anstalt beobachtet werden sollte, so bitte ich, daß dies nicht 
in Waldheim geschieht. Der dortige Oberarzt hat gesagt, 
wenn ich einmal etwas Strafbares begehe, werde er sein 
Gutachten dahin abgeben, daß ich bestraft würde.“ 

Am 25. Mai wurde die Voruntersuchung gegen Dittrich 
aus §§ 177, 178, 242, 244 St.G.Bs. eröffnet. 

Am 28. Mai wurde er im Gefängnisse von dem Bei- • 
liner Untersuchungsrichter wegen der in der Umgebung 
von Berlin an der Graßnick und der Schurm verübten Ge- 
walttaten, vgl. II und III der schriftlichen Geständnisse, 
vernommen. Er begann seine Auslassungen damit, daß er 
im direkten Gegensätze zu dem Inhalte seines an den 
Ersten Staatsanwalt zu Dresden gerichteten Schreibens er- 
klärte, er sei geisteskrank. Wörtlich gab er zu Protokoll: 
„Ich bitte, mich in das Untersuchungsgefängnis nach 
Berlin zu überführen. Ich bin geisteskrank und möchte 
später in die Irrenanstalt nach Herzberge gebracht werden. 
In die Irrenanstalt nach Waldheim möchte ich aus ver- 
schiedenen Gründen nicht wieder. 

Ich räume ein, daß ich die Frau Grasnick getötet habe. 
Alles Nähere werde ich aber erst sagen, wenn ich in Berlin 
bin. Dann werde ich ganz offen alles sagen, was ich über 
die Tat noch weiß. 

Ich räume ferner ein, daß ich auch die Frau Schurm 
getötet habe. Alles Nähere werde ich aber erst in Berlin 
erzählen. Dann werde ich auch das Messer wieder her- 
beischaffen, mit dem ich Frau Schurm getötet habe, und 
auch die Hose, die ich an jenem Tage getragen habe. Das 


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Der Lustmörder Dittrich. 


195 


Messer, welches ich damals gebraucht habe, war ein 
Taschenmesser.“ 

Am 30. Mai fand Dittrichs Vernehmung durch den 
Untersuchungsrichter bei dem Landgerichte Dresden wegen 
des Falles Opitz statt. Da er hierbei dem Vorgänge wieder 
eine von seinen bisherigen Angaben abweichende Dar- 
stellung gab, mögen seine Aussagen hier vollständig wieder- 
gegeben werden. Er sagte: 

„Ich bekenne mich schuldig. 

Ich war am 17. Oktober 1905 in die Gegend von 
Gohrisch gekommen, um mich dort mit einem Revolver, 
den ich mir zu diesem Zwecke in Dresden vor meinem 
Weggange gekauft hatte, zu erschießen. Es steht dort an 
der Straße eine Bank und oberhalb abseits von der Straße 
eine zweite. Auf der letzteren hatte ich mich nieder- 
gelassen und Mantel und Jacke ausgezogen, um sie beim 
Erschießen nicht zu beschmutzen. Ich bin mehrfach nach 
der Straße hinabgegangen, um zu sehen, ob Leute kämen, 
die mich stören könnten. Es kamen immer einzelne Per- 
sonen gegangen, deshalb verschob ich das Erschießen immer 
wieder. Den Revolver habe ich ‘jedesmal auf der Bank 
liegen lassen. Unter den Vorübergehenden waren auch 
Frauen. Warum ich diese nicht angehalten habe, um sie 
zu gebrauchen, weiß ich nicht. 

Erst als ich die Opitz kommen sah, kam mir der Ge- 
danke daran ; ich ging auf sie zu und frug sie, ob sie ein- 
mal „mitmachen“ wolle. Sie sagte: Nein! Nun kam ein 
Gefühl über mich, so daß ich mir nicht mehr helfen 
konnte. Ich mußte sie anpacken, um mir den Beischlaf 
zu erzwingen. Ich wußte aber recht gut, was ich 
machte. 

Wie ich sie gerade gepackt habe, kann ich nicht 
sagen. Sie hatte eine Tasche in der Hand und Uber dem 
Arme ein Jackett, in der einen Hand auch etwas wie Baum- 
zweige. 

Der Pitaval der Gegenwart. IV. 14 


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Brendler. 


Sie wehrte sich, wie ich sie anfaßte und hat dann 
auch wiederholt geschrieen. Bei dem Ringen kamen wir zum 
Fallen. Da es am Straßenrande war, fielen wir beide 
den Abhang hinunter. Wir kamen noch ein paarmal zum 
Stehen, fielen aber immer wieder und immer weiter den 
Abhang hinunter. 

Auf einmal wurde die Opitz bewußtlos, ihr Wider- 
stand hörte auf, sie blieb ruhig liegen. Nun schleifte ich 
sie (wie ich sie angepackt habe, weiß ich nicht mehr) 
über den dort vorbeiführenden Waldweg hinweg und auf 
der anderen Seite durch das Gehölz ins Dickicht. Dort 
zog ich sie aus, um sie entblößt vor mir zu haben. Nach- 
dem ich ihr den Rock, die Taille, die Schuhe und einen 
Strumpf ausgezogen hatte, hörte ich auf, ohne daß ich 
heute einen bestimmten Grund dafür angeben kann. Ich 
habe sie nun bis zum Samenergüsse gebraucht. 
Sie lebte dabei noch. Das merkte ich, während ich auf 
ihr lag, an den Bewegungen ihrer Brust: sie atmete. 

Ich ging dann zur Bank zurück und zog Jackett und 
Mantel an, um fortzugehen. Daß ich mich hatte erschießen 
wollen, daran dachte ich jetzt nicht mehr, ich hatte nur 
den Gedanken, fortzukommen. 

Ich vermißte' meinen Hut. Um ihn zu suchen, ging 
ich nach dem Platze zurück, wo ich die Opitz hingeschleift 
hatte. Der Hut lag dort in der Nähe. Während die Opitz 
vorher auf dem Rücken gelegen hatte, lag sie jetzt auf 
der Seite. Als ich näher kam, bemerkte ich, daß sie er- 
brochen hatte. Mir kam jetzt der Gedanke, sie könne 
aufstehen und mir nachlaufen, um mich festnehmen zu 
lassen. Das wollte ich verhindern, raffte deshalb die 
Sachen, die ich ihr ausgezogen hatte, und ihren Hut zu- 
sammen und lief davon. Ich habe sie nicht vollständig 
entkleidet. Unterwegs lag die Tasche am Straßenrande; 
ich nahm sie auch mit, ohne ihren Inhalt zu kennen. 

Warum ich die Tasche mitgenommen habe, kann ich 


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Der Lustmörder Dittrich 


197 


heute nicht sagen. Vielleicht ist es geschehen, weil sie 
dicht an der Straße lag und ich deshalb eine baldige Ent- 
deckung der Tat befürchten mußte. 

Ich lief nun ohne Weg in der Richtung nach König- 
stein durch den Wald. Dabei habe ich irgendwo die 
Kleider und die Tasche der Opitz weggeworfen. Sie waren 
mir beim Laufen hinderlich und ich hatte da noch gar 
nicht die Absicht, sie zu behalten. Beim Weiterlaufen fiel 
mir ein, daß auch hier durch Auffinden der Sachen eine 
vorzeitige Entdeckung der Tat herbeigeführt werden könne 
und gleichzeitig auch, daß ich damit meiner Schwester, 
der verehel. Rau, ein Geschenk machen könnte. Daß Geld 
in der Tasche war, wußte ich noch nicht Ich lief zurück 
und holte mir die Sachen. . 

Als ich die Sachen vom Tatorte wegnahm, muß die 
Opitz noch gelebt haben, es ist mir wenigstens so vor- 
gekommen, als ob sie die Augen aufgeschlagen und nach 
mir hingesehen hätte!“ 

Am 13. Juni 1906 wurde Dittrich durch einen Kom- 
missar der Berliner Kriminalpolizei mit Genehmigung des 
Dresdner Untersuchungsrichters nach Berlin überführt, um an 
Ort und Stelle über die beiden von ihm dort verübten Morde 
vernommen zu werden. Der Kriminalkommissar hat ihn 
auf dem Hin- und Rücktransporte wie auch in der Zelle 
im Dresdner und im Berliner Untersuchungsgefängnisse 
verhört Aus seinem Berichte sind folgende Stellen von 
besonderem Interesse. 

. . . Ganz allmählich gelang es mir, von Dittrich 
herauszubekommen, weshalb er seine Geständnisse zurück- 
gezogen hatte. Er hatte zunächst geglaubt, daß er die 
Opitz getötet hätte; er war anscheinend der Ansicht, sie 
erwürgt zu haben. Infolgedessen batte er sich offenbar 
gesagt, daß nun alles gleich sei, und war für einen Mo- 
ment auf den Nerven zusammengebrochen. In diesem Zu- 
stande hatte er seine Geständnisse abgelegt. Nun hatte er 

14 * 


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198 


Brendler. 


durch Verlesung des Sektionsbefundes erfahren, daß es 
sich bei der Opitz nur um ein Sittlichkeitsverbrechen han- 
delte und er die Chance hatte, mit einer zeitigen Zucht- 
hausstrafe davonzukommen. Bis dahin war sein Bestreben 
darauf gerichtet gewesen, nach der Irrenanstalt zu kommen, 
um den Kopf zu retten. Jetzt hatte er umgekehrt das 
Bestreben, für geistig normal erklärt zu werden, um später 
wieder einmal die Freiheit zu erlangen. Das war nur 
möglich, wenn er die Geständnisse zurückzog .... Ich 
setzte ihm auseinander, daß er zum Zurückziehen der Ge- 
ständnisse schon zuviel eingeräumt habe, und daß seine 
Lage durch die Geständnisse kaum verändert würde 
Er setzte mir nun zunächst in höchst scharfsinniger, längerer, 
juristischer Darlegung die angebliche Rechtsirrtümlichkeit 
meiner Auffassung des § 178 St.G.Bs., den er genau kannte, 
auseinander .... Schließlich kam er auch zu der Ansicht, 
daß er wohl nach Waldheim kommen und für unzurech- 
nungsfähig erklärt werden würde. Hierbei stellte sich 
heraus, daß er vor Waldheim eine gewaltige Angst hatte 
und sehr viel lieber nach Herzberge wollte. Er zeigte sich 
bei der ganzen Vernehmung über die Zuständigkeit betreffs 
Unterbringung der Irren in den verschiedenen Anstalten 
auf das Genaueste orientiert. 

Durch den Transport nach Berlin hatte er volles Ver- 
trauen gewonnen und sagte sofort, wo sich das Messer be- 
fand, mit dem er die Frau Schurm ermordet und sich da- 
bei verletzt hatte, und gab genaue Details über die Aus- 
führung und den Anzug an, den er getragen hatte. Auch 
die blutige Hose, die er bei der Tat getragen hatte, konnte 
durch seine Angaben herbeigeschafft werden. 

Im Lokaltermine führte er mich mit absoluter Sicher- 
heit an die Mordstelle und von dort den Weg, den er 
nachher durch das Dickicht eingeschlagen hatte. Er be- 
sann sich auf den kleinsten Umstand, zeigte Stellen, wo 
er auf seiner Flucht Menschen gesehen hatte, wo ein Bauer 


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Der Lnstmörder Dittrieh. 


199 


gepflügt hatte, usw. Alle diese Angaben entsprachen, wie 
festgestellt werden konnte, der Wahrheit, und es ist die 
Täterschaft in dem Falle Schurm gerichtsnotorisch er- 
wiesen. 

Noch staunenswerter war sein Gedächtnis im Falle 
Graßnick, der 5 Jahre zurückliegt. Er fand auch hier die 
Tatstelle, obwohl sich die Schonungen der Umgegend in 
der Zeit gewaltig verändert haben. Er wußte genau die 
Lage der Leiche anzugeben, die Stellung des Wagens, 
klärte durch seine Schilderung des Hergangs scheinbare 
Widersprüche in den Akten einwandfrei auf, führte zu 
einem Tümpel, in den er das geraubte Portemonnaie ge- 
worfen hatte; den Tümpel kannte kein Mensch, da er 
mitten in der Dickung lag. Er schilderte ferner, wie er 
in einer Kneipe gleich darauf ein Glas Bier getrunken 
hatte. Der Zeuge, der seiner Zeit einen Mann in dieser 
Kneipe gesehen und sofort damals der Tat verdächtigt 
hatte, erkannte ihn wieder. 

Auch hier ist die Täterschaft Dittrichs gerichtsnotorisch 
erwiesen .... 

Ich möchte noch bemerken, daß Dittrieh sich mir 
gegenüber unverstellt gegeben und offen gesagt hat, daß 
er während der Beobachtung sich anders geben, also auf 
deutsch simulieren werde. 

Er hat für die Gesellschaftsklasse, aus der er stammt, 
ganz unleugbar ausnahmsweise Bildung und Scharfsinn. 
Er ist in den Bestimmungen des Reicbsstrafgesetzes, die ihn 
angehen, sehr bewandert und hat sich viel damit beschäf- 
tigt. Er spricht über die inneren Einrichtungen, die Kost, 
die Behandlung, die Vorzüge und Nachteile der verschie- 
denen Strafanstalten und Irrenhäuser mit großem Ver- 
ständnisse, besitzt ein geradezu hervorragendes Gedä chtnis 
ist körperlich gewandt und leistungsfähig, sehr muskulös 
und bat ganz besonders große Sehschärfe. Trotzdem ver- 
wischt sich in seiner Erinnerung jedesmal der Eindruck, 


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200 


Brendler. 


wie er nun eigentlich die Tat ausgeführt hat. Er macht 
darüber schwankende und sich widersprechende Angaben- 
Es ist ganz unzweifelhaft, daß er zum Teil dabei die Ab- 
sicht hat, die Überlegung bei der Tat selbst auszuschließen. 
Zum Teil ist aber doch wohl mit Sicherheit anzunehmen, 
daß er wirklich bei der Tat nach seinem Ausdrucke „rot 
sieht“ und in blinder Aufregung nicht weiß, was er tut. 
Nach seiner Schilderung bekommt er plötzlich einen rich- 
tigen sogenannten „Samenkoller“, irrt dann ziel- und plan- 
los auf der Landstraße und in den Wäldern umher und stürzt 
sich wie ein wildes Tier auf das erste weibliche Wesen, 
was ihm paßrecht kommt. Der Widerstand, den er dann 
natürlich findet, reizt ihn derartig, daß er sinnlos darauf 
lossticht oder würgt und schlägt, und dann, wenn das 
Opfer tot ist, zur Besinnung kommt, flüchtet und dabei ein 
Sittlicbkeitsverbrechen meistens gar nicht ausgeführt bat. 
Ein Schulfall ist hierfür der Fall Schurm, der so lag, daß 
ein Sittlichkeitsverbrechen gar keine Aussicht haben konnte, 
und bei dessen Ausführung der Täter von den zahlreichen 
in der Nähe befindlichen Passanten eigentlich gefaßt wer- 
den mußte .... 

. . . Ich halte Dittrich augenblicklich für völlig geistig 
normal, glaube aber trotzdem, daß er nicht schwindelt, 
wenn er sagt, daß er von Zeit zu Zeit an einem direkten 
geschlechtlichen Koller leidet. Er sagt, er sähe selber ein, 
daß er dauernd unschädlich gemacht werden müßte, denn 
wenn er wieder herauskäme, würde er unzweifelhaft wieder 
einen Mord verüben. Andrerseits gestehe er ganz offen 
daß er trotz dieser Einsicht versuchen würde, herauszu- 
kommen — jeder Vogel (treffender würde er gesagt haben: 
jede Bestie) liebe ja die Freiheit . . . • 

Während seiner Haft in Berlin hat Dittrich eine um- 
fangreiche schriftliche Arbeit, eine Art Novelle, unter dem 
Titel „Revanche“ verfaßt und für den Kriminalkommissar 
W., eben denselben, der ihn von Dresden nach Berlin und 


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Der Lustmörder Dittrieh. 


201 


zurück transportiert hat, bei dem Untersuchungsrichter 
niedergelegt. Da diese Arbeit für die Beurteilung seines 
Geisteszustandes und seiner allgemeinen Fähigkeiten von 
Interesse ist und auch in dem nachstehenden ärztlichen 
Gutachten Berücksichtigung gefunden hat, so ist sie unten 
auszugsweise wiedergegeben. 

Der von dem Untersuchungsrichter zur Begutachtung 
aufgeforderte Dresdner Gerichtsarzt erklärte: 

Die Abstammung Dittrichs mit erblicher Belastung, 
der frühzeitige Verfall in alle möglichen Laster, die Un- 
verbesserlichkeit Dittrichs trotz der hohen Bestrafungen 
und Rückfälligkeit in die Ausübung schwerster Verbrechen 
in fast unmittelbarem Anschlüsse an die Strafen, sein Ver- 
halten während der Strafverbüßungen und der wieder 
holten Unterbringungen in Krankenanstalten, aber auch 
sein rücksichtsloses Verfahren bei Verübung seiner Ver- 
brechen und die sonst an Dittrieh festgestellten Beobach- 
tungen lassen ihn als einen psychisch hochgradig defekten 
Menschen erscheinen. 

Die Diagnose weiter zu bestätigen, namentlich fest- 
zustellen, ob Dittrieh unter seiner Erkrankung bei Aus- 
führung der ihm zur Last gelegten strafbaren Handlungen 
im Sinne von § 51 St.G.Bs. der freien Willensbestimmung 
beraubt war, bedarf es einer noch weiter andauernden Be- 
obachtung, weshalb von gerichtsärztlicher Seite beantragt 
wird, Dittrieh einer öffentlichen Irrenanstalt zuzuführen. 

Daraufhin wurde Dittrieh am 12. Juli 1906 zur Be- 
obachtung seines Geisteszustandes in die Landesanstalt für 
Geisteskranke zu Waldheim übergeführt. 

Nach sechswöchiger Beobachtung gab der Oberarzt 
dieser Anstalt am 31. August 1906 ein ausführliches Gut- 
achten ab, das am Schlüsse folgendermaßen lautet: 

Dittrieh erscheint, da er unzweifelhaft von einem 
trunksüchtigen Vater und einer geistesschwachen Mutter 
abstammt und sich auch unter seinen Geschwistern geistig 


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202 


Brendler. 


abnorme Individuen vorfinden, zur Seelenstörung disponiert 
Und in Wirklichkeit leidet er auch an einer ausgesprochenen 
Geisteskrankheit, welche mit den Wurzeln bis in die Jugend- 
zeit zurückreicht, zunächst aber noch latent blieb, um 
schließlich im Jahre 1896 unter dem Einflüsse der Straf- 
haft, welche erfahrungsgemäß das, Auftreten von Seelen - 
Störungen begünstigt, eine wesentliche Verschlimmerung zu 
erleiden . 

Diese Geisteskrankheit äußert sich einmal durch einen 
nicht unerheblichen intellektuellen Schwachsinn; gilt doch 
Dittrich schon einem seiner Lehrer als ein nur mittelmäßig 
befähigter Schüler. Nun wird zwar Dittrich vom Kriminal- 
kommissar W. als ein außerordentlich scharfsinniger, mit 
treffendem Urteil begabter Mensch bezeichnet, indes kommen 
ihm diese Eigenschaften keineswegs zu. Dittrich besitzt 
nur ein gewisses Maß von Schlauheit und.Pfiffigkeit, wie 
es bestimmten Kategorien von Irren eigentümlich ist Wäre 
Dittrich wirklich mit großem Scharfsinn begabt, so würde 
er sich nicht durch (die Aussicht, vielleicht in Herzberge 
untergebracht zu werden, zur Ablegung seiner Geständnisse 
in den Fällen Graßnick und Schurm haben verleiten lassen ; 
er mußte sich doch sagen, daß seines Bleibens in Herz- 
berge dann, wenn er als geisteskrank begutachtet war — 
und das war doch zugestandenermaßen sein Ziel — nicht 
sein konnte, daß er dem .unterstützungspflichtigen Orts- 
armenverbande Dresden zur weiteren Fürsorge überwiesen 
würde und daß ihm dann wiederum die Versorgung in 
dem ihm verhaßten Waldbeira blühte. 

Seine geistige Schwäche gibt sich weiter auch in der Art 
und Weise kund, ;wie er auf die Leichtgläubigkeit des Herrn 
Ersten Staatsanwalts spekuliert, den er glauben zu machen 
sucht, daß er nur deswegen seine jFahrrad- und Einbruchs- 
diebstähle begangen hatte, um endlich einmal gefaßt und 
bestraft und so für geistig gesund erklärt zu werden, 
während es doch aktenkundig war, daß er die Spuren 


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Der Lustmörder Dittrich. 


203 


seiner Diebstähle nach Möglichkeit zu verwischen suchte. 
Und welcher Schwachsinn liegt nicht darin, daß er seine 
geistige Gesundheit durch Begehung von Verbrechen be- 
weisen will, den Beweis seiner Zurechnungsfähigkeit konnte 
er doch viel einfacher durch einen geregelten, geordneten 
Lebenswandel führen ! 

Für seine geistige Insuffizienz spricht auch die Naivi- 
tät, mit welcher er die im Falle Graßnick ausgesetzte Be- 
lohnung auf Grund seines eigenen Geständnisses für sich 
in Anspruch nimmt und verwendet wissen will. 

Auch sonst erscheint er außerordentlich kritik- und 
urteilslos, welche Eigenschaften ihn zu einer richtigen Er- 
kenntnis seiner eigenen Persönlichkeit nicht kommen lassen; 
in seinem Schrifstück „Revanche“ schildert er sich als 
einen im Grunde genommen frommen und braven Men- 
schen, welcher auf das Wohl seiner Kirche und das armer 
Witwen bedacht sei, während er doch selbst seinen Beicht- 
vater belügt und die arme Witwe Thiele betrügt; er be- 
wirbt sich um eine Beschäftigung bei der Kriminalpolizei 
unter Berufung auf seine großen Kenntnisse und seine Er- 
fahrungen, kann aber weiter nichts zu seiner Empfehlung 
anführen, als daß er belletristische Zeitschriften und Kriminal- 
romane gelesen und in einer Irrenanstalt die Ärzte durch 
seine Klugheit vor 'unliebsamen Kollisionen mit den Vor- 
gesetzten Behörden gerettet hat, welch’ letztere Behauptung 
übrigens, soweit die hiesige Anstalt in Betracht kommt, 
durchaus unwahr ist. 

Hand in Hand mit dieser Schwäche auf intellektuellem 
Gebiete gehen bei Dittrich nun aber auch Defekte auf 
moralisch - ethischem Gebiete. Er ist von Jugend auf 
Onanist, wird Zuhälter, kommt seit seinem 15. Lebens- 
jahre unaufhörlich mit den Strafgesetzen in Konflikt, zeigt 
sich haltlos, wechselt grundlos seine Stellungen und gerät, 
wiewohl ihm regelmäßig bei seinen Entlassungen aus den 
Anstalten Geldmittel, die ihn vor der ersten Not schützen 


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204 


Brendler. 


konnten, zugewiesen worden waren, doch sofort immer 
wieder auf Abwege. Zudem besitzt er großen Hang zur 
Lüge, welcher durchaus pathologischer Natur ist. Niemals 
bleibt er bei der Wahrheit; wenn er beispielsweise be- 
hauptet, kürzlich einen großen Schatz auf einem Berliner 
Friedhofe vergraben zu haben, so ist diese Behauptung 
schon um deswillen unwahr, weil er gerade von Berlin 
aus infolge Geldmangels an den Hubertusburger katho- 
lischen Pfarrer Bettelbriefe gerichtet hat; er verwickelt sich 
auch sonst fortwährend in Widersprüche, heuchelt Gerichts- 
personen, Ärzten und Geistlichen gegenüber ganz entsetz- 
lich und schildert Vorgänge in seinem Leben, welche sich 
niemals abgespielt haben können, auf phantastische Art. 
Daneben läßt er eine außerordentlich weitgehende Ab- 
stumpfung des Gefühls wahrnehmen; wiewohl er großes 
Verständnis für die Tierseele zu besitzen vorgibt, behandelt 
er doch ein kleines Hündchen seiner Schwester auf ganz 
brutale Art, er ist gemütsroh, erzählt von seinen Schand- 
taten mit derselben Ruhe, wie man ein Hühnchen rupft, 
nnd empfindet, wenn er auch manchmal den Eindruck des 
Gegenteils hervorzurufen sucht, über seine Verbrechen auch 
nicht die geringste Reue, wie er denn auch hier, wo ihm 
seine Schandtaten wiederholt vorgehalten worden sind, fast 
nur heiter und guter Dinge blieb und bei seinen körper- 
lichen Untersuchungen sogar in lautes Lachen ausbrach. 
Andrerseits erschien er jedoch zeitweise auch recht ver- 
stimmt und gereizt, welche Stimmung besonders dann zum 
Vorschein kam, wenn er von den Ärzten exploriert wurde 
oder zuviel ausgesagt zu haben meinte. Seine leichte Er- 
regbarkeit kommt sodann auch in seinem krankhaft ge- 
steigerten Geschlechtstriebe zum Ausdrucke; kaum hat er 
die Opitz mißbraucht, da begibt er sich auch schon zu 
einer Prostituierten, um auch mit dieser noch einen Ge- 
schlechtsakt zu vollziehen, und mit der verwitweten 
Thiele verkehrt er innerhalb weniger Tage geschlecht- 


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Der LustmSrder Dittrieh. 


205 


lieh so intensiv, wie es ein normaler Mensch niemals 
tun würde. 

Neben diesem intellektuellen und moralischen Schwach- 
sinn, dem krankhaften Hange zur Lüge, der Gefühls- 
roheit, der Reizbarkeit und dem pathologisch gesteigerten 
Geschlechtstriebe lassen sich bei Dittrieh außerdem Beein- 
trächtigungs- und Größenideen nachweisen, welche zum 
erstenmal im Zuchthause Waldheim vor ungefähr 10 Jahren 
aufgetreten und seitdem nicht mehr geschwunden sind. 
Man könnte ja vielleicht annehmen, daß Dittrieh diese Ideen, 
um den Eindruck der geistigen Störung hervorzurufen, nur 
vortäuscht. Das ist jedoch nicht der Fall; vielmehr hat 
Dittrieh diese falschen Vorstellungen nur dann verschwiegen, 
wenn es sich um seine Entlassung aus Anstalten handelte, 
er hat sie aber selbst in Zeiten, wo er von einem Vor- 
täuschen sich gar keinen Vorteil versprechen konnte, bei- 
spielsweise seiner Schwester Rau gegenüber, zu Gehör 
gebracht. Auch diese Wahnvorstellungen tragen den Charak- 
ter der geistigen Schwäche an sich. Wiewohl Dittrieh sich 
sagen muß, daß er sich durch seine Verbrechen das Mit- 
leid der Mitmenschen verscherzt hat, fühlt er sich stets 
zurückgesetzt und verkannt, und beklagt sich über grau- 
same Behandlung und ungenügende Beachtung. Immer 
und immer wieder kommt er auf seine Zeichnungen, um 
deren Früchte man ihn betrügen wolle, zurück, unaufhörlich 
spielt er sich als Erfinder ganz komplizierter Apparate (wie 
Unterseebot, spielende Trommel usw.) auf, obgleich er auf 
Vorhalt selbst aussprechen mußte, daß er über die Anfangs- 
gründe in Physik und Chemie nicht hinausgekommen ist. 

Alle die obengenannten Krankheitserscheinungen charak- 
terisieren die geistige Störung Dittricbs als Entartungsirre- 
sein. Als Ausfluß dieser Geisteskrankheit müssen auch 
die Verbrechen sexueller Natur angesehen werden, welche 
Dittrieh seiner Versicherung nach unter dem Einflüsse 
eines unwiderstehlichen Zwanges begangen hat. Dittrichs 


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Brendler. 


eigenen Angaben hierüber wird man bei seiner notorischen 
Verlogenheit natürlich mit großem Mißtrauen begegnen 
müssen. Jndes ist doch als unzweifelhaft sicher festgestellt, 
daß sich Dittrich sowohl im Petrowitzer wie im Gohrischer 
Falle vor und nach der Tat in einem Zustande von Ruhe- 
losigkeit und Aufregung befunden hat, und daß er über- 
haupt ein außerordentlich reizbarer und in sexueller Be- 
ziehung leicht erregbarer Mensch ist. Daher ist es auch 
durchaus wahrscheinlich, daß er, wenn er auf einsamem 
Wege mit einer einzelnen Frauensperson zusammentrifft, 
in einen Zustand immer mehr zunehmender Aufregung 
hineingerät, bis er schließlich seiner Sinne nicht mehr 
mächtig ist und nicht mehr Weiß, was er tut; ein nor- 
maler Mensch wird derartige Handlungen zu unterdrücken 
imstande sein, Dittrich aber ist, wie zuvor auseinander- 
gesetzt wurde, ein geisteskrankes Individuum, dessen 
Hemmungszentren im Gehirn verkümmert sind, so daß er 
sich, wie es im Falle Opitz geschah, in der Tat nicht zu 
beherrschen und zu bemeistern vermag. 

Wenn nun aber Dittrich weiter behauptet, daß sich 
seine Aufregung mitunter bis zur völligen Bewußtlosigkeit 
gesteigert habe, so muß diese Behauptung Zweifeln be- 
gegnen. Im Petrovitzer Falle wenigstens ist er allem An- 
scheine nach zwar hochgradig aufgeregt, aber doch wohl 
nicht bewußtlos gewesen, worauf seine Worte: „er steht 
nicht mehr, bei Ihnen geht er überhaupt nicht hinein,“ 
hindeuten; immerhin beweist aber) doch dieser Fall den 
pathologischen Charakter Dittrichs, weil hier an die Stelle 
eines geschlechtlichen Aktes ein solcher brutaler Roheit 
und Gewalt getreten ist, weil die geschlechtliche Befriedigung 
auf sogenannte sadistische Art erfolgte .j 

Allein nichtsdestoweniger kann für andere Fälle die 
Möglichkeit, daß Dittrich zur Zeit der Tat und hinterher 
bewußtlos gewesen ist, nicht mit Sicherheit in Abrede ge- 
stellt werden, um so weniger, als er in der Irrenanstalt 


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Der Lustmörder Dittrich. 


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Waldheim im Jahre 1901 mehrere Ohnmachtsanfälle gehabt 
hat, bei denen es sich vielleicht um Zustände epileptiformer 
Natur handelt. 

Zum Schlüsse möchte ich mir noch eine kurze Be- 
merkung zu den Fällen Graßnick und Schurm erlauben. 
Ist es wirklich über allen Zweifel erhaben, daß Dittrich 
hier der Täter war, so würde die mehrfache Wiederholung, 
die Häufung ein und desselben Verbrechens ihn erst recht 
als einen schwer geisteskranken Menschen kennzeichnen. 

Ich gebe somit das von mir erforderte Gutachten da- 
hin ab: 

Dittrich leidet an einer ausgesprochenen, mit intellek- 
tuellem und moralischem Schwachsinn, gemütlicher Ab- 
stumpfung, erhöhter Reizbarkeit, Beeinträchtigungs- und 
Größenideen, gesteigertem Geschlechtstriebe sowie Neigung 
zu verkehrten Handlungen auf sexuellem Gebiete einher- 
gehenden Geisteskrankheit. Diese Seelenstörung reicht mit 
ihren Wurzeln bis in die Jugendzeit zurück, hat vor circa 
10 Jahren unter dem Einflüsse der Waldheimer Strafhaft 
eine wesentliche Verschlimmerung erfahren und nie zu 
einer Genesung geführt. 

Dittrich hat sich daher zur Zeit des an der Opitz 
verübten Verbrechens in einem Zustande krankhafter 
Störung der Geistestätigkeit befunden, welcher seine freie 
Willensbestimmung ausgeschlossen hat. 

Auf Grund dieses Gutachtens wurde Dittrich nach 
Schluß der Voruntersuchung auf Antrag der Staatsanwalt- 
schaft am 14. September 1906 außer Verfolgung gesetzt, 
aus der Haft entlassen, der Dresdner Heil- und Pfleg- 
anstalt zugeführt und von da am 17. Oktober, also genau 
am Jahrestage des Gohrischer Verbrechens, auf Antrag 
des Ortsarmenverbandes Dresden in die Heil- und Pflege- 
anstalt Waldheim „zu längerer Verpflegung“ aufgenommen. 

Möge er nie von dort zurückkehren! 


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208 


Brendler. 


Berlin, 26. Juni 1906. 

Revanche! 

Erzählung von Max Dittrieh. 

Vorwort! 

Da ich Nachfolgendes in der Hoffnung schrieb, daß 
es durch die Genehmigung meiner Vorgesetzten möglich 
sei, es drucken zu lassen, möchte ich es nicht aus den 
Händen geben, ohne versucht zu haben, durch einige, 
wenige Worte das Interesse des Lesers zu erwecken. Es 
ist mein sehnlichster Wunsch, daß ein Jedes, welches diese 
wenigen Zeilen liest, daraus lernen möge, wie man es 
machen soll, um als reeller, ehrlicher Mensch dereinst in 
Frieden sein Ende erwarten zu können. Mein Leben ist 
für diese Welt zu Ende und mit tiefem Schmerze sehe 
ich auf einzelne Episoden, als besonders dunkle, grauen- 
hafte Punkte darin, zurück. Habe ich auch wenig, ja besser 
gesagt, gar keinen Anspruch auf die Milde und Güte der 
Menschheit, so vertraue ich um so mehr auf das Jenseits, 
wo ja wohl jedes Verbrechen, jede Sünde gerechnet wird, 
aber doch auch weit mehr Erbarmen vorhanden ist, als 
auf Erden. — 

Revanche; so betitelt sich meine Erzählung, in deren 
Verlaufe ich mich bemühte, einen Abschnitt meines Lebens 
darzustellen. Zeigte darin, wie es möglich ist, aus jungen, 
unerfahrenen Burschen gewandte Taschendiebe, erfahrene 
Einbrecher heranzubilden, welche, wenn sie erst einmal 
die Süße der Müßigkeit kennen gelernt haben, zu ehr- 
licher, ausdauernder Arbeit verdorben sind. Rastlos schreiten 
sie weiter auf der Bahn des Verbrechens. Die ersten 
Strafen, dienen ihnen nicht zur Besserung, weil sie im 
Gefängnisse untergebracht, mitten unter anderen, vielfach 
ergrauten Verbrechern, eben nicht besser werden können. 
Haben sie sich ungeschickt und dumm gezeigt, sei es bei 


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Der Lustin örder Dittrich. 


209 


der Ausführung ihrer Tat; — sei es dem Richter gegen- 
über; — so ernten sie Spott und Hohn von ihren Mit- 
gefangenen Wollte und dürfte ich meine Erleb- 

nisse in Straf- und Irrenhäusern schildern, so würde dies 
Bücher füllen und manches Leser- und Leserinnenherz mit 
Abscheu und Entsetzen, doch zugleich mit tiefstem Mit- 
leid für die armen, elenden Gefangenen erfüllen 

Man kann, man mag es mir glauben, denn ich schreibe 
dies, aus eigenster traurigster Erfahrung — die Straf- 
häuser, sind und bleiben, die Gymnasien und Hochschulen 
des Verbrechens. . . 

. . . Wäre ich vermögend geboren, aus mir wäre 
auch etwas Anderes geworden. Auch ich könnte jetzt ein 
eigenes Heim mein eigen nennen, und mein Auge an 
eigenen, blühenden Kindern laben. . . . Der wohlhabende 
Mann ist naturgemäß der Versuchung weniger ausgesetzt 
als der Arme. Er kennt nicht die Sorge um das tägliche 
Brot; Weis nichts von Mühen und Plagen um den An- 
sprüchen des Hauswirts gerecht zu werden. — Es fehlt 
in seinem Leben die gewaltigste Triebfeder des Ver- 
brechens, — die Sorge um Obdach, die Sorge um das 
tägliche Brot! — .... 

. . . Darum: Habet Geduld mit den Gefallenen und 
habet Geduld auch mit mir, wenn in der nun folgenden 
Ertsäblung nicht alles nach den Wünschen, der Einzelnen 
geschrieben ist. 

Der Verfasser. 

Es war im Herbste des Jahres 1890, als ich inner- 
halb Dresden, einen flotten Handel mit Obst- und Süd- 
früchten betreibend, in einem kleinen Kaffeeschank der 
Friedrich- Vorstadt die Bekanntschaft eines gewissen H. 
machte. . . 

Dittrich schildert nun äußerst breit und liebevoll, wie 
die Bekanntschaft von Tag zu Tag intimer wurde, wie 
schließlich nicht mehr einer ohne den andern sein konnte 


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210 


Brendler. 


und sie sich täglich trafen, wie H. ihn darauf hinwies, 
daß man auch ohne die lästige Arbeit auf dieser Erde ein 
sehr angenehmes Dasein führen könne, wie diese An- 
deutungen bei ihm, dem damals 18jährigen, auf frucht- 
baren Boden gefallen seien, und wie er durch H. schließ- 
lich um so leichter „dem Verbrechen in die Arme ge- 
trieben worden“ sei, als er trotz seiner jungen Jahre schon 
„mit dem Gesetze in Konflikt geraten war und entehrende 
Strafe verbüßt hatte.“ H. habe ihn „durch einen, alles 
Gute und Heilige verhöhnenden, das Unglück und die 
Strafe geradezu herausfordernder Weise, — gräßlichen 
Schwur zur Mittäterschaft der von ihm in Aussicht ge- 
nommenen Verbrechen verpflichtet und ihn so als seinen 
Sklaven an sich gebunden.“ Dann habe er sich eine Ge- 
liebte angeschaft „Sie hieß Anna und wohnte bei ihrer 
Mutter, einer Witwe“, wie Dittrich in seiner Erzählung 
fortfährt, „die, ohne verheiratet zu sein, mit einem jungen 
Menschen von etwa 22 Jahren in intimen Verhältnissen 
lebte. Mit diesem und ihren Kindern, drei Mädchen und 
einem Knaben, bewohnte sie eine Stube, woran sich eine 
kleine Kammer anschloß. Dort, in .dieser engen Räum- 
lichkeit lebte ich mit meiner Anna zusammen. Freilich 
war dies ... die reine Karnickelwirtschaft“ 

H., der stets über ein gefülltes „Portefeuille“ verfügt 
habe, sei der Liebhaber der beiden jüngeren Schwestern 
seiner Anna, Mädchen von 13 und 15 Jahren, gewesen. 
Seine Anna sei schließlich von ihm schwanger geworden, 
zu einer Entbindnng sei es aber nicht gekommen, offenbar 
weil sie, wie er durchblicken läßt, sich die Frucht habe 
abtreiben lassen. 

Nach und nach sei er von H. im Taschendiebstahl 
unterwiesen worden, da er aber anfangs wenig Geschick 
entwickelt habe, so habe er müssen einen regelrechten 
Spitzbubenkursus mit einem „Klingelmann“ durchmachen. 
Er beschreibt sehr anschaulich, wie er bei einem Trödler 


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Der Lustmörder Dittrich. 


211 


gemeinschaftlich mit einigen 10- bis 12jährigen Kindern 
im Taschendiebstahl unterrichtet worden sei, in einer so- 
genannten Klingelschule. „Näher tretend,“ so sagt er wört- 
lich, „gewahrte ich nunmehr, daß ich eine täuschend nach- 
geahmte Puppe in Lebensgröße vor mir hatte, welche 
durch eine um den Hals gelegte Schnüre mittels Rolle an 
der Decke angebracht war. Das Seltsame an dieser Ge- 
stalt, welche elegant und zwar mit Hut und Allem be- 
kleidet war, war, daß aus jeder Tasche etwas hervor- 
guckte. Ein Buch, Brieftasche, Taschentuch und anderes 
mehr. Ja selbst eine Uhr und Kette fehlte dieser seltsamen 
Erscheinung nicht. — Nun aber hört die Hauptsache. — 
An jeder Tasche und jedem der genannten Gegenstände 
w T aren kleine Klingeln angebracht, welche bei der leisesten 
Berührung ihr melodisches Tönen hören ließen.“ 

Mit lächerlicher Breite geht Dittrich auf seine Übungen 
im Taschendiebstahle, am „Klingelmann“ ein, schildert 
eingehend, welche Mühe und wie manchen Schweißtropfen 
es ihn gekostet habe, bis er die Uhr, ohne daß die Klingel 
ertönte, abhängen konnte, und wie er schließlich von H. „zum 
Gesellen erklärt worden sei,“ dann hätten sie gemeinschaft- 
lich Reisen unternommen, die „guten Gewinn“ abgeworfen 
hätten, so daß er seine Schulden hätte bezahlen und ein 
sorgloses Leben führen können, wenn ihn nicht das 
Verhältnis mit Anna zu viel gekostet hätte. Diese sei sehr 
anspruchsvoll gewesen. Zwar habe er sie manchmal ab- 
zuschütteln versucht, aber immer vergebens. Schließlich 
habe er sich darein ergeben, dieses Anhängsel für immer 
mit sich herumschleppen zu müssen. 

Zu seinem Bekanntenkreise habe auch ein gewisser 
W. gehört, ein Berliner, der, wenn er nach Dresden kam, 
stets heiter und guter Dinge und stets bei Kasse gewesen 
sei. Meistens sei er mit „Sore“ gekommen, d. h. mit 
Diebesbeute, um sie in Dresden zu „verschärfen“, also zu 
versilbern. Er sei in unregelmäßigen Pausen aufgetaucht, 

D«r Pitaval der Gegenwart. IV. 15 


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212 


Brendler. 


ohne zu verraten, wo er die Zwischenzeit verbringe. Eines 
Tages sei er verschwunden gewesen und lange, lange Zeit 
nicht wieder aufgetaucht Alle Nachforschungen seien ver- 
geblich gewesen und er und seine Freunde hätten sich 
schon an den Gedanken gewöhnt gehabt, ihn niemals 
wiederzusehen, als er eines Tages plötzlich wieder in 
Dresden erschienen sei, aber gänzlich verändert. Der 
früher so heitere und gesellige junge Mannsei mürrisch, ver- 
drießlich und verschlossen, teilnahmlos und gleicbgiltig 
geworden; zwar habe er auch diesmal über ansehnliche 
Geldmittel verfügt und sie mit vollen Händen ausgegeben, 
aber es habe ihm sichtlich nichts Freude gemacht. 

Schließlich sei er sogar ausfallend und grob geworden, 
so daß alle über seine endliche Abreise froh gewesen seien. 
Bald aber sei er wie ungewandelt wiedergekommen und 
habe seine Geliebte Namens Hilma, ein wunderschönes 
Mädchen, mitgebracht. Nun sei eine festliche Zeit an- 
gebrochen, bei der es an frohen Gelagen nicht gefehlt 
habe, deren Kosten in der Hauptsache W. getragen habe. 
Er habe aber wahrgenommen, daß H., W. und die Hilma 
einen gemeinsamen Plan verfolgten, und es sei ihm zu- 
nächst trotz aller Mühe nicht gelungen, dahinter zu 
kommen, so daß er schließlich bereits eine Trennung von 
den Gefährten in’s Auge gefaßt habe. Durch seine Schlau- 
heit habe er aber endlich doch erfahren, um was es sich 
handle. 

Es ist bezeichnend für Dittricbs Denkweise, daß er 
bei der Darstellung dieser Vorgänge, wie bei der ganzen, 
ja von Anfang bis Ende erfundenen Geschichte mit ge- 
radezu lächerlicher Selbstgefälligkeit seine Person in den 
Vordergrund rückt und seine Schlauheit, Tatkraft, Umsicht 
und Ruhe bei jeder Gelegenheit betont. Dabei schildert 
er unbedeutende Nebenumstände mit geradezu epischer 
Breite, besonders gern bei den ihm von den in der Ge- 
schichte mehr oder weniger episodisch auftretenden Frauen- 


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Der Lustmörder Dittrich. 


213 


zimmern angeblich entgegengebrachten Liebenswürdigkeiten 
verweilend. Infolge dieser ganz unbegründeten Redselig- 
keit und Kleinmalerei nimmt die Schilderung der Ent- 
deckung des geheimen Planes durch ihn beinahe den 
fünften Teil der ganzen Erzählung, die 43 enggeschriebene 
Folioseiten füllt, ein. 

Nun läßt er W. erzählen, warum er bei seinem letzten 
Hiersein so verstimmt gewesen sei. Der langen Rede 
kurzer Sinn ist folgender. W. hätte im Auslande einen 
ungeheuren Diebstahl begangen. In Wien hätte er die 
„Sore" im Werte von über 100000 Mark „verschärfen“ 
wollen. Der Hehler hätte aber nicht selbst den Käufer 
spielen wollen, sondern hätte ihn mit der Diebsbeute in ein 
kleines Städtchen an der deutsch-österreichischen Grenze 
mitgenommen. Dort wohne ein reicher Mann in einer mit 
den herrlichsten Kunstschätzen, Gold- und Silbergeräten 
und dem größten Prunke ausgestatteten Villa, ein früherer 
Bankier, der jetzt den Wucherer mache und gestohlene 
Sachen ankaufe. Dieser Schurke hätte ihn, W., insofern 
betrogen, als er ihm für die ganze, so überaus wertvolle 
„Sore“ anstatt 50000 Mark, wie er verlangt habe, nur 
10000 Mark gegeben hätte. Er, W., habe damals wohl 
oder übel mit diesem Sündengelde zufrieden sein müssen, 
denn er habe keine Wahl gehabt, als entweder das Geld 
zu nehmen oder sich von dem Hehler der Polizei aus- 
liefern zu lassen. 

Dafür sollte nun Rache genommen werden, und zwar 
wollten die Genossen nicht nur die fehlenden 40000 Mark, 
sondern überhaupt das ganze bewegliche Vermögen des 
Exbankiers rauben. 

Dittrich schreibt: „Dem Schuft — Kräftige Revanche! — “ , 
und fährt dann fort: 

„Es wurde nunmehr Alles noch einmal genau durch- 
gesprochen und die Verabredung getroffen; — wonach 
zuerst Hilma nach jenem Orte reisen und die Bekannt - 

15* 


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214 


Brendler. 


schaft des Alten, der ein Wüstling und großer Liebhaber 
von schönen, jungen Mädchen war, machen sollte. Ihre 
weitere Aufgabe war es, anfangs die Spröde zu spielen 
und ihn durch vorherige Lockung und nachfolgende Ver- 
sagung seiner etwaigen Wünsche seine Leidenschaft immer 
mehr zu reizen und ihn dadurch ganz an sich zu fesseln. 
Und das verstand Hilma ja meisterhaft. War es dann so- 
weit gekommen, daß sie den Alten, der unverheiratet war, 
und außer dem alten Diener, nur Köchin, Stubenmädchen 
und einen Kutscher, der zugleich Gärtner spielen mußte, 
bei sich batte, in der Villa selbst besuchen konnte, so 
sollte sie sich, ohne dem Alten etwaige weitere Vertrau- 
lichkeiten zu erlauben, in dessen Hause genau orientieren, 
dann aber sofort Nachricht geben und auf weitere In- 
struktionen warten. Inzwischen sollte H. etwas Beruhigendes 
für die Hunde und die Dienerschaft besorgen und dann 
wollten wir per Rad selbst kommen. Hilmas Rad sollte 
von uns raitgebracht werden. Alles Übrige sollte erst an 
Ort und Stelle und zwar nach Hilmas Darstellung der 
Sachlage beraten werden. — Dabei blieb es. — Schon 
am nächsten Tage reiste sie, von W. reichlich mit Geld ver- 
sehen ab, uns in gespannter Erwartung zurücklassend. — .... 
Schon nach einigen Tagen traf ein Brief von ihr ein, 
dessen Inhalt ganz unsern Erwartungen entsprach. Es 
war ihr bald gelungen, nach W.s Angaben, den Alten aus- 
findig zu machen und war jetzt in voller Arbeit und lebte 
der besten Hoffnung, ihr Ziel baldigst zu erreichen. Ihr 
ganzes Schreiben strotzte von höhnischen Bemerkungen, 
und rachsüchtigen Gefühlen gegen den Mann, der den 
Stolz ihres Lebens (!) so betrogen hatte. Mehr als einmal 
gab sie der Hoffnung Ausdruck, daß der zu führende 
Schlag glücklich sein und uns eine reiche Beute zuführen 
möge. In erwartungsvoller Freude sprach sie von dem 
Schmuck, den W. ihr versprochen und dessen Erringung 
ja ganz in ihren Händen lag. So durften wir getrost dem 


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Der Lustmörder Dittrich. 


215 


weiteren Verlauf der Angelegenheit entgegen sehen, denn : — 
Hilma baldowerte gut! — “ 

Er erzählt dann weiter, wie der nächste Brief der 
Hilma ihnen gemeldet habe, daß der Zeitpunkt für die 
Ausführung des Planes gekommen sei, wie sie mit dem 
Zweirad nach dem Städtchen geeilt und dort von Hilma 
empfangen worden, in den Garten und schließlich in das 
Haus des alten Hehlers geführt worden seien, wie Hilma mit 
den ihr von H. mitgebrachten Betäubungsmitteln die Hunde, 
die [Dienerschaft und den Alten selbst bewußtlos [gemacht 
habe, und fährt dann wörtlich fort: 

„Ohne längeren Aufenthalt ging es nun unter Hilmas 
Führung nach der ersten Etage. Völlige Dunkelheit um- 
gab uns, nur zuweilen von H.s Sicherheitslaterne unter- 
brochen, welche er angezündet hatte, und die er nach 
kurzer Beleuchtung jedesmal sofort wieder mit dem Ver- 
schluß sicherte. Bald waren wir oben. Lauschend standen 
wir still. Kein Laut war zu hören. Grabesruh’ herrschte 
überall. 

Hilma führte uns in jenes Zimmer, aus welchem vor- 
her ihr Lachen zu uns niedergedrungen war und wollte 
eben ein Licht anzünden, als |ein leises Stöhnen aus dem 
Nebenzimmer hörbar wurde. Er! flüsterte sie uns zu, und 
angestrengt lauschten wir. „Er,; — ist wohl noch munter?“ 
fragte jetzt W. leise. „Das glaube ich nicht! — “ kam 
ebenso vorsichtig die Antwort von Hilma, welche jetzt 
leise nach besagtem Zimmer huschte und darin verschwand. 
Einige Minuten, dann kehrte sie wieder und berichtete, 
daß er unruhig schliefe. „Dann an’s Werk !“ komroandirte 
H., der jetzt seine Laterne voll öffnete und uns dadurch 
einen Überblick des Zimmers gestattete.“ 

Die Raubgesellen mit ihrer Konkubine fallen nun über 
die Reste des „Soupers“ her, das der Alte eben ein- 
genommen und wobei ihm Hilma Gesellschaft geleistet 
und den Schlaftrunk gemischt hatte. Dann betraten sie 


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Brendler. 


das Schlafzimmer, um den Geldschrank zu leeren. W. 
öffnet ihn gewandt mit den Schlüsseln, die Hilma dem 
schlafenden Besitzer aus der Tasche genommen hat. 
Dittrich schildert den Eindruck, den der geöffnete Geld- 
sehrank auf sie gemacht habe, folgendermaßen. „ — Welcher 
Anblick, bot sich da unseren Augen. — Zierlich auf- 
geschichtet türmten sich die kleinen uns so bekannten 
Goldrollen an den Hinterwänden des Schrankes auf. Flan- 
kiert von straffgefüllten Leinwandbeuteln, welche uns reichen 
Gewinn verhießen. Im Vordergründe standen zierliche 
Drahtkörbchen, deren goldener Inhalt uns verführerisch 
lockte. Basch wurde Alles in die mitgebrachten Taschen 
verpackt. Dann ging es an das Sondiren der Schubfächer. 
Außer mehreren Kästchen mit losem Gesteine von respek- 
tablem Werte, fielen uns viele Etuis in die Hände, deren 
blitzender Inhalt Hilmas Herz höher schlagen ließ. Doch 
die Hauptsache bestand für uns in den mancherlei Päckchen, 
wohlsortierter und verpackter Kassenscheine und Bank- 
noten, welche wir im untersten Schrankfach, hinter den 
mächtigen Büchern gut versteckt, auffanden.“ 

Im Hintergründe stehen zwei Koffer, sie werden rasch 
und leicht geöffnet. Ihren Inhalt beschreibt Dittrich wie 
folgt: 

„Im vollen Lichte der Laterne II.s, strahlten und 
blitzten uns aus den Tiefen der Koffer herrliche Gerät- 
schaften in edlem Golde und Silber entgegen. — Da gab 
es außer echten Besteckes, prachtvolle Schaalen und Teller, 
Stücke aus Tafelaufsätzen, sowie die traurigen, doch auch 
in ihren Ruin den Beschauer noch überwältigenden Trümmer, 
ehemaliger kirchlicher Geräte, als Kelche, Monstranzen, 
Patenen, Leuchter usw “ 

Plötzlich läßt einer der Bande aus Ungeschick einen 
Kofferdeckel zufallen. Das Geräusch weckt den schlafenden 
„alten Hamster“, entsetzt sieht er die Räuber in seinem 
Schlafzimmer hausen und richtet sich vom Bette auf. Da 


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Der Lustmörder Dittrich. 


217 


springt W. hinzu und „hält dem zum Tode erschrockenen 
Greis seinen blitzenden Böller vor. Dumpfgrollend kam 
es aus seinem Munde: „Keinen Laut, — sonst! — “ 

Nun hält ihm W. eine Strafpredigt, der Alte bettelt 
um sein Leben und W. sagt: „Das soll dir geschenkt 

sein, denn daran liegt uns verdammt wenig! Unsre Ab- 
sicht ist die, dich einmal in die Lage zu versetzen, wie 
es Anderen zu Mute ist, wenn Du sie um ihr bischen 
Hab’ und Gut betrogen hast! Alles Übrige liegt uns fern!“ 
Hieran knüpft Dittrich eine tiefsinnige Betrachtung. 
Er sagt: 

„Es mag wohl in diesem Moment keiner von uns 
daran gedacht haben, daß wir eigentlich in derselben Lage 
waren, wie der von uns Beraubte. Es ist dies nun ‘ein- 
mal der Welt Lauf. Wohl sieht man den Splitter im Auge 
des Anderen, aber den Balken im eigenen Auge sieht man 
nicht!“ 

Schließlich kommt, als sie sich eben zum Abzug an- 
schicken, der Kutscher des Beraubten hinzu, wird von W. 
in den Arm geschossen und so unschädlich gemacht, und es 
gelingt den Räubern, mit ihrer Beute „über 300000 Mark 
an barem Gelde und Banknoten, außer der übrigen Sore“, 
sich in Sicherheit zu bringen. Die kirchlichen Geräte 
übergibt er einem Geistlichen, die aufgefundenen Schuld- 
scheine armer Witwen werden den Ausstellerinnen zurück- 
gegeben! 

Der Schluß der famosen Erzählung lautet wörtlich: 
„Doch das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte 
bleibt wohl die wahre Tatsache, daß wir nie, damals und 
auch später nicht, etwas gehört haben, woraus wir schließen 
durften, daß die Gendarmerie davon Kenntnis hatte. . . . 
Noch manche Unternehmung wurde gemeinschaftlich aus- 
geführt, doch nie eine so ergebnisreiche, wie diese 

Da ich mein Geld keinem Lebenden anvertrauen konnte, 
so mögen es mir die Toten verwahren. In einem Kinder- 


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218 


Brendler. 


grabe habe ich zwei Kästen mit dem Schatze versenkt. 
Dort , mag er ruhen, bis W. und Hilma, welche ebenso 
unglücklich wie ich, jetzt noch im Gefängnisse schmachten, 
den Tag ihrer Erlösung schauen. Sie werden sich freuen 
und in Wehmut meiner gedenken. Dies soll mein Trost 
sein. — 

Für sie, denen ich, durch heilige Schwüre verbunden 
bin, will ich es gern bewahrt haben. Mögen sie so glück- 
lich werden, als wie ich jetzt unglücklich bin. Mein Leben 
ist zu Ende, und habe ich von meinen 33 Jahren wenig 
Gutes gehabt. — Hoffentlich darf ich bald meinem H. 
folgen, welcher schon lange vor mir in die Gefilde des 
Todes hinüber mußte. 

— Doch halt! — Schluß! Nur nicht weich werden! 

Ende. 


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Fall Ziegler. Ein Diebstahl aus Aberglauben. ') 

Von 

Dr. Albert Hellwig (Berlin-Hennsdorf). 


In meinen Skizzen über „Diebstahl aus Aberglauben“ 1 2 ) 
habe ich nachgewiesen, daß abergläubische Bräuche und 
Meinungen mancherlei Art zu Diebstählen Anlaß geben 
können und auch tatsächlich Anlaß geben. Immerhin 
beschäftigt die deutschen Gerichte ein derartiger Fall ver- 
hältnismäßig selten. Deshalb dürfte es sich rechtfertigen, 
wenn wir hier einen derartigen Diebstahl auf Grund der 
Akten ausführlich darstellen und durch analoge Sitten 
beleuchten. 

Am 2. Mai 1904 fand vor der ersten Strafkammer des 
kgl. Landgerichts zu Ratibor eine Verhandlung statt gegen 
die Arbeiterfrau Franziska Ziegler, geb. Prass aus Rybnik 
wegen schweren Diebstahls im Bückfalle. Sie war ange- 
klagt „im Januar 1904 zu Rybnik eine fremde bewegliche 
Sache, eine Kirchenstola, der Pfarrkirche zu Rybnik ge- 
hörig, in der Absicht rechtswidriger Zueignung wegge- 
nommen zu haben und zwar aus einem zum Gottesdienst 
bestimmten Gebäude als Gegenstand, welcher dem Gottes- 

1) Aufmerksam machte mich auf diesen Fall Polizei-Bureau- 
Assistent Eugen Kannewischer in Ratibor, worauf ich die Akten 
— 4L 29/04 — von der Staatsanwaltschaft bei dem Kgl. Landgericht 
zu Ratibor erbat und erhielt. 

2) Im „Archiv für Kriminalanthropologie“ XIX p. 286/89 und 
XXVI p. 37/49. 


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220 


Fall Ziegler. 


dienste gewidmet ist, und zwar nach mehrmaliger Vorbe- 
strafung wegen Diebstahls unter den Voraussetzungen des 
strafschärfenden Rückfalles — Verbrechen gegen die §§ 
242, 243 No. 1, 244, 248 St. G. B. — “ 

Von den persönlichen Verhältnissen der Angeklagten 
ist folgendes hervorzuheben. Sie ist 1851 geboren in 
Orzepowitz (Kr. Rybnik), katholischer Konfession, mehr- 
mals vorbestraft wegen Beleidigung, Körperverletzung usw. 
Wegen Diebstahls war sie 1888 zu zwei Wochen, 1894 zu 
einer Woch.e Gefängnis verurteilt worden. Am 8. Januar 
1904 stand sie vor dem Landgericht zu Ratibor unter der 
Anklage des schweren Diebstahls und wurde unter An- 
nahme mildernder Umstände zu einem Jahr Gefängnis 
verurteilt. 

Einige Tage später fand die Gefängnisaufseherin Welke 
in den Kleidern der Gefangenen eine Stola eingenäht. 
Auf Befragen erklärte die Ziegler, kurz vor ihrer Ver- 
haftung sei in ihrer Wohnung eine ihr unbekannte Frau 
erschienen, die ihr erzählte, im Besitze einer Stola wäre 
man gegen jede gerichtliche Verurteilung gesichert. Die 
Unbekannte habe ihr dann eine Stola gegeben, mit dem 
Bemerken, der Pfarrer habe sie ihr geborgt. Die Angeklagte 
will die Absicht gehabt haben, die Stola wiederzurückzu- 
geben nach Beendigung der Verhandlung gegen sie, sei 
daran aber durch ihre sofortige Verhaftung im Gericht 
gehindert worden. 

Den Angaben der Angeklagten über die Herkunft der 
Stola ist kein Glaube beizumessen. Wie durch zeugen- 
eidliche Aussagen des Pfarrers Dr. Brudniok zu Rybnik 
festgestellt ist, ist die betreffende Stola Eigentum der katho- 
lischen Kirche zu Rybnik. Der Zeuge stellt ferner ent- 
schieden in Abrede, je eine Stola verborgt zu haben. 
Seiner Meinung nach wird die Stola wahrscheinlich aus 
einem Beichtstuhl, in dem sie hängen geblieben war, oder 
aus der Sakristei, in der Stolen stets frei herumhängen, 


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Ein Diebstahl aus Aberglauben. 


221 


genommen sein. Das Fehlen der Stola, deren gegenwär- 
tiger Wert auf etwa 2 M. geschätzt wird, wurde erst be- 
merkt, als nach Anzeige von Seiten der Polizei die Stolen 
von den Kirchenbeamten durchgezählt wurden. Dies ist 
das erstemal, wo dem Zeugen eine Stola abhanden ge- 
kommen ist Der von der Ziegler angegebene Aberglaube 
ist ihm nicht bekannt. Einen bestimmten Verdacht gegen 
irgend jemand können weder der Zeuge noch die übrigen 
Kirchenbeamten äußern. 

Da es aber festgestellt ist, daß der Pfarrer keinesfalls 
jener angeblichen Unbekannten eine Stola geliehen, da es 
ferner an und für sich mehr als unwahrscheinlich ist, daß 
jemand einer ihm völlig unbekannten Person solche Dienste 
leisten soll, wie angeblich die Unbekannte der Angeklagten, 
da schließlich die Stola im Besitz der Angeklagten vor- 
gefunden wurde und da diese wußte, daß die Stola aus 
der Rybniker Pfarrkirche stammt, so muß daraus geschlossen 
werden, daß die Angeklagte selbst die Stola aus der Kirche 
oder der Sakristei entwendet hat. Auch daß die Ange- 
klagte nicht die Absicht rechtswidriger Zueignung gehabt 
habe, die Stola vielmehr nach ihrer Benutzung im Dieb- 
stahlstermin der Pfarrkirche wieder habe zustellen wollen, 
kann der ganzen Sachlage nach nicht geglaubt werden, 
denn es muß angenommen werden, daß die abergläubische 
Angeklagte bestrebt gewesen wäre, einen ihrer Meinung 
nach so kräftigen und wertvollen Talisman wie die Stola 
sich für künftige Bedarfsfälle aufzubewahren. Die Ziegler 
wurde auch im Sinne der Anklage für schuldig befunden. 
Da die letzte, den strafschärfenden Rückfall bedingende 
Strafe fast zehn Jahre zurückliegt, wurden der Angeklagten 
mildernde Umstände zugebilligt Da ferner der Wert des 
Gestohlenen sehr klein war, es sich andererseits aber um 
eine geweihte Sache handelte, wurde eine Gefängnisstrafe 
von einem Jahr und sechs Monaten als eine angemessene 
Sühne erachtet, die mit der am 14. Januar 1904 erkannten 


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222 Fall Ziegler. 

auf eine Gesamtstrafe von zwei Jahren Gefängnis zusammen- 
gezogen wurde. 

Daß der Diebstahl in der Tat auf Aberglauben zurück- 
geführt werden muß ergibt sich aus dem Objekt, das, an 
und für sich minimalen Wertes, von der Diebin überhaupt 
nicht verwendet werden konnte. Es liegt auch kein Grund 
vor, daran zu zweifeln, daß der von der Ziegler angegebene 
Glaube wirklich das Motiv zu der Tat war. Ob der Glaube, 
eine Stola, die der Verbrecher bei sich trägt, schütze ihn 
vor gerichtlicher Verurteilung, allerdings ein in weiteren 
Kreisen verbreiteter Aberglaube ist, oder ob er nur die 
individuelle Prägung des allgemeineren Prinzip des Volks- 
aberglaubens ist, daß ihrer Herkunft nach aus dem Rahmen 
des Alltäglichen hervorstechende Sachen, so Körperteile von 
Leichen, der Strick eines Gehenkten, zum Gottesdienst ge- 
brauchte Sachen usw. auch besondere Eigenschaften haben, 
insbesondere dem Verbrecher mancherlei Nutzen bringen, das 
vermag ich nicht zu sagen. 1 ) 

So viel ist jedenfalls sicher, daß das eben genannte 
allgemeine Prinzip in den mystischen Volksanschauungen 
eine große Rolle spielt. Es mag für unsere Zweck genügen, 
hier nur einige wenige Belege dafür zu geben. So wird 
aus der Gegend von Kreschow berichtet, daß dort der 
Glaube herrsche, der Besitz des Strickes, an dem sich jemand 
aufgehangen habe, bringe dem glücklichen Besitzer alle 
möglichen Vorteile, sichere ihn u. a. auch vor Entdeckung 
beim Diebstahl 2 ). Nach einem huzulischen Volksglauben 
führen zu gleichem Zwecke die Diebe die kleine Zehe 
eines hingerichteten Verbrechers mit sich 3 ). Man muß die 
Verbrecher durchaus nicht für Atheisten halten: Im Gegen- 

1) Die Frage kann nur auf Grund einer in verschiedenen 
volkskundlichon Zeitschriften veröffentlichten Umfrage entschieden 
werden und ich will versuchen, diesen Weg einzuschlagen. 

2) E. Haase , Diebzauber“ in „Am Urquell“ III (1892) p. 220. 

3) Kaindl, „Zum Diebglauben“ in „Am Urquell“ IV(1893) p. 199. 


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Ein Diebstahl aus Aberglauben. 


223 


teil, sie sind meistens sogar sehr religiös, allerdings auf 
ihre eigene Art. 1 ) Der italienische Verbrecher, gleichviel 
welcher Kategorie, wird selten eine Straftat begehen, wenn 
er nicht zuvor einige Vaterunser gebetet hat 2 ). Casanova 
bemerkt, daß alle diejenigen, die von unerlaubtem Handwerk 
(als Verbrecher) leben, auf Gottes Hülfe vertrauen 3 ). Der 
bayerische Verbrecher bat fast immer einen Rosenkranz 
bei sich, wie dies ja z. B. auch der Fall war bei Matthias 
Klostermeyer, dem bayrischen Hiesel 4 ). In einem interessanten, 
im Verbrecherjargon abgefaßten Lied, welches Biondelli 
veröffentlicht hat, antwortet ein Räuber, dem man vorwirft, 
daß der Diebstahl gegen die religiösen Gebote verstoße, 
daß ein heiliger Räuber, San Disma, doch im Himmel sei 5 6 ). 
Wie weit der Glaube der Diebe an die Unterstützung durch 
die Himmlischen geht, zeigen auf das frappanteste zwei 
Beschwörungen, die man bei russischen Verbrechern gefunden 
hat''). Ein Schränkzeug (Einbruchswerkzeug), in das Ol 

1) Über religiösen Verbrecheraberglauben werde ich demnächst 
in der ^Zeitschrift für Religionspsychologie“ (Halle a. S.) ausführ- 
lich handeln. 

2) Nach brieflichen Mitteilungen des Schriftstellers Alfred 
Hafner (Hamburg), eines genauen Kenners der Verbrecherwelt aus 
eigener Anschauung. 

8) Casanova „Memoires“ p. 842. (auch bei Cesare Lom- 
broso „L’uomo deliquente* (Vol. I. quarta ed. Torino, 1889» p. 435 

4) H afner a. a. 0. 

5) Cesare Lombroso a. a. 0. I p. 436. 

6) Löwenstimm ^Aberglaube und Strafrecht“ (Berlin 1897) 
p. 127 fF. — Wir können uns nicht versagen, wenigstens die eine 
von ihnen hier im Wortlaut wiederzugeben: „Im Namen des Vaters, 
des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen! Ich Knecht Gottes 
gehe auf dunkclcn Pfaden und moincu Weg; mir entgegen kommt 
der Horr Jesus Christus selbst aus dem herrlichen Paradiese, ge- 
stützt auf einen goldenen Krummstab, behängen mit seinem goldenen 
Kreuze. Zu meiner Rechten ist die Mutter Gottes, die Heilige Gottes- 
gebärerin, mit Engeln, Erzengeln, Seraphen und mit himmlischen 
Mächten. An meiner Linken steht der Erzengel Gabriel und über 
mir der Erzengel Michael. Hinter mir, dem Knechte Gottes, fährt 



224 


Fall Ziegler. 


der ewigen Lampe vor einem Muttergottesbilde getaucht, 
soll eine Art Springwurzel sein, der kein Schloß widerstehen 
kann ')• Die Schmuggler und Wilderer an der sächsisch- 
böhmischen Grenze halten ein Fläschchen gestohlenen Weih- 
wassers für unfehlbar gegen Hieb und Stich *). Bekanntlich 
trug auch Musolino bei seiner Verhaftung ein Fläschchen 
Weihwasser bei sich, gegen dessen Wegnahme er sich heftig 
sträubte 3). 

Diese Beispiele, die sich leicht vermehren ließen 4 ) } 
dürften zur Genüge erweisen, daß dem Verbrecher das 
Antireligiöse seines Tun und Treibens garnicht zum Bewußt- 
sein kommt, daß für ihn Religion und Mystik identische 
Begriffe sind, daß er ebensogut den Strick eines Gehängten, 
wie Beten eines Rosenkranzes, gestohlenes Weihwasser oder 
eine gestohlene Stola als kräftige Zaubermittel zur Erreichung 
seiner lichtscheuen Ziele benutzen zu können wähnt. 

der Prophet Elias auffeurigem Wagen , er strahlt Feuer aus und 
reinigt meinen Weg und deckt mich zu mit dem Heiligen Geist und 
mit dem lebenspendenden Kreuzo des Herrn. Das Schloß der Mutter 
Gottes, der Schlüssel Petri und Pauli. Amen!“ 

1) Dies ist Hafner von einem bekannten österreichischen 
Schränker mitgeteilt worden. 

2) Derselbe. 

3) Derselbe. 

4) Über Prozeßtalismanc und über Verbrechertalismane habe 
ich zahllose Materialien gesammelt, die ich nach und nach verwerten 
werde. Hasen- und Kaninchenpfoten, Bohnen und Erbsen sowio 
Totenkerzen habo ich ausführlich besprochen in meiner Skizze über 
„ Eigenartige Verbrechortalismane“ im „Archiv für Krimalanthropologie 
und Kriminalistik“ Bd. XXV S. 76 87. Vgl. ferner meine Abhandlung 
,,Der kriminelle Aberglaube in seiner Bedeutung für die gerichtliche 
Medizin („Ärztliche Sachvcrständigen-Zeitnng“, Berlin 1906, Nr. 16 ff.), 
§§ 14 und 15. Weiteres über derartige Talismane werde ich in 
meinem in einigen Wochen bei B. G. Teubner, Leipzig, erscheinenden 
Bändchen über „Verbrechen und Aberglaube“ veröffentlichen. Spe- 
ziell über religösen Verbrecheraberglaubcn bringt zahlreiche wert- 
volle Materialen Francesco Cascclla „11 brigantaggio“ (Aversa 
1907), S. 163 178, 108. 


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Ein Dicbstaiil aus Aberglauben. 22 5 

Was insbesondere die Benutzung der Stola zu zauberischen 
Zwecken anlangt, so kann ich auch hierüber einige Materialien 
beibringen. 

In den Abruzzen legt man in einzelnen Gegenden unter 
das Kopfkissen der Wöchnerin ein Stück einer Stola, um 
die bösen Einflüsse der Hexen abzuwehren 1 ). Ähnlich 
besprengt man in der Oberpfalz den Sterbenden nicht nur 
mit Weihwasser, um die bösen Geister abzuwehren, sondern 
legt ihm auch eine Stola unter den Kopf 2 3 ). Auch in 
Steiermark spielt bei dem sogenannten „Totenbahrziehen“ 
einem abergläubischen Gebrauch, durch den man meint, 
auf übernatürliche Weise reich zu werden, die Stola 
eine große Rolle, und zwar dient sie auch hier wieder als 
Talisman zum Schutze gegen Teufel und Dämonen :, j. 

In Schwaben müssen die „Teufelsbanner“ eine ge- 
stohlene echte Stola und ein Cingalum besitzen, wenn sie 
den Teufel aus dem Stalle treiben wollen. 4 ) Im Jahre 
1717 fand eine Untersuchung gegen einen Schuhmacher 
von Renhardsweiler statt, welcher zuweilen mit einigen 
liederlichen Leuten das sogenannte „Christopheigebet“ 
betete und sich vom Mesmer ein Kelchtuch, eine schwarze 
Stola und einen Gürtel geliehen haben wollte, um damit 
Schatzbeschwörungen vorzunehmen. 5 ) Auch in diesen 
beiden Fällen wird die Stola zur Dämonenabwehr ge- 
braucht. 

Diese Anwendung der Stola im Aberglauben paßt 

1) Gennaro Finamore „Tradizioni popolari Abruzzesi“ 
(Torino, Palermo 1894) p. 69. 

2) Adolf Wuttke „Der deutscho Volksaberglaube der Gegen- 
wart“, 3. Bearbeitung von Elard Hugo Meyer (Berlin 1900) 
§ "28. — 

3 ) Viktor Fossel „Volksmedizin und medizinischer Aber- 
glaube in Steiermark“, 2. Auf). (Graz 1886) p. 36 f. 

4) Anton Birlinger „Sagen, Legenden, Volksaberglauben“, 
Bd. I (Wiesbaden 1874» p. 406. 

5) Ebendort p. 398. 


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226 


Fall Ziegler. 


vortrefflich zu dem Gebrauch, welchen die Angeklagte 
angeblich von ihr machen wollte. Denn im niederen Volk 
ist das prozessuale Ringen und Streiten um die irdische 
Gerechtigkeit gar vielfach noch nichts anderes, als ein 
Kampf einander feindlicher Dämonen, gegen die es sich 
zu wehren gilt. Daß das Verbrechen moralisch verwerflich 
ist, kommt sehr vielen Gewohnheitsverbrechern gar nicht 
zum Bewußtsein, wie wir schon aus obigen wenigen über 
den religiösen Aberglauben der Verbrecher beigebrachten 
Belegen ersehen können. Wir verstehen es daher, wenn 
die alte Ziegler sich durch eine Stola gegen die bösen 
Dämonen zu wehren sucht, welche ihre Verurteilung her- 
beizuführen bestrebt sind. 


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Anonyme Briefe. 

Von 

Amtsrichter Dr. Weidlich, Stuttgart -Cannstatt. 


Im Jahr 1899 wurde die württembergische Oberamts- 
stadt N. durch anonyme Briefe in langandauernde Aufre- 
gung veraetzt. Obwohl gewerbe- und industriereich, trägt 
die Stadt in ihrem geselligen Leben den Charakter einer 
Landstadt. Zu den angesehensten Familien der Stadt ge- 
hören die zahlreichen Angehörigen der weitverzweigten 
und teilweise sehr reichen Fabrikantenfamilie 0. Senior 
der Familie war damals der ehrwürdige alte Fabrikant 
Karl 0. 

Einer seiner Söhne, der Kaufmann Emil 0., hatte in 
N. ein Geschäft in Leinen-, Baumwoll- und Aussteuer- 
artikeln betrieben. Er war im Jahr 1892 mit Hinter- 
lassung einer Witw r e und mehrerer Söhne und Töchter 
gestorben; sein Geschäft wurde von der Witwe und ihren 
Töchtern weiterbetrieben. Mit irdischen Glücksgütern war 
dieser Zweig der Familie 0. weniger gesegnet, doch hatten 
die Kinder sämtlich eine sorgfältige Erziehung genossen; 
das Familienleben war mustergültig. 

Die beiden ältesten Töchter Lydia und Johanna waren 
zu hübschen, frischen Mädchen von 21 und 19 Jahren heran- 
geblüht und eben in die Gesellschaft eingetreten. Ihr Euf 
war tadellos und sie gefielen. 

Zu Neujahr 1 899 erhielt Lydia 0. eine anonyme Post- 
karte mit einem Vers, der schloß: „Bestrebt bist Du ja 

Der Pitaval der Gegenwart IV. 16 


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228 


Weidlich. 


immerdar, recht viele in Dein Netz zu kriegen.“ Die 
Schreiberin mußte wohl eine Neiderin sein; N. ist auch 
darin Landstadt, daß wohl ziemlich viele junge Mädchen, 
aber verhältnismäßig wenige heiratsfähige junge Männer 
in der Gesellschaft verkehren. 

Seit kurzer Zeit waren aber mehrere neue Sterne am 
Heiratshimmel von N. aufgegangen: einige Kaufmanns- 
söhne, ein Finanzamtmann und vor allem ein Fabrikant 
B. aus der benachbarten Industriestadt R., der sich mit dem 
Ziegeleibesitzer K. in N. assoziiert hatte und schon von 
früher her in N. bekannt war. 

Fabrikant B. hatte sich rasch für die liebenswürdige 
Lydia 0. erwärmt und bewarb sich offen um sie. Da ging 
ihm am 25. September 1899 folgender Brief aus N. zu: 
„Obgleich ich anonyme Briefe als tadelnswert er- 
achte, so möchte ich doch in diesem Fall eine Ausnahme 
machen, da mich nur die beste Absicht leitet und Sie 
mir zu fremd sind, um mit Ihnen über die Sache zu 
reden. Mein Interesse für Sie haben sie Ihrer lieben 
Mutter zu verdanken, die mir einst einen großen Dienst 
erwiesen hat. — Haben Sie denn noch gar nicht bemerkt, 
daß ein gebildetes, liebenswürdiges Mädchen hier Sie 
lieb hat, verstehen Sie wohl, Sie selbst, denn da sie 
aus sehr vermöglicher Familie ist, hat sie selber ein 
schönes Vermögen zu erwarten. Sie ist hübsch, einfach 
und bescheiden und da sie wenig in Gesellschaft kommt 
auch von Natur mehr zurückhaltend ist, so ist es begreif- 
lich, daß Sie keine Ahnung davon haben; doch weiß 
ich, daß Sie sie kennen, sie ist die mittlere von drei 
Schwestern und von tadellosem Ruf. Durch einen 
strengen, heftigen Vater haben die Kinder manche trübe 
Stunde. Daß sie Sie gern hatte, schon als Schulmädchen, 
wußte ich schon lange; daß diese Neigung heute aber 
noch festsitzt, wurde mir vor einiger Zeit klar, als ich 
ihr zusprach, die Bewerbung eines Anderen anzunehmen. 


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Anonyme Briefe. 


229 


Ich bin eine alte einsame Frau, die wenig ausgeht und 
viel Besuch bekommt, und der sich manches junge Herz 
öffnet! Ira Haus Ihres Associö’s (K.) verkehre ich dann und 
wann und selbst die durch ihre böse Zunge bekannte 
Frau desselben ist Ihres Lobes voll ; deutlicher kann und 
will ich es jetzt Ihnen nimmer sagen; Sie können jetzt 
darauf kommen und würden gewiß glücklich und be- 
friedigt. 

Wissen Sie, daß Frl. 0., Witwe O.’s Tochter neben der 
Krone, sich öffentlich Ihrer Aufmerksamkeit rühmt, Sie 
seien Hausfreund, machen ihr Geschenke, um sie zu 
rühren etc. — es sind ihre eigenen Worte. Ich kann 
es kaum glauben, daß Sie an solchem oberflächlichen, 
anspruchsvollen und vergnügungssüchtigen Mädchen Ge- 
fallen finden; da ist alles falsch und Lug und Trug, 
Mutter wie Töchter, da wird stets mit dem großen Messer 
aufgeschnitten, wenn sie was sagen. Und das Schlimmste 
ist, daß die Mädchen leichtsinnig sind; was war das 
vor zwei Jahren ein Skandal, wie Frl. Lydia sich mit 
Herrn Tr. abgab bis spät in die Nacht im Steinenberg, 
dann die H. . .’s, Schw. . ., Br. . ., — Gott, wenn man 
da alle herzählen wollte! Jeder hat sich eine Weile 
amüsiert, dann Adieu. Und was hörte man alles von 
der Jüngeren, . . . nein, da kann man einem rechten 
Mann bloß raten: Hand davon! 

Es ist ja schön von Ihnen, daß Sie bei der Wahl 
Ihrer Frau nicht auf Vermögen sehen; wenn man die 
Familie aber noch unterstützen muß? Das weiß ich 
gewiß, daß Frau Emil 0. von den Verwandten bedeutende 
Summen bekommt; denn was verdient wird, geht drauf 
für Staat und Vergnügen und ein Mädchen aus solchem 
Haus gibt nie eine gute Hausfrau, wenn sie in bessere 
Verhältnisse kommt. 

Bezeichnend für ihren Charakter ist das: Vor drei 
Jahren — seither habe ich den Laden nimmer betreten 

16 * 


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230 


Weidlich. 


— war ich dort, um Einkäufe zu machen, eine alte 
Frau ebenfalls. Ich sah wie dieser ein kleines Geld* 
stück herabfiel, ohne daß sie es bemerkte. Frl. Lydia 
stand neben der Frau und bemerkte es auch, trat rasch 
mit dem Fuß darauf und winkte mit den Augen der 
kleinen Schwester, die sich am Boden zu schaffen machte; 
als dann nachher die Frau den Verlust bemerkte, wurde 
alles ausgesucht, natürlich umsonst Ich mochte auch 
nichts sagen, gehe aber nie mehr hin. Ich kümmere 
mich auch im übrigen nicht um diese Leute, bloß Sie 
sollen nicht angeführt sein; mag sie einen Anderen heiraten, 
die werden sich bald genug getröstet und Ersatz gesucht 
und gefunden haben. 

Vielleicht werden Sie sagen: Auf Anonymes gehe ich 
nicht! Sie erfahren meinen Namen dereinst; unterdes 
erwarte ich von Ihrer Ehrenhaftigkeit, daß Sie diesen 
Brief sofort verbrennen, und tiefstes Stillschweigen 
beobachten, selbst Ihrem besten Freund gegenüber. Ich 
wünschte bloß, daß Sie meinen Liebling kennen lernten, 
ehe Sie sich anderswo binden, Sie sind ja dadurch zu 
nichts verpflichtet. Ich wüßte keinen andern Weg, der 
Dame näher zu treten, als durch Herrn K., aber sagen 
Sie ja zu diesem auch nichts von diesem Brief, sonst 
würden die es wieder dem Mädchen sagen und dann 
wäre es mit ihrer Harmlosigkeit vorbei. Möge Gott alles 
zum Besten lenken. 

J. B. 

Halten Sie es doch für keinen schlechten Witz, es 
ist bitterer Ernst; schweigen, beobachten und handeln 
Sie!“ 

Der Fabrikant B. war aufs tiefste empört Er ver- 
schwieg den Brief der Lydia 0. und ihren Angehörigen und 
beantwortete ihn männlich mit der Veröffentlichung seiner 
Verlobung mit Lydia 0. Anfang Dezember 1899. 


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Anonyme Briefe. 


231 


Wer war aber die Schreiberin des Briefes? Und wer 
war die andere, die ihm in dem Briefe angeboten wurde? 
In dieser letzteren Hinsicht konnte kein Zweifel sein; es 
war eine Kousine der Lydia 0., die 26 Jahre alte Else 0., 
welche noch eine ältere und eine jüngere Schwester hatte. 
Sie war die Tochter des Kaufmanns Eugen 0., ebenfalls 
eines Sohnes des Seniors Karl 0., und der aus einer 
hochangesehenen Juristenfamilie stammenden E. B., deren 
Vater als Obertribunalpräsident gestorben war. Eugen 0. 
hatte bis zum Jahr 1890 in F. bei N. eine Fabrik ge- 
habt, hatte dann aber in N. in der Nähe des Gasthauses 
zum Hirsch ein Geschäft gleicher Art eröffnet, wie es 
die Familie Eugen 0. in der Nähe des Gasthauses zur 
Krone betrieb; man sprach daher in N. kurzweg von 
den O.’s beim Hirsch und den O.’s bei der Krone. Die 
Familie Eugen 0. beim Hirsch war vermöglich. Man 
wußte auch, daß Else 0. ein Auge auf den Fabrikanten B. 
geworfen hatte. War sie aber die Schreiberin? Konnte 
man annehmen, daß ein noch ziemlich junges Mädchen 
den Ton der mütterlichen alten Freundin so gewandt 
treffen würde? Die Urheberschaft eines Mannes, ins- 
besondere des ehrenhaften Eugen 0. selbst, erschien aus- 
geschlossen, wenn man auch wußte, daß seine Frau das 
Regiment führte. 

Wer kam aber sonst noch in Betracht? Else 0. hatte 
keine derartige mütterliche Freundin in N., wenn man nicht 
geradezu an ihre eigene Mutter, Frau Eugen 0., denken 
wollte. Frau Eugen 0. stand nicht mit Unrecht im Rufe 
einer kalten, berechnenden Geschäftsfrau und Fabrikant 
B.’s Verdacht richtete sich sofort gegen sie. Dieser Ver- 
dacht erschien aber einer gebildeten Dame aus.'guter Familie 
gegenüber ungeheuerlich. 

Am 10. Dezember 1899 sollte Lydia 0. den Ange- 
hörigen ihres Bräutigams in R. vorgestellt werden. Tags 
zuvor erhielt dessen Schwester aus N. folgenden Brief: 


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232 


Weidlich. 


„Wertes Fräulein. 

Da hier allgemein es heißt, Ihr Bruder werde sich 
mit Frl. L. 0. verloben, so will ich Ihnen nur auch mit- 
teilen, in welchem Ruf dies Fräulein steht, und daß, 
wenn Sie und Ihr Vater auf Repräsentation halten, Sie 
eine solche Person nicht in Ihre Familie aufnehmen 
können. Ihr Bruder ist halt jetzt verliebt bis hinter die 
Ohren, sonst könnte man es ihm selbst sagen, wieviel 
sie schon Liebschaften hatte, und daß es jetzt überall 
heißt, er müsse sie nehmen, um ihren Ruf einigermaßen 
wiederherzustellen. Daß sie ja blutarm sind und die 
Mutter kaum die nötigste Aussteuer beschaffen kann; 
daß einmal früher oder später Ihr Bruder die Sorge für 
die' ganze Familie hätte, wäre bei einem reichen Mann 
Nebensache, aber daß das Mädchen eine schlechte, leicht- 
sinnige Person ist, die mit ihrem vorletzten Liebhaber 
bis Nachts 1 Uhr in einem ganz abgelegenen Garten 
jede Nacht allein sich aufhielt, ihn auf seinem Zimmer 
besuchte, daß der Herr selbst sagte: eine so verrufene 
Person heirate er nicht, und jetzt eine andere genommen 
hat; fragen Sie hier nur nach einem Lehrer Tr., ob es 
wahr ist oder nicht. Die Mutter ist eine scheinheilige 
Schwätzerin, die schöne fromme Reden hält trotz einem 
Pfarrer und hinten und vornen den lieben Gott im Munde 
führt, von dem ihr Herz nichts weiß; da wird Ihrem 
Bruder Komödie vorgespielt von zärtlichen Geschwistern 
und ist alles Lüge. 

Wenn eB noch rückgängig zu machen ist, so tun Sie 
es, sagen Sie es Ihrem Vater, der hat doch auch mit- 
zusprechen; wenn nicht die übrige O.’sche Familie hier 
so angesehen wäre und jedes froh wäre, gerade diese 
Töchter aus diesem Hause versorgt zu wissen, man ließe 
sie hier nirgends ankommen, so verrufen und verachtet 
sind sie. 

Liebes Fräulein, wenn Sie mir gestatten wollten, so 


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Anonyme Briefe. 


233 


würde ich mir einmal erlauben, Sie zu besuchen; ich 
habe hier eine sehr gute Stellung, habe Sie einmal, als 
ich bei meinen Verwandten in R. war, kennen gelernt 
und sehne mich, Sie näher kennen zu lernen, aber meine 
Familie ist geachtet und wenn eine solche Person wie 
die 0. Ihre Schwägerin würde, müßte ich wenn auch 
mit schwerem Herzen verzichten; sie ist zu sehr im 
Verruf; es heißt ja, sie habe neben Ihrem Bruder noch 
ein Verhältnis, — wird natürlich die bessere Partie vor- 
ziehen. Sobald es heißt, dies Verhältnis sei aus, werde 
ich so frei sein, mich Ihnen vorzustellen; o Ihr Bruder 
ist mit Blindheit gestraft! 

Achtungsvollst grüßt Sie Ihr ergebener 

Dr . . . 

Fürwahr eine schändliche Einführung einer jungen 
Braut in ihres Bräutigams Familie zumal in dem soliden 
und sparsamen R., selbst wenn der Ton des teilnahmsvollen 
jungen Doktors, der sich nach der näheren Bekanntschaft 
der ledigen Schwester des B. sehnt, nicht so vorzüglich 
getroffen wäre! Die Schreibweise des wohlmeinenden 
Doktors glich aber zu sehr derjenigen der mütterlichen 
alten Freundin, und so verfehlte auch dieser Brief seine 
Wirkung. Fabrikant B. gab seiner Braut und ihren An- 
gehörigen die beiden anonymen Briefe zu lesen und über- 
einstimmend schloß man auf die Urheberschaft der Frau 
Eugen 0. 

Auf Betreiben des B. legte Frau Emil 0. die Ange- 
legenheit dem Senior der Familie vor. Dieser hielt einen 
Familienrat ab, dem auch seine Söhne Imanuel von N 
und Hermann von H. anwohnten; diese setzten ihren 
Bruder Eugen in Kenntnis. Sie lasen ihm die beiden Briefe 
in Gegenwart seiner Frau und seiner Tochter Else vor. 
Frau Eugen 0. bestritt ihre Täterschaft und drohte mit Be- 
leidigungsklage gegen B.; Eugen 0. selbst zog es aber vor, 
B. brieflich um Überlassung der anonymen Briefe zu er- 


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234 


Weidlich. 


suchen, damit er nach den Urhebern fahnden könne. B. 
gab die Briefe begreiflicher Weise nicht heraus. 

Den Senior traf dieser Schlag für die Ehre seiner 
Familie hart, und er trug bis zu seinem wenige Jahre da- 
rauf erfolgten Tode schwer daran. Er schrieb der Frau 
Eugen 0., der Verdacht, die Briefe geschrieben zu haben, 
falle auf sie und ihre Töchter; es sei jeder Verkehr mit 
ihr abgebrochen, bis sie sich rechtfertige. 

Für die Familie Eugen 0. konnte die Sache möglicher- 
weise noch die weitere unangenehme Folge haben, daß 
der Senior das von ihm an diese Seite zu hinterlassende 
Vermögen, auf das im ersten anonymen Briefe angespielt 
ist, schmälern würde. 

Frau Emil 0. war der Aufregung dieser Tage nicht 
gewachsen ; nach dem Ausspruch der Arzte hatte der kränk- 
lichen Frau die Erregung über die scheußlichen Briefe 
gegen ihre Tochter Lydia den Todesstoß versetzt. Am 
20. Dezember starb sie. 

Am folgenden Morgen ging dem vorgenannten Imanuel 
0. ein mit offenbar verstellter Handschrift und einer Menge 
orthographischer Fehler geschriebener anonymer Brief zu, 
welcher lautete: 

„Das haben wir wollen, daß Ihr eingebildeten O.’s 
recht hintereinander gehetzt werdet und gerade die Zwei 
in ihren Läden die sind uns ganz zuwider, und jetzt 
heißt es überall, daß die am Hirsch die Briefe geschrieben 
haben und der Lydia ihre Schlechtigkeit darin steht, 
jetzt kommt doch Schande auf Euch. Das haben wir 
schon seit vielen Jahren wollen und Briefe geschrieben, 
aber so dumm wie der B. ist eben keiner gewesen und 
hat so Lärm gemacht Jetzt lauft herum und sagt, die 
am Hirsch haben die Briefe nicht geschrieben, wer wird 
Euch glauben, kein Mensch, jetzt müßt Ihr vor Amt 
miteinander, das ist dann unsere größte Freude. Und 
wenn die Emil 0. nicht gestorben wäre, so tät ich es 


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Anonyme Briefe. 


235 


Euch nicht einmal sagen, wie saudumm Ihr gewesen 
seid, aber so soll es genug sein, jetzt kommt’s an Andere. 
Und herausbringen dürft Ihr Euch gar keine Mühe geben, 
das ist umsonst. Auf das, wo uns Alles sagt, denkt Ihr 
nicht, das kommt in Euere Häuser nach wie vor.“ 

So wären also die Briefe auf eine Gruppe bösartiger 
anonymer Briefschreiber zurückzuführen, die sich eine 
Freude daraus gemacht hätten, die Mitglieder einer ange- 
sehenen Familie zu verhetzen: und der Frau Eugen 0. 
wäre schweres Unrecht geschehen. Fabrikant B. war 
anderer Ansicht; er sah in den beiden ersten Briefen nicht 
die Absicht der Verhetzung, sondern die Absicht einer ge- 
wissenlosen Mutter, ihre eigene Tochter durch Schmähung 
seiner Braut an den Mann zu bringen, und demgemäß 
sah er in dem dritten Brief nur einen Versuch der Täterin, 
den Verdacht auf nicht zu fassende Dritte abzuwälzen. 
Allerdings waren in N. seit Anfang der 90 er Jahre ge- 
legentlich anonyme Briefe aufgetaucht. 

B. erstattete auf Grund der drei Briefe im Febr. 1900 
bei der Staatsanwaltschaft T. Strafantrag wegen ver- 
leumderischer Beleidigung seiner Braut und seiner selbst. 
Die Staatsanwaltschaft stellte aber das Verfahren wegen 
Mangels eines öffentlichen Interesses ein und verwies B. 
auf den Weg der Privatklage. Die hiegegen eingelegte 
Beschwerde wurde von der Oberstaatsanwaltschaft ver- 
worfen, da die fraglichen drei Briefe für sich allein nur 
auf Familienzwistigkeiten schließen ließen und eine Beun- 
ruhigung weiterer Kreise nicht enthielten. 

Seit der Verlobung des Fabrikanten B. hatte man in 
N. davon gesprochen, daß nun auch Johanna 0., die 
Schwester seiner Braut Lydia, sich mit einem seiner Freunde 
verloben würde; so erhielt Johanna 0. im Februar 1900 
einen anonymen, in der Handschrift und Orthographie 
einer gänzlich ungebildeten Weibsperson geschriebenen 
Brief folgenden Inhalts: 


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236 


Weidlich. 


„Du bist eine domme Ganz, daß du mit dem Herr G. 
— so gogetirst der lacht dich blos aus und euren dommen 
ß. auch wenn der ihn so arg fladirt, hast doch deinen 
Br. — und diirfst dich blos öfentlich verloben dann weist 
er wo er dran ist und sollst genug haben an eim und 
andre auch was gönnen willst auch so verschimpfirt 
werden wie deine Lidia war und kriegst ihn doch 
nicht wenn noch so Äuglein verdrehst und zukrige Ge- 
sichter hinmachst so will er keine so alte, überhaubt 
ists ein dommer Waschlap sonst tat er gar nimmer an 
dein Haus vorbeilauffen. der verlangt wenigstens das er 
nicht auch die Aussteuer sorgen muß wen auch deine 
Lidia noch so hochmütig ist das sagt jedes Dienstmädle 
hinter ihr drein.“ 

B. legte diesen Brief zu den übrigen und beschloß, 
wenn die anonymen Briefe aufhörten, sich auch seinerseits 
zu beruhigen. Ende Mai 1900 führte er seine Braut heim 
und damit schien die ganze Angelegenheit erledigt. 

II. 

Frau Lydia B. wurde einige Zeit später von einem 
der Söhne des Eugen 0. und im Januar 1901 von Else 0. 
auf der Straße angerempelt. Nun machte es sich B. zur 
heiligen Aufgabe, die Ehre seiner Frau und den Tod seiner 
Schwiegermutter zu rächen; im Laufe langer Jahre ist es 
der einzige Fall, den ich erlebt habe, daß in Deutschland, 
wo man sonst lediglich die Behörden arbeiten läßt, ein 
Privatverfolger nach englischer Art den Kampf aufge- 
nommen und durchgeführt hat. B. fahndete nach weiteren 
anonymen Briefen, auch aus früheren Jahren, kam aber 
nur langsam vorwärts. Die anonymen Briefschreiber hielten 
zunächst Ruhe. Dagegen ermittelte er einen gleichartigen 
Fall aus früherer Zeit 

Im Jahr 1892 war ein Freund von ihm, ein Apotheker, 
von N. nach T. verzogen. Er hatte in der N.’er Gesellschaft 


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Anonyme Briefe. 


•237 


verkehrt und kurz nach seinem Abzug erhielt er aus N. 
einen anonymen Brief des Inhalts, daß sich eine der 
Töchter des Eugen 0. für ihn interessiere, das Fräulein 0. 
sei aber zu schüchtern, es merken zu lassen, es wäre sehr 
nett, wenn er einmal wieder nach N. zu Besuch käme, 
entweder zu einem Museumsabend oder zu einer sonstigen 
geselligen Veranstaltung. Der Empfänger entnahm aus 
der ganzen Schreibweise, daß der Brief von der Familie 
Eugen 0. selbst herrühre, antwortete jedoch nicht und kam 
auch nicht nach N. 

Seit Spätsommer 1901 begannen die anonymen Brief- 
schreibereien wieder. Eugen 0., der schwer unter der 
Entfremdung von der Gesamtfamilie littt, hatte einen Schlag- 
anfall erlitten und kränkelte seitdem. 

Im August und im Dezember 1901 erhielt nun sein 
Bruder Hermann 0. in H., der seinerzeit an dem Familien- 
rat teilgenommen hatte, zwei anonyme Briefe. Der erste 
lautete: 

„Obgleich es mich weiters nichts angeht muß ich 
Ihnen doch Mitteilung machen wie schmälich ihr kran- 
ker Bruder von seinen Leuten gehalten wird und wo 
alle Leute mit ihm Mitleid haben; der darf nicht im Bett 
bleiben und muß aufstehen und schaffen an dem Tag 
wo er den Schlag bekommen hat er Abends schon wie- 
der aufgewesen und sie ist zu entressirt als daß sie nur 
den Doktor holen läßt wir passen wol auf was in dem 
Haus vorgeht, wir haben unsern Grund. Den Dekan 
haben sie in ihrer Scheinheiligkeit geholt weil der nichts 
kostet solche Leute wo nie in eine Kirche geben. Und 
wenn nicht Sie kommen und denen gehörig den Marsch 
machen so gehts so fort von Ihren Verwandten kommt 
niemand ins Haus .... und ihr habt recht, daß keins 
mehr damit will zu tun haben den sie sind obendrein 
noch elend hochmütig und grob und unverschämt und 
geben keinem Menschen ein gutes Wort und ist denen 


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238 


Weidlich. 


ganz recht geschehen weil man sagt ihr habt zu 
eurem Vater gesagt er soll sie enterben und 
daß er ein Testament gegen die gemacht hat 
wo ihr vor zwei Jahre so Händel gehabt habt. . . meinen 
Namen sag ich nicht denn denen ihre wüste freche Mäu- 
ler fürchtet man die thätens uns gar zu wüst machen 
.... aber kommen Sie und machens ihnen recht wüst 
wie sie es verdient haben. ... Und das sag ich auf 

die Frl dürft ihr nicht wieder Verdacht 

haben auf die hat die Eugen 0. schon einmal hinge- 
lenkt das sind brave Mädchen, die sich nicht in andre 
Leute ihre Sachen mischen.“ 

Der zweite Brief knüpft an eine damals im N.’er Tage- 
blatt erschienene Notiz über anonyme Briefe an, enthält 
ebenfalls Beschimpfungen der Frau Eugen 0., heißt sie 
ein „grobes faules dummes interisirtes Luter“, der man 
ganz gehörig den Marsch machen müsse, und behauptet, 
sie behandle ihren kranken Mann, daß es eine Sünde sei. 
Dann heißt es: 

„Namen sagen wir nicht, so dumm sind wir nicht, 
da wäret ihr auf einmal gut miteinander und thätet über 
uns herfallen. ... Sie wollen doch bloß wissen wegen 
die früheren Briefe und das wißt ihr doch schon lang 
das die auch von Eurer saubren Verwantwanschaft sind 
das ist doch sonnenklar. . . Überhaupt dürfen Sie nicht 
glauben, daß wir haben Ihnen einen Gefallen damit thun 
wollen sondern den andren einen Possen denn alles was 
0. heißt ist uns schon seit Jahren verhaßt des Emils 
Töchter sind gerade so nichtnuzig wie Eugens seine und 
die Lidia ist die schlechteste [aber da kann man jetzt 
eben nichts machen; wenn nur von des Eugens eine 
einen Bräutigam hät dem müßte man auch sagen was 
für ein Weib er bekommt, der ließ sie gern wieder sitzen. 
Weil Sie aber soweit ein ordentlicher Herr sind so will 
ich Ihnen das noch sagen wie es alle Leute, am meisten 


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Anonyme Briefe. 


239 


uns königlich gefreut hat damals wo des Eugens und 
Emils sich so elend verscbimpfirt haben in allen Wirts- 
häusern hat man davon gesprochen von der Lidia ihrer 
Liderlichkeit und daß des Eugens Töchter sich dem B. 
angetragen haben aus lauter Neid weils so alte Schach- 
teln sind. Wenn wir nur auch an den M. (ein weiteres 
Mitglied der Familie 0.) und seine Lausbuben hinkönn- 
ten die stehen auch schon lang im schwarzen Register 
die Leuteschinder.“ 

Mit Bleistift waren noch folgende Worte beigekritzelt: 
„Ihr seid doch so gescheut und habts gleich ge- 
wußt, daß die andern Brife von der Eugen 0. waren 
dann werdet ihr auch herausbringen wer die sind und 
überhaubt die Anstifterin ist eine ganz feine Dame und 
reich und nobel Frau da gehts zuerst an die wir hättens 
sonst gar nicht gethan aber gestehen thut keins was.“ 

Beide Briefe gingen später an den Fabrikanten B., da 
die Gesamtfamilie 0. selbst die Entlarvung der Brief- 
schreiberin oder der Briefschreiberinnen lebhaft wünschte. 

Im April 1902 starb Eugen 0. Man erzählte, er habe 
geäußert, das erste Opfer der anonymen Briefe sei Frau 
Emil 0. gewesen, das zweite er. 

Im Juli 1902 verheiratete sich seine älteste Tochter 
Marie nach auswärts. Hierauf nimmt ein weiterer ano- 
nymer Brief von Imanuel 0. auf Neujahr 1903 folgen- 
dermaßen Bezug: 

„Wir bedauern Sie herzlich, daß in Ihre feine Fa- 
milie so Unkraut hineingewachsen ist mit des Eugen 
0. seine Leut und weil es ja wieder das neue Ge- 
schwäz gegeben hat will ich Ihnen auch über sie be- 
richten weil man ja jetzt sicher weiß wie Eiere Ge- 
sinnung gegen die dummen prozigen ekelhaften Weiber 
ist; denen hättet ihr sollen gar "nicht zur Hochzeit 
gehen, da hat der Herr B. und die Frau B. und die 
Frl. 0. einen ganz anderen Karakter, die haben Kurasche 


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240 


Weidlich. 


und fragen nach niemand hättet ihr sie nur damals wo 
sie die Briefe geschrieben haben gepackt dann hättet Ihr 
schon lang Ruhe vor ihnen und ihren I^ästermäuler. 
Also weil wir aufbassen sollen was in dem Haus vor- 
geht, so will ich Ihnen als ganz gewiß den Schkantal 
sagen daß ihr erleben werdet, daß sie, die Alte nemlieh 
wieder heiratet ehe wir noch um ein Jahr älter sind und 
Namen sag ich keinen aber es ist erst ein rechter und 
ein reicher Herr von R. dem auch noch nicht so lang 
seine Frau gestorben ist, es ist ganz gewiß wahr wir 
sind ja so oft in R. und ich weiß von Jemand, der dem 
Herr seine Haushälterin kennt und ihr bild stehe auf 
seinem Schreibtisch und sie sind aber so abgeschlagen 
miteinander weil doch jetzt noch zu arge Schand war 
so kommt sie nie nach R. oder er hier. Jetzt das werdet 
Ihr hoffentlich verpfuschen denn wenn es soweit käme 
dann traut sich niemand mehr an sie mit schlechter 
Nachrede und obgleich man es dem Herrn geschrieben 
hat was das für ein Luder ist so wird das nichts nützen. 
Und noch was das viel schmählicher ist, es ist gewiß 
wahr daß alle Montag und oft auch in der Woche ein 
Herr morgens zu ihrem Haus herausgeht, man hat es 
zufällig einmal gesehen und dann aufgebaßt und ist 
einmal jemand nachgelaufen und hat gerad noch ge- 
sehen wie er in den 6 Uhrzug gesprungen ist die Söhne 
sind doch alle fort wenn einer da wär thät man auch 
sonst was sehen und er ist auch größer und älter, jetzt 
was man sich da denken soll. Das sag ich aber daß 
ich nicht das Herz hab das zu jemand zu sagen Sie 
haßen die ja ebenso wie wir und Ihnen glaubens die 
Leute eher das dürfen Sie blos am Wirtstisch erzählen 
so wie es Herr B. gemacht hat an den haben sie brav 
nicht anhaben können dazumal. Und man hat sogar 
gesehen daß sie die Frau hat ihm Haus aufgemacbt, 
daß der Hund kein Lärm macht aber wenn jemand auf 


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Anonyme Briefe. 


241 


uns Verdacht hätte so sagen wir wer uns aufgestellt hat 
dazu dann gibts so einen Sehantal daß Ihr froh wäret 
Ihr hättet geschwiegen deßwegen dürfen Sie die O.’s 
nichts merken lassen. Aber sorgen sie helfen daß sie 
fortgehen und nicht durch ihre Marktschreierei andern 
soliden Kaufleuten das Geschäft verderben, da thun Sie 
auch Ihren Nichten einen Gefallen und die geben sich 
so viel Mühe daß es denen zu gönnen wäre wo sie Scha- 
den genug haben durch die Juden. 

Also hütet Euch an irgend jemand zu denken wer 
diesen Brief geschrieben hat es thäte Euch leid auf wen 
es herauskäme und Ihr freut euch doch wenn man des 
Eugens schlecht macht.“ 

Der Brief wanderte wie die andern in die Sammlung 
des B. 

Inzwischen waren auch die Beziehungen der Frau 
Eugen 0. und ihrer Tochter zu der Frau K. gespannte 
geworden. Im Winter 1902 auf 1903 führte Frau K. nun 
gar ihre jüngere ledige Schwester Hedwig in der N.’er Gesell- 
schaft ein. Am 17. März 1903 erhielt sie darauf folgenden 
anonymen Brief aus N.: 

„In aller Liebe rate ich Ihnen, daß Sie Ihre 
Schwester nimmer auf das Museum auf einen Ball hier 
bringen wenn Ihr hell wäret, hättet Ihr schon lang be- 
merkt, daß Sie die Frl. Hedwig hier nicht an Mann 
bringen da hats hier noch ganz andre Fräulein, da 
braucht man keine so — Landpomeranze und besonders 
der Herr dem lhrs so deutlich macht daß er Euch passen 
würde der lacht blos Euch aus der will eine ganz Andre 
wo nett und gescheit und liebenswürdig ist der Geldsack 
macht nicht alles, die Hedwig ist ein dummer Stock, 
setzet Euch nur nauf auf Eure Geldsäcke aber dann ists 
auch alles was ihr könnet. Auf dem Maskenball hat 
sie am allerwenigsten gefallen wenn sie noch so aufge- 
putzt war und wenn Ihr Zwei den Protzen noch so arg 


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242 


Weidlich. 


herausbängt. Sie wissen wohl warum Sie sich immer 
an Frau B. hängen überall wo Sie hingehen und flat- 
tiren aber neben so einer feinen gescheiten Frau sieht 
man den Unterschied zwischen Euch erst recht aber 
wenn denen Euer Geschäft voll allein gehört — da sorgt 
schon Herr B. dafür — wies schon lang in der Stadt 
heißt dann wird Ihnen und Ihrer frechen Hedwig der 
Hochmut schon vergehen dann könnt Ihr wieder hin- 
gehen, wo Ihr herkommt. 

Einige wo auch auf die N.’er Bälle gehen und keine 
Eindringlinge brauchen. “ 

Frau K. vermutete sofort im Hause Eugen 0. die Ab- 
senderin dieses Briefs und zwar hielt sie die Tochter Else 
für die Urheberin. Als B. sich mit ihrem Manne assoziert 
hatte, hatte ihr Else 0. anvertraut, sie liebe den Herrn B. 
und bitte sie, ihn mit ihr zusammen einzuladen. Frau K. 
hatte dann den B. aufmerksam gemacht, jedoch vergeblich 
Darauf hatte sie der Else 0 geraten, sich den B. aus dem 
Kopf zu schlagen. Anscheinend mit Bezug auf diese ihre 
Tätigkeit hatte sie im Juni 1899 von der damals auf einer 
Reise begriffenen Else 0. eine Postkarte mit folgenden 
Worten erhalten: 

„Liebe Frau K., sende Ihnen herzliche Grüße. Ihre 
für etwas unendlich dankbare Else 0. Reden ist Silber, 
Schweigen ist Gold.“ 

Um nun Gewißheit zu bekommen schrieb sie an Else 0. 
ein anonymes Kärtchen mit folgenden Worten : 

„Besten Dank für den wirklich liebenswürdigen 
und stilvollen Brief, den ich mir zum ewigen Gedenken 
aüfbewabren werde, und bin ich zur Empfangnahme 
von weiteren solchen denkwürdigen Schreiben gerne 
bereit. 

Die Landpomeranze und ihr frecher Protz.“ 

Darauf inserierte Frau Eugen 0. am 23. März 1903 
im N/er Tageblatt: 


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Anonyme Briefe. 


243 


„Die Landpomeranze und ihr frecher Protz haben 
sich in der Adresse geirrt, und wäre es mir sehr lieh 
wenn sie mich aufsuchen wollten, d. h. wenn sie den Mut 
dazu haben.“ 

Frau K. meldete sich nicht und ihre Schwester Hed- 
wig verlobte sich in der Tat mit einem N.’er Herrn. 

Da machte ihr Else 0. in der Folgezeit zwei Besuche; 
beim ersten sprach sie nichts von der ihr zugegangenen 
anonymen Karte; beim zweiten zeigte sie der Frau K. die 
von dieser geschriebene Karte vor. Frau K. fragte sie, 
weshalb sie vermute, daß diese Karte aus ihrem Hause 
stamme; die Karte sei doch ihrem Inhalt nach nur eine 
Antwort auf einen früheren anonymen Brief; ob sie denn 
von diesem Brief wisse. Else 0. ließ sich nicht verblüffen, 
sondern erklärte, sie habe außer der Karte eine weitere 
anonyme Zuschrift bekommen; in dieser sei das Haus K. 
bezeichnet, da wohne eine Frau, die es nicht gut mit ihr 
meine, und die Schwester der Frau sei Braut. 

Frau K. erwiderte, sie habe die Karte geschrieben, 
von dem weiteren Brief wisse sie aber nichts; Else 0. 
sollte ihr doch den Brief zeigen, dann könne man die 
Sache untersuchen. Else 0. weigerte sich aber, den Brief 
herauszugeben, da ihn sonst, der Fabrikant B. in die Hand 
bekomme; Frau K. war infolgedessen der Überzeugung, 
daß Else 0. den zweiten Brief fingiere und daß sie in 
Else 0. die anonyme Briefschreiberin gefangen habe, da 
außer der Briefschreiberin selbst niemand habe wissen 
können, daß die der Else 0. zugegangene Antwortkarte 
von ihr, der Frau K.. stammte. Obwohl sie dieser 
Überzeugung offen Ausdruck gab, erfolgte keine Klage, 
vielmehr erhielt sie am 14. Juni 1903 von Frau Eugen 0. 
folgenden Brief: 

„Da Sie einer Unterredung ausweichen, so muß ich 
schriftlich um Mitteilung des Inhalts des Briefes er- 
suchen, dessen Schreiberin zu sein Sie meine Tochter 

Der Pitaval der Degenvnit. IV. IT 


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244 


Weidlich. 


beschuldigen. Denn was Sie derselben davon sagten, 
berechtigt Sie nicht zu dieser Beschuldigung und Be- 
leidigung. Ich glaube überhaupt nicht, daß Ihnen selbst 
der Gedanke kam, und würde gern von Ihnen die Na- 
men der elenden Verleumder hören, die Sie zu Ihrer 

anonymen Karte veranlaßten Else ist bereit und 

kann mit gutem Gewissen vor jedem Gericht be- 
schwören, daß sie unschuldig ist; wenn wir nicht kla- 
gen, so geschieht es, weil wir uns selbst die Unannehm- 
lichkeit ersparen wollen . . . und hauptsächlich um denen, 
die sich so viel Mühe geben, uns gegeneinanderzuhetzen, 
nicht auch noch diese Freude zu machen. Warum 
suchen Sie denn die direkten oder indirekten Brief- 
schreiber nicht bei denen, die ein Interesse daran haben, 
Sie gegen uns aufzuhetzen . . . und von denen wir vor 
Jahren ganz direkt vor dem Umgang mit Ihnen gewarnt 
wurden? Wenn . . . dem B. so viel daran liegt, beraus- 
zubekommen, wer damals vor seiner Verheiratung seine 
Braut bei ihm so verliederlicht hat, so soll er doch einen 
Aufruf im Wochenblatt erlassen, daß sich meldet, wer 
davon gehört hat, daß seine jetzige Frau im Laden auf 
ein Geldstück hingestanden sei, damit die Person, der 
es hinunterfiel, es nicht finde; oder wer sie bei ihren 
nächtlichen Zusammenkünften in ihrem Garten beobach- 
tet hat. Wer so einen Haß auf die Lydia hat, daß er 
solche Sachen ihrem Bräutigam schrieb, hat es gewiß 
auch sonst erzählt. Mein Mann schlug diesen Weg 
gleich damals vor; bloß das Zetergeschrei der ganzen 
Familie, die fürchtete, B. lasse dann seine liebe Lydia 
sitzen, wenn sie so blamiert sei, und sie falle dann mit 
ihren Geschwistern der Familie zur Last, ließ ihn — 
leider — davon abstehen. Das kann aber heute noch 
hereingeholt werden. Im Übrigen ist mir die ganze 
Geschichte zu dumm, . . . wir sind überhaupt die längste 
Zeit in N. gewesen. 

Höflich grüßend Frau Eugen 0. Witwe.“ 


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Anonyme Briefe. 


245 


Die genaue Bezugnahme auf den Inhalt des ersten 
anonymen Briefes war immerhin auffällig. Übrigens war 
dieses Schlußwort der Frau Eugen 0. tatsächlich der ab- 
schließende Brief in der Angelegenheit 

Am 28. Mai 1903 hatte sich die anonyme Brief- 
schreiberin zum letzten Mal vernehmen lassen und zwar 
hatte sie dem Kaufmann Br. in N., von dem es hieß, daß 
er sich mit Johanna 0. verloben werde, folgenden Brief 
gesandt: 

„Wie können Sie es übers Herz bringen und ein 
so braves liebes gescheites Mädchen wie die Frl. J. 0. 
ins Unglück bringen ihr bricht vor Leid das Herz wenn 
Sie Sich zurückziehen. Das ist blos weil Sie meinen 
sie seie nicht so reich und sie hat doch so einen argen 
reichen Großvater zu erben und Herr B. hat so ein 
gutes Herz der tut ja so arg viel und kann es auch 
wenn man einmal eine Million bekommt; und Sie wissen 
gar nicht wie gut ihr Geschäft geht und wie viel die 
Frl. verdienen, weil alle Leute sie lieben und gerner als 
überall bei ihnen einkaufen. Und daran daß es heißt 
sie sei so arm sind blos ihre schlechte Verwante da 
unten am Hirsch schuldig die sind voller Neid und Bos- 
heit und haben so böse Mäuler daß sie sich nicht schä- 
men die braven Mädchen zu schaden und verunglimpfen, 
obgleich jeder Mann sich blos gratulieren dürfte wenn 
eine solche wie Frl. J. 0. zur Frau bekommt; und Sie 
dürften sich gar nicht lang besinnen solche Mädchen 
haben das Geriß, wo ein Mann blos in ein gutes Ge- 
schäft hineinsitzen darf und kein Vater und Mutter mehr 
da ist wo drein redet. Also hoffentlich hat mein guter 
Rat etwas genützt; sagen Sie aber zu niemand etwas, 
ich möchte meiner lieben Freundin blos in der Stille 
etwas zu lieb thun.“ 


17 ' 


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246 


Weidlich. 


III. 

Der Fabrikant B. hatte all dieses Material in die Hand 
bekommen; er glaubte sich nun in der Lage, vorzugehen 
und sandte es zunächst an den bekannten Graphologen 
Hans H. B. in M. Nach kurzer Zeit bekam er die Nach- 
richt, daß die Briefe wahrscheinlich von Frau Eugen 0. 
herrühren, er müsse aber zu einer sicheren Feststellung 
noch weiteres Vergleichsmaterial haben. Er beschaffte 
sich nun weitere Schriftproben der Frau Eugen 0., auch 
einer ihrer Verwandten gab ihm zwei von ihr geschrie- 
bene Briefe, erklärte aber dabei, mehr könne er ihm nicht 
geben, da die anderen Briefe, die er von ihr erhalten habe, 
zu gemein seien. Das gesamte Material wurde von Hans 
B. aufs neue geprüft, und er kam im Juli 1903 zu dem 
Ergebnis, daß die ihm vorgelegten anonymen Briefe von 
Frau Eugen 0. geschrieben seien, nicht von ihrer Tochter 
Else. 

Nunmehr beabsichtigte B., Privatklage zu erheben. 
In einem Schreiben vom 27. Juli teilte er der Frau Eugen 
0. mit, daß ihn das Gutachten eines Schreibsachverstän- 
digen in den Stand setze, gerichtlich gegen sie vorzugehen, 
mit Rücksicht auf die Familie 0. erkläre er sich aber be- 
reit, gegen Erlegung einer Buße für einen von ihm zu 
bestimmenden Zweck und gegen Ersatz seiner Unkosten 
von der Klage abzustehen, und er stelle es ihr anheim, 
ob sie zum Sühneversuch kommen wolle oder nicht. 

Frau 0. kam nicht; man erfuhr nur, daß sie sich bei 
einem Rechtsanwalt erkundigt hatte, ob man an der Hand- 
schrift allein den Schreiber sicher ermitteln könne. Darauf 
stellte B. auf Anraten seines Rechtsanwalts bei der Staats- 
anwaltschaft in T. erneut den Antrag auf Erhebung der 
öffentlichen Klage wegen verleumderischer Beleidigung, da 
das Schreiben anonymer Briefe einen gemeingefährlichen 
Umfang angenommen habe. 


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Anonyme Briefe. 


247 


Die Staatsanwaltschaft ersuchte nun das Amtsgericht 
N. um Vornahme einer überraschenden Durchsuchung nach 
Beweismaterial (anonymen Briefen, Entwürfen zu solchen 
und Schreibversuchen mit verstellter Handschrift) bei Frau 
Eugen 0.; der dienstaufsichtsführende Amtsrichter gab 
jedoch das Ersuchen unerledigt zurück, da Frau 0. weit- 
läufig mit ihm verwandt und ihr Bruder ein naher Freund 
von ihm sei; der zweite Richter des Amtsgerichts sei in 
Ferien. Nun ersuchte die Staatsanwaltschaft das benach- 
barte Amtsgericht U. um Vornahme der Durchsuchung. 
Auch dieses gab das Ersuchen zurück, da es dem Ersuchen 
gemäß § 15 StPO, nur zufolge Auftrags des übergeordne- 
ten Gerichts entsprechen dürfe. Nun beantragte die Staats- 
anwaltschaft Eröffnung der Voruntersuchung. Bis der 
Untersuchungsrichter den Fall in Angriff nehmen konnte, 
wurde es beinahe Mitte September. 

Der Fabrikant B. glaubte infolgedessen, die Staats- 
anwaltschaft schreite auch diesmal nicht ein, von der Durch- 
führung einer Privatklage wurde ihm von verschiedenen 
Seiten abgeraten und so eröffnete er nun einen Zeitungs- 
krieg gegen Frau Eugen 0., damit sie endlich zur Klage 
genötigt werde. Um diese Zeit hatte ein Steinhauer Gott- 
lob B. anonyme Briefe erhalten und am 28. August im 
N.’er Tageblatt folgendes Inserat veröffentlicht: 

„Dem ganz traurigen Individuum, das mich mit ano- 
nymen Briefsendungen überrascht hat, besten Dank; zu- 
gleich demjenigen, der mir solchen Briefschreiber nam- 
haft machen kann, 10 M. Belohnung. G. B.“ 

B. ergriff sofort diesen Anlaß und antwortete am nächsten 
Tag in Nr. 200 des Tageblatts mit folgendem Inserat: 

„Dem G. B. zur Nachricht, daß ich eine solche 
traurige Person namhaft machen kann, welche durch 
hundsgemeine anonyme Briefe sogar den Tod eines 
Menschen auf dem Gewissen hat und die in letzter Zeit, 


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248 


Weidlich. 


um den Verdacht des Briefscbreibens von sich abzulen- 
ken, sich selbst und ihre Töchter in anonymen Briefen 
verliederlichte, also auch die fraglichen geschrieben haben 
kann. Zu erfragen bei der Red.“ 

Da keine Äußerung der Angegriffenen erfolgte, so er- 
schien am 2. September folgendes Inserat: 

„Da das anonyme Briefschreiben anscheinend wieder 
überhand nimmt und auch ich am 28. Mai d. J. einen 
anonymen Brief bekommen habe, der, wie die angestellte 
Schriftvergleichung ergeben hat, ebenfalls von der Hand 
der in Nr. 200 erwähnten charakterlosen Ehrab- 
schneiderin und Mörderin herrübrt, so möchte ich 
den Vorschlag machen, daß die Empfänger von anony- 
men Briefen ein Gegenlager errichten zur Abwehr 
gegen die Gemeinheiten solcher elenden anonymen Brief- 
schreiber. Als Lokal würde ich den „Hirsch“ als in 
nächster Nähe des Zentrums der Stadt gelegen Vor- 
schlägen.“ 

„Etwaige Zusammenkünfte hätten dann nach meiner 
Ansicht immer kurz vor einer bevorstehenden Verlobung 
stattzufinden, wenn sich im anderen Lager der söge 
nannte „weibliche Futterneid“ zu regen beginnt. 

Br.“ 

Dieses Inserat stammte jedoch nicht von dem Kauf- 
mann Br., sondern von dem Fabrikanten B. selbst, und so 
veröffentlichte er am 5. September mit seinem vollen Namen 
folgende 

„Erklärung“. 

„Um verschiedene Irrtümer, die durch den mit Br. 
Unterzeichneten Artikel entstanden sind, zu berichtigen, 
erkläre ich, daß ich diesen Artikel verfaßt und nur des- 
halb mit Br. unterschrieben habe, um der betr. Person, 
die am 28. Mai d. J. tatsächlich einen anonymen Brief 
an einen Br. geschrieben hat, zu zeigen, daß ich auch 
diesen Brief bei meiner Sammlung habe; getroffen kann 


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Anonyme Briefe. 


•249 


sich also nur der Schreiber dieses Briefes fühlen und 
mag er, wenn ihm irgend etwas nicht paßt, nicht mehr 
auf die Red., sondern zu mir kommen, 

d. h. wenn er den Mut dazu hat. 

Was den „Hirsch“ betrifft, so wird sich wohl in der 
Umgebung desselben niemand beleidigt fühlen, der noch 
nie anonyme Briefe geschrieben hat, und denjenigen, der 
solche schreibt, kann man überhaupt nicht beleidigen, 
da es bekanntlich nichts Gemeineres giebt, als anonyme 
Schmähbriefe zu schreiben, und ist für eine solche Per- 
son kein Ausdruck stark genug, vollends nicht, wenn 
die Aufregung über solche Lästerbriefe den Tod eines 
Menschen zur Folge hatte. 

Ich habe die Artikel aus Anlaß der von G. B. ge- 
brachten Anzeige im öffentlichen Interesse geschrieben, 
um den anderen hiesigen anonymen Briefschreibern zu 
zeigen, daß alles noch an den Tag kommt, und sie zu 
verwarnen, damit sie endlich einmal eine hiesige Ein- 
wohnerschaft mit solchen gemeinen und sie selbst am 
meisten entehrenden Briefen verschonen; der einen ihr 
Maß dagegen ist voll und soll sie nun ernten, was 
sie gesäet hat“ 

Auf das Inserat vom 2. September hatte sich Frau 
Eugen 0. zu dem Verleger des Tagblatts begeben, nach 
dem Einsender gefragt und bemerkt, sie müsse dem B. er- 
widern. Der Verleger riet ihr aber ab, da sie dann nur 
in eine viel größere Verlegenheit komme. 

Dann ging sie zu der Frau des Seniors Karl 0. und 
trug dieser vor, B. solle doch ihren Namen in die Zeitung 
bringen, dann könne sie ihn verklagen ; sie gehe jetzt zum 
Oberamtsarzt (der Frau Emil 0. behandelt hatte) und frage 
ihn, ob sie eine Mörderin sei. Das war auffällig. 

Obschon B. tatsächlich beabsichtigte, in seinen Inse- 
raten wegen der anonymen Briefe schließlich die Frau 
Eugen 0. mit ihrem vollen Namen als die Urheberin zu 


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250 


Weidlich. 


brandmarken, so war doch ohnehin fiir jedermann in N. klar, 
daß in jedem Inserat Frau Eugen 0. beim Hirsch gemeint 
war Zunächst Heß B. noch folgende „Mitteilung aus dem 
Publikum“ erscheinen : 

„Den Vorschlag, die Empfänger von anonymen 
Briefen möchten sich zusammentun, betreffend, genügt 
es nicht, sich Dur zur Abwehr zu vereinigen, sondern 
man sollte auch energisch gegen solche gemeine Ehrab- 
schneider vorgehen, indem man einige namhaft macht 
und sie öffentlich an den Pranger stellt, damit jedermann 
denselben die ihnen gebührende Verachtung zuteil wer- 
den lassen kann; denn es gibt nichts Niederträchtigeres, 
als anonyme Briefe zu schreiben, da der durch solche 
Briefe in seiner Ehre Verletzte nichts tun kann als 
warten, bis der andere sich endlich einmal selbst 
verrät, wie es erfreulicherweise kürzlich hier vorge- 
kommen ist. Es wird vielfach angenommen, anonyme 
Briefe hätten nur privaten Charakter und es liege deren 
Verfolgung nicht im öffentlichen Interesse; dies ist aber 
nicht richtig, denn wie leicht kann jeder selbst einmal 
solch einen Schandbnef bekommen, oder wie ebenso 
leicht kann jemand — was das Schlimmere ist — in 
den Verdacht gebracht werden, solche Briefe geschrie- 
ben zu haben, da diese in der Regel mit einer Bemer- 
kung versehen sind, die den Verdacht auf jemand an- 
ders lenken soll, wie z. B. ein vom März d. J. herrüh- 
render Brief, welcher unterschrieben ist: „Einige, 
welche auch die N.’er Museumsbälle besuchen 
und keine Eindringlinge haben wollen...“ 

Zu einer weiteren Fortsetzung des Zeitungskriegs kam 
es indessen nicht. B. erhielt von der Eröffnung der Vor- 
untersuchung Kenntnis und ließ dem gerichtlichen Verfah- 
ren seinen Lauf. 

Mitte September fand endlich die richterliche Unter- 
suchung des Hauses der Frau Eugen 0. statt. Das Ergeb- 


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Anonyme Briefe. 


251 


nis war ein höchst merkwürdiges. Es fanden sich nur 
drei kleine Briefbögen, ein Geschäftsbriefbogen und ein 
Briefumschlag vor — und das in einer so zalreichen Fa- 
milie mit einem so umfangreichen Geschäft! Dagegen fan- 
den sich siebzehn verschiedene Löschpapiere. 

Weiter fanden sich Ausschnitte der von B. im Tag- 
blatt erlassenen Inserate und neun Entwürfe zu Antwort- 
inseraten, von denen acht von Frau Eugen 0., einer von 
ihrem Sohne Alfred geschrieben war, sowie ein Ent- 
wurf zu dem Brief an Frau K. vom 14. Juni 1903. 

Die Inseratenentwürfe beschuldigen den B. der Er- 
pressung, er selbst sei der Mörder seiner Schwiegermutter, 
wenn er ihr trotz ihrem leidenden Zustande die anonymen 
Briefe mitgeteilt habe, er solle sie in Ruhe lassen oder ver- 
klagen ; es sei unter ihrer Würde, sich mit solcher Gemein- 
heit abzugeben u. s. f. 

Außerdem fanden sich die von Frau K. an die Else 
0. am 12. März 1903 geschriebene Karte, sowie nament- 
lich drei anonyme Briefe, welche Frau Eugen 0. selbst 
erhalten hatte. 

Da war ein Brief „An Frau 0. beim Hirsch in N.“ 
mit dem Poststempel N. 25. Juni 1902, der kurz vor der 
Hochzeit ihrer Tochter Marie geschrieben war und lautete : 
„Man hat ihre Tochter gew’arnt sie soll den Pr. nicht 
heiraten jetzt hat er sie doch im Kästle wenn Sie das 
leiten so sind ihr alle zusammen grad so nixnuzig wie 
er, das ist ein ganz miserabliger Kerl und natürlich jetzt 
muß halt ein Mann her. wenn Euer Vater noch leben 
thät, er würds auch nicht leiten. Und ich meine es 
blos gut daß ich Ihre Tochter will vor großem Unglück 
bewahren so wie sies da hat kann sies noch lang be- 
kommen.“ 

Der zweite Brief mit dem Poststempel N. 12. Juni 
1902 war am Hochzeitsmorgen eingegangen und lautete: 
„Ihr intressirts Lumpenpack jetzt haltet ihr doch 


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252 


Weidlich. 


Hochzeit aber Ihr sollt dran denken was es gibt das 
hatten wir doch nicht geglaubt daß Ihrs durchführt man 
hat i h m doch ein Licht aufgesteckt aber die Geschichte 
ist noch lang nicht aus — Fortsetzung folgt Euer Pr. 
ist halt ein Esel, daß er in das Wesbennest stupft dem 
werdet Ihr Wunder was vorgelogen haben wenn Ihr 
nur recht hintappen thätet. 

Eine treue Freundin. 

wartet nur freuet euch nur auf morgen an den Tag sollt 
Ihr denken Ihr habts schon lang verdient und einmal 
krigt man euch schon der Krug geht zum Brunnen bis 
er bricht Ihr gefährliche Bande ihr.“ 

Der dritte Brief war an „Fräul. Else 0. gegenüber 
dem Hirsch in N. u gerichtet und war derjenige, auf den 
sich Else 0. in der „Landpomeranzen“-Affaire bei ihrem 
zweiten Besuch bei Frau K. im Frühjahr 1903 berufen 
hatte. Er trug den Poststempel „N. 20. April 1903“ und 
lautete: 

„Wenn Du es noch nicht gemerkt hast so will ich 
Dir drauf helfen wer die Landpomeranze ist, da wohl 
nernand so einfältig war und sich beim Wochenblatt 
gemeldet hat. In der Frickenhäuser Straße 2. Haus 
rechts, wohnt sie und ihre Schwester ist meistens bei ihr 
und ist jetzt Braut, und Du darfst glauben, daß sie gegen 
euch falsch und schlecht ist und wenn Du gescheit bist 
so betrittst ihr Haus nimmer die meints schlecht mit 
Euch und schimpft blos über euch, aber ihr ja nichts 
. sagen davon!“ 

Darnach wären also Frau Eugen 0. und ihre Tochter 
Else glänzend gerechtfertigt? Weshalb waren sie aber mit 
diesen Briefen nicht schon längst an die Öffentlichkeit ge- 
treten, da doch der Verdacht, die anonymen Briefe der 
letzten Jahre geschrieben zu haben, in unverminderter 
Stärke auf ihnen lastete? Weshalb hatten sie die Briefe 
nicht zu ihrer Rechtfertigung dem Senior vorgelegt? Wes- 


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Anonyme Briefe. 


2&3 


halb hatte Frau Eugen 0. nicht längst bekannt gegeben, 
daß auch sie anläßlich der Verheiratung ihrer Tochter 
Marie ganz ähnliche Briefe erhalten hatte, wie sie im Sep- 
tember und Dezember 1899 dem Fabrikanten B. und seiner 
Schwester anläßlich der Verlobung der Lydia 0. zugegan- 
gen waren? Und weshalb war Else 0. wegen des Briefs 
vom 20. April 1903 zu Frau K. gegangen, obwohl darin 
stand, die Landpomeranze wohne in der Frickenhäuser 
Straße, während Frau K. in der Neuffener Straße und 
auch nicht im zweiten Hause dieser Straße wohnte? 

Die Akten der Voruntersuchung waren allmählich zu 
einem dicken Bande angeschwollen. Auch den anonymen 
Briefen, die N. in früheren Jahren beunruhigt hatten, war 
man nachgegangen. Auch diese Fäden schienen im Haus 
Eugen 0. zusammenzulaufen. War aber Frau Eugen 0. 
die Schreiberin oder waren ihre Söhne und Töchter, ins- 
besondere Else 0., mitbeteiligt, oder waren doch dritte 
Hände im Spiel? Die Staatsanwaltschaft glaubte unter 
diesen Umständen mit einer Freisprechung der Frau Eugen 
0. für den Fall der Klageerhebung rechnen zu müssen 
und beantragte bei der Strafkammer T. Außerverfolgung- 
setzung, da zwar ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit 
für die Beteiligung der Frau Eugen 0. vorhanden sei, da 
aber, selbst wenn diese als bewiesen angesehen würde, 
die konkrete Form dieser Beteiligung nicht festzustellen sei. 

IV. 

Wieder war es B., der die Sache nicht begraben ließ. 
Er war als Nebenkläger zugelassen worden und beantragte 
durch seinen Anwalt Ergänzung der Voruntersuchung, ins- 
besondere durch Einholung weiterer Sachverständigengut- 
achten. Die Strafkammer gab diesem Antrag statt und 
ordnete Ergänzung der Voruntersuchung an. 

Diese Ergänzung wurde mit großer Sorgfalt ausgeführt. 
Eine chemische und mikroskopische Untersuchung des Be- 


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254 


Weidlich. 


Weismaterials wurde angeordnet und ergab als sehr wahr- 
scheinlich, dali zwei der bei der Haussuchung gefundenen 
Briefbögen mit dem Papier der anonymen Briefe an die 
Schwester des Fabrikanten B. im Dezember 1899 und an 
Imanuel 0. zu Neujahr 1900, sowie die Umschläge der 
Briefe an B. im September 1899, an Imanuel 0. zu Neu- 
jahr 1900 und an Johanna 0. im Februar 1900 mitein- 
ander übereinstimmten, während der einzige bei der Haus- 
suchung Vorgefundene Briefumschlag mit keinem andern 
Umschlag übereinstimmte! Man hatte eben damals Zeit 
gehabt, Verdächtiges zu beseitigen. 

Die Prüfung der Löschblätter auf Abdrücke von Sätzen 
oder doch Worten der anonymen Briefe bot keinen sicheren 
Anhalt. 

Dagegen war das Ergebnis, zu dem der Schreibsach- 
verständige Artur H. in L. kam, insofern überraschend 
als auch er auf Grund des wesentlich umfangreicher ge- 
wordenen Beweismaterials mit völliger Sicherheit Frau 
Eugen 0. als die Schreiberin der anonymen Briefe be- 
zeichnete — und zwar nicht nur der sechs Briefe an den 
Fabrikanten B., an dessen Schwester, an Imanuel 0., Jo- 
hanna 0. und Frau K., sondern auch der Neujahrskarte 
an Lydia 0., der zwei Briefe an Hermann 0., des Briefes 
an den Kaufmann Br., sowie der bei der Haussuchung 
Vorgefundenen, der Frau Eugen 0. und ihrer Tochter 
Else angeblich von dritter Seite zugegangenen anonymen 
drei Briefe. 

Doch Schreibsachverständigengutachten allein sind kein 
strafrechtlicher Beweis, — nur ein Indiz. Immerhin er- 
munterten sie im vorliegenden Fall zu erneuter eingehender 
Tatsachenprüfung. Ebenso ein anderer Vorfall vom Früh- 
jahr 1 904 : Frau Eugen 0. hatte mit einer ungültigen Fahr- 
karte die Eisenbahnverwaltung zu schädigen gesucht und 
war hiewegen gerichtlich bestraft worden. Man konnte 
ihr also Akte der Selbstsucht Zutrauen. 


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Anonyme Briefe. 


255 


Und das ergänzte Beweismaterial bot in der Tat über- 
zeugende Zusammenhänge : 

Solange die Familie Eugen 0. in F. gewohnt hatte, 
waren anonyme Briefe mit Schmähungen bald dieser bald 
jener Personen umgelaufen. Mit dem Wegzug der Fa- 
milie 0. hatten sie aufgehört und hatten dafür in N. an- 
gefangen. Unter anderen erhielt ein Kaufmann M., der 
im Geschäft des Eugen 0. angestellt gewesen war und sich 
inzwischen verheiratet hatte, im Jahr 1892 einen anonymen 
Brief, in dem von seiner Frau unwahrer Weise behauptet 
war, sie habe zwei voreheliche Kinder gehabt und wolle 
sich in das Nest der Familie 0. setzen. Ähnliche Briefe 
erhielt seine Frau und sein Vater. M. war überzeugt, daß 
die Briefe von Frau Eugen 0. herrtthrten. Er konnte sich 
als Beweggrund nur denken, daß er die Mutterhoffnungen 
dieser Frau enttäuscht habe, deren Töchter Marie und 
Else gerade damals ins heiratsfähige Alter eingetreten 
waren. Er drohte ihr mit Strafanzeige und hatte daraufhin 
Ruhe vor weiteren Briefen; so verfolgte er die Sache nicht 
weiter. 

Im gleichen Jahre hatte der nach T. verzogene Apo- 
theker den erwähnten anonymen Brief erhalten des Inhalts, 
daß sich eine der Töchter des Eugen 0. für ihn inter- 
essiere. 

Etwa um dieselbe Zeit hatte ein Finanzamtmann in N. 
für die Marie 0. ein lebhaftes Interesse gefaßt und dachte 
ernstlich an Heirat. Da erhielt er eines Tages einen 
anonymen Brief, in dem stand, man habe ihn schon öfter mit 
der Marie 0. gesehen, er solle endlich Ernst machen, sonst 
zeige man ihn seiner Vorgesetzten Behörde an. Der 
Adressat vermutete sofort in Frau Eugen 0. die Schreiberin 
und zog sich von der Familie gänzlich zurück. 

Andere anonyme Briefe sorgten für das geschäftliche 
Interesse der Familie Eugen 0. Eine N.’er Dame hatte einen 
Bruder in St., der eines der größten Aussteuergeschäfte 


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256 


Weidlich. 


daselbst betreibt, in dem auch die N.’er häufig kauften. 
Ein grober anonymer Brief beschuldigte sie eines Tages, 
sie schicke ihre Bekannten zu ihrem Bruder nach St. 
Der Brief schloß mit dem Satze: Lassen Sie doch die 

Leute kaufen, wo sie wollen; wer bei Ihrem Bruder 
kaufen will, weiß ja, wo er wohnt“ 

Als die Töchter der Familie Emil 0. heranwuchsen, 
wurde diese Familie und alles, was mit ihr in Berührung 
kam, immer ausschließlicher zum Ziel der anonymen Briefe. 
Ein Kaufmann H. war mit der Familie befreundet und 
hatte die Töchter der Familie verschiedene Male zu Spazier- 
fahrten mit ihm und seinen herangewachsenen Söhnen 
eingeladen. Flugs ging ihm ein anonymer Brief zu, in 
dem die Töchter der Familie Emil 0. als faul, schlecht 
erzogen und vermögenslos herabgesetzt und die Töchter 
des Eugen 0. als für ein Geschäft passend und vermöglich 
gepriesen wurden. 

Um dieselbe Zeit wohnte im Hause der Familie Eugen 
0. ein junger Regierungsbaumeister; eines Tages erhielt 
er einen anonymen Brief, in dem die Töchter der Familie 
0. schlecht gemacht wurden, wogegen die Familie Eugen 0. 
etwas ganz anderes sei, da sei Ansehen, da sei Vermögen. 

Dann kam der gehässige anonyme Postkartengruß an 
Lydia 0. zu Neujahr 1899. Als in diesem Jahre die neuen 
Heiratskandidaten, insbesondere Fabrikant B. in N. ein- 
zogen, da bat Else 0., wie erwähnt, die Frau K. um Ver- 
mittelung der Bekanntschaft des B. ; als dies mißlang und 
B. sich für Lydia 0. interessierte, da erfolgte der anonyme 
Brief vom 25. September 1899 an B. mit den schändlichen 
Schmähungen gegen Lydia 0. und der Anpreisung der 
Else 0.; die Leitmotive des Briefes sind unverkennbar 
dieselben wie in den früheren Briefen. Der Schluß auf 
eine und dieselbe Urheberin war daher zwingend und da 
bei den früheren Briefen nur Frau Eugen 0. selbst, nicht 
ihre damals noch jungen Töchter in Betracht kommen 


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Anonyme Briefe. 


257 


konnten, so war es gegeben, aucb bei den gleichartigen 
späteren Briefen auf die Täterschaft der Frau Eugen 0. 
zu schließen. 

Dieser Schluß fand seine Bestätigung bei dem ano- 
nymen Brief an Fräulein B. vom 9. Dezember 1899. Tags 
zuvor war nämlich Frau Emil 0. mit Frau Eugen 0. zu- 
8ammengetroffen und hatte ihr — und zwar ihr allein — 
mitgeteilt, daß Lydia am nächsten Sonntag den Angehörigen 
des Bräutigams in R. vorgestellt werde; sie batte auch 
erwähnt, daß sie keine größere Aussteuer anschaffen 
würden. Darauf erfolgte der anonyme Brief an Fräulein 
B. in R, in dem unter anderem davon die Rede ist, daß 
die Mutter Emil 0. kaum die nötigste Aussteuer beschaffen 
könne. 

Dann kam der Abbruch des Verkehrs seitens des 
Seniors, bis Frau Eugen 0. sich rechtfertige, und die 
Wahrscheinlichkeit erbrechtlicher Benachteiligung durch 
den Senior. Die natürliche Rechtfertigung wäre Klage 
gegen B. gewesen. Statt dessen erfolgte der anonyme 
herzensrohe Brief an Imanuel 0. nach dem Tod der Frau 
Emil 0., worin der Verdacht der Täterschaft auf Dritte 
zu lenken versucht wird, welche aus keinem andern Grund 
als Freude an Verhetzung schon seit Jahren anonyme Briefe 
geschrieben hätten. Die beiden Briefe an B. und seine 
Schwester hatten aber den klaren, sehr reellen und ge- 
winnbringenden Zweck gehabt, die Verlobung des vermög- 
lichen B. mit Lydia 0. zu Gunsten der deutlich bezeich- 
neten Else 0. zu hintertreiben ; hätten wirklich dritte Brief- 
schreiber gearbeitet, so hätten sie sich sicher gehütet, 
den Verdacht von Frau Eugen 0. und ihren damals 
mitverdächtigten Töchtern abzulenken. Demnach stellt 
der Brief an Imanuel 0. nur einen durchsichtigen Recht 
fertigungsversuch dar. 

Der Frau Eugen 0. war auch von anderer Seite 
zur Erhebung einer Beleidigungsklage gegen B. geraten 


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258 


Weidlich. 


worden. B. bezichtigte aie im Januar 1900 in einem un- 
mittelbar an sie gerichteten Briefe der Täterschaft der 
anonymen Briefe und suchte sie noch persönlich auf, um 
ihr diese Beschuldigung ins Gesicht zu schleudern. Da 
fragte sie den mit ihrer Familie befreundeten dienstauf- 
sichtführenden Amtsrichter in N. um Rat und dieser 
redete ihr zu, ihr Mann solle gegen B. Beleidigungsklage 
erheben, dann könne sie in diesem Verfahren zeugeneidlich 
vernommen werden und ihre Unschuld erweisen. Sie 
wollte jedoch nichts davon wissen, sie suchte sogar zu 
verhindern, daß ihr auswärts befindlicher Bruder von der 
Sache erfahre. Eugen 0. selbst äußerte tief bekümmert 
zu seinem Bruder Imanuel, es würde seiner Frau schon 
gleich sehen, daß sie die Briefe geschrieben habe; später 
allerdings versicherte er wiederholt, er glaube nicht, daß 
sie es getan habe. 

Statt zu klagen, reiste Frau Eugen 0. nach T., suchte 
den oben erwähnten Apotheker auf und fragte ihn, ob es 
richtig sei, daß er vor Jahren einen anonymen Brief er- 
halten habe und ob sie den Brief nicht bekommen könne, 
sie möchte die Handschrift mit der eines ihr selbst zuge- 
gangenen Briefes vergleichen. Der Apotheker erwiderte 
ihr, er habe den Brief schon verbrannt; er vermute aller- 
dings, vver ihn geschrieben habe. Frau 0. bat darauf, 
er möge dem Fabrikanten B. von ihrem Besuche nichts 
sagen. 

Weiter erhielt der N.’er Stadtpfarrer Ende Januar 
einen anonymen Brief des Inhalts, die Familie Eugen 0. 
habe die Briefe nicht geschrieben, der Herr Stadtpfarrer 
werde gebeten, dies den Interessenten mitzuteilen. Bei 
einer Abendandacht, der auch Frau Eugen 0. anwohnte, 
warnte er nun vor dem Schreiben anonymer Briefe. Frau 
Eugen 0. bezog diese Warnung auf sich und suchte den 
Pfarrer auf. Kurz darauf nahm auch Fabrikant B. ge- 
legentlich seiner Materialsammlung mit dem Pfarrer Rück- 


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Anonyme Briefe. 


259 


spräche. Eine Vergleichung des dem Geistlichen und des 
dem Imanuel 0. zugegangenen Briefes zeigte dieselbe ver- 
stellte Handschrift, und der Geistliche sagte zu B., er könne 
es mit seinem Gewissen vereinbaren, ihm von einer Straf- 
anzeige nicht abzuraten. 

Frau Eugen 0. versuchte endlich Frau K. auf ihrer 
Seite zu halten, und ihre Tochter Else warnte Frau K. 
vor Lydia 0.; diese wolle die K.'s aus dem Geschäft 
hinausdrücken, damit es B. allein habe. 

Frau Eugen 0. arbeitete so nach jeder anderen Richtung 
als der gegebenen an ihrer Rechtfertigung; und immer 
und immer neue Briefe suchten zu erweisen, daß tatsächlich 
dritte anonyme Briefschreiber in N. an der Arbeit seien und 
Frau Eugen 0. ebensowenig mit ihren Verunglimpfungen 
verschonten wie andere; das hatte zugleich den Vorteil, 
daß man gegen B. und jede weibliche Konkurrenz auf 
dem N.’er Heiratsmarkt nach wie vor Gift spritzen konnte. 
So erklärten sich naturgemäß der Brief vom Februar von 1 900 
an Johanna 0. und vom Mai 1903 an ihren Verehrer Br., 
sowie der Brief vom März 1903 an Frau K. wegen Ein 
ftihrung ihrer ledigen Schwester in N.; aus der Bezugnahme 
im Briefe an Johanna 0.: „Willst auch so verschimpfiert 
werden wie Deine Lydia?“ folgte zwingend, daß die 
Sehreiberin dieser Briefe mit der Urheberin der Schmäh- 
briefe gegen Lydia 0. identisch war. Nicht dagegen, 
sondern dafür sprach, daß der dritte anonyme Brief an 
Johanna 0. plötzlich einen so gesucht anderen, gewöhn- 
lichen Ton anschlug. 

So erklärten sich die Briefe an Imanuel und Hermann 
0., die am Familienrat gegen Frau Eugen 0. teilgenommen 
batten. Der Brief vom 21. Dezember 1899 an Imanuel 0 
hatte den Zweck der Rechtfertigung nicht erfüllt. Nun 
erhielt Hermann 0. nach H. die Briefe vom August und 
Dezember 1901; im ersten ist Frau Eugen 0. schmählicher 
Behandlung ihres kranken Mannes bezichtigt und wird 

Der Pitaval der Gegenwart. IV. 18 


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260 


Weidlich. 


Freude darüber ausgedrückt, daß Frau Eugen 0. im 
Testament des Seniors enterbt werde; da dieser Brief 
seinen Zweck verfehlte, folgte der zweite Brief, in dem 
gewünscht ist, daß auch von den Eugen’s eine einen 
Bräutigam hätte, damit man ihm sagen könne, was für 
ein Weib der bekomme, und daß man auch gerne an ein 
weiteres Mitglied der Familie 0. ginge. Wie sollte ein 
dritter N.’er Briefschreiber von der Rolle des Hermann 0. 
im Familienrat wissen und wie sollte er nach auswärts 
schreiben? Wie sollte er sich mit der boykottierten Frau 
weiter beschäftigen, statt sich neue Opfer in der N.’er 
Gesellschaft zu Buchen? 

Als auch Hermann 0. seiner inneren Überzeugung 
entsprechend diese Briefe dem B. zu seinem Material gegen 
Frau Eugen 0 gegeben hatte, da bedurfte sie eines durch- 
schlagenden Beweises und der konnte nur sein, daß es Frau 
Eugen 0., selbst anonyme Briefe gleicher Art erhalten 
hatte wie diejenigen, wegen deren sie verdächtigt war. 
Briefe dieser Art vom Juni und Juli 1902 waren in der 
Tat bei der Hausdurchsuchung gefunden worden. Dafür, 
daß Frau Eugen 0. mit diesen Briefen nicht an die Öffent- 
lichkeit getreten war und sie insbesondere dem Senior 
der Familie nicht vorgelegt hatte, gab es nur die eine Er- 
klärung, daß Frau Eugen 0. die Briefe selbst geschrieben 
hatte, was das Sachverständigengutachten bestätigte. 

Dagegen versuchte man nochmal Imanuels 0. durch 
einen weiteren anonymen Brief zu Neujahr 1903 von der 
Grundlosigkeit seines Verdachts gegen Frau Eugen 0. zu 
überzeugen, in dem man sie unter anderem des Verkehrs 
mit Herren im Trauerjahr bezichtigte. 

Vorsorglich schrieb man aber auch an Else 0. selbst 
einen anonymen Brief, als diese der Frau K. in der im 
März 1903 akut gewordenen Landpomeranzenaffäre die beiden 
auffälligen Besuche machte. Nur trug dieser Brief den 
etwas späten Poststempel vom 20. April 1903 und sprach 


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Anonyme Briefe. 


261 


versehentlich von der Frickenhäuser statt von der Neuffener 
Straße! 

Schließlich wurde noch erhoben, daß das unfreund- 
liche Verhältnis der Familie Eugen 0. gegen die Emil O.’s 
weit zurück ging; es war zuerst Konkurrenzneid gewesen 
und als Emil 0. im Jahre 1892 gestorben war, da hatten 
Eugen 0. und Frau sich erboten, der Witwe den Waren- 
bezug zu vermitteln, jedoch in der Weise, daß die Waren 
im Geschäft Eugen 0. hätten abgeholt werden müssen, 
damit das Geschäft der Frau Emil 0. auch äußerlich nur 
noch als Filialgeschäft des Eugen 0. erschienen wäre; 
darauf hatte Frau Emil 0. die Beziehungen zur Firma 
Eugen 0. abgebrochen. 

Der Konkurrenzneid hatte sich vertieft und schließlich 
in den anonymen Briefen seinen Ansdruck gefunden, als 
die Töchter der Familie 0. begehrter waren als die der 
Familie Eugen 0., welche sitzen zu bleiben drohten. 

Dritte Briefschreiber kamen nach alledem nicht in 
Betracht. Dritte konnten alle die internen Familienereig- 
nisse im Hause 0. nicht kennen; diese Dinge wurden erst 
später anläßlich des Zeitungskrieges in den Einzelheiten all- 
gemein bekannt. Und vor allem: Gerüchte der in den ano- 
nymen Briefen behaupteten Art gingen in N. niemals um. Der 
Untersuchungsrichter hatte in N. eingehende Erhebungen 
angestellt; erst durch die anonymen Briefe und durch sie 
allein waren die Gerüchte aufgebracht worden. Anderer- 
seits hatten diese Nachforschungen das letzte Glied in der 
Beweiskette gegen Frau Eugen 0. ergeben, nämlich: 

Vor Jahren war Frau Emil 0. an einem Sonntag- 
nacbmittag mit ihren Kindern und dem ihnen befreundeten 
Lehrer Tr., der in den anonymen Briefen mehrmals ge- 
nannt ist, in ihrem außerhalb der Stadt gelegenen Garten 
gewesen; als Frau Eugen 0. vorbeikam, hatte Frau Emil 
0. sofort gesagt, jetzt komme sicher ein anonymer Brief; 
dieser Brief ließ in der Tat nicht lange auf sich warten 

18 * 


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262 


Weidlich. 


und knüpfte an die sonntägliche Begegnung die gemeinsten 
Verleumdungen. 

War aber Frau Eugen 0. Alleintäterin? Ja! Ihr 
Sohn Alfred kam nach der Schreib- und Ausdrucksweise 
seines bei der Haussuchung gefundenen Inseratentwurfes 
nicht in Betracht Else 0. war zwar zweifellos Mitwisserin 
der Landpomeranzengeschichte, wahrscheinlich auch des 
Kampfes um B. ; der Beginn der anonymen Briefschreiberei 
im Hause Eugen 0. reichte aber in ihre frühe Mädchen- 
zeit zurück und die Abfassung auch der Briefe vom Jahre 
1S89 ab war für ein in einer Landstadt aufgewachsenes 
Mädchen zu gewandt und berechnet und zu sehr dem auch 
sonst betätigten Charakter ihrer Mutter entsprechend; auch 
erklärten die Sachverständigen bestimmt, daß ihre Hand- 
schrift mit der der anonymen Briefe nicht übereinstimme. 

V. 

Im Juli 1904 klagte die Staatsanwaltschaft Frau Eugen 
0. der verleumderischen Beleidigung des Fabrikanten B 
und seiner Ehefrau Lydia im Sinne des § 187 des StG.B. 
an, begangen durch den Brief vom 25. September 1899 
an den Fabrikanten B., in dem die damalige Lydia 0. 
eines verrufenen Lebenswandels und des Diebstahls be- 
zichtigt wird, ferner durch den Brief vom 9. Dezember 1899 
an die Schwester des Fabrikanten B., in dem der Bezieht 
des verworfenen Lebenswandels wiederholt und dem Fabri- 
kanten B. selbst der Vorwurf vorehelichen, von Folgen be- 
gleiteten Geschlechtsverkehrs mit seiner Braut gemacht 
wird, endlich durch den Brief vom 20. Dezember 1899 
an Imanuel 0., in dem wieder von Lydias Schlechtigkeit 
die Rede ist Wegen dieser drei Briefe war im Früh- 
jahr 1900 rechtzeitig Strafantrag gestellt worden. 

So stand Frau Eugen 0. im Oktober 1904 als An- 
geklagte vor der Strafkammer des Landgerichts zu T., 
wo ihr Vater einst den Vorsitz geführt hatte. Sie erschien 


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Anonyme Briefe. 


263 


kalt und unbewegt; mit voller Schärfe folgte sie der Ver- 
handlung, die den ganzen Tag ausfüllte; nicht das kleinste 
Moment, daß sie zu ihren Gunsten verwerten zu können 
glaubte, ließ sie unbetont und auch das Gericht konnte 
den eisernen Nerven dieser merkwürdigen Frau seine An- 
erkennung nicht versagen. 

Sie bestritt entschieden, je einen anonymen Brief ge- 
schrieben zu haben. Trotz dem gespannten Verhältnis 
zwischen ihrer Familie und der Familie Emil 0. habe sie 
und ihr verstorbener Ehemann nach Emil O.’s Tode dessen 
Familie in uneigennützigster Weise unterstützt, während 
diese „Unterstützung“ nur in dem Versuch bestanden hatte, 
das Konkurrenzgeschäft zur Filiale herabzudrücken. 

Die Angeklagte bestritt, daß ihre Tochte Else den 
Fabrikanten B. gerne geheiratet hätte, im Gegenteil habe 
man die Verlobung der Lydia 0. als Versorgung der 
Familie Emil 0. begrüßt Sie habe zwar von Liebeleien 
der Lydia 0. gehört, ebenso von dem Diebstahl des Geld- 
stücks im Laden, sie habe aber nichts Näheres gehört und 
könne überhaupt von einem leichtsinnigen Lebenswandel 
der Lydia 0. nichts sagen. Daß der Fabrikant B. die 
Lydia 0. heiraten müsse, habe ihr Frau K. gesagt, — 
was diese jedoch unter Eid verneinte. Sie habe von den 
anonymen Briefen Kenntnis erhalten, als sie ihr von Her- 
mann und Imanuel 0. vorgelesen worden seien. Schon 
Jahre zuvor sei es einer ihrer Töchter mit anonymen Briefen 
ähnlich gemacht worden wie der Lydia 0. Die späteren 
Briefe seien vollends nicht von ihr, denn da sei doch über 
sie geschimpft: sie habe den Gedanken gehabt daß diese 
Briefe von einer dem B. befreundeten Familie herrührten. 
Sie selbst und ihr Schwiegersohn Pr. hätten ja ebenfalls 
anonyme Briefe bekommen. 

Die geladenen N.’er Zeugen bekundeten, daß der Ruf 
der Lydia 0. tadellos war, daß nie ein Gerede der von 
den anonymen Briefen geschilderten Art über sie in Um- 


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264 


Weidlich. 


lauf war und Fabrikant B. und seine Frau Lydia be- 
zeugten unter Eid, daß sie vor der Ehe keinen Geschlechts- 
verkehr gehabt hatten. Das ganze, in den anonymen 
Briefen errichtete Lügengebäude stürzte zusammen. 

Die Verlesung der vielen anonymen Briefe, der Nachweis 
ihrer inneren und äußeren Zusammenhänge und schließlich 
auch all der vielen sich zusammenschließenden Indizien ließ bei 
Gericht wie Publikum die Angeklagte schon vordem Gutachten 
der Sachverständigen überführt erscheinen. Es wirkte nur 
noch als eine weitere Bestätigung dieses Eindrucks, daß 
beide Sachverständige, B. wie H., einmütig erklärten, so 
gewiß als man in menschlichen Verhältnissen überhaupt 
etwas sagen könne, sei die Angeklagte die Schreiberin der 
anonymen Briefe; das folge nicht etwa nur aus einzelnen 
Buchstabenähnlichkeiten, sondern aus den selten charakteri- 
stischen Übereinstimmungen zwischen den Buchstaben- und 
Satzkomplexen in der Handschrift der Angeklagten und 
in der der anonymen Briefe. 

Der Staatsanwalt beantragte 1 Jahr Gefängnis wegen eines 
fortgesetzten Vergehens der verleumderischen Beleidigung, 
da einer der denkbar schwersten Fälle dieser Art vorliege. 
Die Strafkammer nahm mit der üblichen Milde deutscher 
Gerichte, welche dem Verbrecher übermäßig peinlich, dem 
Verletzten oft nicht voll gerecht werden, nur einfache Be- 
leidigung durch üble Nachrede an und erkannte auf eine Ge- 
fängnisstrafe von drei Monaten wegen drei Vergehen der 
Beleidigung im Sinne der §§ 185, 186 St.G.B (einfache Be- 
leidigung und Behauptung nicht erweislich wahrer Tat- 
sachen), Tragung der Kosten des Verfahrens und Ersatz der 
notwendigen Auslagen des Nebenklägers. 

Sie erwog: Man könne die Möglichkeit nicht ganz 
ausschließen, daß der Angeklagten, deren feindselige 
Gesinnung gegen Lydia 0. in N. bekannt gewesen sei, 
vielleicht aus Liebedienerei ein Klatsch zugetragen worden 
sei, den sie in ihrer Gehässigkeit für vielleicht be- 


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Anonyme Briefe. 


265 


gründet gehalten habe könne. Wahrung berechtigter Inter- 
essen stehe ihr aber nicht zur Seite, wenn sie auch eine 
eheliche Versorgung ihrer Tochter angestrebt habe, straf- 
mindernd käme in Betracht, daß sie über das Mißlingen 
dieses Planes leidenschaftlich verbittert gewesen sei, daß 
sie wegen gleicher Vergehen noch nicht bestraft sei, daß 
die Vergehen schon nahezu verjährt seien und daß sie 
unter den schweren öffentlichen Angriffen des B. und der 
Länge der Untersuchung schon viel zu leiden gehabt habe. 

Die von der Angeklagten mit der Behauptung, daß 
sie in strafloser Wahrung berechtigter Interessen gehandelt 
habe, gegen dieses Urteil eingelegte Revision wurde ein 
Jahr später vom Reichsgericht verworfen. Mehrere von 
ihr und ihren Angehörigen eingereichte Gnadengesuche 
wurden verworfen, jedoch wurde ihr im Gnadenwege ge- 
stattet, ihre Strafe nicht in Gotteszell, sondern in der Zivil- 
festungsstrafanstalt Hohenasperg zu verbüßen. 


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ErreguDg von Aberglauben und Fnrcht als Mittel 
zor Yerbrechensyerübung. 

Von 

Staatsanwalt Dr. Adolf Beohmann in München. 

Am Landgerichte München I kamen in letzter Zeit 
zwei Fälle zur Aburteilung, die das Interesse der Allge- 
meinheit in hohem Maße erweckten und in der Tagespresse 
eine eingehende Wiedergabe fanden. 

In beiden Fällen — und das dürfte ihre gemeinsame 
Besprechung in einer Abhandlung rechtfertigen — erzielten 
die Täter einen erheblichen verbrecherischen Erfolg dadurch, 
daß sie ihr Opfer auf eine seelische Folter spannten und 
es in einem Zustand geistiger Leibeigenschaft in unerhörter 
Weise ausbeuteten. 

A. Der Fall Hieronymus Wolf. 

Die Privatierseheleute Max und Therese Sch. in 0. in 
Oberbayern erwarben im Jahre 1903 im nahegelegenen 
W. ein Ökonomieanwesen samt dem dazu gehörigen In- 
ventar und Grundbesitz durch Vermittlung des Händlers 
Hieronymus Wolf und übertrugen es ihm pachtweise gegen 
einen Jahrespachtschilling von 1000 Mark. 

Wolf zog mit seiner Familie, bestehend aus seiner Frau, 
seiner bejahrten Mutter, seinem ledigen Bruder Johann und der 
noch minderjährigen, außerehelich geborenen Tochter Fran- 
ziska seiner Schwester auf dem Gute noch im gleichen Jahre 
auf. Er bekümmerte sich jedoch gleich vom Beginn des 
Pachtverhältnisses wenig oder nichts um die Bewirtschaftung 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbrechensverübung. 267 

des Gutes von der er, nach seinem Vorleben zu schließen, 
wohl auch nichts verstanden haben wird, machte vielmehr, 
wie bisher, gelegentlich Händler- oder Vermittlergeschäfte 
und hatte daher keinen ständigen Verdienst. Da die im 
Prozeßweg erstrittene Mitgift seiner Frau verbraucht war, 
so sah er sich bald genötigt, den Pachtzins schuldig zu 
bleiben, so daß er damit rechnen mußte, vou dem Gute 
entsetzt zu werden. Er mußte daher darauf sinnen, in den 
Besitz neuer Mittel zu kommen oder in anderer Weise die 
drückende Schuld los zu werden. 

Da er keine Möglichkeit für das erstere sah, so wählte 
er den zweiten Weg. 

Es war im Frühjahr 1905, kurz vor Ostern, da be- 
gann er, von den Seinen getreulich unterstützt, in dem 
Orte W. und der nächsten Umgebung, das Gerücht aus- 
zustreuen, das Sch.’sche Anwesen sei verhext, Geister trieben 
darauf ihr Unwesen. Den erstaunten Bauern zeigte man 
das Wirken der Geister, das zunächst ein sehr handgreifliches 
war; denn es bestand vor allem darin , daß sie die Gesetze der 
Statik auf hoben und Gegenstände, die vermöge ihrer Schwer- 
kraft an sich ruhig auf ihrem Flecke stehen geblieben wären, 
durch die Luft trugen und an einem Ort niedersetzten, 
der für sie nicht bestimmt war. Auf diese Weise flogen 
Kleidungsstücke, Betten, Stühle, Haarnadeln vom ersten 
Stockwerke in das Erdgeschoß, Wasser wurde verschüttet, 
Türen geöffnet, frisch gelegte Eier fortgetragen, kurzum 
es war ein recht koboldartiges Benehmen, das da die un- 
sichtbaren Geister an den Tag legten. Da man aber auch 
Augenzeugen haben wollte, so holte man die Bauern vom 
Feld herein, wenn gerade wieder so ein Hexentanz losgegangen 
war und zeigte ihnen an Ort und Stelle, was die Geister 
angerichtet hatten. Die guten Leute hatten keinen Anlaß, 
an dem Vorhandensein dieser unsichtbaren Kräfte zu zweifeln, 
jedenfalls hatte keiner den Mut, den Wölfischen ins Gesicht 
zu sagen, daß sie in seinen Augen Schwindler seien. Diese 


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268 


Bechmann. 


hatten übrigens auch nicht unterlassen, die Geistlichkeit 
herbeizurufen und sie um die Bannung des Spuks und die 
Benediktion des Hauses zu bitten; das sah nach außen 
gut aus und gab der Sache sozusagen einen offiziellen 
Charakter. 

Als nun Wolf damit rechnen konnte, daß der Glaube 
an die Verhextheit des fraglichen Anwesens in der Be- 
völkerung von W. sich genügend festgesetzt hatte, beschloß 
er, die Eheleute Sch. aufzusuchen und sie von diesem Zu- 
stand ihres Besitztums in Kenntnis zu setzen. 

Da Max Sch. Beit Jahren gelähmt und an das Zimmer 
gefesselt war, deshalb seinen Geschäften nicht selbst nach- 
gehen konnte, so hatte er diese ganz seiner Frau über- 
tragen und ihr Generalvollmacht zum Abschluß aller nötig 
werdenden Verträge erteilt. Dieser Aufgabe war seine 
Ehefrau durchaus gewachsen, denn sie war eine nüchterne, 
ruhige, arbeitsame Frau von gutem, praktischen Verstand, 
die auf die Erhaltung und Vergrößerung des ansehnlichen 
Vermögens jederzeit bedacht war, keinen Groschen unnötig 
ausgab, ohne Not ihren Schuldnern nichts nachließ, und 
nach dem Zeugnis ihrer Verwandten keine Freundin vom 
Schenken war ; sie neigte mehr zum Geiz als zur Freigebig- 
keit; eine Luxusausgabe batte sie zeitlebens keiner machen 
sehen. Von dem guten alten Worte: „ora et labora“ batte 
ihr nur die zweite Hälfte getaugt; das Beten hatte ihr die 
wenigste Zeit in ihrem arbeitsreichen Leben gekostet. So 
kam es, daß man sie mehr in Küche und Keller, in Hof 
und Scheuer als in der Kirche und im Betstuhl gesehen hatte. 

So war die Frau beschaffen, vor die Wolf im Mai 1905 
als säumiger Pächter mit leeren Taschen hintrat. Er wußte 
wohl, was er sich von ihr zu gewärtigen hatte; auch hatte 
sie ihre Absicht, auf seine baldige Entfernung vom Gute 
zu dringen, schon offen ausgesprochen gehabt. Das ge- 
wöhnliche Mittel säumiger Mieter, Schadenersatzansprüche 
zu konstruieren und sie auf die Mietschuld aufzurechnen, 


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Erregung von Aberglauben als Mittet zur Verbrechensverübung. 269 

hatte wohl ihr gegenüber in diesem Zeitpunkt völlig ver- 
sagt Er mußte seine Sache mit Vorsicht beginnen. Er 
beschränkte sich daher bei diesem ersten Besuche darauf, 
eine eingehende Schilderung von dem Auftreten der Geister 
den Eheleuten Sch. zu geben, die er nach der Art der 
von ihnen entwickelten Tätigkeit den bösen Geistern zu- 
rechnete. Doch machte er, wenigstens auf Frau Sch., für 
diesmal mit seinem Berichte noch keinen großen Eindruck. 
Sie schüttelte zu alledem den Kopf und äußerte zu ihrer 
Schwägerin, Wolf suche offenbar das Gut in Verruf zu 
bringen, um es selbst billig erwerben zu können. 

Einige Zeit darauf kam Wolf wieder nach 0. zu Be- 
such und brachte die erfreuliche Nachricht mit, die bösen 
Geister seien nun abgezogen und hätten den guten Platz 
gemacht; zugleich entwarf er einen anschaulichen Bericht 
von ihrem vorherigen Walten. Allein auch ihrer Existenz 
gegenüber bewahrte Frau Sch. ihre skeptische Haltung. 

Da erkannte Wolf, daß eine innere Umkehr bei seiner 
verstockten Schülerin nur im Wege der eigenen Anschauung 
möglich sei und er verlegte sich darauf, sie zu einem Be- 
suche auf dem Gute zu überreden. Frau Sch. gab seiner 
Bitte nach und ging auf das Gut, nicht um dort das Reich 
der vierten Dimension kennen zu lernen, sondern um als 
Hausfrau, die das Herz auf dem rechten Fleck hat, Um- 
schau zu halten und die Ordnung auf ihrem und ihres 
Mannes Besitztum wieder herzustellen ; denn mit einer reso- 
luten Frau nimmt wohl auch ein beherzter Geist so leicht 
keinen Kampf auf. 

Der Erfolg jedoch, den dieser Besuch hatte, war ein 
außerordentlich überraschender. Bevor er jedoch näher be- 
sprochen wird, soll zunächst gezeigt werden, welcher Art 
die Geister waren, die nunmehr das Gut beherrschten. 

Während die ursprünglich aufgetretenen Geister sich 
nur durch Handlungen bemerkbar gemacht hatten, traten 
die sog. guten Geister auch redend auf, nannten ihren 


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270 


Bechmann. 


Namen ihre Herkunft, und erzählten ihre irdischen und 
nachirdischen Schicksale. Es waren Geister von Erwachsenen 
und von Kindern. Zu diesen gehörte der Geist der „Rosa“, 
eines mit 6 Jahren verstorbenen Mädchens der Frau Sch. 
und des „Josephs“, der Geist eines im frühesten Kindes- 
alter verstorbenen Knaben des Wolf. Diese beiden Engel 
gaben des öfteren auch Schriftliches von sich, was von 
ihnen übrigens sehr unklug war, da sie damit die Beweismittel 
schufen, auf Grund deren hauptsächlich die Überführung 
Wolf’s erfolgen konnte; denn die Hauptbelastungszeugin, Frau 
Sch., war bei Beginn der Untersuchung nicht mehr am Leben. 

Zu den Geistern der Erwachsenen gehörte der Haus- 
geist „Edmund“, dann der heilige Benedikt, Franziskus und 
Hieronymus, auch ein Teufel „Florl“, der bellen konnte. 
Der Geist Edmund war wegen eines bei Lebzeiten be- 
gangenen Giftmordes in die Hölle gekommen und hatte 
schon geraume Zeit seine Qualen auszustehen gehabt, so 
daß ihm baldige Erlösung in Aussicht stand. Er übernahm 
die Rolle eines Predigers, malte die Höllenqualen in den 
lebhaftesten Farben, wobei er sich des kräftigen oberbay- 
rischen oder schwäbischen Dialekts bediente, und machte 
an Frau Sch. in Zukunft Bekehrungsversuche, indem er 
ihr eindringlich vorstellte, daß es für sie die höchste Zeit 
sei , umzu kehren und einen andern Lebenswandel einzu- 
schlagen. Trotz dieser Büßerstinimung war er aber für 
den Genuß irdischer Dinge sehr empfänglich, namentlich 
für den von Schnaps; eine besondere Neigung hatte er 
für Chokolade, war aber auch zufrieden, wenn er statt der 
Naturalleistungen die entsprechenden Geldbeträge bekam. 
Die andern Geister bevorzugten mehr Eßwaren, während 
die Kinder begreiflicherweise vor allem Verlangen nach 
Spielsachen trugen. 

Natürlich traten alle Geister unsichtbar auf: auf Ge- 
spenstererscheinungen, wie sie uns als Kinder in den 
Märchen so angenehm gruseln machten, war man in dem 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbrechensverübung. 271 

Bauernhause nicht eingerichtet. Die für sie bestimmten 
Gaben brauchte man nur in ein Zimmer auf Tisch oder 
Kommode zu legen und es zu verlassen; für das Ver- 
schwindenlassen sorgten schon die Geister 

Gleich bei ihrem ersten Besuche wurde Frau Sch. 
von der ganzen Geistergesellschaft empfangen und in die 
Geheimnisse ihres überirdischen Lebens eingeführt. Hält 
man sich ihren oben geschilderten Charakter vor Augen, 
so ist es schwer zu begreifen, daß sie diesen ganzen Un- 
sinn nicht durchschaute und nicht als kräftige Geister- 
bannerin auftrat. Statt dessen scheint alles, was dereinst 
Schule und Kirche an religiösen Vorstellungen in sie ge- 
legt hatte und bei ihr lange geschlummert haben mag, mit 
einemmal wach geworden zu sein und ihre verblaßten Begriffe 
von Schuld und Strafe, Sünde, Buße und Vergebung mit 
neuem Leben erfüllt zu haben. Vielleicht war es gerade 
dieser Blick in ihr Inneres, in dem es werktäglich genug 
ausgesehen haben mochte und das nun mit neuen Vorstel- 
lungen erfüllt wurde, der ihre Urteilskraft für die äußeren Ge- 
schehnisse trübte und sie den so leicht erkennbaren Zusammen- 
hang nicht durchschauen ließ. Denn es ging mit ihr unver- 
mittelt eine völlige Wandlung vor; aus der tatkräftigen und 
lebensfrohen Frau wurde eine stille, in sich gekehrte Büßerin, 
die viel in sich hineinweinte und sich von dem Verkehr 
mit den Menschen abwandte; und dies umsomehr, als man 
ihren neuen Glauben nicht teilte und ihr Vorstellungen 
über das Schwindelhafte der angeblichen Erscheinungen 
machte; denn nun konnte man sie mit Äußerungen des 
Zweifels oder Unglaubens aufs heftigste erzürnen und er- 
reichte damit nichts weiter, als daß der Widerspruch sie 
in ihren Vorstellungen nur befestigte. 

Sie begann daher in der Folgezeit, von den Gnaden- 
mitteln der Religion (sie gehörte der katholischen Kon- 
fession an) einen ergiebigen Gebrauch zu machen und ging 
fleißig zur Kirche. Da aber die Geister weniger Gewicht 


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272 


Becbmann. 


auf diese innere Umkehr als auf die Betätigung ihrer Büß- 
fertigkeit durch gute Werke Wert legten, so war sie zu- 
gleich auch aufs eifrigste bestrebt, deren Willen und Ge- 
heiß pünktlich zu erfüllen und nach außen zu zeigen, wie 
ernst es ihr um ihr Seelenheil zu tun war. Auch hier 
schlug ihr Charakter völlig um ; denn war sie, wie erwähnt» 
früher sparsam und kleinlich, so wurde sie jetzt freigebig, 
ja verschwenderisch. Sie konnte sich im Einkäufen nicht 
genug tun ; ihre Schwägerin war einmal dabei, als sie für 
einen Besuch Einkäufe machte und dabei für Spielsachen 
wie Dampfmaschinen, Puppen, für Porzellanfiguren, Hei- 
ligenstatuen, Chokolade, Himbeersaft und dergl. an die zwei- 
hundert Mark ausgab. Als sie ihr wegen dieser übertriebenen 
Aufwendungen Vorstellungen machte, wurde sie aufgebracht 
und erwiderte ihr, das gehöre alles für den Himmel, die 
Heiligen wollten es so und ließ sich in ihrem Vorhaben 
nicht irre machen. 

Die Wiederholung der Besuche hatte nicht etwa eine 
absch wachende Wirkung, führten vielmehr die so schlimm 
getäuschte Frau nur noch tiefer in ihre Seelenpein hinein. 
So berichtet ihre Schwester, die sie einmal nach einem 
solchen Besuche vom Bahnhof abgeholt hatte, sie sei damals 
hochgradig erregt gewesen, habe ihre Tränen nicht zurück- 
halten können und habe zu ihr geäußert, sie wisse gar 
nicht, was man da alles sehe, wie schön es im Himmel 
und wie schrecklich es in der Hölle sei; die Geister hätten 
ihr befohlen, gute Werke zu tun, sonst komme sie nicht 
in den Himmel. 

Eine Augenzeugin der ihr vorgespielten Szenen war 
die Tochter der Sch.’schen Eheleute, die — sie war damals 
13 Jahre alt — von ihrer Mutter einmal auf das Gut nach 
W. mitgenommen wurde. Sie bekundet hierüber folgendes : 

Sie sei ungefähr vier Wochen vor Weihnachten 1905 
mit ihrer Mutter nach W. gefahren und dort unvermutet 
angekommen, was zunächst eine peinliche Überraschung 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbrechensverübung. 273 

bei den Mitgliedern der Familie Wolf, soweit sie anwesend 
waren, hervorgerufen habe. Das Gespräch sei bald auf 
die Geister gelenkt worden. Gegen acht Uhr abends seien 
Hieronymus Wolf mit seinem Bruder Johann nach Hause 
gekommen, habe zunächst erklärt, er müsse im Stall nach 
den Pferden schauen und sei mit seinem Bruder für längere 
Zeit verschwunden. Gegen neun Uhr hätten sie sich mit 
ihrer Mutter in ein ungeheiztes, mit einer Petroleumlampe 
nur spärlich erleuchtetes Zimmer zurückgezogen, um dort 
auf das Auftreten der Geister zu warten. Die alte Frau 
Wolf habe ihnen verboten, die Tür zu öffnen und auf den 
Gang zu schauen, da sie dort einen Geist erblicken könnten, 
was ihren sofortigen Tod zur Folge haben könnte. Die 
Zeugin fährt fort: 

„Gegen neun Uhr ertönte auf dem Gange, anscheinend 
in ziemlicher Entfernung, eine dumpfe, eigentümlich klingende 
Stimme: „Der Edmund ist da!“ Ich erschrak heftig, meine 
Mutter aber blieb ruhig. Sie rief vielmehr den Edmund 
heran und führte mit ihm ein längeres Gespräch. Unter 
anderem fragte sie ihn auch, wo der alte Cramm begraben 
liege. (Gerade um diese Zeit wurden die Eheleute Scbell- 
haas von dem oberbayrischen Schwurgericht wegen seiner 
Ermordung zum Tode verurteilt; Cramm war auf geheim- 
nisvolle Weise verschwunden, die Leichenteile sollen von 
den Eheleuten Schellhaas verbrannt worden sein). Der 
Geist Edmund erwiderte: ..Der liegt im Krantacker“. Nach 
einiger Zeit erklärte er jedoch, das sei nicht wahr, er wisse 
es selbst nicht genau. 

„Auf Bitten meiner Mutter holte Edmund auch die 
Geister meines verstorbenen Schwesterchens Rosa und des 
Josefele herbei; auch mit diesen Geistern sprach meine 
Mutter Verschiedenes. Ihre Stimmen waren anders als die 
des Edmund, nämlich heller und feiner. Sie erzählten, wie 
es im Himmel aussähe, daß sie dort Zimmer hätten und 
wie diese eingerichtet wären. Der Geist meiner Schwester 


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274 


Bechmann. 


Rosa sagte, daß er jetzt nicht mehr in München einkaufe, da 
dort alles schlecht uiid teuer sei, sondern in Augsburg, er 
habe Geld, da alle Geister im Himmel vom lieben Gott 
jede Woche ein Taschengeld bekämen. Auf die Frage 
meiner Mutter, ob sie denn kein Geld von ihr brauche, 
erfolgte die Antwort : „Ja, wenn du willst“. Meine Mutter 
legte darauf den Betrag von 3,50 Mk. auf die Kommode, 
der am andern Morgen verschwunden war. 

„Einmal flog auch ein Vogel — ich hielt ihn für 
einen Spatzen — durch das Zimmer, flatterte dann darin 
herum und flog wieder hinaus. Der Geist meiner Schwester 
Rosa sagte dabei: „Das ist der Edmund, der hat die Ge- 
stalt eines Vogels angenommen.“ 

Die Unterhaltung mit den Geistern dauerte bis Mitter- 
nacht; dann erklärten die Geister, sie seien müde und 
müßten ins Bett gehen, da man im Himmel auch schlafen 
müsse; die Himmelsmutter ziehe sie aus. Um ein Uhr 
nachts wurden wir durch einen starken Schlag aus dem 
Schlafe aufgeschreckt und kurze Zeit darauf ertönte wieder 
eine Stimme: „Ich bins, der Edmund, ich habe die Schnaps- 
flasche heruntergeworfen, die die Wolfin hingestellt hatte, 
sie ist leer. Um sechs Uhr früh ertönte dann wieder die 
Stimme des Edmund; er forderte meine Mutter auf, ihren 
Besuch hald zu wiederholen. Sie hatte damals für die 
Geister Süßigkeiten, Chokolade, Himbeersaft und Würste 
mitgenommen und diese bei ihrer Ankunft der Mutter Wolf 
zur Übermittelung an die Geister verabfolgt.“ 

Die Geschenke, die Frau Sch. auf diese Weise der 
Familie Wolf überbrachte, berechnen sich nach den von 
ihrem Ehemann später in der Kasse entdeckten Fehlbe- 
trag auf etwa tausend Mark. 

Wie die Erzählung der Tochter Sch. erkennen läßt, 
war Frau Sch. mit den Geistern durch den monatelangen 
Verkehr so vertraut geworden und so vollständig in ihren 
Bann geraten, daß Wolf nun daran gehen konnte, einen 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbrechensverübung. 275 

Hauptseklag auszufükren und der geängstigten Frau einen 
größeren Betrag zu entlocken. 

Im Frühjahr 1906 war er mit der Bezahlung der 
Pacht für mehr als zweieinhalb Jahre im Rückstand ge- 
blieben; da er zugleich auch das Gut durch völlige Ver- 
nachlässigung stark heruntergebracht hatte, so war der 
Schaden, den er den Eheleuten Sch. zugefügt hatte, kein 
ganz geringer. Statt aber sich hierwegen zu entschuldigen 
und um weitere Nachsicht zu bitten, verstand er es, den 
Spieß herumzudrehen und sich als den Geschädigten hin- 
zustellen, da man ihm das verhexte Gut aufgehängt habe, 
auf dem von einem Vorwärtskommen keine Rede sein 
könne. Den ihm dadurch zugegangenen Schaden berechnete 
er auf 10 000 Mk. Doch war er vorsichtig genug, seine 
Entschädigungsansprüche nicht in schroffer Form zu er- 
heben, er verstand es vielmehr, seine Schadloshaltung mit 
den Bußwerken der Frau Sch. in Zusammenhang zu 
bringen, indem er ihr einredete, die Geister sähen es als 
ein gut^s Werk an , wenn sie ihm die geforderte Summe zahle. 

Frau Sch. sah dies auch bald ein und ließ sich zu 
einem größeren Opfer gern bereit finden; Schwierigkeit 
machte ihr nur die Geldbeschaffung, da sie ihre Absicht 
ihrem Manne nicht mitzuteilen wagte und Wolf ihr auch 
ihre Geheimhaltung anempfahl. Denn wenn auch der Ehe- 
mann Sch. gegen ihre fortgesetzten Besuche auf dem Gute 
nichts einzuwenden hatte und ihr Glaube von ihm respek- 
tiert wurde, so fehlte ihm doch die Autopsie mit ihrer über- 
zeugenden Wirkung: auch hatte er für sich selbst ein 
solches Opfer wohl nicht nötig, da er ja seinen mangelnden 
Kirchenbesuch dem Himmel gegenüber mit seinem körper- 
lichen Gebrechen entschuldigen konnte. 

Frau Sch. war daher in großer Bedrängnis, da es sie 
innerlich drängte, den Willen der Geister zu erfüllen und 
ihr doch der Weg hierzu verlegt schien. Diese Notlage 
teilte sie Wolf mit, der denn auch den einzig logischen 

Der Pitaval der Gegenwart. IV. 19 


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276 


Bechmaun. 


Weg einschlug und die Geister zu Rate zog. Und siehe, 
da fand in Einfalt das kindliche Gemüt der Engel „Rosa“ 
und Josefele“ das Richtige. Wozu hatte sie denn eine 
Generalvollmacht und ihr Mann eine Hypothek von 
90 000 Mk., von der man den erforderlichen Betrag im Wege 
der Abtretung dem Wolf übertragen konnte? Darauf war 
niemand verfallen, nur die beiden Engel hatten daran ge= 
dacht Und so setzte sich Hieronymus Wolf hin und schrieb 
an Frau Sch. den ganzen schönen Plan von dem „Hibo- 
dekenbrief“, den man „zitieren“ könne und daß man da 
nur nach München zum Notar gehen brauche und daß 
man das sobald wie möglich tun solle, denn die „Rosa“ 
und das „Josefele“ hätten es so gemeint; dann aber könne 
es der lieben Frau Sch. an nichts mehr fehlen und sie 
werde im Himmel dafür reichlich belohnt werden. 

Ja daran hatte die arme betörte Frau, die bisher kein 
Geheimnis vor ihren Manne gehabt hatte, freilich noch 
nicht gedacht, daß man seinen Mann auch hintergehen könne; 
nun da es die Engel empfahlen, konnte es auch keine 
Sünde sein. So ging sie denn bereitwillig auf den Vor- 
schlag ein, kam mit Wolf beim Notar in München zu- 
sammen und trat ihm den Teilbetrag von 12 000 Mk. ab, 
den dieser durch einen schon vorbereiteten Weiterverkauf 
der Forderung am nächsten Tage zu Geld machte. 

Damit waren der Opfer genug gebracht; die Geister 
waren versöhnt und traten nur noch selten auf, Frau Sch. 
kam nur noch einige Male aufs Gut. Dafür aber stellte sich 
bei ihr als Folge der überstandenen Gemütsbewegungen 
um diese Zeit (März 1906) eine hochgradige Nervosität 
ein, die sie ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen zwang. 
Nach kurzer Besserung traten im Juli Lähmungserschei- 
nungen auf, die sie bettlägerig machten; die Krankheit, 
die ursprünglich unter das große Kapitel der hysterischen 
Erscheinungen gerechnet wurde, ließ allmählich mehr und 
mehr die Symptome einer Gehirnzellenerkrankung erkennen. 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbreehensverübung. 277 

die im Oktober des gleichen Jahres den Tod der gequälten 
Frau nach sich zog. 

War sie im letzten Halbjahre ihres Lebens immer 
stiller und verschlossener geworden, so schien sie die ver- 
heimlichte Zession ganz besonders zu bedrücken; sie äußerte 
ihrer Schwiegertochter gegenüber auf dem Krankenlager 
des öfteren, sie könnte viel erzählen, sie dürfe aber nicht, 
•selbst dem Pfarrer dürfe sie’s nicht sagen. In den letzten 
Monaten vor ihrem Tode sagte sie wiederholt: „Ihr werdets 
mir schon verzeihen“, auf die Frage „was denn?“ gab sie 
jedoch keine Antwort. Man merkte ihr an, bekundet die 
Zeugin, daß etwas drückend auf ihr lag. 

Die Überführung der vier Angeklagten war eine voll- 
kommene. Die wichtigsten Beweismittel waren die im 
Nachlasse der Frau Sch. Vorgefundenen Briefe und Post- 
karten, die sie von den Angeklagten im Laufe der letzten 
Jahre erhalten hatte, vor allem der Brief, in dem Wolf 
ihr den Zessionsplan als Willen der Engel kundgab und 
im einzelnen auseinandersetzte. Viele Briefe und Post- 
karten trugen die Unterschriften der Geister oder Nach- 
schriften der „Rosa“ oder des „Josefele“, in denen sie den 
Dank für erhaltene Geschenke oder den Wunsch nach neuen 
aussprachen. 

Es waren aber auch Zeugen vorhanden, die heimlich 
die Proben für die Geistererscheinungen beobachtet hatten. 
So war einmal ein Bewohner von W. nachts an dem von 
der Familie Wolf bewohnten Hause vorbeigekommen und 
hatte mit angehört, wie Hieronymus Wolf vom Fenster 
des ersten Stockwerkes aus an eine unsichtbare Person 
Fragen stellte, z.B. ob er sein Geld auch sicher bekomme. Eine 
verstellte weibliche Stimme gab die Antworten zurück und 
bediente sich hierbei eines Sprachrohres; wenigstens schloß 
dies der Beobachter aus der eigentümlich gepreßten Klang- 
farbe der Stimme. Ein weiterer Zeuge bekundete, als er 
einmal nachts um zwölf Uhr an dem Wolfschen Hause 

19 * 


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278 


ßechm&nn. 


vorbeigekommen sei, habe er darin laute Stimmen ver- 
nommen und, um einmal der Sache auf den Grund zu 
kommen, sich behutsam an das Anwesen herangeschlichen. 
Franziska Wolf, die Nichte des H. Wolf, sei allein in der 
Küche gesessen, während sich die übrigen Glieder der 
Familie im Wohnzimmer befunden hätten. Sie habe mit 
Hieronymus Wolf ein andauerndes Zwiegespräch mit ver- 
stellter, kreischender Stimme geführt, das sich zumeist um 
Geldsachen gedreht habe. Wolf habe z. B. gerufen: „Ich 
muß jetzt mein Geld haben“, Franziska habe geantwortet: 
Da wendet dich an die Sch. . . lin, der ihr Geld ist gut, 
das können die armen Seelen brauchen, dem Andern seins 
ist so nix wert, das ist nur erwuchert“. Mit dem „Andern“ 
war der Schwiegervater des Wolf gemeint, dem gegenüber 
ebenfalls ein solcher Geisterspuk inszeniert wurde, jedoch 
mit negativem Erfolg. 

Die Angeklagten waren dreist und unklug genug, 
sowohl in der Voruntersuchung wie bei der Hauptverhand- 
lung das Vorhandensein der Geister zu behaupten und ver- 
teidigten sich damit, daß sie die sämtlichen Geschenke 
den Geistern gegeben hätten, d. h. daß diese von ihnen 
unsichtbarer Weise weggenommen worden seien. Am ärgsten 
trieb es in dieser Richtung Hieronymus Wolf. Während 
der mehrmonatigen Untersuchungshaft hatte er Zeit gehabt, 
seine Erfindungsgabe auszunützen und seine Phantasie 
spielen zu lassen; so wußte er schließlich eine Unmenge 
seltsamer Begebenheiten aus den letzten Jahren zu erzählen, 
die alle das Vorhandensein übernatürlicher Kräfte vor- 
aussetzten. Am kühnsten aber war seine Erzählung, daß 
der Hofhund plötzlich keine Augen mehr gehabt habe, 
die sich jedoch nach fünf Tagen wieder einstellten, und 
die Schilderung, wie der Geist Edmund eines schönen 
nachmittags, als er in der Stube seinen Kaffee trank, ihm 
Gesellschaft leistete und unsichtbar dabei eine Zigarre rauchte, 
wobei er nur die brennende, am Mundstück feuchte Zigarre 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbrechensverübung. 279 

in der Luft habe schweben sehen und sich mit Edmund 
ganz gemütlich unterhalten habe. 

Die vier Angeklagten wurden wegen Betrugs, der sich 
bei Hieronymus Wolf infolge seines Rückfalls als Ver- 
brechen darstellte, zu mehrjähriger Gefängnisstrafe, Hiero- 
nymus Wolf zur Zuchthausstrafe von fünf Jahren unter 
Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. 


B. Der Fall August Wölfl. 

Im Jahre 1886 machte Rechtsanwalt B. in M. zu- 
fälligerweise dadurch die Bekanntschaft eines jungen 
Burschen, namens Götz, daß er von ihm angeredet wurde, 
als er gleichzeitig mit ihm die Auslage eines Ladenfensters 
betrachtete. Da Götz in der gleichen Straße wohnte, so 
gab es sich ganz von selbst, daß sich die beiden in der 
Folgezeit des öfteren begegneten und so zueinander auf 
den Grüßfuß traten, ohne sonst ein weiteres Wort mit ein- 
ander zu wechseln. 

Das sollte sich nach mehreren Jahren, nämlich im 
Jahre 1889 ändern. Um diese Zeit trat Götz an B. mit 
der schriftlichen Bitte um eine kleine Geldunterstützung 
heran. B., der Sohn eines reich zu nennenden Baumeisters, 
fand dahinter nichts Besonderes, da derartige Gesuche an 
ihn und seine Familie häufig gestellt und nur selten ab- 
schlägig beschieden wurden; so trug er auch kein Be- 
denken, der höflich geäußerten Bitte nacbzukommen und 
Götz den gewünschten Geldbetrag zu übersenden. Welche 
Folgen diese Freundlichkeit nach sich ziehen sollte, konnte 
er damals nicht voraussehen. 

Für Götz war diese rasche Erfüllung seines Wunsches 
Anlaß, sich nunmehr seinen Geldgeber genauer zu besehen, 
und sich näher an ihn heranzumachen. Er war damals 
neunzehn Jahre alt, trotz dieses jugendlichen Alters aber 
ein grundverdorbener Bursche, der jeder ehrlichen Arbeit 


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280 


Bechmatm. 


aus dem Wege ging, dafür aber Dirnen den Zuhälter 
machte; auch war er dringend verdächtig, selbst eine männ- 
liche Dirne gemacht zu haben, wenngleich sich dies nicht 
mit voller Sicherheit hat feststellen lassen. Eine solche 
Persönlichkeit lernt bei diesem Leben wohl rascher als 
ein anderer die Schwächen seiner Mitmenschen kennen 
und besitzt für sie besonders entwickelte Instinkte. So 
mochte er bald erkannt haben, daß B. der Rechte sei, bei 
dem er etwas holen könne. 

Dieser, ein studierter Mann, Jurist und Rechtsanwalt, 
also Angehöriger eines Berufes, der rasch in die vielge- 
staltigen Erscheinungen des Lebens einführt, die Mensch- 
heit nur von ihrer streitenden Seite zeigt und den Blick 
auf die nüchterne Wirklichkeit des Daseins richtet, und 
jener ein minderjähriger Bursche, der seine Weisheit auf 
der Gasse aufgelesen und seine Menschenkenntnis den Ta- 
vernen verdankte: und dennoch Sieger über den ersteren! 
Denn daß er dies wurde, werden wir sogleich sehen. 

Es dauerte nämlich nicht lange, so wandte sich Götz 
mit einem neuen Bittgesuch an B. und, als auch dieses in 
gleicher Weise wie das erste erfüllt wurde, blieben Wieder- 
holungen nicht aus. Unversehens aber änderte er allmählich 
seine Stellung und ging aus der Haltung des demütig 
Bittenden in die des vorsichtig Fordernden über, indem er 
versteckte Andeutungen über Perversitäten B.’s machte, die 
ihm zu Ohren gekommen seien. Dieser aber, statt solche 
Anspielungen sich mit aller Entschiedenheit zu verbitten 
und Götz der Polizei zu übergeben oder ihm doch wenigstens 
die Tür zu weisen, ließ sich hierdurch unbegreiflicherweise 
einschüchtern und ward in den nächsten Jahren eine gleich- 
mäßig fließende, reichliche Geldquelle für Götz. 

Begreiflich erschiene das Verhalten B.’s dann, wenn 
an den Verdächtigungen irgend etwas gewesen wäre. Allein 
er hat alle dahin gehenden Fragen mit Entschiedenheit 
verneint und an der unbedingten Glaubwürdigkeit seiner 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbrechensverübung. 281 

unter Eid gemachten Aussage ist bei seinem ganzen Cha- 
rakter festzuhalten ; er hat sich vielmehr damals und noch 
mehr in der Folgezeit, wie weiter unten dargestellt werden 
soll, durch leere Drohungen jahrelang im Schach halten 
und sich in der unerhörtesten Weise ausbeuten lassen. 

Da an diesem Prozesse in erster Linie das Psycho- 
logische interessiert, so sei hier schon zum besseren Ver- 
ständnis des Späteren eine Darlegung des Charakters des 
B. versucht: denn nur aus ihm heraus läßt sich sein ganzes 
Verhalten erklären. 

Es gibt Menschen, denen die Gesellschaft alles ist, die 
mit ihrem ganzen Fühlen, Denken und Streben innig mit 
ihr verknüpft sind, und für die ein Leben außerhalb von 
ihr die größte Pein wäre ; sie interessieren sich daher aufs 
lebhafteste für alle Vorkommnisse und Begebenheiten des 
Tages und es ist nicht ihr geringster Ehrgeiz, eine Neuig- 
keit als Erster weiter verbreiten zu können. Sie leben 
von der Zeitung und mit der Zeitung und sind befriedigt, 
wenn sie alles Wissenswerte aus ihr entnommen haben und 
es im größeren Kreise behaglich wiedergeben können. 
Ihr Gegenstück sind die Abseitsstehenden, die Ein- 
samen, einsam nicht aus der Tiefe ihrer Seele, die sie 
den Alltag hassen läßt, sondern infolge eines mangel- 
haft entwickelten Gesellschaftssinnes und Geselligkeitstriebes; 
sie können sich in die andern nicht finden, weil es ihnen 
an dem Bedürfnisse und der Fähigkeit gebricht, sie zu 
verstehen, sich in sie hineinzuleben und zu scherzen, wenn 
sie scherzen oder mit ihnen zu lachen. Es sind die Sonder- 
linge, wie sie Meister Spitzweg so köstlich im Bilde dar- 
gestellt hat, die ihren Mitmenschen aus dem Wege gehen, 
um nur ja nicht von ihnen angesprochen zu werden. 

Solch ein Sonderling war B., nicht aus Griesgrämig- 
keit oder in Bitternis, nein, nur aus Schüchternheit, infolge 
seines befangenen Wesens, im übrigen aber ein überaus 
gutmütiger Charakter, der wohl nie jemand ein Haar £<?- 


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282 


Bechmann. 


krümmt hat Dem entspricht ein bescheidenes Auftreten, 
ein stilles Wesen und eine nahezu gänzliche Zurückge- 
zogenheit vom Verkehr mit Personen seines Standes und 
Bildungsgrades, was nur möglich war, da er seinen Beruf 
persönlich so gut wie garnicbt ausübte, dies vielmehr seinem 
Berufsgenossen, mit dem er in einem Gesellsebaftsverhält- 
nisse stand, überließ. Um so enger war sein Anschluß 
an seine Angehörigen, besonders aber an seine Mutter, an 
der er mit kindlicher Pietät zu hängen schien. Die Furcht, 
daß man ihr etwas Unrechtes über ihn zutragen und er 
dadurch in ihren Augen herabgesetzt werden könnte, war 
der hauptsächlichste Beweggrund für ihn, wenn er seinen 
Peinigern Summen über Summen in den Rachen warf, nur 
um sie zum Schweigen zu bringen. Zu diesen Eigenschaften 
kommt noch eine große Hilflosigkeit und ein Mangel 
an kritischem Vermögen; nur aus ihm läßt sich seine außer- 
ordentliche Leichtgläubigkeit erklären; denn mit welchem 
Lügengewebe er umstrickt wurde, werden wir später noch 
sehen. 

Hält man sich alles dies vor Augen, so lernt man den 
so folgenschweren Fehler, den er Götz gegenüber durch 
sein unentschlossenes Auftreten beging, verstehen; alles 
andere aber, was sich daran knüpft, war nur die Folge 
dieser bedauerlichen Unterlassung. 

Zum Beginn des Jahres 1893 trat zum erstenmale 
der damalige Friseurgehilfe August Wölfl auf den Plan. 
Er suchte B. persönlich auf, gab an, von Götz geschickt 
zu sein und bat für ihn um Geld. Es gelüstete ihn offen- 
bar damals schon, in dessen Rolle einzutreten; denn er 
suchte B. von ihm abzubringen und warnte ihn vor ihm 
als einem Schwindler. Gleichwohl nahm er für ihn die 
erbetene Geldsumme in Empfang und trat noch öfter als 
sein Bote auf ; für sich selbst verlangte er nur zweimal 
kleinere Beträge. Seine Geldbitten kleidete er einmal in 
die Worte: „Sie möchten für den Götz den und den Be- 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbrechensverübung. 283 

trag geben, sonst. . schwieg zwar auf die Frage B.’s, 
was sonst wäre, ließ aber damit doch durchblicken, daß 
er der Mitwisser des Götzscben Geheimnisses sei. 

Im Frühjahr 1893 wurde Götz infolge einer weit fort- 
geschrittenen Lungenerkrankung in das Krankenhaus ver- 
bracht und starb im Mai des gleichen Jahres. Die Todes- 
nachricht überbrachte Wölfl dem B. und ließ sich von ihm 
einen Geldbetrag geben, um für ihn einen Kranz auf das 
Grab zu legen. 

Nun konnte Wölfl unbehindert das Alleinerbe des ver- 
storbenen Freundes antreten; und er bedurfte dazu keiner 
Überlegungsfrist. Er trat vor B. hin und redete ihm ein, 
die Polizei suche jemand, der mit Götz in unerlaubten Be- 
ziehungen gestanden sei; daß dieser jemand nur B. sein 
könnte, war nicht allzu schwer zu erraten. Diese Nach- 
richt erweckte in B. eine solche Furcht vor einem öffent- 
lichen Skandal, daß er in der Not seines Herzens keinem 
Menschen etwas von diesen Verdächtigungen zu sagen wagte 
und das Verkehrteste tat, was er damals tun konnte, sich 
in die Wohnung des August Wölfl und seiner damals noch 
lebenden Mntter begab. 

Da war er nun an der richtigen Stelle; denn was der 
Sohn, ein plumper Geselle, nicht fertig brachte, das gelang der 
Mutter spielend. Sie wußte nämlich mit der Miene der Un- 
schuld und, als ahnte sie keinen Zusammenhang, immer 
wieder von neuen Nachforschungen und Anfragen der 
Polizei zu erzählen, daß B. die Haare zu Berge stehen 
mochten. Und als gar noch in der Münchner „Ratsch 
Kathl“ ein geheimnisvoller Artikel erschien, in dem einem 
Ungenannten seine Verfehlungen gegen § 175 des Reichs- 
strafgesetzbuches vorgehalten und ihm mit baldiger Anzeige 
gedroht wurde und die Mutter Wölfl dies auf B. zu deuten 
wußte, da kannte seine Furcht keine Grenzen mehr und 
er wagte abends, wie er selbst bekundet hat, das väter- 
liche Haus nicht mehr durch die vordere Tür zu betreten, 


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284 


Bech mann. 


um nicht abgefaßt zu werden, sondern schlich sich wie 
ein Dieb heimlich von rückwärts hinein. 

Er geriet in der Folgezeit in einen Zustand immer- 
währender oder, wie er sich ausdrückte, latenter Angst und 
infolgedessen in eine völlige Abhängigkeit von Wölfl und 
dessen Mutter, zu denen es ihn immer wieder hintrieb, ge- 
rade als sei er bei ihnen am besten vor den Nachstellungen 
der Polizei geborgen. Daß er in dieser Seelenverfassung 
ihren Wünschen um Unterstützungen, die allmählich in 
regelmäßiger Folge wiederkehrten, in jeder Beziehung zu- 
gänglich war, vermag nicht Wunder zu nehmen. Über 
die Summen, die er damals an Wölfl zahlte, hat B. keine 
Aufzeichnungen gemacht und die Schuldscheine vernichtet ; 
er schätzt sie auf etwa 10000 Mk. 

Bei dieser Sachlage hatte es Wölfl gar nicht nötig 
drohend gegen ihn aufzutreten; doch unterließ er An- 
spielungen auf die angeblichen Verfehlungen B.’s nicht 
vollständig, sondern machte gelegentlich eine Bemerkung, 
wie: „es muß doch etwas Wahres an der Sache mit dem 
Götz sein.“ 

Im Jahre 1895 heiratete Wölfl; er betrieb damals 
Friseurgeschäfte, die er von dem Gelde des B. angekauft, 
brachte es jedoch bei seiner Faulheit auf keinem zu etwas 
Rechtem. Er glaubte daher, er könne sein Glück in Amerika 
machen, das er zweimal mit seiner Frau aufsuchte; die 
Kosten der Überfahrt hatte natürlich B. bezahlt, auch hatte 
er in beiden Fällen für eine wohlgefüllte Reisekasse gesorgt. 
Da man es aber ohne Fleiß auch in der neuen Welt nicht 
zu etwas bringt, so war das Geld bald ausgegeben und 
das Pärchen jedesmal nach Umfluß weniger Monate wieder 
in München. Dort konnte es ja auch nicht fehlen, da 
B.’s Unterstützungen bisher noch nicht ausgeblieben waren. 
Wölfl ging daher dort wieder seinen Friseurgeschäften 
nach, zugleich gewöhnte er sich, wie er selbst sagt, 
ein bequemes Leben an; seine Bedürfnisse seien infolge 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbrechensverübung. 285 

der ständigen und leicht zu erlangenden Unterstützungen 
allmählich gestiegen, vor allem das Trinkbedürfnis, das hin- 
fort nur mit einem Tagesquantum von 36 Glas Bier befriedigt 
werden konnte. 

Die Summen, die B. bis zum Jahre 1900 dem Wölfl 
bebändigt hatte, betrugen etwa 100000 Mk. Da nun die 
Polizei während der letzten sieben Jahre gar nichts über den 
Komplizen des Götz herausgebracht hatte, so mußte Wölfl 
doch wohl damit rechnen, daß sie ihre Tätigkeit allmäh- 
lich einstellen und B. langsam wieder das Haupt erheben 
würde. Es schien daher an der Zeit, ein neues Gespenst 
auftauchen zu lassen und die Furcht vor der Öffentlich- 
keit in ihm aufs neue zu beleben. 

Man griff zu folgendem Mittel. Der verstorbene Götz 
hatte eine Zeitlang vor seinem Tode mit derTochter eines ehr- 
samen Landshuter Bürgers, die ihrem Vater entlaufen war 
und die Großstadtfreuden von M. kosten wollte, Namens 
Marie S., verkehrt; sie mußte daher — so schloß Wölfl 
— von seinem Verkehr mit B. Kenntnis erlangt haben. 
Nun war diese Marie S. nach dem Tode des Götz von 
ihrem Vater nach Hause geholt worden, hatte ein ordent- 
liches Leben begonnen und sich nach Amerika verheiratet, 
wo sie seitdem in glücklicher Ehe lebt Davon hatte Wölfl 
Kenntnis erhalten ; er brauchte nun nicht allzuviel Erfindungs- 
gabe aufzuwenden, wenn er dieser S. einen Wandertrieb 
andichtete, der sie des öfteren nach Deutschland zurück- 
führte und wenn er sie zugleich ihre Kenntnis von B's 
angeblichen Verfehlungen im eigenen Interesse ausnützen 
ließ. Er machte daher eines Tages B. die Mitteilung, 
die S. sei da, sie verlange von ihm Geld, da sie ihn sonst 
zur Anzeige bringen werde. Das Gute hatte ja die neue 
Erfindung, daß man eine fremde Person viel anmaßender 
und drohender auftreten lassen konnte, als Wölfl es in 
eigener Person gewagt hätte. 

So sollten denn die Plackereien für B. kein Ende 


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Bechmana. 


nehmen! Die ersten Hunderttausend waren geopfert; es 
wäre umsonst gewesen, wenn er dieser freien Amerikanerin, 
die ihn jedenfalls ganz ungeniert belasten konnte, den 
Mund nicht gestopft hätte. So überlegte er; an ihrer Existenz 
zu zweifeln, daran dachte er ja gar nicht. 

So erhielt Wölfl für die S. die erste Abfindungssumme 
gegen einen Revers ausbezahlt. So vorsichtig war zwar 
B., daß er in jeden von ihm entworfenen Revers die 
Klausel einsetzte, es sei das Letztemal, daß er Geld her- 
gebe, da er sonst Anzeige wegen Erpressung erstatten müsse. 
Aber leider hatte dies gar keine Wirkung; im Gegenteil, 
in Amerika, das ja so klein ist, schwätzte sich die Sache 
herum, und so kam sie auch noch andern Münchnern zu Ohren, 
die das Land des Goldes und der Freiheit aufgesucht 
hatten. Was Wunder, daß auch sie ihre Kenntnis von B’s 
angeblichen Lastern verwerten wollten, und daher einen 
gleichen Wandertrieb wie S. bekamen, der sie immer 
wieder in die alte Heimat führte, von der sie jedesmal mit 
Gold gefüllten Beuteln abziehen konnten. 

Und so sah sich B. binnen kurzem von einem ganzen 
Heer von Ausbeutern umgeben, die er freilich nie zu Ge- 
sicht bekam, da sie alle durch Wölfl ihre Forderungen 
teils mündlich, teils brieflich Vorbringen ließen. Sie kamen 
von Nord- und Südamerika und hatten früher die ver- 
schiedensten Berufe bekleidet ; jetzt aber waren sie sämt- 
lich Inhaber von Freudenhäusern. So wenig durchschaute 
B. den ihm vorgemachten Trug, daß er erst in der Vor- 
untersuchung Aufklärung darüber erhielt, daß keiner von 
ihnen, an die er soviel hingerückt batte, existiere. Die 
Summen aber, die er aufgewendet hatte, um sie zum 
Schweigen zu bringen, betrugen ungefähr 450000 Mk. und 
verteilten sich auf sieben vorgeschobene Personen. 

Natürlich ließen es Wölfl und seine Frau nicht daran 
fehlen, seinem Glauben an ihre Existenz immer neue Nahrung 
znzuführen. Vor allem redeten sie ihm eindringlich zu, 


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Erregung von Aberglauben als Mittel zur Verbrechensverübung. 287 

die verlangten Beträge doch herzugeben, und stellten ihm vor 
welch rücksichtslose Leute die Amerikaner wären, die ihm 
die größten Unannehmlichkeiten bereiten könnten. Von 
einem erzählte er ihm, er habe durchaus in B’s Wohnung 
gewollt und es habe ihm die größte Mühe gekostet, ihn 
davon abzubringen. Ein anderesmal begleitete er die Leute 
nach Berlin oder Hamburg oder schickte das Geld dorthin 
postlagernd, nur um sie bald wieder aus Deutschland hinaus- 
zubringen. So mußte B. dem braven Wölfl noch Dank 
für diese Hilfsbereitschaft wissen! 

Manche von den Amerikanern waren indes auch von 
freundlicherer Gesinnung und schenkten Wölfl amerikanische 
Münzen als Uhrenanhängsel oder dergl., die dieser dann 
B. als Beweismittel für ihre Existenz vorzeigte. Manche 
waren überhaupt höflich; so schrieb einer ausführlich an 
Wölfl und schilderte ihm ein schreckliches Brandunglück, 
dem sein ganzes Anwesen zum Opfer gefallen sei; daran 
knüpfte er die Bitte, er möge sich bei dem guteu Herrn 
B. für ihn verwenden und ihm einige tausend Mk. ver- 
schaffen. Diese wurden hergegeben, langten aber nicht zur 
Erbauung des Hauses, so daß neue Nachsendungen kamen. 

Bis zum Jahre 1907 hatte sich Josefine, die Ehefrau 
Wölfls, völlig im Hintergrund gehalten und getan, als wisse 
sie den Grund nicht, aus dem B. so große Summen an 
ihren Mann bezahle; jetzt nahm sie die Sache selbst in 
die Hand, da ihr Mann des öfteren auswärts weilte. Es 
muß ihr das Zeugnis ausgestellt werden, daß sie es noch 
besser als dieser verstand, die Schraube anzuziehen; ihre 
Phantasie und Beredsamkeit war eben größer als die seine ; 
auch kam ihr ihre weibliche Verstellungskunst gut zu 
statten. Als Beispiel für diese sei folgendes angeführt. 
Als ihr einmal B. ihren großen Luxus, den sie mit Schmuck, 
besonders mit Brillanten trieb, vorhielt und sich über eine 
neue Geldbitte unwillig zeigte (Wölfl bekam nämlich neben 
den für die angeblichen Amerikaner gehörigen Summen 


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Bechmann. 


für sich und seine Geschäfte von B. weitere 100000 Mk.), 
da gebärdete sich Frau Wölfl überaus unwillig und rief 
mit großer Entrüstung: „Natürlich, die Amerikaner bekommen 
alles, die brauchen nur herüber zu fahren, wenn aber wir 
einmal etwas für uns verlangen, dann sind Sie ungehalten 
und geben das Geld nur ungern her!“ Oder sie stellte 
sich B. gegenüber eifersüchtig auf ihren Mann wegen 
seiner Beziehungen zur Marie S.; so sagte sie einmal zu 
ihm, sie möchte nur wissen, was ihr Manu immer mit der 
Marie habe, aber sie werde schon noch dahinter kommen. 

Im Januar 1907 teilte sie B. mit, die S- sei da, sie 
verlange 30000 Mk.; nach einigen Unterhandlungen bekam 
sie diese Summe ausgehändigt, ebenso wie im Monat April 
20 000 Mk. für einen gewissen Gruber oder die gleiche 
Summe im darauffolgenden Monate für den früheren Kellner 
Sedlmeier. Im Juni ließ sie einen weiteren Freund des 
Götz, namens Steiner auftreten und erzählte B., er sei schwer 
krank, er möchte sich in eine ausländische Anstalt einkaufen 
und benötige hiezu 25000 Mk. Sie schilderte B. mit leb- 
haften Farben sein schlechtes Aussehen und seine Hilfe 
bedürftigkeit, bis er schließlich einfach diesen Betrag her- 
gab. Sie hatte ihm sonach in einem halben Jahre 1 00 000 Mk. 
entlockt. 

Das war das letzte, was B. zu zahlen hatte. Die 
Erlösung kam für ihn von einer Seite, an die er am 
wenigsten hätte denken können. Um diese Zeit (Juni 1907) 
weilte vorübergend ein Wiener Konzertunternehmer in M., 
der Wölfl in Wien kennen gelernt und dadurch Kenntnis 
von dem sinnlosen Aufwand, den er vor allem bei seinen 
Champagnergelagen trieb, erlangt hatte. Welches Motiv es 
war, das ihn dazu trieb, gegen Wölfl vorzugehen, sei dahin 
gestellt, jedenfalls hielt er es für geboten, die Behörden 
für ihn zu interessieren und er erstattete gegen ihn Anzeige; 
dabei verwertete er Angaben, die ihm der damalige Buch- 
halter Wölfls gesprächsweise gemacht hatte. 


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Wunder könnte dagegen nehmen, daß keiner der Leute 
mit denen Wölfl in Berührung kam und die den Luxus 
sahen, den er trieb, das Augenmerk der Polizei auf ihn 
lenkte; denn es hätte sich jeder sagen müssen, daß weder 
seine Zigarrengescbäfte noch seine zuletzt betriebene Tee- 
stube einen solchen Gewinn abwerfen konnten; es sei nur 
darauf hingewiesen, daß er zuerst Wagen und Pferde und 
dann sechs Automobile hintereinander besaß, die ihm in 
M. eine gewisse Popularität einbrachten; und nicht ohne 
Selbstbewußtsein rühmte er sich auch noch auf der Anklage- 
bank, daß er im hiesigen Volksmund der „Autogustl“ ge- 
heißen habe. 

Ebenso leicht wie das Geld gewonnen wurde, wurde 
es auch wieder ausgegeben, zum großen Teil in geradezu 
sinnloser Weise; so betrug der Aufwand Wölfls in den 
letzten Jahren, allein für Kleider und Stiefel Tausende. 
Da nichts zurückgelegt wurde, so waren die bei der Ver- 
haftung des Paares vorhandenen Wertgegenstände und 
Barbeträge nicht groß genug, um alle laufenden Schulden 
zu decken, so daß das Konkursverfahren eingeleitet werden 
mußte. 

Bei der Hauptverhandlung, die mit der Verurteilung 
Wölfls wegen fortgesetzten Verbrechens der Privat- 
urkundenfälschung und Vergehens der Erpressung 
zur zulässigen Höchststrafe von 5 Jahren Zuchthaus, 
3 000 Mk. Geldstrafe, ev. 200 Tagen Zuchthaus und Ehr- 
verlust und seiner Ehefrau wegen des letzeren Vergehens 
zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren führte, hatte B. 
geäußert, er hätte sicher selbst bald eine Anzeige erstattet, 
wenn dies nicht von anderer Seite geschehen wäre. Das 
war eine Selbsttäuschung ohne Gleichen, hervorgerufen 
durch das befreiende Gefühl, das die Durchführung des 
Verfahrens gegen seine Aussauger für ihn im Gefolge hatte. 
Wie ganz anders war dagegen sein Verhalten, als er von 
den ersten Schritten erfuhr, die gegen Wölfl unternommen 


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Bechmann. 


wurden und er sich der Gefahr gegenüber sah, sein lang 
und gut gehütetes Geheimnis gelüftet und sich vor der 
Öffentlichkeit bloßgestellt zu sehen! Es war für ihn wie 
das Erwachen aus einem langen und ängstigenden Traum, 
und er konnte sich darum nicht gleich in der Wirklichkeit 
zurechtfinden. Er hatte nämlich gelernt, sein Verhältnis 
zu Wölfl wie ein unabwendbares Los zu tragen, das ein 
unerbittliches Schicksal gerade ihm auferlegt hatte, wie es 
einen andern blind oder als Krüppel zur Welt kommen 
läßt. Dagegen kann man nicht ankämpfen, das muß als 
etwas Gegebenes ertragen werden. In dieser dumpfen 
Resignation wollte er sich auch gar keine Rechenschaft 
geben von der Größe der gebrachten Opfer und so kam 
es, daß er anfangs seine sämtlichen Aufwendungen auf 
nur 200000 Mk. schätzte, während er fand, als er im Laufe 
der Voruntersuchung seine alten Notizen zusammensuchte, 
daß sie das dreifache betragen batten. 

•Es hätte nur des Anschlusses an einen Freund bedurft, 
so wäre ihm Aufklärung zu teil geworden und er wäre 
von seiner Seelenqual befreit worden; denn jeder Einsichtige 
mußte ja sofort das ganze Lügengebäude erkennen. Er 
aber duckte den Kopf immer tiefer, je mehr Schläge er 
darauf bekam, und wurde noch einsamer und scheuer; 
denn die Furcht vor dem Unbekannten, das haben wir in 
den beiden besprochenen Fällen gesehen, ist wie ein Unkraut, 
das aufschießt und die Urteilskraft wie die gesunden Teile 
des Seelenlebens völlig überwuchern und ersticken kann. 


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Druck von J. B. Hirschfeld in Leipzig. 


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